Archiv für den Monat: März 2009

»Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!«

»Max und Moritz« fast reloaded

Bizarre Todesfälle auf einem Einödhof: Weil ihre Lieblingshühner gemein ermordet und grotesk drapiert wurden, ruft die Bäuerin eines äußerst abgelegenen Hofes einen Privatdetektiv aus der Großstadt zu Hilfe. Dieser vermutet hinter den Taten einen schlechten Scherz, nimmt aber die lange Fahrt aufgrund seines leeren Bankkontos auf sich. Auf dem Bauernhof angekommen, scheint sich sein Verdacht zu nächst zu bestätigen: Die Missetaten könnten von frechen Kindern aus dem Dorf verübt worden seien, offenbar sind die Bewohner des Einödhofs – Bauer, Bäuerin und minderjährige Tochter – in der Umgebung nicht sehr beliebt. Als jedoch der Hof durch einen erneuten Anschlag von der Außenwelt abgeschnitten wird, nimmt die Situation bedrohliche Ausmaße an, denn aus den schlechten Scherzen werden wirkliche Verbrechen, die an Gewalttätigkeit zunehmen. Ein erstes Licht ins Dunkel bringt die Entdeckung, dass der Täter sich an der Bildergeschichte »Max und Moritz« von Wilhelm Busch orientiert.

Zunächst sind Stil und Idee sehr amüsant. Der Detektiv ist in seiner Schnodderigkeit und Abgebrühtheit an die klassischen Private Eyes der Hard-boiled-School angelehnt; in zynischer Manier zieht er pointierte Vergleiche.

Die Bäuerin, meine Klientin, kämpfte in der gleichen Gewichtsklasse wie ihr Mann. Sie hatte nicht etwa zu viele Rundungen, die an den falschen Stellen saßen, sie war vielmehr ein einziges Rund. Immerhin passte sie mit dieser Figur perfekt in das sackartige Gebilde, das sie als Kleidung trug.

Das ist über weite Strecken sehr charmant, wirkt aber im Laufe der Zeit etwas gewollt, manches gar zu sehr zusammengezwungen. Die Bildergeschichte von Wilhelm Busch dient als Ideenmotor, zudem wird sie zur Veranschaulichung der Theorie des Detektivs samt dazugehörigen Zeichnungen erzählt. Eine spannende Kombination, die zunächst gut funktioniert. Das Ergebnis ist eine aktuelle und sehr genaue Lesart der alten Geschichte.

Aber als es auf die Motivation der Taten und die Entlarvung des Täters zuläuft, wird es schwierig. Was bei Busch durch Überzeichnung ins Humorvoll-Groteske verschoben wird, schlägt bei Rauch ungemildert durch – der lockere Ton, die zynisch-munteren Auslassungen, sie wollen nicht zur Ernsthaftigkeit der Gründe hinter den Verbrechen passen. Das Lachen bleibt einem nicht nur im Halse stecken – es würgt einen geradezu. Und ein unangenehmes Gefühl schleicht sich ein. Zu aufgekratzt der Ton zuvor, zu überzogen das Geschehen bis dahin. Das verharmlost entweder das Motiv oder stößt den Leser vor den Kopf. Beides wird nicht Absicht des Autors gewesen sein.

»Rickeracke« ist der zweite Krimi von Josef Rauch. Der erste, »Der Fall Urbas«, ist an die Erzählung »Adam Urbas« von Jakob Wassermann angelehnt. Anlass für »Rickeracke« war der 100. Todestag von Wilhelm Busch im Jahr 2008.

Kirsten Reimers

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Josef Rauch: Rickeracke
Verlag M. Naumann 2008
gebunden, 142 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-940168-27-6


Stürzen und Verbrennen

Ende einer Kindheit

Moritz gehört zu den Dachsen. Deren Feinde sind die Füchse. Sie sind schon älter und besitzen Mofas, während sich die Dachse noch mit Fahrrädern begnügen müssen. Die Väter der Dachse arbeiten zumeist in der Süßwarenfabrik in Esge, dem tristen, gesichtslosen Vorort der kleinen, ebenso tristen Industriestadt Wedersen.

Wenn man auf der Hauptstraße an der Süßwaren- und dann an der Gummifabrik vorbeifährt, kommt man an der Eierfabrik vorüber und landet schließlich am Schlachthof. Es ist der größte in unserer Gegend und hat eine eigene Wurstfabrik. Nachts fahren wir oft mit unseren Rädern auf dem Parkplatz herum, wo die Kühlanlagen der Lkws brüllen. Wir spielen »Stürzen und Verbrennen«, und das Ziel ist, die anderen von ihren Fahrrädern herunterzustoßen. Wir dürfen treten und schlagen und versuchen, einander auszubremsen und in die geparkten Lastwagen abzudrängeln. Wir stellen uns vor, dass der Asphalt kochend heiß ist, und wenn einer von uns vom Rad fällt, ist er tot.

Moritz schildert in knappen, kargen Kapiteln den letzten Sommer seiner Kindheit. Bevor die Schule nach den Ferien wieder anfangen wird, wird alles vollkommen verändert sein. In sehr unaufgeregten und einfachen Worten beschreibt er das Leben Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in der norddeutschen Provinz. Die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg sind noch immer präsent, ohne das dies ausgesprochen werden muss. Die Menschen sind in ihrem Inneren so vernarbt wie die Landschaft, die von gesprengten und intakten Bunkern übersät ist. Nur wenig Gras ist über die verborgenen Räume gewachsen.

Zwischen Missbrauch und Vernachlässigung

Unter der sauberen Oberfläche herrscht Verrohung, emotionale Verwahrlosung. Unter dem Deckmantel der Ehe ist alles erlaubt – Saunapartys mit den Nachbarn, häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe auf die eigenen Kinder. Doch wehe, die minderjährige Tochter wird schwanger – das gilt als Schande, die sofort mit Zwangsheirat übertüncht werden muss. Dass dabei Lebensträume zerplatzen, wird mit kaum verhohlener Häme registriert – schließlich ging es der Elterngeneration nicht anders.

Die Angst vor der Schande eines unehelichen Kindes sitzt so tief, dass eine ledige Mutter die Tochter, die sie von einem anderweitig verheirateten Mann bekommen hat, über Jahre versteckt und wie ein Tier gefangen hält. Als die Dachse das Kind entdecken, entführen sie es und setzen damit eine Handlungskette in Gang, die schrecklich enden wird. Ein zweiter Erzählstrang, der sich damit unentrinnbar verknüpft, ist Moritz‘ erste Liebe Anna. Sie ist eigentlich mit Oliver von den Füchsen zusammen, geht aber auch auf Moritz zu. Wenn das publik wird, gibt es Krieg zwischen den Jugendbanden. Und in einer Kleinstadt, in der es nur die Eisdiele als Treffpunkt gibt, bleibt wenig verborgen.

Bigotterie und boshaft strenge soziale Kontrolle

Es ist eine einsame, grausame Welt, in der Kinder wie Erwachsene leben. Wärme ist nur selten zu spüren. Die soziale Kontrolle im kleinen Vorort ist boshaft und streng. Gewalt und Sex bestimmen das Denken und Handeln. Die Männer sind das unhinterfragte Oberhaupt der Familie, die Frauen ordnen sich ihnen unter, sexuell frustriert sind ihr Ventil die Kinder: die eigenen und die der Nachbarn.

Sie [die Mutter] kniet vor der Wanne und fischt mit ihrer rechten Hand nach meinem Schwanz. Sie zieht die Vorhaut zurück und rubbelt die Eichel mit ihrer Linken. »Du könntest sonst eine Infektion bekommen. Du weißt, wie du ihn anfassen musst.«
»Ja.«
»Wenn du ihn nicht anfasst, wird er nicht wachsen.« Mein Schwanz ist hart und sie lächelt mich an. »Das ist gut so.«

Die Kinder werden kaum wahrgenommen, es sei denn als Sexobjekt. Sie rangieren in der Sozialordnung ganz unten. Es gibt niemanden, dem sie trauen können. So ist es kein Wunder, wenn sie sich zu Banden zusammenschließen. Zumindest innerhalb der Gruppen gibt es ein Mindestmaß an Solidarität. Dies darf allerdings nicht überstrapaziert werden – Raum für Offenheit und Gefühle gibt es auch hier nicht. Das Verhältnis zu Kindern außerhalb der eigenen Clique ist von roher Gewalt geprägt. Moritz ist da keine Ausnahme, er wird das Opfer von Aggression, er teilt aber auch aus: Zusammen mit seinen Freunden hat er einen Mitschüler gefoltert, der ihn zuvor gequält hatte.

Beklemmend, atemberaubend, realistisch

Gerade einmal 111 Seiten braucht Stefan Kiesbye, um diese Geschichte zu erzählen – kein Wort zu viel, keines zu wenig. Sehr durchdachte, genau abgewogene Bilder und Handlungen gewinnen gnadenlose Konturen durch die stilsicher auf das Geschehen abgestimmte Sprache. In einfachen Sätzen, die im ersten Augenblick naiv wirken, aber in ihrer Desillusionierung alles Kindliche eingebüßt haben, schildert Kiesbye eine Gesellschaft, die unter der blankgeputzten Oberfläche jede Mitmenschlichkeit verloren hat.

Sollten sie jemals die Leiche finden, wird es für Fingerabdrücke zu spät sein. Aber wahrscheinlich wird sie dort ungestört ruhen, während wir anderen erwachsen werden.

Zum Schneiden dicht ist die bedrohliche Atmosphäre, die Kiesbye in seinen kurzen, schlaglichtartigen Kapiteln heraufbeschwört. So beklemmend und so realistisch, dass einem beim Lesen die Luft wegbleibt.

Seit Anfang des Jahres steht »Nebenan ein Mädchen« auf der Krimiwelt-Bestenliste, inzwischen auf Platz drei. Hochverdient. Für Autor und Verlag. Der Autor, Stefan Kiesbye, aufgewachsen in Norddeutschland, lebt heute in Los Angeles. So erschien sein Roman zunächst auf Englisch in den USA: »Next Door Lived A Girl«, im Jahr 2004. Kiesbye erhielt dafür den Low Fidelity Press Award. Für die Veröffentlichung auf Deutsch übernahm der Autor selbst die Übersetzung. Zum Glück, denn so bleibt die Kraft dieses Textes spürbar. Atemberaubend – noch über Tage hinaus.

Kirsten Reimers

Stefan Kiesbye: Nebenan ein Mädchen
Jens Seeling Verlag 2008, Broschur, 111 Seiten, 10,80 Euro
ISBN: 978-3-938973-09-7

 

Diese Rezension ist auch erschienen auf satt.org


Hoppeln statt Hetzen

Ein Mord in der norwegischen Provinz überrascht mit Komik – allerdings eher unfreiwillig

In einem Heim für sozial auffällige Jugendliche wird die Sozialarbeiterin Anne getötet. Sie hatte in der Nacht zuvor allein die Aufsicht. Und in dieser Nacht war nur ein Jugendlicher vor Ort: Per Erik. Der Fall scheint klar zu sein, schließlich gesteht auch der Junge sofort. Doch die Spuren eines Einbruchs, der entwendete Laptop der Sozialarbeiterin und verschiedene andere Dinge werfen mehr und mehr Fragen auf. Was so klar begann, wird immer verworrener.

Die rote Bemalung an den Wänden war fast verblichen.

Und die Verworrenheit umfasst gleich mehrere Ebenen. Denn nicht nur die Stränge des Verbrechens werden unübersichtlicher, auch deren Darstellung, beziehungsweise deren Übertragung ins Deutsche lässt einiges an Klarheit vermissen. Ehrlich gesagt: Ich weiß kaum, wie der Fall weitergeht. Das ist völlig untergegangen hinter dem kichernden Glucksen über Übersetzungsfehler, das sich mit Ärger über die Verstümmelung des Textes abwechselte.

Er verpasste ihm einen Kinnhaken mitten ins Gesicht.
Per Erik Henrikson steht als Posten an der Treppe, die zum Keller führt, doch er wird in sein Zimmer eingesperrt.

»Hatz«, Krimi des Jahres 2007 in Norwegen, laut Verlag ebendort gelobt wegen seines »eigenen, beinahe göttlich literarischen Stils« – hat davon im Deutschen fast nichts behalten. Manche Kapitel, gerade das erste, aber auch kurze Passagen zwischendrin sind von klarer sprachlicher Schönheit. Und dann – großer Bruch: Stilblüten neben richtigen Patzern. Das macht jedes Lesevergnügen zunichte. Ungelenk und unbeholfen wirken viele Sätze, umständliches Bürokratendeutsch windet sich neben hingeschluderten Schnodderigkeiten – da passt nur wenig zusammen. Von den wirklichen Fehlern ganz zu schweigen. (Hm, ist der mit Penetranz erwähnte »Steinzaun« womöglich doch eine kleine Mauer?)

Dieser Junge braucht Behandlung, kein Gefängnis.
Moen erwiderte rein versehentlich: »Können Sie solch eine Behauptung plausibel machen?«

Zwei Übersetzer, die nicht zueinander passten? Keine Zeit für eine wirkliche Redaktion? Die falsche Datei imprimiert? Irgendetwas ist ganz schrecklich schief gegangen – und das ist schade.

Er schlenderte (…) in Richtung des staatlichen Alkoholmonopols.

Kirsten Reimers

Jørgen Gunnerud: Hatz
Aus dem Norwegischen von
Andreas Brunstermann und Gabriele Haefs
Rotbuch Verlag 2008, Hc, 284 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-86789-063-2
auch erhältlich als eBook (hier klicken)