Archiv für den Monat: November 2009

Vom Sockel geschubst

Für einen entsakralisierten Umgang mit Literatur

Shakespeare, Balzac, Musil: Weltliteratur, hohes Bildungsgut: geschätzt, verehrt – und nicht gelesen. Die meisten Menschen machen einen Bogen um die Bücher, die zum Bildungskanon zählen, zentnerschwer scheint die Last, die auf einen niederzugehen droht, sobald man sie aufschlägt. Von Langeweile ganz zu schweigen.

Umso notwendiger und erfrischender die Herangehensweise des französischen Literaturprofessors und Psychoanalytikers Pierre Bayard, der für einen lebendigen und kreativen Umgang mit Literatur plädiert. Zwei Bücher von ihm sind bislang auf Deutsch erschienen: »Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat« (im Original: »Comment parler des livres que l’on n’a pas lus?«) und »Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes« (»L’affaire du chien des Baskervilles«).

»Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat«

Dies ist kein Ratgeber für Poser, die mit nichtvorhandener Bildung glänzen wollen. Bayard gibt keine Ratschläge zum Quer- oder Nichtlesen, die einem das Lesen ersparen. Im Gegenteil: Dieser äußerst charmante Essay möchte zum Lesen animieren. Er ist eine Ermutigung, den lähmenden Respekt vor Literatur, gerade vor der sogenannten Hochliteratur abzustreifen, um einen persönlichen Zugang zu Büchern zu finden und über sie zu sprechen.

Vor allem sollte man sich von der Vorstellung befreien, Bücher verfügten über festgelegte Inhalte. Mitnichten: Sie wandeln sich mit jeder Lektüre und mit jedem Gespräch über sie, denn Bücher sind weniger fixe Texte als vielmehr Gesprächsituationen. Alte rezeptionsästhetische Maxime: Ein Buch existiert nur im Diskurs. Und was heißt überhaupt »lesen«? Jeder Leser erkennt etwas anderes im Text, und im Gespräch darüber erinnert man sich nur an Bruchstücke, aus denen man einen eigenen Zusammenhang konstruiert. Lesen und Sprechen über das Gelesene sind schöpferische Akte:

So sind die Bücher, über die wir sprechen, nicht nur reale Gegenstände, die durch eine imaginäre vollständige Lektüre in ihrer objektiven Materialität wieder aufgefunden werden können, sondern immer auch Phantombücher, die am Kreuzungspunkt der unvollendeten Möglichkeiten jedes Buches und unseres Unbewussten in Erscheinung treten und unsere Träume und Gespräche mit Sicherheit noch mehr anregen als die realen Gegenstände, aus denen sie rein theoretisch hervorgegangen sind.

Und manche Bücher braucht man gar nicht gelesen zu haben, um zu wissen, was in ihnen steht, und um über sie sprechen zu können: »Hamlet«, Dan Browns »DaVinci Code«, die Harry-Potter-Bücher, James Joyce‘ »Ulysses« – Eindrücke von ihnen hat nahezu jeder. Viel zentraler ist es, sie im Verhältnis zu anderen Bücher einordnen zu können.

Pierre Bayard macht Mut zu einem unbeschwerten und sehr persönlichen Umgang mit Literatur. Bücher sind keine toten Säulenheiligen, sondern – schließlich ist Bayard auch Psychoanalytiker – Instrumente der Selbsterkenntnis. Das Eigene im Buch zu finden, über das Buch zu sprechen, um über sich zu sprechen – das ist ihm wichtig.

Diese Aufforderung zum kreativen Herangehen an Literatur ist mit so leichter Hand, so elegant, intelligent und witzig geschrieben, mit Beispielen von Musils »Mann ohne Eigenschaften«, Umberto Ecos »Der Name der Rose«, mit Shakespeare, Balzac, Oscar Wilde, David Lodge oder auch Filmen wie »Und täglich grüßt das Murmeltier« untermauert, dass man gar nicht merkt, dass dies eigentlich ein literaturwissenschaftlicher Essay ist, in dem unter anderem eine Theorie des Lesens entworfen wird.

»Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes«

Wurde in »Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat« die Literatur vom Sockel geschubst, sind es im zweiten Buch die Autoren, die ihres halb genialischen Nimbus entledigt werden. Bayard wählt dafür einen der bekanntesten Romane von Arthur Conan Doyle: Mindestens 24 Mal wurde »Der Hund der Baskervilles« verfilmt, unvergessen die musikalische Interpretation von Cindy und Bert 1970 unter Verwendung von »Paranoid« von Black Sabbath (das »Video« mit Großaufnahmen eines Mopses, wahrhaft spooky). Anhand dieser Geschichte demonstriert Bayard das, was er »Kriminalkritik« nennt:

In der Tat ist der wesentliche Unterschied, der die Kriminalkritik nicht nur von anderen Arbeiten zur Kriminalliteratur, sondern von der Literaturkritik insgesamt trennt, ihr Interventionismus. Während die anderen Methoden sich meist damit zufrieden geben, die Texte – ungeachtet der Skandale, die sich in ihnen abspielen – passiv zu kommentieren, lässt sich die Kriminalkritik nicht von der offiziellen Version vereinnahmen und mischt sich aktiv ein. Sie bringt nicht nur die Schwächen der Texte ans Tageslicht und weckt Zweifel an den vorgeblichen Mördern, sondern zieht auch couragiert die Konsequenzen daraus und spürt den wahren Verbrecher auf.

Schritt für Schritt weist Bayard die Lücken und Fehler in Holmes Methode und Ermittlung auf. Aber nicht nur das: Er kann auch zeigen, dass sich hinter dem Fall, den Conan Doyle erzählt – und der unter dieser Betrachtungsweise kein Kriminalfall mehr ist -, eine ganz andere Geschichte versteckt, ein ungemein perfider und teuflischer Mord, der bis heute literarisch ungesühnt ist. Begangen von einem Täter, der im Buch vollkommen unschuldig erscheint – das will es uns zumindest der Autor weismachen.

Das ist möglich, weil Bücher nicht im luftleeren Raum entstehen. Autoren entwerfen (notwendigerweise) lückenhafte Welten, beeinflusst von der eigenen Realitätssicht und den persönlichen Komplexen. Bücher sind keine in sich geschlossenen Universen, sondern offene Systeme, die vieles von dem widerspiegeln, was die Autoren umtreibt – bewusst und unbewusst. Von dem Eigenleben, das Figuren und Welten außerdem entwickeln, mal ganz abgesehen. Darum lässt sich in Texten eine Menge finden, was ihr Schöpfer gar nicht beabsichtigt hat.

Autoren mögen beim Schreiben eine Absicht verfolgen – ihr Text hat oft eine andere. Bayard hat dies schon an Agatha Christies »The Murder of Roger Ackroyd« (deutsch »Alibi«; Pierre Bayard: »Qui a tué Roger Ackroyd«, 1998) und an Shakespeares »Hamlet« (Pierre Bayard: »Enquête sur Hamlet. Le Dialogue de sourds«, 2002) gezeigt. Arbeiten von Sandor Goodhardt oder Shoshana Felman weisen auf Widersprüche in »Ödipus Rex« von Sophokles hin.

Bücher sagen nicht die Wahrheit, sie verströmen keine Weltweisheit. Als Leser ist man darum gut beraten, mit wachem Verstand und kritischem Blick zu betrachten, was der Autor einem als bare Münze zu verkaufen trachtet. Lieber selbst denken, als es einem Fremden zu überlassen.

Wider die Verehrungsstarre

Mit seinen Schriften plädiert Bayard für eine Entsakralisierung von Literatur. Bücher sind nicht von sich aus wertvoll oder wahr, sondern gewinnen ihre Bedeutung erst in der Auseinandersetzung mit ihnen – und das jedes Mal neu. Man sollte ihnen darum nicht mit lähmenden Respekt oder einer Verehrungsstarre begegnen. Denn das ist der Tod der Literatur.

Kirsten Reimers

Pierre Bayard: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Verlag Antje Kunstmann 2007
geb., 220 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-88897-486-1
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch-Download (hier klicken)

Pierre Bayard: Freispruch für den Hund der Baskervilles.
Hier irrte Sherlock Holmes
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Verlag Antje Kunstmann 2008
Leicht gekürzte Fassung
geb., 205 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-88897-529-5

Diese Rezension ist auch erschienen auf satt.org


Bettnässen, Pyromanie, Tierquälerei

Trotz aller äußerer Anzeichen kein Serienmörderthriller

Seltsame Morde geschehen in Clayton, einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA: Die Leichen sind geradezu zerfetzt, neben ihnen findet sich eine teerartige Substanz, und ein Motiv für die Tat ist sich nicht ersichtlich. Dafür fehlt stets ein Organ oder ein Körperteil. Der fünfzehnjährige John vermutet dahinter einen Serienmörder. Und John muss es wissen: Er ist geradezu besessen von diesem Thema, hält er sich doch selbst für einen angehenden Serienkiller. Als Beleg dient ihm unter anderem Macdonalds Triade, die vollständig auf ihn zutrifft: Bettnässen, Pyromanie und Tierquälerei. Sein Psychotherapeut versucht vergeblich, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

»Fünfundneunzig Prozent der Serienmörder machen ins Bett, legen Feuer und quälen Tiere, aber das heißt nicht, dass fünfundneunzig Prozent aller Kinder, die dies tun, zwangsläufig Serienmörder werden. Du hast immer die Möglichkeit, dein Schicksal frei zu wählen, und du bist derjenige, der entscheidet. Niemand sonst. Die Tatsache, dass du dir Regeln aufgestellt hast und sie gewissenhaft verfolgst, sagt viel über dich und deinen Charakter aus. Du bist ein guter Mensch, John.«
»Ich bin ein guter Mensch, weil ich weiß, wie gute Menschen sich verhalten, und weil ich sie kopiere«, antwortete ich.

Schließlich gibt es noch weitere Hinweise, auf die John seine Selbstdiagnose stützt: Sein voller Name lautet zum Beispiel John Wayne Cleaver – als Namenspaten sieht der Jugendliche den Serienmörder John Wayne Gacy; jeden Einwand, dass sein Vater ein großer Filmfan ist und eher den Schauspieler im Sinn hatte, wischt John ungeduldig zur Seite – schließlich heißt sein Vater Sam mit Vornamen, wodurch John zum »Son of Sam« wird, wie der Serienkiller, der in den späten sechziger Jahren New York verunsicherte. Und zudem lautet sein Nachname Cleaver und bedeutet also Hackmesser. »Wie viele Menschen kennen Sie, die nach zwei Serienmördern und einer Mordwaffe benannt sind?«, hält er seinem Therapeuten entgegen.

Serienmörder gegen Dämon

Die blutigen Morde faszinieren den Jungen, denn vielleicht ist da eine verwandte Seele am Werk, zu der er Kontakt aufnehmen kann. Bald schon ist es ihm tatsächlich möglich, die Identität des Täters festzumachen – doch es handelt sich nicht um den vermuteten Serienmörder, sondern um einen Dämon. John wird klar, dass nur er in der Lage ist, den Täter zu stoppen: Wer sonst käme auf die Idee, hier sei etwas Übernatürliches im Spiel, und wer würde schon einem Fünfzehnjährige glauben, der sowieso als sonderbarer Einzelgänger gilt? Doch um sich dem Dämon entgegenzustellen, muss John das Monster, dass er in sich trägt und das er bislang mit ausgeklügelten und strengen Regeln im Zaum hält, von der Leine lassen

Serienmörder gegen Dämon. Das klingt wie King Kong gegen Godzilla. Ist aber nicht ganz so trashig. Trotz der Reichweite ins Übernatürliche bleibt der Roman weitgehend im Realen angesiedelt. Und so richtig unheimlich wird es auch nicht – was unter anderem an dem eigentlich recht sympathischen Dämon liegt. Allerdings wird nicht ganz klar, warum John unbedingt ein Serienmörder sein muss, um den Dämon zu stellen.

Johns Probleme mit sich selbst wirken zunächst wie der symbolhafte Kampf mit den Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt. Im Laufe der Zeit häufen sich aber durchaus Verhaltensweisen, die nahe legen, dass John nicht ganz so ist wie andere Kinder. Zum Beispiel kann er keine tieferen Gefühle empfinden und sieht in der Nachbarstochter Brooke, für die er auf seine sehr eigene Weise schwärmt, eher ein Ding denn einen Menschen. Ganz anders dagegen der Dämon, der in seiner Menschlichkeit und seiner tiefen Empfindungsfähigkeit sehr warmherzig wirkt.

Auf der falschen Fährte

Der Junge, der gern töten würde, es aber nicht darf, um in der Gemeinschaft weiterleben zu können – und der Dämon, der nicht töten will, es aber muss, um in der Gemeinschaft zu überleben. Das ist ganz ansprechend aus der Perspektive des Jugendlichen erzählt – allerdings mit den Worten eines Erwachsenen. So entsteht eine ironische Distanz, die den Jungen als sehr viel reflektierter und rationaler erscheinen lässt als seine erwachsene Umwelt.

Manches erinnert durchaus an Jeff Lindsays Dexter-Morgan-Thriller, doch steht im Mittelpunkt des Thrillers nicht Johns Auseinandersetzung mit seiner Berufung, sondern mindestens genauso viel Raum und Aufmerksamkeit nimmt die Dämonenhatz ein. Darum führen Titel und Umschlagtexte des Buches auf eine falsche Spur – und dies bereits im Original: »I Am Not a Serial Killer« heißt es dort. Ebenso weckt die auffällig aufwändige Ausstattung unerfüllte Erwartungen: Cover im Prägedruck, dickes Volumenpapier und unregelmäßiger Beschnitt (na ja: regelmäßig unregelmäßig, da maschinell erstellt) versuchen, dem Paperback Bedeutsamkeit und Geheimnisvolles zu schenken, vielleicht soll es gar tagebuchig wirken. Aber nichts davon wird eingelöst. So entsprechen sich am Ende eher unfreiwillig Form und Inhalt: entschieden in der Unentschiedenheit. Denn auch die Geschichte tappt unschlüssig zwischen den drei Eckpunkten Horror-, Serienmörder- und Entwicklungsroman hin und her und kann im Ganzen einfach nicht überzeugen.

Kirsten Reimers

Dan Wells: Ich bin kein Serienkiller
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Piper 2009
kart., 378 Seiten, 12,95 Euro
ISBN: 978-3-492-70169-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Es lohnt sich auch ein Blick ins
Titel-Magazin: Samstag ist Krimitag

Die oben stehende Rezension ist auch erschienen bei satt.org


Trügerische Idylle

Der Preis der Geborgenheit

In einem heruntergekommenen Cottage wird eine junge Frau erstochen aufgefunden. Sie scheint Detective Cassie Maddox wie aus dem Gesicht geschnitten. Und damit nicht genug, sie trägt einen Namen, den Maddox vor Jahren als Undercoveragentin benutzt hatte, um sich in einen Drogendealerring einzuschleusen. Eine fiktive Identität, die sich offenbar jene Tote zunutze gemacht hat.

Dies ist Lexie Madisons Geschichte, nicht meine. Ich würde Ihnen gern die eine erzählen, ohne in die andere hineinzugeraten, aber das funktioniert nicht. Früher dachte ich, ich hätte uns eigenhändig an den Rändern zusammengenäht, den Faden festgezurrt, und ich könnte die Naht jederzeit wieder auftrennen, ganz nach Belieben. Jetzt denke ich, dass sie schon immer tiefer reichte und weiter, dass sie unterirdisch verlief, außer Sichtweite und völlig außerhalb meiner Kontrolle.

»Es war ein Schimmer in der Luft zwischen ihnen«

Um die Umstände zu erkunden, die zum Tod der Frau geführt haben, soll Cassie Maddox erneut in die Rolle von Lexie Madison schlüpfen. Das ist heute ungleich schwerer als damals, da die Tote der Figur ein eigenes Wesen verliehen hat. Zudem lebte sie mit vier Freunden in einem Herrenhaus auf dem Land. Denen wird erklärt, die junge Frau hätte den Angriff überlebt, sie käme bald zurück. Nach intensivster Vorbereitung nimmt Cassie schließlich die Stelle der zweiten Lexie ein. Vorsichtig erkundet sie zunächst die Person, die jene andere gewesen ist, und beginnt nach und nach, die Rolle intensiver auszufüllen. Sie taucht ein in die etwas seltsame, leicht verschrobene, aber sehr warme und vertraute Gemeinschaft der Freunde und genießt eine Nähe und ein Aufgehobensein, wie sie sie bis dahin selten erlebt hat.

Es war ein Schimmer in der Luft zwischen ihnen, wie glänzende spinnwebfeine Fäden, die hin und her und raus und rein geworfen wurden, bis jede Bewegung oder jedes Wort durch die ganze Gruppe vibrierte: Rafe, der Abby ihre Zigaretten reichte, noch fast bevor sie danach suchte, Daniel, der sich mit ausgestreckten Händen umdrehte, um den Steakteller genau in der Sekunde entgegenzunehmen, in der Justin damit durch die Tür hereinkam, Sätze, die sie sich gegenseitig zuwarfen wie Spielkarten ohne auch nur die geringste Verzögerung.

Cassie ist so fasziniert von dieser Geborgenheit, dass sie versucht ist, die Seiten zu wechseln. Sie vertuscht sogar Hinweise, die ihre neuen Vertrauten verdächtig machen könnten. Und doch weiß sie, dass diese Harmonie trügen muss – jemand, entweder aus dem Haus oder aus dem Dorf, das der Hausgemeinschaft sehr ablehnend gegenübersteht, hat schließlich Lexie getötet. Im Laufe der Zeit werden die Brüche in der Idylle deutlich, die kleinen Risse unter der Oberfläche, und es wird erkennbar, welchen Preis die Freunde zahlen müssen, um diese Vertrautheit aufrechtzuerhalten.

Nuancierung statt Action

Tana French lässt sich sehr viel Zeit, die Handlung und vor allem die Charaktere zu entfalten. Vom ersten Eindruck bis zum vertrauten Kennen verändern sich die Persönlichkeiten nur um Nuancen, und doch wird aus diesen geringen Verschiebungen, aus dem besseren Verständnis der Figuren zwingend ersichtlich, warum Lexie hat sterben müssen.

Wie schon in Frenchs hervorragenden Debüt »Grabesgrün« geht es nicht um gruselig grausige Taten, die ausgeschlachtet werden, sondern um Menschen, die miteinander und mit sich selbst konfrontiert werden. In »Totengleich« (im Original passender »The Likeness«) teilen die Figuren die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einer selbstgewählten Familie, die ihnen Rückhalt gibt, statt Leistung zu fordern. Doch im Festhalten an diesem Idyll liegt schon der Keim seiner Zerstörung. Das ist wunderbar einfühlsam geschildert. Etwas störend ist nur die leicht ungelenke Übersetzung, das ein wenig schludrige Deutsch, der eher hingehuschelte Stil.

»Totengleich« schließt direkt an »Grabesgrün« an. Das Geschehen kann aber ohne Vorkenntnisse des ersten Buches verstanden werden. Allerdings spricht überhaupt nichts dagegen, zunächst Frenchs großartiges Debüt zu lesen.

Kirsten Reimers

Tana French: Totengleich
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Scherz 2009
geb., 780 Seiten, 16,95 Euro
ISBN: 978-3-502-10192-5
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
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