Archiv für den Monat: September 2008

Serienmord und Popcorn

Im Garten ihres neuen Hauses entdeckt Julia Hamill menschliche Knochen. Offensichtlich handelt es sich um eine Frau, und die Kopfverletzungen, die sie erlitten hat, deuten darauf hin, dass sie erschlagen wurde. Allerdings liegt die Tat in weiter Vergangenheit: Vermutlich wurde die Leiche um 1830 hier verscharrt. Gemeinsam mit einem Verwandten der Vorbesitzerin des Hauses macht sich Julia auf die Suche nach Erklärungen. Wer war die Frau? Und warum wurde sie getötet? Die Spuren führen geradewegs ins Boston des 19. Jahrhunderts, zu einem unheimlichen Serienmörder und in die Geschichte der Medizin.

Die Spurensuche in der Gegenwart bildet die Rahmengeschichte, das eigentliche Geschehen spielt im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Routiniert verknüpft Tess Gerritsen ihre Handlungsstränge, mischt Elemente des Schauerromans, der Romantic Novel und des Serienmörderthrillers, im Mittelpunkt ein Fräulein in Nöten. Das Buch stieg kurz nach Erscheinen ziemlich hoch in die Spiegel-Bestsellerliste ein und blieb dort für mehrere Wochen. Und dafür ist es auch geschrieben: Teeplätzchen-Literatur mit Gänsehautgarantie.

Aber bei aller Routine und Bestsellerabsicht, die dahinter stehen mag: Tess Gerritsen versteht ihr Handwerk, „Leichenraub“ ist nun auch schon der zwölfte Titel, der von ihr auf Deutsch erschienen ist. Das Buch ist gut geschrieben, die Figuren lebendig motiviert, der Plot sauber und spannend gearbeitet. Und es ist reichlich blutig. Gerritsen hat Medizin studiert und als Ärztin gearbeitet, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Das merkt man ihren Büchern deutlich an. Fachkundig wird geschildert, wie Operationen vorgenommen und Leichen seziert werden. In „Leichenraub“ ist es eine Amputation, die en detail beschrieben wird. Das ist nicht immer leicht zu lesen.

Auch die Opfer kommen mit viel Blut und offenem Gedärm ums Leben – doch diese Taten werden nie so ausführlich geschildert wie zum Beispiel die Obduktion, in der es darum geht, der Tat und dem Täter auf die Spur zu kommen. Das wirkt gegenüber dem Opfer durchaus respektvoll. Nicht sein Tod und seine Schändung wird ausgeschlachtet, sondern das Gewicht wird auf die Aufklärung des Mordes gelegt. Dafür darf dann in der sauberen Atmosphäre des Obduktionssaales das letzte verbliebene Blut fließen und der Darm entrollt werden. Das wirkt nicht ganz so sensationslüstern, da der Blick in die Bauchhöhle einem höheren Zweck dient.

Das meine ich nun nicht nur ironisch. Ich mag die Bücher von Tess Gerritsen – solange ich nicht zu viele davon hintereinander lese und solange ich nicht zu sehr darüber nachdenke. Es wird Gewalt und Gedärm benutzt, um Leser anzulocken, der medizinische Anstrich macht das alles moralisch etwas vertretbarer – okay. Das ist Popcorn-Serienmörder-Thrillerei, Teeplätzchen-Belletristik. Aber es ist gutes Handwerk. Es ist verständlich motiviert, spannungsreich aufgebaut, es ist in sich logisch und geschlossen. Die Doppelmoral ist in einem vertretbaren Maß gehalten – nicht viel anders als in jedermanns Leben. Ich kann mich beim Lesen entspannt zurücklehnen, in Leben und Tode versinken, die nichts mit mir zu tun haben, und mich von fremden Gefühlen unterhalten lassen. Ich ärgere mich nur selten während des Lesens (nur wenn der Schmonzes um die Seelenverwandtschaft der Liebenden dann doch zu arg wird).

Die Bücher von Tess Gerritsen bringen weder das Genre noch die Welt voran. Aber das wollen sie auch nicht. Sie wollen unterhalten. Und das machen sie gut. Das ist doch auch mal in Ordnung – so für zwischendurch.

Ach so: Es taucht in „Leichenraub“ zwar kurz eine von Gerritsens Serienheldinnen auf, doch ansonsten gehört das Buch nicht zur Serie um die Pathologin Maura Isles und Detective Jane Rizzoli.

Kirsten Reimers

Tess Gerritsen: Leichenraub
Deutsch von Andreas Jäger
Limes Verlag 2008, 447 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-8090-2539-9

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Herrlich bissig und gelungen überdreht

Maggie Abendroth leidet: Sie hat das Drehbuch für einen „Tatort“ vergeigt, darum ist sie aus der Medienmetropole Köln in ihre Heimatstadt Bochum geflüchtet. Ihre Souterrainwohnung hat einen Wasserschaden, vorübergehend ist die Drehbuchautorin deshalb im Haus eines Freundes untergekommen (in dem im Vorgängerbuch „totgepflegt“ mehrere Personen gestorben sind, darum gibt es „gute Sofas“ und „böse Sofas“). Und schlussendlich hat sie Liebeskummer, denn ihr Ex, Kölner Starfotograf – von Maggie nur „der Knipser“ genannt -, hat ihr das Herz gebrochen.

So liegt sie deprimiert auf dem „guten Sofa“, löst Kreuzworträtsel und futtert Nudeln. Da kommt das Angebot, das ihr ihr Lieblingskommissar Winnie Blaschke – zu Maggies Bedauern schwul und frisch verliebt – macht, nach anfänglichem Grummeln ganz recht: Sie soll Winnies Oma Bertie zur Kur ins hessische Bad Camberg begleiten.

Das entpuppt sich als purer Horror zwischen erdrückender Fachwerkidylle und Kurgastanimation. Lichtblick nach zweieinhalb Wochen – „gefühlten zwei Jahren“ meint Maggie – ist die traditionelle Schnitzeljagd, deren Gewinnerteam ein üppiges Schnitzelessen winkt. Glückhaft ist die Diäterrunde: Oma Bertis Damengang. Doch statt des erhofften Gutscheins für die rustikale Sause findet sich in der Schatzkiste eine abgetrennte menschliche Hand. Männlich, mit gepflegten Fingernägeln.

Maggie ist zunächst überhaupt nicht an den Hintergründen interessiert. Weit aufregender ist ein unerwarteter Anruf aus Köln und die Möglichkeit, als Produzentin einer Comedyserie wieder ins Geschäft zu kommen. Doch diese Chance zerschlägt sich unter höchst dramatischen Umständen. Und nach und nach nimmt sogar Maggie wahr, dass sich die tödlicher Abgänge von Männern in ihrem Umfeld häufen. Oma Berties Damengang ist inzwischen vollständig verwitwet. Aber erst als ein alter Schulfreund ermordet wird und sie unter Verdacht gerät, wird Maggie aktiv.

Es dauert ein wenig, bis die Krimihandlung in die Gänge kommt. Doch das macht wenig, denn die Autorinnen haben eine wunderbare Beobachtungsgabe und ein – beziehungsweise zwei – Händchen für bissige Bemerkungen. Darum bringt es sehr viel Spaß, Maggie in die trügerische Kuridylle und in die Abgründe ihres Alltags- und Liebeslebens zu folgen. Und als die Handlung dann schließlich Fahrt aufnimmt, wird es rasant und furios.

Eigentlich mag ich keine witzigen Bücher – besser gesagt: Ich mag keine Bücher, die sich „witzig und humorvoll“ oder womöglich gar „Comedy“ auf ihre Fahnen und/oder die U4 geschrieben haben. Meist ist das ziemlich schmerzhaft verkrampft. Meist sind die Witze zusätzlich ziemlich ausgelaugt, da reichlich alt. Und die Verbindung aus Krimi und Comedy – fürchterliche Vorstellung.

Eigentlich. Aber dieses Buch ist wirklich eine Ausnahme. Die Autorinnen kommen wie Maggie aus der Film- und Fernsehbranche und haben ein Gefühl für perfektes Timing. Handlung wie Figuren sind in äußerst angenehmer Weise überspannt und überdreht – aber nie zu viel. Nie rutscht es ab in Slapstick und Albernheiten, auch wenn die Kurve manchmal haarscharf genommen wird. Und die Hauptfigur ist sehr sympathisch: selbstmitleidig, egozentrisch, aber auch nicht ausreichend trinkfest, peinlich und hilfsbereit (manchmal).

Der Krimiplot an sich ist nicht wirklich neu, das Konstrukt gab es so oder ähnlich schon mehrfach, aber das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Die Mincks beherrschen ihr Metier so wunderbar, dass es einfach Spaß bringt, dieses Buch zu lesen.

Kirsten Reimers

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Minck & Minck: abgemurkst
Maggie Abendroth und das gefährliche Fischen im Trüben
Droste Verlag 2008, 348 Seiten, 10,00 Euro
ISBN: 978-3-7700-1280-0

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Von der Suche nach Liebe jenseits der Dreißig

Der ehemalige Detective Frank Elder kommt auf Bitten seiner Exfrau aus seinem rauen Rückzugsort in Cornwall nach Nottingham, um nach der Schwester ihrer Freundin zu suchen. Claire Meecham ist Mitte fünfzig und insgesamt eher unauffällig: Nachdem sie die Kinder umsorgt und danach ihren Mann in seiner Krankheit gepflegt hat, lebt sie nun als Witwe sehr zurückgezogen. Keine Freunde, wenig Abwechslung. Umso unerklärlicher, dass sie plötzlich spurlos verschwunden ist. Das passt nicht zu ihr. Kein Fall für die Polizei, schließlich ist die Frau erwachsen und nichts deutet auf ein Verbrechen hin.

Elder nimmt sich des Falles an, weil er unter anderem hofft, sich in Nottingham mit seiner Tochter treffen zu können. Seit sie in einen seiner Fälle verwickelt und entführt wurde (in John Harvey: „Schrei nicht so laut“, dtv 2007), schlägt sich der Frühpensionär mit einem schlechten Gewissen herum. Ohne große Erwartungen macht er sich auf die Suche nach der verschollenen Claire. Bald schon wird deutlich, dass sie ihrer Schwester einiges verschwiegen hat. Offenbar war sie auf der Suche nach einem neuen Glück. Via Internet nahm sie Kontakte zu Männern ihres Alters auf und traf sich mit dem einen oder anderen. Ist sie also einfach mit einer neuen Liebe verreist?

Leider ist das nicht der Fall: Denn so plötzlich, wie Claire verschwand, ist sie wieder da: Vollständig bekleidet, die Haare sorgfältig gebürstet, liegt sie tot in ihrem Bett. Offenbar erwürgt und dann nahezu liebevoll in ihrem Zuhause zur Ruhe gebettet.

Elder fühlt sich an seinen ersten Fall in Nottingham erinnert. Damals war eine Frau in den Fünfzigern erdrosselt und ebenso sorgsam drapiert in ihrem Hotelzimmer gefunden worden. Hängen die Fälle zusammen? Ist es gar derselbe Täter? Ehe er sich versieht, ist Elder als Berater der örtlichen Polizei engagiert und geht gemeinsam mit seiner früheren Partnerin den Spuren nach. Unaufgeregt, ohne hektische Verfolgungsjagden oder forensischen Schnickschnack macht Elder sich auf die Suche. Er stützt sich auf Befragungen, Beobachtungen, Schlussfolgerungen.

Und er begegnet vor allem Menschen auf der Suche nach Liebe und Vertrautheit im reiferen Alter. Der Wunsch nach Glück jenseits der Jugend, nach einem erfüllten Leben ist das bestimmende Thema dieses Buches – auch Frank Elder ist davon nicht ausgenommen, auch er ist auf der Suche nach Kontakt: zu seiner Tochter und – wenn er ehrlich sein soll – auch zu seiner Exfrau. Elder trifft auf die unterschiedlichsten Lebensentwürfe – von der agilen, zufrieden alleinlebenden Rentnerin über die Beziehung, die nur noch aus Angst vor Einsamkeit aufrecht erhalten wird, bis hin zu Männern, die Nähe allein bei Prostituierten finden.

Das ist perfekt aufeinander abgestimmt – bis hin zu den Filmen, die gesehen, den Büchern, die gelesen werden. Und auch der Täter ist auf der Suche nach einem Weg aus seiner Einsamkeit. Als Leser ist man dem Ermittler einen Schritt voraus, denn es sind Rückblenden eingestreut, die schildern, wie im Jahr 1965 eine Psychologin versucht, Kontakt zu einem neunjährigen Jungen aufzubauen. Er scheint von seiner Mutter sexuell missbraucht zu werden – oder bildet er sich das nur ein?

Es ist klar: Das ist der spätere Mörder, und alle drei Verdächtige, die Elder schließlich im Auge hat, könnten die Erwachsenenversion des verhaltensgestörten Kindes sein. Das ist so hervorragend zusammengefügt, so viele Ebenen greifen so wunderbar ineinander, dass man dem Autor einen Kunstgriff (der vielleicht wirklich ironisch gemeint ist) gern verzeiht: Frank Elder kommt durch die Literatur auf die richtige Spur, ein Deus ex machina oder besser: Deus ex libro verhilft dem Ermittler zum Erfolg.

Unaufgeregt, intelligent, ohne größere Blutmengen, jenseits von Serienmörderhysterie legt Harvey mit „Schlaf nicht zu lange“ einen fast altmodischen Krimi vor (wobei der deutsche Titel ein Rätsel bleibt, im Original heißt das Buch „Darkness & Light“). Hervorragend komponiert, glaubwürdig in Plot wie Figuren von der ersten bis zur letzten Seite. Und besonders beeindruckend ist, wie respektvoll Harvey mit seinen Figuren umgeht: An keiner Stelle erhebt er sich über sie, gibt keinen von ihnen der Lächerlichkeit preis, platziert jeden Lebensentwurf gleichberechtigt neben dem anderen, so unterschiedlich sie auch sein mögen.

Dieser Roman ist der Abschluss der Trilogie um Frank Elder („Schrei nicht so laut“, dtv 2007; „Schau dich nicht um“, dtv 2007) – schade, aber auch in Ordnung so: Die wirklich guten Sachen erkennt man daran, dass sie nicht überreizt werden.

Kirsten Reimers

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John Harvey: Schlaf nicht zu lange
Deutsch von Sophie Kreutzfeld
dtv 2008, 232 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-423-21064-5

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