Archiv für den Monat: November 2015

Die Vergangenheit wirft lange, tödliche Schatten

Im Jahr 1943 hält es Fritz Kolbe nicht mehr aus: Er muss etwas gegen Hitler unternehmen. Als Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes kommt er an streng geheime, höchst brisante Dokumente – und diese gibt er von nun weiter an den OSS, den Nachrichtendienst des Kriegsministeriums der USA (und Vorläufer der CIA); darunter auch detaillierte Pläne der Wolfschanze, in der Hoffnung, dass die Amerikaner sie bombadieren und Hitler töten.

Unprätentiös und unaufdringlich nimmt sich Andreas Kollender in »Kolbe« der Geschichte des historischen Fritz Kolbe an, der in den letzten Kriegsjahren unentgeltlich als Agent für die Amerikaner ein Doppelleben führte. In einer Mischung aus Fakten und Fiktion schildert Kollender, wie aus zähneknirschendem, lähmenden Unbehagen aktiver Widerstand gegen das Naziregime wird – begleitet von Ängsten, Zweifeln und Hoffnung.

Kollender macht es sich nicht einfach, seine Figuren sind vielschichtig gezeichnet und handeln aus unterschiedlichsten Motiven – ganz gleich, auf welcher Seite sie stehen. Schlichte, beruhigende Antworten gibt es nicht, eindimensionale Helden erst recht nicht. Ein berührender Roman über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten, über Mut, Feigheit, Verrat, Egoismus, Freundschaft und Liebe, geschrieben in einer fast schwerelosen Eleganz.

Tödliche Gegensätze

In Windhoek, Namibia, wird die Ehefrau des deutschen Botschafters entführt, als sie unterwegs ist mit einem kleinen Herero-Jungen, den das Paar adoptieren möchte. Zeitgleich wird in Freiburg im Breisgau das Grab ihres Großvaters geschändet, der als Mediziner, Anthropologe und »Rassenhygeniker« als Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassentheorien gilt (und eine historische Figur ist). Parallel dazu fliegt eine Delegation von Hereros und Namas nach Berlin, um in der Charité Schädel ihrer Vorfahren entgegenzunehmen, die während der Kolonialzeit für Sammlungen und Museen in Namibia entwendet wurden – eine Veranstaltung, auf die ein Attentat geplant ist.

»Der lange Schatten« ist Bernhard Jaumanns dritter Kriminalroman um die namibische Polizistin Clemencia Garisis, die inzwischen selbstständig als Sicherheitsexpertin tätig ist. Jaumann, der selbst in Namibia lebte, verzichtet auf jegliche Folklore. Ihm geht es um die tatsächlichen Lebensbedingungen, die soziale Zerklüftungen, die ethnische Zersplitterung Namibias, das Aufeinandertreffen von Partikularinteressen, die die Stabilität des Landes ebenso untergraben wie die Korruption in Politik und Verwaltung – und um die Frage, wie weit man gehen darf in der Verfolgung idealistischer Ziele, im Kleinen wie im Großen. Dies geschieht unter anderem vor dem Hintergrund des brutalen Niederschlags des Aufstandes von Hereros und Namas 1904 durch die deutsche Kolonialmacht im damaligen Deutsch-Südwestafrika, der erst in diesem Sommer von der Bundesregierung als Völkermord anerkannt wurde.

Bernhard Jaumann schreibt unaufgeregt, stilistisch versiert, ohne Klischees, Bitterkeit, Betroffenheitsgestus und unnötige Provokationen. Das macht ihn zu einem der Besten des Genres.

Swinging, killing London

London Ende der sechziger Jahre – eine Gesellschaft im Umbruch: Hippies, Gurus, Künstler und die Abkehr von bürgerlichen Moralvorstellungen auf der einen Seite, Spießer und Kleingeister auf der anderen – und dann noch Macho-Polizisten, die sich als die »Kings of London« fühlen. William Shaw zeichnet in seinem gleichnamigen Kriminalroman eine Stadt, in der die unterschiedlichsten Kulturen aufeinander- und sich gegenseitig abstoßen. Dazwischen Detective Seargent Cathal Breen, eher zurückhaltend, etwas verklemmt, der gemeinsam mit seiner selbstbewussten und deutlich aufgeschlosseneren Kollegin Tozer den Mord an einem Politikersohn aufklären soll, der nicht ganz den Ansprüchen seines Vater entsprach.

Shaw, Musikjournalist und Kenner von Pop- und Subkulturen, setzt trotz schillernder Kulisse auf zurückhaltende Töne, unaufdringlich und glaubwürdig agieren seine Charaktere, die sehr menschlich gezeichnet sind. Sein London ist bunt und quirlig – aber auch verklemmt, kleingeistig und durchsetzt von einem Sexismus, der heute richtig wehtut. Alles in allem eine überzeugende Mischung aus Zeitporträt und Kriminalroman.

Kirsten Reimers

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Andreas Kollender: Kolbe
Pendragon 2015
kart., 446 Seiten, 16,99 Euro
ISBN 978-3-86532-489-4
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Bernhard Jaumann: Der lange Schatten
Kindler 2015
geb., 317 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-463-40648-0
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William Shaw: Kings of London
(House of Knives, 2013)
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Suhrkamp 2015
kart., 471 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-518-46610-0
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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse


Das grandiose Kampfschwein

Sie ist ein Trumm von einer Frau: Eva Wylie – groß, stark, hässlich, laut. Andere beschimpfen sie als »Kampfschwein«, sie selbst nennt sich die »Londoner Killerqueen«. Denn sie lebt ihren Kindheitstraum: Sie ist Profi-Catcherin. Ihr Geld verdient sie, indem sie mit ihren beiden Kampfhunden Ramses und Lineker einen Schrottplatz bewacht, auf dem auch ihr Wohnwagen steht. Weil das Geld immer knapp ist – die Zähne, das Catcherinnen-Outfit –, verdient sie sich mit kleinen zusätzlichen Aufträgen etwas hinzu – aber das geht mitunter gründlich schief.

Liza Cody hat mit Eva Wylie eine höchst ungewöhnliche und grandiose Figur geschaffen: furchtlos, aber ein bisschen paranoid, nicht besonders helle, ruppig, aber auch warmherzig und vor allem unabhängig. Unabhängigkeit ist ihr besonders wichtig, zu sagen hat ihr niemand was. Deshalb entzieht sie sich jedem Zugriff von außen: kein Konto, kein Strom, kein Führerschein. Braucht sie ein Auto, »leiht« sie sich eins. Ist sie wütend, reißt sie sich nicht zusammen, sondern schlägt zu – kräftig und direkt. Nicht immer die beste Lösung, aber wirkungsvoll. Sie hat eine Weile auf der Straße gelebt – da ist es gut, wenn man sich verteidigen kann. Andere Menschen sind eher nicht so ihr Ding.

»Hübschsein ist genauso für den Arsch wie Nettsein«

In drei Bänden lässt Liza Cody ihre unkonventionelle Heldin ihre Geschichten erzählen. In Band I (»Was sie nicht umbringt«, OT: »Bucket Nut«) gerät Eva zwischen die Fronten eines Untergrundkrieges, weil sie sich von den falschen Leuten für einen Rausschmeißerjob anheuern lässt. In »Eva sieht rot« (OT: »Monkey Wrench«) schult sie etwas widerwillig eine Gruppe von Prostituierten in Selbstverteidigung, was unvorhergesehene Folgen nach sich zieht. Und im dritten Band (»Eva langt zu«, OT: »Mus- clebound«) fällt ihr per Zufall eine Sporttasche voller Geld in die Hände, sie ist jetzt »Zillionärin«, ach was: sie hat Squillionen – und das kann nicht gut gehen.

Eva plaudert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist: direkt und geradeaus, ohne Angst vor Schimpfworten oder treffenden Vergleichen: »Einen Arsch wie ein Elefant, Lauscher wie ein Karnickel und so viel Verstand wie eine Wollmaus«, so beschreibt sie zum Beispiel ihren Catch-Promoter. Mit Vorliebe wendet sie sich direkt an Leserinnen und Leser, gern mit Ratschlägen und Lebensweisheiten: »Hübschsein ist genauso für den Arsch wie Nettsein«, »Bier und Bauchmuskeln sind Todfeinde« oder auch: »Wer cool sein will, sollte auf seine Schnürsenkel achten«. Sie ranzt und rüpelt, ist distanzlos und ungehemmt, dass es eine Freude ist.

»Ich weiß ja nicht, wie es bei dir ist, aber mein Gehirn hat einen eigenen Kopf«

Ihr Blick auf die Welt ist eigen und etwas verschroben. Weil sie intellektuell nicht gerade beschlagen ist, hat sie sich ein Weltbild zusammengezimmert, das knapp eine Handbreit neben dem Offensichtlichen liegt. Andererseits ist gerade diese schräge Weltinterpretation in vielerlei Hinsicht entlarvend: Konventionen und Geschlechterrollen werden bloßgestellt, sexuelle Ausbeutung und soziales Gefälle klar benannt. Was naiv daherkommt, ist wie so oft in der Literatur hochreflektiert. Und grandios komisch. Aber Vorsicht: So geradeaus sie auch wirken mag, Eva Wylie ist eine unzuverlässige Erzählerin, der man nicht alles unhinterfragt abkaufen sollte.

In ihrer unbeugsamen, kratzbürstigen Art, in ihrer Weigerung sich anzupassen, vertritt Eva einen sehr handfesten Feminismus ziemlich rustikaler Art. Das ist enorm erfrischend. Dass die Bücher aus den neunziger Jahren stammen, fällt deshalb nicht auf. Derart schlagfertige Figuren, ein derart gekonntes Unterlaufen jeglicher Schönheits- und »Weiblichkeits«-Ideale, ein derart gelungenes Auf-den-Kopf-Stellen von Genrekonventionen ist immer aktuell. Darum ist es sehr schön, dass der Ariadne Verlag die Bücher wieder aufgelegt hat. Danke dafür!

Kirsten Reimers

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Liza Cody: Was sie nicht umbringt
(Bucket Nut, 1992)
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson
Ariadne/Argument 2015
Tb., 268 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-86754-201-2
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Liza Cody: Eva sieht rot
(Monkey Wrench, 1994)
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson
Ariadne/Argument 2015
Tb., 255 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-86754-203-6
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Liza Cody: Eva langt zu
(Musclebound, 1997)
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson
Ariadne/Argument 2015
Tb., 287 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-86754-205-0
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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf
satt.org


Tödliche Trugbilder

Belleville, schöne Stadt, heißt ironischerweise der Teil von Paris, in dem Abraham, Abe genannt, aufgewachsen ist – ein Stadtteil jenseits der Touristenrouten, geprägt von Armut und Aussichtslosigkeit. Abe, Kleinkrimineller und Gelegenheitsdealer, innerlich brodelnd vor Wut, überfällt mit Freunden eine illegale Pokerrunde – und legt sich damit mit Männern an, die mehr als eine Kragenweite zu groß für ihn sind.

Der Überfall verändert alles – nicht nur wegen der Drohung der Männer, sie für den Überfall zur Rechenschaft zu ziehen. Auch innerlich bricht etwas auf in Abe: Die wutgespeiste Energie in ihm lässt sich nicht mehr zügeln. Mit großer Energie rast er dem Ende entgegen, dabei zerstört er andere, die er verachtet und beneidet – und er zerstört sich selbst.

»Paris, die Nacht« ist der Debütroman von Jérémie Guez, der bei seinem Erscheinen gerade mal 22 Jahre alt war. Kraftvoll, dunkel und klar, dabei sehr elegant, schildert er mit Gespür für Rhythmus und Verzweiflung den rauschhaften, unaufhaltsamen Absturz seines Ich-Erzählers.

Mörderische Abgründe

Der Auftragsmord an einem Polizisten und einer Frau auf offener Straße lässt Commissaire Daquin zunächst an der Integrität jenes Kollegen zweifeln, da Kokain bei den Leichen gefunden wird. Aber nicht nur Drogen spielen eine Rolle: Die Ermittlungen führen zu einem Fußballverein einer tristen Pariser Vorstadt, der den Sprung in die Profiliga geschafft hat. Er ist der Hoffnungsanker der Bewohner der Banlieu. Funktionäre wie Spieler engagieren sich für die Kinder und Jugendlichen des Viertels. Doch hinter der Fassade der heilen Welt des Sports tut sich ein Abgrund auf: Geldwäsche, Korruption, Drogenhandel, Erpressung, Mord.

Glasklar und mit analytischer Präzision seziert Dominique Manotti in »Abpfiff« die Widersprüche zwischen der leidenschaftlich beschworenen Treue zum Verein und den gekauften Spielersöldnern, zwischen Teamgeist und Diventum, zwischen naiver Begeisterung und gnadenlosem Marketing- und Finanzkalkül. Sie zeigt ganz nebenbei, wie selbstverständlich Doping im Profisport ist, und bettet das Geschehen in einen weit größeren Rahmen aus Machtgier, Profitdenken und Skrupellosigkeit ein. Gewohnt brillant und unbestechlich klug.

Monster gebären Monster

Der New Yorker Central Park wird von Ratten überrannt, Leichen hängen in den Bäumen, und eine kleine, bezaubernde Fee mit roten Haaren hat irgendwas damit zu tun. Das mag im ersten Moment versponnen niedlich klingen – aber tatsächlich ist es der Auftakt einer monströs schmerzhaften Ermittlung. »Kreidemädchen« ist der vierte Kriminalroman um die einzigartige Detective Kathleen Mallory, der auf Deutsch erschienen ist. Insgesamt ist es der zehnte Roman von Carol O’Connell, und es bleibt zu hoffen, dass die restlichen auch bald übersetzt werden – denn die Autorin und ihre Hauptfigur sind schlicht brillant.

Neben Mallory ist Lisbeth Salander plumpe Kreisklasse: Mallory hat es gar nicht erst nötig, jemanden zu foltern, um ohne jeden Zweifel klarzumachen, dass sie nicht zögern würde, es zu tun. Sie ist eine Meisterin der Intrige, und die Datenbank, die nicht von ihr gehackt werden kann, muss erst noch erfunden werden. Sie ist eiskalt, absolut berechnend, perfekt in jeder Hinsicht, spielt in ihrer eigenen Klasse und Mannschaft – und ist überhaupt eine undurchschaubare, brillante Soziopathin. Vielleicht. Vielleicht spielt sie dies jedoch auch nur.

»Kreidemädchen« ist von großer Leichtfüßigkeit und Eleganz, von gemeiner Perfidie und sarkastischer Fluffigkeit, von ganz feinem, untergründigem Witz – und darunter liegt ein unstillbarer Schmerz, nicht greifbar, doch stets ahnbar. Ganz wunderbar, elegant und tödlich wie ein Stilett.

Kirsten Reimers

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Jérémie Guez: Paris, die Nacht
(Paris la nuit, 2011)
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Polar Verlag 2015
Tb., 136 Seiten, 12,90 Euro
ISBN 978-3-945133-14-9
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Dominique Manotti: Abpfiff
(Kop, 1998)
Aus dem Französischen von Andrea Stephani
Ariadne/Argument 2015
geb., 230 Seiten, 17 Euro
ISBN 978-3-86754-197-8
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Carol O’Connell: Kreidemädchen
(Chalk Girl, 2012)
Aus dem Amerikanischen von Judith Schwab
btb 2015
Tb., 544 Seiten, 9,99 Euro
ISBN 978-3-442-74741-2
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

 Diese Rezension ist zuerst erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse