Archiv für den Monat: April 2012

Eine leichtfüßige Gratwanderung zwischen Surrealem und Handfesten

Ein Geisterheer in der Normandie

Fred Vargas ist die meistgelesenste Krimiautorin Frankreichs, und nicht nur dort wird sie geliebt: In mehr als vierzig Sprachen wurden ihre Werke übersetzt. Auch bei uns erstürmen ihre Kriminal-romane regelmäßig die Bestsellerlisten. Ihr Krimi »Fliehe weit und schnell« wurde 2004 mit dem Deutschen Krimipreis (Kategorie international) ausgezeichnet, im gleichen Jahr errang »Der vierzehnte Stein« den dritten Platz der Jahres-Bestenliste der Krimi-Welt. Seit kurzem liegt Fred Vargas aktuellster Roman auf Deutsch vor: »Die Nacht des Zorns«. Es ist der siebte Kriminalroman mit Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg.

Ein Gespür für Untertöne und verborgene Zusammenhänge

Wer einen Krimi von Fred Vargas aufschlägt, stellt schnell fest, dass er eine eigene Welt betritt. Hochtechnisierte Ermit- tlungsmethoden à la CSI sucht man hier ebenso vergeblich wie Action-geladene Verfolgungsjagden. Kommissar Adamsberg ermittelt vollkommen anders: Er geht assoziativ vor, mit einem feinen Gespür für Untertöne und Zusammenhänge, die anderen entgehen – dabei ist er stur, eigensinnig und ohne größeren Pragmatismus.

Unterstützt wird der Chef der Pariser Brigade criminelle, der sich keine Namen merken kann und der mit einem »wie ertrunkenen Blick ohne Glanz noch Schärfe« durch das Leben geht, von einer Schar nicht weniger eigenwilliger Ermittler: Sein Stellvertreter Danglard hat nicht nur ein großes Alko- holproblem, sondern auch ein schier unermessliches kultur- geschichtliches Wissen, aus dem er beständig und verlässlich schöpft; Adamsberg Freund und Kollege Veyrenc spricht unvermittelt in Hexametern; ein weiterer Polizist ist ein Fischexperte, ein anderer neigt zu plötzlichen Schlafattacken, und Lieutenant Violette Retancourt ist trotz ihres zarten Namens so unfassbar stark und groß, dass Adamsberg sie eine Göttin nennt.

Poetisch und skurril, aber logisch und rational

Poetisch und skurril ist die Welt, die Fred Vargas entwirft, von feiner Ironie durchzogen. Nie kippt sie ins Klamaukige, Laute oder Schrille, stets bleibt sie elegant, versponnen, mehrbödig und warmherzig mit großer Liebe zum absonderlichen Detail. Wie Fred Vargas in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt, hat Literatur in ihren Augen nicht die Aufgabe, das Leben einfach abzubilden, sondern es neu zu erfinden. Und so schafft Vargas eine Realität eigener Prägung, ein wenig surreal, verschoben und doch zwingend, denn wie Vargas im gleichen Interview ausführt: »Poesie ist dazu da, die Dinge komplizierter zu machen, aber – und das ist das Paradoxe – vielleicht versteht man sie dadurch besser.«

Doch bei aller traumartiger Verschrobenheit: Stets bleibt die Handlung glaubwürdig, und die Auflösung, die die Französin für ihre obskuren Kriminalfälle findet, folgt ganz den Gesetzen von Logik und Rationalität. Alle Fragen werden am Ende geklärt. Die duftig-beschwingte Verbindung von Surrealem und Greifbaren macht sicherlich einen großen Teil des Zaubers der Kriminalromane von Fred Vargas aus.

Dass ihr diese Gradwanderung gelingt, liegt vielleicht auch daran, dass die Autorin Wissenschaftlerin ist: Frédérique Audoin-Rouzeau, wie sie eigentlich heißt, ist Historikerin und Archäologin mit dem Spezialgebiet Archäozoologie (Schwer- punkt Mittelalter). Bis 2004 hat sie am staatlichen Forschungsinstitut CNRS, dem Centre national de la recherche scientifique, gearbeitet. Ihr erster Roman erschien 1986, bereits für ihn wählte sie ihr Pseudonym, das sich von der Figur Maria Vargas aus dem Film »Die barfüßige Gräfin« ableitet.

Die Wilde Jagd im 21. Jahrhundert

Wie schon in früheren Romanen greift Fred Vargas auch in ihrem aktuellsten Krimi einen mittelalterlichen Mythos auf: das Wütende Heer. Diese Sage verwebt Vargas mit der Struktur eines Whodunit. Die Geisterarmee ist bei uns bekannt als die Wilde Jagd, in Frankreich wird sie auch Mesnie Hellequin genannt. Sie führt Kommissar Adamsberg in die Normandie, zum Pfad von Bonneval in der Nähe des Örtchens Ordebec, wo schon 1091 ein normannischer Priester die L’Armee furieuse (so lautet auch der Originaltitel des Buches) sah und das erste schriftliche Zeugnis davon niederlegte. Der Sage nach reißt die Wilde Jagd Menschen mit sich, die Schuld auf sich geladen haben. Lina, eine junge Frau aus Ordebec, erkennt in einer Vision, wie die Mesnie Hellequin vier Dorfbewohner verschleppt. Drei von ihnen kann Lina mit Namen benennen. Als der Erste von ihnen stirbt, ist der Aufruhr und die Beunruhigung in Ordebec groß, denn laut Überlieferung kann man sich von seiner Schuld befreien und dem Wilden Heer entkommen, indem man einen der anderen »Ergriffenen« tötet. Wer ist also verantwortlich für den ersten Mord, dem weitere folgen sollen: der Seigneur Hellequin? Oder gibt es ganz handfeste Motive und einen vollkommen unmythischen Täter?

Kirsten Reimers

Fred Vargas: Die Nacht des Zorns
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze
Aufbau 2012
geb., 453 Seiten, 22,99 Euro
ISBN 978-3-351-03380-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch-Download (hier klicken)

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Frankfurter Neuen Presse.


Die Abwesenheit von Leidenschaft

Eine kaleidoskopartige Reflektion

Ein namenloser Kriminalermittler erhält kurz vor seiner Pensionierung einen alten Fall aufgedrückt. Auf diese Weise soll er aus dem Weg sein und ohne großes Aufheben in den Ruhestand entschwin- den, vermutet er. Denn eigentlich ist der Fall schon längst geklärt, wegen eines Verfahrensfehlers kam der Verdächtige zwar wieder frei, doch inzwischen ist er schon seit Jahren tot. Der unauffällige und zurückhaltende Polizist – »Ich habe mich nie gedrückt, aber auch nie verausgabt«, sagt er von sich selbst – ermittelt so erstmals ohne die gewohnte Struktur, ohne Zwang und ohne Druck, und verliert darüber nach und nach den Halt. Er über- schreitet Grenzen, beginnt zu ahnen, was Leben bedeutet, und rutscht – nach kurzem Aufblühen – weg.

Dieser Roman ist definitiv kein Krimi. Zwar gibt es den Mord von vor dreißig Jahren, den Ermittler, der ihn wieder aufrollt, und die Andeutung, dass es sich damals tatsächlich vollkommen anders verhielt, als die Kriminalpolizei vermutete. Aber das ist nicht wichtig. Das ist nur der Aufhänger für diese kaleidoskopartige Reflektion über das Verhältnis von Leben und Mord, über Lebendigkeit und die Abwesenheit von Leidenschaft. Die Geschichte ist konsequent nur aus Sicht des ältlichen Polizisten erzählt. Er springt von Thema zu Thema, achtet auf keine Chronologie, spricht mal den Leser, mal seinen Vorgesetzten oder auch jemand völlig Indifferenten an und wechselt das Tempus von Abschnitt zu Abschnitt. Eigentlich soll er einen Bericht für seine Dienststelle schreiben, doch das Ergebnis gleicht weit eher Tagebuchaufzeichnungen ohne zeitliche Verankerung.

Eingehens entschuldigt sich der Erzähler für dieses Vorgehen, sagt, er schriebe einfach alles herunter, wie es ihm einfiele, ohne dies später noch einmal korrigieren – aber das ist natürlich nicht der Fall. Der Roman ist äußert bewusst geformt. Es ist die Geschichte einer Grenzüberschreitung und der Auflösung des Ichs. Am Ende ist nicht mehr klar, wo Wahn und Wirklichkeit zu trennen sind, ob sie je zu trennen waren. Boogs namenloser Polizist versucht, sich in den Mörder einzufühlen – so lautet der Originaltitel auch viel treffender »Ik begrijp de moordenaar«, »Ich verstehe den Mörder« –, der Mörder, der für ihn der einzig vollkommene Mensch ist, und verliert sich darüber selbst.

Boogs Roman ist durchaus faszinierend und merkwürdig, sprachlich gut geformt, aber ihm fehlt der Mut zur letzten Konsequenz. Das macht ihn dann im Rückblick leider ein wenig banal.

Kirsten Reimers

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Mark Boog: Mein letzter Mord
(Ik begrijp de moordenaar, 2009)
Aus dem Niederländischen von Matthias Müller
Dumont 2012
geb., 158 Seiten, 18,99 Euro
ISBN 978-3-8321-9596-0
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Rezension ist zuerst erschienen im CrimeMag


Von abgebrühter Dreistigkeit und poetischer Skurrilität

Hintergründig und bemerkenswert

Oliver Harris legt mit »London Killing« ein wunderbar abgebrühtes und unverfrorenes Debüt vor. Seine Hauptfigur Detective Constable Nick Belsey ist am Ende: Nach Jahren der Spielsucht und einem ausgewachsenen Alkoholproblem ist er nun so bankrott, dass er selbst aus seiner heruntergekommenen Unterkunft geworfen wird. Die Dienstaufsicht ist ihm auf den Fersen, und eigentlich ist er vom Polizeidienst suspendiert. Als die Meldung hereinkommt, dass ein russischer Milliardär vermisst wird, sieht Belsey seine Chance gekommen: Er nimmt die Identität des Vermissten an, schläft in dessen Haus und versucht, die Konten des russischen Oligarchen zu plündern, um sich ins Ausland abzusetzen. Allerdings muss er feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der sich mit dem verschwundenen Milliardär beschäftigt. Und die Gegenseite ist weitaus skrupelloser als er.

Harris schreibt schön schnoddrig, schnell und frech mit einer guten Portion schwarzer Selbstironie. In knappen, verdichteten Bildern lässt er aussagekräftige Szenen entstehen. Seine Hauptfigur ist zwar strikt auf den eigenen Vorteil bedacht, aber nicht korrupt – im Gegensatz zu diversen anderen Polizisten in seiner Umgebung. Und Belsey – bei weitem kein charmantes Schlitzohr – nimmt nur Geld von Leuten, denen es nicht wehtut, weil sie genug davon haben. Darin wirkt er fast naiv im Vergleich zu seinen Gegenspielern, die keinerlei Rücksicht kennen. Im eiskalten Haifischbecken des internationalen Finanzplatzes London ist Belsey nur ein kleiner, aber ziemlich dreister Fisch. Ein erstaunliches und spannendes Debüt und ein wenig schmeichelhaftes Porträt der Finanzbranche und ihrer Triebfedern.

Schaurige Zukunftsvision

Arne Dahls neuer Thriller »Gier« ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu Harris’ Debüt. Zwar gibt es auch hier korrupte Polizisten und Verbrechen im großen, internationalen Stil – aber nicht innerhalb der ermittelnden Gruppe. Bei ihr handelt es sich um eine blitzsaubere und äußerst engagierte Einheit bei Europol, die probeweise und im Geheimen operativ tätig wird (bislang ist Europol in erster Linie koordinierend tätig). Dabei erhält sie Unterstützung von allen euro- päischen Ländern. Entsprechend international ist sie bestückt, zudem geschlechtermäßig bewusst paritätisch besetzt. Arne Dahl hat in dieser Gruppe außerdem mehrere Mitglieder seines A-Teams, seiner bisherigen Ermittlereinheit, untergebracht.

Ganz anders als bei Harris geht es hier politisch sehr korrekt und – wie in vielen skandinavischen Krimis – etwas hölzern-pädagogisch zu. Neu und anders aber ist das Verbrechen: ein hochkomplexer Fall, der den gesamten Erdball umspannt, ohne dass die Hintermänner wirklich greifbar sind. Eine schaurige Zukunftsversion der global aktiven organisierten Kriminalität, die umso bedrohlicher wird, da legales und illegales Handeln auf nur schwer zu entwirrende Weise ineinandergreifen.

Gruseliger Mythos

Komplex ist auch das Geschehen in Fred Vargas’ neuen Roman »Die Nacht des Zorns«, vor allem aber ist es mehrbödig. Erneut greift Vargas ein Sagenthema auf, das sie in die Gegenwart einbindet: das Wütende Heer, hierzulande auch bekannt als die Wilde Jagd, in Frankreich auch Mesnie Hellequin genannt. Sie führt Kommissar Adamsberg in die Normandie, zum Pfad von Bonneval, wo schon 1091 ein normannischer Priester die L’Armée furieuse (so auch der Originaltitel des Buches) sah und das erste schriftliche Zeugnis davon ablegte. Der Sage nach reißt die Wilde Jagd Menschen mit sich, die Schuld auf sich geladen haben. Lina, eine junge Frau aus dem Örtchen Ordebec, erkennt in einer Vision, wie die Mesnie Hellequin vier Dorfbewohner verschleppt. Drei von ihnen kann Lina mit Namen benennen. Als der Erste von ihnen stirbt, ist die Aufregung in Ordebec groß, denn laut Überlieferung kann man sich von seiner Schuld befreien und dem Wilden Heer entkommen, indem man einen der anderen »Ergriffenen« tötet. Wer ist nun verantwortlich für den ersten Mord, dem weitere folgen sollen: der Seigneur Hellequin oder gibt es ganz handfeste Motive und einen vollkommen unmythischen Täter?

Erneut gelingt es Fred Vargas, eine etwas verschobene, leicht surreale Welt zu kreieren, die von absonderlichen, immer etwas überzeichneten Figuren bevölkert wird, durchzogen von feiner Ironie und beschwingter Leichtigkeit. Das verleiht ihren Büchern etwas wundervoll schwebend Unwirkliches, ohne dass sie an Glaubwürdigkeit verlieren.

Kirsten Reimers

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Oliver Harris: London Killing
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
geb., 480 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-89667-438-8
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Arne Dahl: Gier
Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg
Piper 2012
brosch., 506 Seiten, 16,99 Euro
ISBN 978-3-492-05305-1
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Fred Vargas: Die Nacht des Zorns
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze
Aufbau 2012
geb., 453 Seiten, 22,99 Euro
ISBN 978-3-351-03380-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch-Download (hier klicken)

Diese Besprechung ist zuerst erschienen in der Frankfurter Neuen Presse.