Archiv für den Monat: September 2014

Dreimal Langeweile und Vorhersehbarkeit

Kate Parker hat erst ihre Eltern durch einen Unfall, dann ihren Mann bei einem Raubüberfall verloren. Nun ist sie völlig verängstigt und macht mit ihrer übergroßen Angst sich und ihrem Sohn das Leben zur Qual. Sie ist fixiert auf Statistiken: Stets macht sie sich Wahrscheinlichkeiten bewusst, um jedes erdenkliche Risiko so weit wie möglich zu minimieren:

Im Mai sind die Chancen eines Fahrradunfalls höher, weil es Sommer ist, und etwa achtzig Prozent der schweren Unfälle finden bei Tageslicht statt, aber drei Viertel der schweren Unfälle passieren auf Straßenkreuzungen, und wenn ich nicht auf der Straße fahre, kann ich das Risiko stark verringern. Folglich bin ich auf dem Gehweg geradelt. Und weil ich fünfunddreißig bin, ist in Oxfordshire die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls doppelt so groß wie bei einer Zwanzigjährigen, aber mit Helm sinkt das Risiko einer schweren Kopfverletzung um fünfundachtzig Prozent (…). Und beim Radfahren kann ich das Unfallrisiko damit ausgleichen, dass ich mit einer halben Stunde kontinuierlichem Ausdauertraining mein Krebsrisiko senke. Das bedeutete natürlich auch, dass auf dem ruhigen Kanalweg die Gefahr sexueller Übergriffe größer ist, aber da in Oxfordshire die Chancen dafür grob gesagt eins zu tausend stehen, habe ich mir gedacht, das kann ich in Kauf nehmen.

Per Zufall lernt sie den Mathematiker Jago kennen, der ihr einen ungewöhnlichen Vorschlag macht: Mithilfe eines Psychologen will er einen Therapieplan ausarbeiten, damit sie lernt, die Statistiken in ihrem Kopf auszutricksen. Jagos Methoden sind unkonventionell und seltsam – aber sie wirken. Kate gewinnt wieder Mut und Lebensfreude, und in Jago auch eine neue Liebe. Aber dennoch stimmt irgendetwas nicht: Dinge verschwinden aus ihrem Haus, seltsame Geräusche verunsichern Kate und ihren Sohn Jack. Doch niemand glaubt ihr, jeder hält dies für eine Ausgeburt ihrer überspannten Sinne.

Louise Millars »Gefährlich nah« hat ein bisschen was von »Gaslicht«, nur halt in modern und etwas aufgemotzt. Eine verängstigte Frau, unheimliche Geschehnisse, die vielleicht real, vielleicht aber auch nur eingebildet sind. Hysterie vs. Realitätssinn. Soweit ganz nett. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, umso absonderlicher wird es – und die Auflösung macht’s deutlich: Das Ganze ist überkonstruiert und hanebüchen. Und etwas lieblos-ungelenk übersetzt. Was anfängt als Geschichte einer Selbstbesinnung und Bewusstwerdung, verliert sich in überzogenen und unglaubwürdigen Rachefeldzügen.

Selbstbild vs. Fremdbild

Drei britische Paare lernen sich während ihres Urlaubs in Florida kennen. Sie unternehmen einiges zusammen, haben Spaß – und versprechen, sich nach dem Urlaub nicht aus den Augen zu verlieren; wie man das bei Urlaubsbekanntschaften so macht. Wieder zurück in England arrangiert eine der Frauen tatsächlich ein Treffen. Eher widerwillig sehen sich die beiden anderen Paare gezwungen, sich zu revanchieren. So kommt es zu drei Dinnern, bei jedem Paar eins.

Eines der stets wiederkehrenden Gesprächsthemen ist das Verschwinden eines 13-jährigen Mädchens, das ihren letzten Urlaubstag etwas eintrübte. Wir Leser wissen es: Das Mädchen wurde umgebracht, und zwar von jemandem aus dem Freundeskreis (wer es war, wird aber erst am Ende verraten). Während der drei Dinner bröckelt nicht nur die ohnehin ziemlich oberflächliche Urlaubsfreundschaft, auch die heile Welt, die alle drei Paare den anderen vorspielen wollen, erweist sich mehr und mehr als fadenscheinig.

Das ist handwerklich sehr hübsch gemacht: Die Figuren stellen sich einerseits selbst dar, werden aber auch aus der Perspektive der anderen geschildert. Da ist der überhebliche Kerl, der sich selbst für unwiderstehlich hält, von den übrigen aber als erbärmlich durchschaut wird; die hübsche Schauspielerin, die so selbstbewusst wirkt, aber letztlich keine wirkliche Persönlichkeit hat; der Computernerd, der so gern clever wär, aber auf andere völlig verunsichert wirkt.

Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung klaffen also ordentlich auseinander. Eine gute Idee. Im Prinzip. Allerdings sind die Figuren so klischeehaft gezeichnet, dass der schöne Einfall an Mittelmäßigkeit zerschellt. Vielleicht ist die Klischeehaftigkeit gewollt, um zu zeigen, dass sich hinter alltäglichen Typen, hinter Menschen, die man überall treffen kann, düstere Abgründe verbergen. Aber auch dies ist schon wieder ein Klischee in sich. Doch auch ein durchdachtes Konzept schützt vor Langeweile und Vorhersehbarkeit nicht. Und davon gibt es in diesem Krimi einfach zu viel.

Schwungvolle Absicht vs. verklemmte Ausführung

Wie Michal Viewegh im Nachwort schreibt, wollte er mit »Die Mafia in Prag« »eine schwungvolle und witzige Gangstergeschichte« schreiben. Das zumindest ist ihm nicht gelungen. Viewegh hat aus seinen Verbrechern Witzfiguren gemacht, die überzogen gefährlich und dadurch komplett harmlos wirken. Langweilig und vorhersehbar noch dazu. Die Korruption, die Intrigen, die er schildert, mögen nicht weit von der tschechischen Wirklichkeit entfernt sein, doch durch die über-überspitzte Darstellung schwindet jede Glaubwürdigkeit und jeder satirische Ansatz. Der Roman, der laut Verlagswerbung mit »Authentizität, Witz und Pulp-Fiction-Elementen« überzeugen will, wirkt eher albern. Und dass die moralische Verkommenheit eines Mannes dadurch gezeigt werden soll, dass er seidene Damenwäsche trägt, hat etwas Verklemmt-Homophobes; das hinterlässt einen unschönen Beigeschmack.

Kirsten Reimers

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Louise Millar: Gefährlich nah
(Accidents happen, 2013)
Aus dem Englischen von Maria Andreas
Krüger 2014
Tb., 432 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-8105-1152-2
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Mark Billingham: Die Lügen der Anderen
(Rush of Blood, 2012)
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Atrium 2014
geb., 413 Seiten, 19,99 Euro
ISBN 978-3-85535-054-4
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Michal Viewegh: Die Mafia von Prag
(Mafie v Praze, 2011)
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Deuticke 2014
geb., 318 Seiten, 19,90 Euro
ISBN 978-3-552-06258-0
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Singulärer Rausch

Der Verlag wirbt für das Buch mit einem Ausspruch des Autors: »Das Krimi-Schreiben ist wie für einen Antialkoholiker die Entdeckung des Weins. Ein berauschender Genuss. Man kann sich nicht vorstellen, wie man es so lange ohne ausgehalten hat.« Aber ganz wie beim Alkohol bleiben Genuss und Rausch auf den Berauschten beschränkt.

Franzobels »Wiener Wunder« ist nicht ganz so behäbig wie Sibylle Lewitscharoffs »Krimi« (zur Buchkritik auf FaustKultur: hier), aber auch nicht so richtig weit davon entfernt. Sein Kommissar mit dem sprechenden Namen Falt Groschen (jaha: Einfalt und fallender Groschen!) ist anti-intellektuell, anti-feministisch, ein Spießer, der Gediegenes dem Funktionalen vorzieht – und das bereits mit Mitte vierzig. Natürlich ist er auch ausgestattet mit einer besonderen Macke: unpassend entgleisenden Gesichtszügen, eine Art Mimik-Tourette. Natürlich gibt es auch in diesem Roman eine Katze und Verbrecher mit Spitznamen wie aus dem fünfziger Jahren (»Spritzen-Charley«) sowie weitere Figuren mit bedeutungsschwangeren Namen: zum Beispiel den unsympathischen Society- und Sportreporter Walter Maria Schmierer. Und wenn der Kommissar einmal nicht weiter weiß, dann hilft ihm der universelle Krimi-Lückenbüßer, der immer dann ran muss, wenn der Autor nicht weiter weiß: das »Bauchgefühl«.

Der Fall spielt im Dopingmilieu – und es ist klar: Ohne Doping geht es im Sport gar nicht. Ganze Industrien leben davon. Auch die Anti-Doping-Fahndung wie die Tourismusbranche profitieren von den Erfolgen der gedopten österreichischen Sportler und ziehen ihre Existenzberechtigung daraus. Deshalb ist es konsequent, dass die Klärung des Falles (Selbstmord oder Mord eines ehemaligen Spitzensportlers) nichts an diesem Geschäft ändert.

Wie Lewitscharoff spickt Franzobel seinen Roman mit Anspielungen: Auf die Schnelle lassen sich Hinweise auf George Simenons Maigret und auf die unterkühlten blonden Frauen vieler Hitchcock-Filme identifizieren, auch ein kurzer Fingerzeig auf dessen »Vertigo« ist dabei. Es gibt ein (voreiliges) Dénouement mit der versammelten Verdächtigenschar am Tatort, bei dem Groschen wie Hercule Poirot aufzutreten versucht. Und vielleicht gar eine Anspielung auf Heimito von Doderers »Ein Mord, den jeder begeht«. Vermutlich noch eine Menge mehr.

Dies ist gepaart mit erstaunlichen Ermittlungspatzern, polizeiunüblichen Indiskretionen, etwas gezwungenem Humor und zu vielen Klischees. Allerdings ist der Roman in sich dezent überzogen, besonders beim völlig überkonstruierten Ende. Das gibt dem Ganzen eine gewisse Selbstironie und einen leicht sarkastischen Anstrich, sodass das Buch als Konzept durchaus stimmig ist – nur leider setzt sich dies in der Ausführung nicht durch.

Wie Lewitscharoffs »Killmousky« bleibt »Wiener Wunder« im Mittelmaß stecken, denn wenn Klischees bedient, aber nicht unterlaufen werden, wenn sich Unkenntnis des Genre mischt mit vagen Vermutungen darüber, wie es denn sein könnte, dann bleibt das Ergebnis weit hinter dem zurück, was im Kriminalroman möglich ist und längst verwirklicht wird.

Kirsten Reimers

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Franzobel: Wiener Wunder
Zolnay 2014
Tb., 223 Seiten, 17,90 Euro
ISBN 978-3-552-05690-9
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Diese Rezension ist zuerst erschienen auf
FaustKultur


Tödliche Attentate, perfide Fallen

Durch einen glücklichen Zufall und einen beherzten Sprung in einen Müllcontainer kann sich der Kleinkriminelle Filippo der Flucht von Carlo, einem Aktivisten der Roten Brigaden, aus dem Gefängnis in Italien anschließen. Doch statt wie erträumt an der Seite Carlos in eine heroische Zukunft aufzubrechen, wird der Junge irgendwo in den Bergen allein zurückgelassen, ausgestattet lediglich mit einer Kontaktadresse in Paris. Filippo bricht zunächst Richtung Mailand auf, erfährt jedoch unterwegs, dass Carlo bei einem Banküberfall getötet wurde, also beschließt er, nach Paris zu gehen.

Dort wird er nicht mit offenen Armen empfangen, aber Lisa, deren Adresse Carlo ihm gegeben hatte, besorgt ihm eine Unterkunft und eine Arbeit. Gekränkt von dem Desinteresse an ihm, beginnt Filippo, seine Flucht niederzuschreiben – und formt dabei auch gleich seine Vergangenheit um: schöner, bedeutender, geliebter. Und beteiligt am Banküberfall, der Carlo das Leben kostete. Filippos Buch wird ein Überraschungserfolg. Das Feuilleton ist hingerissen: Ist er wirklich ein kleiner Krimineller mit Kontakten zu italienischen Terroristen? Die Italiener, die in Paris im politischen Exil leben, sind weniger begeistert: Durch diese Buch werden sie kriminalisiert – am Ende verlieren sie womöglich ihren Status als politisch Verfolgte. Als Filippo dann noch Aussicht hat, einen Literaturpreis zu gewinnen, drohen politische Komplikationen zwischen Frankreich und Italien.

»Ausbruch« von Dominique Manotti, angesiedelt in den späten achtziger Jahren, ist Literaturmarktsatire, Politthriller und Auseinandersetzung mit der zerstrittenen italienischen Linken der achtziger Jahre. Und alles ausgelöst durch die narzisstische Kränkung eines kleinen dummen Jungen. Trocken und geradeaus geschrieben, intelligent und raffiniert.

Klein, fein, gemein

Ebenfalls in Frankreich spielt der Roman »Ein Freund des Hauses« von Yves Ravey: Vor Jahren hatte ihr Cousin Freddy ein kleines Mädchen missbraucht, nun ist er aus dem Gefängnis entlassen und steht vor Madame Rebernaks Tür. Aus Angst um ihre Tochter weist sie ihn ab und möchte ihn am liebsten ganz aus der Stadt vertreiben. In ihrer Fixierung auf den Cousin übersieht sie, was tatsächlich vor sich geht.

Yves Ravey kreiert eine Atmosphäre von allgegenwärtiger Angst und Misstrauen, von bohrendem Argwohn. Alles in allem ist der Roman nicht wirklich überraschend, aber raffiniert, klein, fein und gemein und dazu geschrieben aus einer etwas ungewöhnlichen Perspektive.

Die Brücke über die Drina

Das Debüt von André Georgi, bislang vor allem bekannt als Drehbuchautor für den »Tatort«, führt in die Niederlande und nach Serbien: Bei einem Attentat kommt der einzige aussagewillige Zeuge gegen den serbischen Kriegsverbrecher Kovać ums Leben. Jasna Brandič, Ermittlerin des Tribunals in Den Haag, überlebt. Wenig später erhält sie die Nachricht, dass ein enger Vertrauter Kovać’ bereit ist, gegen ihn auszusagen, wenn sie es schafft, ihn in Serbien aufzuspüren und lebend nach Den Haag zu bringen. Gegen den Willen ihrer Vorgesetzten bricht Jasna auf in die Gegend um Višegrad – direkt in eine grausame Falle.

Dreh- und Angelpunkt des Thrillers »Tribunal« ist ein fiktives Massaker aus dem Jahr 1992 auf der Brücke über die Drina, für das Kovać mit seiner paramilitärischen Einheit, die »Wölfe« genannt, verantwortlich ist. 3.953 muslimische Männer verloren dabei ihr Leben, hunderte Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt.

Im April 1992 war Višegrad tatsächlich der Schauplatz ethnischer Säuberungen und Massenvergewaltigungen. Doch Georgi legt mit seinem Thriller »Tribunal« keinen dokumentarischen Roman oder Schlüsselroman vor, auch wenn viele Dinge eine Entsprechung in der Wirklichkeit finden.

Kalt, knapp, schonungslos und zum Teil sehr brutal schreibt er von Krieg und Gräueltaten mitten in Europa, von Folter, von Rissen, die durch Familien gehen, von Gewaltbereitschaft, Fanatismus und Barbarei am Ende des 20. Jahrhunderts. Dafür wählt er als Schauplatz die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke, die schon für Nobelpreisträger Ivo Andrić (in seinem Roman »Die Brücke über die Drina«) sowie für den Schriftsteller Saša Stanišić (in »Wie der Soldat ein Grammofon repariert«) ein Symbol von Verbindung und Trennung war.

Kirsten Reimers

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Dominique Manotti: Ausbruch
(L’évasion, 2013)
Aus dem Französischen von Andrea Stephani
Ariadne/Argument 2014
geb., 253 Seiten, 17 Euro
ISBN 978-3-86754-218-0
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Yves Ravey: Ein Freund des Hauses
(Un notaire peu ordinaire, 2013)
Aus dem Französischen von Angela Wicharz-Lindner
Kunstmann 2014
geb., 93 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-88897-969-9
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André Georgi: Tribunal
Suhrkamp 2014
Tb., 317 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-518-46515-8
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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in:
Frankfurter Neue Presse