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»Meistens halten sich meine Figuren nicht an mein Konzept«

Interview mit Lucie Flebbe

Für ihren Krimi »Der 13. Brief« erhielt Lucie Flebbe – damals noch Lucie Klassen – einen der wichtigsten deutschen Krimi- preise: den Friedrich-Glauser-Preis, und zwar für das beste Debüt. Das war im Jahr 2009. Nun ist ihr zweites Buch erschienen: »Hämatom«. Erneut schickt die Autorin ihre junge Heldin auf Mörderjagd. Diesmal ermittelt Lila Ziegler ganz auf sich selbst gestellt und auf eigene Faust im Krankenhaus.

 

Der Friedrich-Glauser-Preis für das beste Debüt – verändert das etwas beim Schreiben? Haben Sie sich dadurch beim zweiten Buch eher unter Druck gesetzt oder eher bestätigt gefühlt?

Als beste Newcomerin für den Erstlingskrimi ausgezeichnet zu werden, ist eine großartige Motivation. Gebremst wurde diese Motivation weniger durch die hohen Erwartungen als durch unseren jüngsten Sohn, der in der Zwischenzeit zur Welt gekommen ist. Deshalb hat es knapp zwei Jahre gedauert, bis mit »Hämatom« nun der nächste Lila-Krimi im Handel ist.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Geschrieben habe ich schon immer. Als Kind waren allerdings Pferdegeschichten meine Spezialität, die Vorliebe für Krimis kam erst später.

Haben Sie schon vor dem »13. Brief« Bücher oder Geschichten veröffentlicht?

Aufgrund einer Reihe merkwürdiger Zufälle wurde eine Pferdegeschichte, die ich im Alter von vierzehn Jahren geschrieben habe, bei einem spanischen Verlag veröffentlicht. Bis zur Entstehung des »13. Briefs« habe ich durch Schreibübungen ein ganzes Regal mit Texten gefüllt (die in diesem Regal übrigens gut aufgehoben sind).

Was ist beim Schreiben zuerst da: der Plot, der Mord, die Figuren, bestimmte Situationen? Oder etwas ganz anderes?

Jeder Text beginnt mit einer Idee – möglicherweise nur eine Kleinigkeit, die außer dem/der AutorIn niemanden interessiert. Im Falle meines zweiten Romans »Hämatom« war es eine Magentablette, die mich inspiriert hat.

Wo finden Sie Ihre Ideen?

Die Magentablette fand ich im Krankenhaus.

Haben Sie beim Schreiben ein fertiges Konzept im Kopf? Oder ergibt sich das erst im Prozess des Schreibens?

Ein Krimi ist im Prinzip ein Rätsel, dass der/die Autorin für die LeserInnen bastelt. Damit dieses Rätsel am Ende eine logische Lösung ergibt, ist es von Vorteil, wenn der/die Autorin einen groben Plan im Kopf hat. Auch ich versuche, möglichst schon bevor ich mit dem Schreiben beginne, einen solchen Plan im Kopf zu haben. Meistens halten sich meine Figuren allerdings nicht an mein Konzept, und meine Geschichten gehen in eine ganz andere Richtung, als ich es vorher geplant hatte.

Wann und wo schreiben Sie?

Als berufstätige Mutter ist meine Zeit … nennen wir es mal »begrenzt«. Im Augenblick schreibe ich eigentlich nie – ich wundere mich selbst, dass meine Geschichten trotzdem irgendwie aufs Papier kommen.

Privatdetektive sind inzwischen im Krimi ja eher selten geworden. Sie haben sich mit Lila Ziegler, die aus eigenem Antrieb ermittelt, und Ben Danner, der eine Detektei hat, für eine Mischform aus Amateur und Profi entschieden – warum?

Da Lila die Geschichten in Ich-Perspektive erlebt, war es wichtig für mich, dass sie als Protagonistin auf alle Fälle Amateurin ist. Das erlaubt ihr eine unvoreingenommene Sicht der Dinge – was zum Beispiel in »Hämatom« zu einigen amüsanten Betrachtungen der Arbeitswelt im Großbetrieb Krankenhaus führt.

Warum spielen Ihre Krimis ausgerechnet in Bochum? Eignet sich Bochum besser als andere Städte als Handlungsort für einen Krimi?

Ausgesucht habe ich Bochum ursprünglich, weil ich Lila ins Herz des Ruhrgebietes schicken wollte. Bei meinen Recherchen stelle ich jedes Mal wieder fest, dass Bochum tatsächlich der perfekte Handlungsort für Krimis ist. Verblüffenderweise finde ich in Bochum immer genau, was ich für meine Geschichte brauche. Mittlerweile bin ich ein richtiger Bochum-Fan geworden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Lucie Flebbe: Hämatom
Grafit 2010
Tb., 248 Seiten, 11 Euro
ISBN 978-3-89425-367-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)


»Da darf man beim Erzählen nicht lang fackeln«

Interview mit Max Bronski

Seit 2006 erscheinen im Münchner Antje Kunstmann Verlag die Krimis von Max Bronski. Wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Jeder Kontakt zum Autor geht ausschließlich über den Verlag, der nicht das winzigste Bisschen Information herausgibt. Anfang März erschien der vierte Krimi von Max Bronski mit dem schlagkräftigen Trödelhändler Wilhelm Gossec. Per E-Mail ließ sich der Autor folgende Antworten entlocken.

 

»Nackige Engel« ist Ihr vierter Krimi, der wie die anderen in München spielt und nur dort spielen kann. Was fasziniert Sie so an München?

Also, dass München mich faszinieren würde, davon kann überhaupt keine Rede sein. Ich arbeite mich an dieser Stadt ab, ich bin ihr in tiefer Hass-Liebe verbunden, wie normalerweise nur der Wiener seiner Stadt. In jedem meiner Romane lässt sich Gossec zu richtigen Tiraden über München hinreißen. Würde ich als Bronski sofort unterschreiben. In den »Nackigen Engeln« heißt es dazu: »Du darfst dir München nicht als bloßen Ort denken, sondern als geistige Verfassung.« Eine geistige Verfassung, in der sich das Träumerische fortwährend mit dem Realen vermischt. Du kannst in München die Akropolis nachbauen. Du kannst Kanäle durch die Stadt brechen, bloß weil du von Nymphenburg nach Schleißheim fahren möchtest, mit dem Boot natürlich. Und mögen täte man noch viel, viel mehr. Dieses »viel mehr« schafft einen permanenten Überdruck, der München unter einem ständig geschwollenen Hirn leiden lässt. Dieses geschwollene Hirn ist auch noch eingesperrt in eine provinziell enge Kalotte des bayrischen Umlands. Nun ist es nicht so, dass jeder Wahnsinn diesem Schwollschädel entspringen würde, aber wenn er erst mal in der Welt ist, dann findet er in München das richtige Reizklima, um auch gedeihen zu können. So, das ist München.

Wilhelm Gossec ist die münchnerische Variante des Anti-Helden im Krimigenre: Schläge austeilend und einsteckend, mit hohem moralischem Anspruch, unbedingt und unbestechlich nach Gerechtigkeit strebend. Warum passt der so gut nach München?

Überhaupt keine Frage: Gossec ist ein Anti-Held. Und damit, finde ich, passt er nicht nur gut, sondern geradezu prototypisch nach München. Warum? Also erst mal hat es bei uns schon immer ungeschlachtete Kraftkerle zuhauf gegeben. Ich denke jetzt mal an einen wie Oskar Maria Graf. Dazu kommt eine Münchner Grundmentalität, die für Anti-Helden, wie ich finde, unerlässlich ist. Dass sie zwar viel wollen, aber verdammt wenig auf die Reihe kriegen. Bei uns geht es ja gut katholisch zu. Das heißt: Hauptsache deine Absichten sind edel und gut; bei den Taten, na ja, Schwamm drüber. In die Hosen geht schneller mal was. Man ist ja nicht nur Held, sondern eben auch Mensch.

Anders als Philip Marlowe, mit dem Ihr Trödler mitunter verglichen wird, kommt Gossec nicht ohne Freunde und Helfer aus. Funktioniert die Figur des einsamen Suchers, der die Last der Welt auf seinen Schultern trägt und seinen Kummer in Whiskey respektive Weißbier ertränkt, überhaupt noch?

Gossec und Philip Marlowe, das ist ja wirklich gut gemeint und als großes Kompliment gedacht, aber das passt eigentlich überhaupt nicht. Philip Marlowe hat mit Gossec so viel gemeinsam wie John Wayne mit Django. Meine Präferenzen sind vollkommen klar: Ich mag Italowestern. Für meine Krimis heißt das, dass sie Geschichten sein wollen, die gerade noch ernst sind, bevor das Genre in die Parodie abkippt. Und deswegen darf man da beim Erzählen nicht lange fackeln. Das muss hochtourig durchgehen mit voll gezogenem Choke bis zum Anschlag eben. Allerdings gibt diese Erzählweise mir spezielle Möglichkeiten, die schaumig gequirlte »Gutmenschen-Krimis« einfach nie haben werden. Am liebsten wäre mir dafür die Bezeichnung schwarze Ironie. Du brauchst beim Lesen kein Taschentuch, weil du bittere Tränen über die Schlechtigkeit der Welt vergießen müsstest, nein, bei meinen Büchern kannst du, hoffe ich jedenfalls, drüber lachen.

Wird es weitere Krimis mit Gossec geben? Das Ende lässt ja mindestens zwei Schlüsse zu.

Richtig, »Nackige Engel«, das ist der vierte Gossec-Krimi, insofern ist die Tetralogie jetzt abgeschlossen. Die Klammer, die diese vier Bücher zusammenhält, ist übrigens eine ganz, ganz schlichte. Es geht um die vier Jahreszeiten in München: Begonnen hat es mit dem Sommer im »Sister Sox«, dann kam der Herbst in »München Blues«, »Schampanninger« spielt im Winter, und der vierte widmet sich jetzt naturgemäß dem Frühling. Die Frage jetzt, ob es weitergeht und wie es weitergeht, die ist für mich zur Zeit noch vollkommen offen. Ich hab mich da noch überhaupt nicht entschieden.

Sie haben eine Weile Theologie studiert. Hat das Einfluss auf Gossecs Verständnis von Gerechtigkeit, Schuld und Sühne? Was heißt für Sie überhaupt Verbrechen? Gibt es für Sie eine treffende Definition von Gut und von Böse?

Erst mal schön, dass man meinen Büchern die theologische Schulung auch anmerkt. Trotzdem, Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die halte ich für meine Romane doch deutlich zu hoch gegriffen. Wenn ich allerdings nach einer treffenden Definition für Gut und Böse gefragt werde, fällt mir sofort »Die fromme Helene« von Wilhelm Busch ein. Dort heißt es: »Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.« Gossecs Problem ist damit scharf umrissen. Ein wirklich Guter wäre er nur dann, wenn er es endlich einmal lassen könnte. Einfach dasitzen, Hände in den Schoß und Ruhe. Stattdessen versucht er das Gute auch noch zu tun; gut zu handeln. Damit verstrickt er sich erst, weil ihm Situationen aufgezwungen werden, in denen er das eine, das Gute, vom anderen, dem Bösen, nicht mehr unterscheiden kann. Wenn man das jetzt weiterdenkt, dann kommt man vielleicht doch noch auf die ganz großen Fragen. Allerdings, der Mensch Gossec, der schafft es leider nie.

Wie gehen Sie beim Schreiben vor: Planen Sie alles voraus? Wissen Sie von Anfang an, wie es ausgeht? Oder ergibt sich das erst während des Schreibens? Und warum überhaupt Krimis?

Maj Sjöwall, die schwedische Autorin, die hat mal gesagt, dass ein Krimi auf zwanglose Weise von Problemen in der Gesellschaft erzählt. Beim Krimi kommt jetzt noch der segensreiche Nebeneffekt dazu, dass es sich bei ihm wesentlich um ein Trivialgenre handelt, in dem solche Absichten nicht zu hoch gehängt werden müssen. Das finde ich sehr angenehm. Wie gehe ich nun beim Schreiben vor? Ein genauer Plan existiert definitiv, am Anfang zumindest. So ein Plan besteht bei mir in aller Regel aus einem Plot, einem Handlungsrahmen, vor allem aber der Atmosphäre, die ich mir für meinen Roman vorstelle. Dann aber, wenn ich begonnen habe zu schreiben, kommt eine Sache ins Spiel, die renommierte Kollegen ja oft genug beschrieben haben: Dass nämlich die eigenen Figuren auf eine ganz seltsame Art und Weise zunehmend selbstständiger zu agieren beginnen. Und derjenige, der so zu agieren beginnt, ist bei mir Gossec. Gossec war die Leitfigur und, wenn man so will, die Ausgangsidee; sonst hätte ich nie einen Krimi geschrieben. Und Gossec hat jetzt schon viele Pläne durchkreuzt, die ich für ihn ausgeheckt habe. Man schreibt ihn in eine Stelle, dieser bockige Mensch steht davor und gibt ganz klar zu erkennen: Mache ich nicht, kannst du komplett vergessen. Na ja, und dann lässt man ihn eben alleine weitermachen. Den ersten Krimi habe ich in wenigen Wochen runter geschrieben. Eine so sturzbachartige Produktion, das war für mich eine vollkommen neue Erfahrung. Von Mal zu Mal wurde es dann aufwendiger. Das kann man sich vorstellen, wie in »Dinner for One«. Das erste Mal lässt du Freddie einfach über den Tigerkopf stolpern. Wenn er ihn aber das vierte Mal ansteuert, dann musst du dir echt ein bisschen mehr einfallen lassen. Das wird wesentlich aufwendiger dann und das kostet natürlich auch deutlich mehr Zeit.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Max Bronski: Nackige Engel
Antje Kunstmann Verlag 2010
geb., 208 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-88897-644-5
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Besprechung ist zuerst erschienen im Titel-Magazin


»Was mir wahnsinnig gegen den Strich geht …«

Der Realität eine Chance – auch in Kriminalromanen

Aus vielerlei Gründen ist es gar nicht so einfach, einen Menschen umzubringen. In Krimis ist dies zwar das tägliche Geschäft. Aber Krimis sind ja auch Fiktion, ihre Figuren und deren Motivationen weitgehend frei erfunden. Doch auch in den Punkten, in denen Krimis versuchen, sich der Wirklichkeit anzunähern, herrscht oft große Fabulierlust: Menschen werden in Sekunden- schnelle erwürgt, Staats- anwälte oder gar Polizeichefs stellen Haft- befehle aus, Gerichts- mediziner können allein durch Handauflegen den Zeitpunkt des Todes auf zwei Stunden eingrenzen.

Das Handbuch von Krimiautorin Christine Lehmann und Fahnder Manfred Büttner räumt auf mit diesen und vielen weiteren Schnitzern und groben Verfälschungen. Ebenso kompetent und fundiert wie witzig und frech klären die beiden auf: Welche Wunden schlagen welche Mordwerkzeuge, wie wird tatsächlich ermittelt, was passiert bei der Obduktion. Diese und viele weitere Fragen beantwortet das künftige Kompendium von Krimiautorinnen und -autoren. Ein besonderes Bonbon – wenn man so will – ist die Übersicht über tödliche Gifte und ihre Wirkungen. (Wenn Sie hier klicken, kommen Sie zur Besprechung des Buches.)

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Sachbuch zu schreiben?

Lehmann: Wir beide gucken gerne Krimis im Fernsehen, lesen gerne Krimis, und vor allem bei Fernsehkrimis fallen Fehler auf – also, wenn man zum Beispiel eine schöne Leiche sieht und dann erfährt, dass die drei Wochen im Wasser gelegen haben soll. Das kann einfach nicht sein. Die sieht dann nicht gut aus. Es gibt immer wieder Kleinigkeiten in Krimis, die nicht so laufen, wie sie eigentlich in der Wirklichkeit laufen würden. Irgendwann war mir das zu viel. Da habe ich gedacht, wir müssen da mal was schreiben. Deshalb hab ich Manfred Büttner gefragt, der mich seit Jahren berät. Und der war sofort Feuer und Flamme.

Büttner: Auch aus Ermittlersicht läuft da einiges schief. Obwohl – logisch, das wissen wir auch und das kommt im Buch hoffentlich hinreichend rüber: dass es ist nicht darum geht, dass die Wirklichkeit eins zu eins abgebildet wird. Aber wenn dann Sachen da sind, die so überhaupt gar nicht passen, dann stört’s einen gelegentlich doch. Deswegen bin ich auch gern mit eingestiegen.

Können Sie heute noch Krimis lesen oder sehen, ohne dabei nervös und kribbelig zu werden, weil Sie denken, das geht doch so nicht?

Lehmann: Ja, mir geht das so. Wenn zum Beispiel zum hundertsten Mal der Chef der Polizei einen Durchsuchungsbeschluss ausstellt. Wobei es nicht nur so ist, dass das in Krimis verkehrt läuft, das läuft oft auch in Nachrichtensendungen verkehrt. Also, wenn der Staatsanwalt einen Haftbefehl ausstellt, das geht halt einfach nicht. Uns lag am Herzen zu sagen, dass unser Rechtsstaat immer noch ein Rechtsstaat ist und nach bestimmten Regeln funktioniert. Das ist auch wichtig.

Büttner: Manche Sachen sind einfach von der Begrifflichkeit her falsch. Im Moment hat sich in der Nachrichtensprache zum Beispiel das Wort »Razzia« statt »Durchsuchung« durchgesetzt. Aber unter einer Razzia versteht man was Besonderes nach dem Polizeirecht. Razzien in dieser Form gibt es in Deutschland einfach nicht. Und das aus gutem Grund. Wenn solche Begriffe unterschiedlich oder einfach auch falsch verwendet werden, stolpert man halt drüber. Aber es ist auch so, dass mich in Krimis manches nicht stört, weil die halt weit ab von der Realität sind, da gehört das dann einfach dazu.

Lehmann: Was mir wahnsinnig gegen den Strich geht, ist die Art und Weise, wie die Polizei in Krimis mit Zeugen und Tatverdächtigen umgeht. Viele Krimis funktionieren ja so, dass die Ermittler irgendwann anfangen, einen, der eigentlich als Zeuge geladen ist und ganz harmlos dasitzt, ohne Vorwarnung zu überführen. Sie schreien ihn an, sie setzen ihn unter Druck, sie bedrohen ihn, sie tricksen ihn sogar aus. Und er hat keine Chance, und denkt auch gar nicht daran, dass er einen Anwalt dazu holen kann. Das stört mich sehr, denn so entsteht der Eindruck bei einem Normalbürger wie mir, dass, wenn ich als Zeugin womöglich mal in Verdacht gerate, mir so etwas auch passieren kann. Dass ich kaum Rechte habe. Ich bin mal an der DDR-Grenze sechs Stunden lang verhört worden. Ich weiß, wie das ist und wie sich das anfühlt. Ich möchte nicht glauben, dass so etwas bei unserer Polizei auch möglich ist und dass ich wirklich Angst haben muss.

Es fragt sich ja auch, wie weit Fiktion nicht wieder auf die Realität abfärbt.

Büttner: Das ist gar nicht so weit hergeholt. Es gibt den Erfahrungswert, dass man in Situationen, die man nicht oft erlebt, auf Vorbilder zurückgreift. Da muss man sich halt irgendwie verhalten. Ich erinnere mich an eine Schutzpolizistin, die im Streifendienst tätig war und dann mal jemanden festnehmen musste. Etwas, das aus dem normalen Streifenalltag herausgefallen ist. Der Festgenommene hat beharrt: »Ich habe doch das Recht auf einen Anruf.« Und die Polizistin – vielleicht hat sie da bei der Ausbildung auch nicht richtig aufgepasst -, die hat auch gedacht, na, so müsste es wohl sein. Es ist völlig klar, woher sie das hat: aus den typischen amerikanischen oder angelsächsischen Krimis. Krimis können durchaus eine Lehrfunktion Richtung Polizei haben.

Lehmann: Auch Polizisten lesen Krimis.

Büttner: Aber es ist schon so, dass, wenn es sich um entsprechend dramatische Sachen handelt – Kapitaldelikte in irgendeiner Form -, dann sind überwiegend erfahrene Fachleute dabei, weil das sehr, sehr institutionalisiert abläuft. Da kommt es nicht vor, dass jemand vernommen wird und der Anwalt sitzt nicht dabei. Das gibt es einfach nicht. Das ist nur im Fernsehkrimi so, dass einer alleine einen Zeugen befragt.

Lehmann: Was mich sehr beschäftigt, ist der Profiler, weil der heute in unsere Krimis Einzug hält. Deswegen ist mein Kapitel über den Profiler, der eigentlich ein Fallanalytiker ist, relativ lang geraten, weil mir klar geworden ist, dass alle Profiler, die in deutschen Krimis vorkommen, vollkommen falsch dargestellt sind. In zwei, drei Jahren mag das gar keine Rolle mehr spielen, aber jetzt ist das völlig daneben. Die werden als Psychologen mit genialer Intuition dargestellt, aber es sind in Wirklichkeit Polizisten, die mit Statistiken arbeiten. Und auch das wiederum in einer sehr streng formalisierten Art und Weise. Das ist meines Erachtens in Krimis bisher noch gar nicht dargestellt worden. Wird auch in amerikanischen Krimis nicht dargestellt. Der Profiler ist derzeit diese neu aufkommende Figur, die wieder den genialen Detektiv zurückbringt, einer, der sich auf seine Spürnase verlässt, der sich in den Täter hineinversetzt, dessen Gefühle nachvollzieht und dann praktisch dessen Verbrechen begeht. Also der alte Father Brown. Das ist in der Realität überhaupt nicht so. Und trotzdem ist die Arbeit der Fallanalytiker sehr, sehr spannend.

Solche Dinge richtig zu stellen, ist auch ein Anliegen Ihres Handbuches. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Lehmann: Nun, ich hatte Zeit – Zeit ist auch immer eine wichtige Voraussetzung – und dachte, jetzt ist der Punkt gekommen, um das in Angriff zu nehmen. Darum habe ich mich mit Manfred Büttner beraten, wie wir das machen könnten. Man recherchiert ja immer, wenn man einen Krimi schreibt, und ich hab mich schon in so viele Gebiete eingelesen und mir selbst Wissen angeeignet, dass ich das nun anderen leichter machen wollte. Damit Autorinnen nicht bei null anfangen, sondern die Basics schon zusammengetragen sind. Wenn sie dann etwas Besonderes suchen, sollen sie selbst recherchieren. Die Recherche an sich wollen wir ja niemandem abnehmen. Es fehlt auch bestimmt einiges. Aber es ist schon eine Menge zusammengekommen.

Büttner: Wir haben uns thematisch einfach aufgeteilt. Ich habe eher die polizeiinternen Geschichten gemacht, also das, was man unter Fachleuten das Strafprozessuale nennt: die staatsanwaltschaftliche Tätigkeit, die gerichtliche Tätigkeit, was machen Ermittler, wie sieht es dann vor Ort aus, wie geht man miteinander um und so. Wenn so etwas zumindest ansatzweise im Krimi auftaucht, dann ist das schon näher an der Realität.

Lehmann: Abgesehen davon macht es die Krimis auch schöner. Denn manchmal steckt in der Polizeiarbeit selbst oder in einem Ermittlungsansatz schon eine Geschichte. Wenn man das weglässt, hat man die Geschichte gar nicht. Oder man hat in den Hierarchien der Polizei bereits ein Drama, das man für einen Krimi verwenden kann. Also ich finde, dass in der Realität oft Geschichten stecken, die wir nicht entdecken, wenn wir nur phantasieren.

Herr Büttner, Sie kommen eher von der Wirtschaftsseite, oder? Was machen Sie genau?

Büttner: Ich bin von Haus aus Steuerfahnder und habe seit einigen Jahren sowohl an der Hochschule für Finanzen als auch an der Hochschule der Polizei Lehraufträge, sodass ich auch im Fortbildungsbereich tätig bin. Auf diese Weise habe ich recht vielfältige Berührung mit der Polizeiausbildung. Aber mein eigentlicher Schwerpunkt sind Wirtschaftsstrafsachen.

Sie beide kennen sich schon lange …

Lehmann: Wir kennen uns seit zwanzig Jahren, ja.

Aber das Handbuch ist Ihre erste Zusammenarbeit – also zumindest in dieser Form.

Lehmann: Wie schon gesagt: Manfred berät mich seit Jahren, seine Informationen sind immer wieder in meine Krimis eingeflossen, nur dass ich sie halt sonst selbst in die Maschine getippt habe. Aber das Handbuch ist tatsächlich das erste Buch, das wir gemeinsam geschrieben haben

Frau Lehmann, Sie schreiben nicht nur Krimis, sondern sind auch journalistisch tätig.

Lehmann: Ja, ich bin beim SWR Nachrichtenredakteurin und Politikredakteurin.

Hat das Einfluss auf Ihre Krimis?

Lehmann: Gar nicht! Natürlich gibt es da die spektakulären Fälle, dass ein totes Kind in einem Blumentopf gefunden wird oder dass ein Mann seine Frau und seine Kinder erschießt, oder eine Mutter bringt ihre Kinder um. Diese Sachen kommen mir natürlich auf den Schreibtisch, und man meldet das dann als Nachricht. Aber ich habe noch keinen Krimi geschrieben, in dem so etwas eine Rolle gespielt hätte, und zwar deswegen, weil der Krimi etwas anderes ist. Normalerweise ist ein Verbrechen relativ schnell aufgeklärt mit den Mitteln, die man heute hat. Die echte Kriminalität ist ja meist rechtbanal. Der Krimi aber erzählt ein menschliches Drama. Und er macht es kompliziert, auch die Aufklärung. Da weiß man halt nicht sofort, wer’s war – zumindest in meinen Krimis, aber es gibt natürlich auch andere Formen. Aber deswegen spielen die realen Fälle in meinen Krimis kaum eine Rolle.

Gut, die realen Fälle nicht, aber doch der soziale Hintergrund von Fällen oder Themen, oder?

Lehmann: Ja, aber das wüsste ich auch, wenn ich ganz normal fernsehen würde. Dazu muss man nicht Nachrichtenredakteurin sein, denke ich. Vielleicht muss man Journalistin sein, um zu recherchieren. Da spielt es sicherlich eine Rolle, aber die Nachrichten selbst haben keine große Bedeutung für meine Krimis.

Herr Büttner, Sie haben ein Fachbuch geschrieben über – äh, Vermögensabschöpfung, nicht wahr? Aber bislang nichts Belletristisches?

Büttner: Nein, nein. In der Belletristik habe ich bisher nichts veröffentlicht. Aber halt das Fachbuch zum Thema Vermögensabschöpfungen von illegal erworbenen Vermögenswerten. Da geht es letztlich darum, dass man Straftätern das, was sie aus einer strafbaren Handlung bezogen haben, wieder wegnimmt. In den Vorlesungsmanuskripten bemühe ich mich vielleicht, der Belletristik etwas näher zu kommen, suche nach anschaulichen Beispielen, um mich verständlicher auszudrücken. Als wir das Handbuch geschrieben haben, da war es aber schon so, dass ich mich immer am Riemen reißen musste, um nicht zu fachbuchig zu werden. Christine Lehmann hat mich dann immer wieder auf den Weg gebracht, hat gemahnt, das muss verständlicher werden oder darf nicht so juristisch klingen.

Lehmann: Es kam uns in diesem Buch auch darauf an, dass wir niemandem nahelegen, wie man Verbrechen begeht. Das geht mir übrigens bei jedem Krimi so, in dem ich eine Mordmethode schildere, die für jeden nachvollziehbar ist. Ich mach das dann immer so, dass irgendein Element nicht stimmt, sodass man es nicht so leicht imitieren kann. Das ist natürlich ebenfalls in diesem Handbuch so. Wir stellen ja auch verschiedene Gifte vor. Aber es ist schon so, dass man mit Gift nicht so leicht morden kann, und auf die Mengenangaben, die wir gemacht haben, würde ich mich nicht verlassen. Da habe ich eher zu tief gegriffen.

Werden Sie nicht schief angeguckt, wenn Sie zum Beispiel einen Arzt fragen, ob ein Medikament in größerer Dosis tödlich wirken kann?

Lehmann: Ich hab mehrere Ärzte gefragt und festgestellt, dass die sich nicht mit dem Morden beschäftigen möchten. Wenn die einen nicht kennen, werden sie schon mal misstrauisch, was man denn vorhat. Das lasse ich jetzt auch. Es gibt ja genügend andere Möglichkeiten, sich zu informieren. Ich habe auch mal einen ADAC-Menschen gefragt, wie man denn Bremsen beschädigt. Das war dem ganz unangenehm. Der war kurz davor, die Polizei zu rufen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Christine Lehmann & Manfred Büttner: Von Arsen bis Zielfahndung
Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
Ariadne im Argument Verlag 2009
kart., 250 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-88619-720-0

Eine leicht gekürzte Fassung dieses Interviews ist bereits im Titel-Magazin erschienen.