Archiv für den Monat: Juli 2010

Sittengemälde mit Massaker

Elend, Verwahrlosung und die Folgen der Reaganomics: wirtschaftlich, gesellschaftlich, psychisch, ethisch

Weil ihr die Flucht gelang, ist Libby Day die einzige Überlebende eines Familienmassakers auf einer heruntergekommenen Farm im US-Bundesstaat Kansas. Als Täter wurde ihr Bruder Ben verurteilt. Offenbar hatte er sich Satanisten angeschlossen und in einem Blutrausch in einer Januarnacht im Jahr 1985 seine beiden kleinen Schwestern erwürgt und mit einer Axt erschlagen, die Mutter erstochen, erschlagen und erschos- sen.

Das war vor 25 Jahren. Damals war Libby sieben Jahre alt. Nach der Tat wuchs sie bei einer Tante und verschiedenen Pflege- familien auf, psychisch stark gestört und fest überzeugt, dass Ben ihr alles genommen hat. All die Jahre hat sie von ihrem Opferstatus gelebt: Damals waren reichlich Spenden geflossen, die gut angelegt wurden, sodass Libby nie einen Beruf erlernt hat, ja sich nicht einmal vorstellen kann, jeden Morgen aufzustehen, um einer geregelten Arbeit nachzugehen. Doch damit ist es nun vorbei, der Geld ist aufgebraucht, und die spendenfreudige Öffentlichkeit hat sich längst anderen Opfern zugewendet.

Deshalb greift Libby zu, als ihr Geld dafür geboten wird, mit Menschen zu sprechen, die sich für ihren Fall interessieren. Libby muss erkennen, dass es regelrechte Fanklubs gibt, der sich mit dem Massaker an ihrer Familie (und noch vielen weiteren strittigen Fällen) beschäftigen. Und für viele Mitglieder »ihres« »Kill Clubs« ist nicht Ben der Täter, ganz im Gegenteil: Sie werfen Libby vor, bei ihrer Zeugenaussage gelogen und so ihren Bruder unschuldig lebenslang ins Gefängnis gebracht zu haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben erfährt Libby von Beweismitteln, die beim Prozess nicht berücksichtigt wurden, und von Hinweisen, die ganz andere Schlüsse zulassen.

Verarmung im Mittleren Westen

Langsam und sehr unwillig beginnt Libby, sich zum ersten Mal seit 25 Jahren mit jener Nacht und mit ihren furchteinflößenden Erinnerungen – den finsteren Orten – zu beschäftigen. Sie lässt sich vom »Kill Club« bezahlen, um mit Zeugen von damals zu sprechen, und entdeckt, dass eine ganze Menge nicht so war oder ist, wie sie es bislang geglaubt hat.

Libby ist kein besonders netter Mensch. Sie manipuliert andere und nutzt sie aus, sie ist egozentrisch, stiehlt und lügt. Eine fiese kleine Zecke. Zum einen ist das glaubwürdig – kein Mensch, der so etwas durchgemacht hat, könnte ein annähernd normales Leben führen -, und zum anderen sind ihre Kommentare wunderbar boshaft, zynisch und treffend. Überhaupt kommt hier kein Mensch wirklich gut weg. In Gillian Flynns Buch macht Armut nicht ehrbar, sondern neidisch und gierig; aber auch Vermögen ist hier kein Garant für Glück, und emotionale Vernachlässigung ist durch Geld nicht auszugleichen. Das ist alles nicht neu, aber doch gut gezeichnet.

Hintergrund für »Finstere Orte« (im Original »Dark Places«, 2009) ist die Verarmung der Farmer im Mittleren Westen in der gnadenlosen Reagan-Ära. Am Schluss saßen sie da mit zu viel Land, das niemand mehr haben wollte, und zu wenig Geld, um daraus etwas zu machen. Die Folge: zahllose zerstörte Existenzen, Verelendung und obendrauf noch die Verachtung vonseiten derer, die glimpflicher davongekommen waren. Libbys Familie gehörte zu denen, die alles verloren hatten.

Überleben, irgendwie

Flynn erzählt die Geschichte aus mehreren Perspektiven: In der Gegenwart berichtet Libby in Ich-Form von ihren Nachforschungen; dazu treten aus der Sicht Bens und der Mutter die Ereignisse jenes Tages, der mit dem Tod von drei Menschen endete. Wie bei einem Puzzle kommen so Stückchen für Stückchen Informationen zusammen, die erst am Ende das vollständige Bild freigeben. Flynn geht dabei nicht besonders reißerisch und blutig vor. Sie konzentriert sich in erster Linie auf die Versuche dieser drei Personen, irgendwie mit dem zurechtzukommen, was sich Leben nennt. Und das ist bei allen dreien wahrlich nicht sonnig. Harsch und ohne Beschönigung schildert Flynn Elend, Verwahrlosung und die Folgen. Am Ende wird darum auch nichts wirklich gut – wie könnte es das, nach dieser Vorgeschichte -, aber etwas verändert sich.

Gillian Flynn nimmt für sich einen Gonzo-feministischen Ansatz in Anspruch, aber ob da etwas dran ist, sei mal dahingestellt, allein Unverfrorenheit und selbstbewusste Frauencharaktere sind vielleicht etwas zu wenig. Schade ist auf jeden Fall der schludrige Stil der Übersetzung, denn dabei geht die bewusste Schnoddrigkeit des Textes in ungelenken Wendungen unter.

Kirsten Reimers

Gillian Flynn: Finstere Orte
Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Strüh
Scherz 2010
geb., 327 Seiten, 16,95 Euro
ISBN 978-3-502-10095-9
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Hexenjagd im 21. Jahrhundert

Religiöser Fanatismus im Zeitalter der Massenmedien

Betty und Robin Thorogood haben eine ausgemusterte Kirche in der Nähe des Dörfchens Old Hindwell an der walisisch-englischen Grenze gekauft. Diese Kirche ist eine von fünfen, die dem Erzengel Michael geweiht sind und – laut einer alten Legende – das Böse in Gestalt eines Drachen eindämmen, der im Radnor Forest lauert. Diese Kirchen bilden einen Kreis oder in anderer Lesart ein auf dem Kopf stehendes Pentagramm. Das Ganze wäre völlig unerheblich, würde nicht in Old Hindwell Pfarrer Nicolas Ellis – genannt »Vater Ellis« – im Stile US-amerikanischer Massenprediger des Bible Belt seine Schäfchen zu Erweckungsgottesdiensten rufen und wären nicht Betty und Robin praktizierende Anhänger von Wicca. Als dies durch einen Zufall bekannt wird, schlagen die Wellen der fundamentalistischen christlichen Empörung hoch. Um ihre jeweiligen konfessionellen Lager zu unterstützen, reisen sowohl Wiccarianer als auch Christen in das walisische Grenzgebiet.

Die Lage spitzt sich zu, als zu Mariä Lichtmess die Wiccarianer sich anschicken, Imbolg, eines ihrer bedeutendsten Feste, in der ehemaligen Kirche zu begehen. Vater Ellis ruft daraufhin zu einem regelrechten Kreuzzug gegen die Heiden auf: Der Drache darf nicht erwachen. Die Presse schlachtet die Situation aus und gießt durch reißerische Berichterstattung reichlich Öl ins Feuer. Ein Rückfall ins finsterste Mittelalter scheint unausweichlich.

Merrily Watkins, die »Beraterin für spirituelle Grenzfragen« – kurz: Exorzistin – der Diözese Hereford stößt zunächst durch einen Zufall auf den Konflikt in Old Hindwell und wird schließlich vom Interrimsbischof gebeten, Vater Ellis etwas zu bremsen. Wie sie feststellen muss, überschreitet der in mehr als einer Hinsicht ethische Grenzen. Aber auch auf der Seite der Wiccarianer findet sich mit Ned Bain ein begnadeter Charismatiker, der zu vielem, viel zu vielem, bereit ist.

Eine Atmosphäre des Ungewissen, Uneindeutigen, Paranoiden

Religiöser Fanatismus, Manipulation von Menschengruppen, Massenmedien auf der Suche nach Sensationen, die die niedersten menschlichen Triebe bedienen, und das Grauen, das sich hinter den wohlanständigen Fassaden eines kuscheligen Dorfes verbirgt – Phil Rickman beschwört auch in seinem dritten Roman um Merrily Watkins, »Die fünfte Kirche« (im Original »A Crown of Lights« von 2001), eine Atmosphäre des Ungewissen, Uneindeutigen, Paranoiden herauf. Ob hier Übersinnliches im Spiel ist, ob das Böse vor den Toren von Old Hindwell lauert oder ob es nicht ganz handfest in den Menschen zu finden ist in Form von Fanatismus und Gier – jede Antwort ist möglich. Das macht den Reiz der intelligenten Gothic Novells (Frau Heiland, herzlichen Dank für diese notwendige Richtigstellung!) von Rickman aus.

Der Autor stellt verschiedene Weltdeutungssysteme gegeneinander, ohne einem den Vorzug zu geben. Was wahr ist oder gar real, wer weiß das schon. Im Grunde sind Rickmans Bücher philosophische Auseinandersetzungen über die Letzten Dinge – doch so verkopft lesen sie sich weiß Gott oder wer auch immer nicht. Im Gegenteil, in ihrer ruhigen Art verfügen sie über ein hohes Maß an intelligenter Spannung, das aus der handfesten Konfrontation von unterschiedlichen Lebenswelten resultiert. Und dazu kommt etwas, das sich nicht wirklich fassen lässt und das einem ganz behutsam, aber doch nachhaltig den Boden unter den Füßen der eigenen Gewissheiten wegzuziehen vermag.

Kirsten Reimers

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Phil Rickman: Die fünfte Kirche
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
Rowohlt 2010
Tb., 559 Seiten, 9,95 Euro
ISBN 978-3-499-24907-5


Schlachtplatte mit Beilage

Serienkillerjagd angereichert mit juristischen Aspekten

Als Elaine von ihrer Mutter vermisst gemeldet wird, ist das 13-jährige Mädchen schon seit fast zwei Tagen verschwunden. Da die Familienverhältnisse instabil sind und Elaines ältere Schwester schon mehrfach ausgerissen ist, geht die Polizei zunächst davon aus, dass auch Lainey, wie das Mädchen genannt wird, lediglich bei einer Freundin untergetaucht ist und bald wieder nach Hause zurückkehrt. Dass Bobby Dees vom Crimes Against Children Squad, dem Dezernat für Verbrechen an Kindern, hinzugerufen wird, ist eine reine Formsache, denn Hinweise auf eine Straftat gibt es nicht. Nur ein ungutes Gefühl – und allein aus diesem Grund gräbt Dees ein wenig tiefer. Tatsächlich stößt er auch auf Ungereimtheiten, und wenig später wird es mit Macht offensichtlich: In Miami und Umgebung geht ein Serienmörder um, der es offenbar auf junge Ausreißerinnen abgesehen hat (im Original heißt das Buch »Pretty Little Things«, erschienen 2010).

Jetzt einfach zu sagen, dass alles Nachfolgende die sattsam bekannte Serienkillerjagd mit hilfreichen Hinweisen des medienversessenen Täters ist, wird dem Buch nicht gerecht. Natürlich passiert dies nun durchaus, aber Jilliane Hoffman richtet keine einfach strukturierte Schlachtplatte an. Das Blut ist bereits geronnen, und die grausam zugerichteten Leichen müssen etwas beiseite rücken, um noch anderen Aspekten Platz zu machen.

Denn Jilliane Hoffman war lange Jahre Staatsanwältin in Florida und unterrichtete außerdem im Auftrag des Bundesstaates die Spezialeinheiten der Polizei in allen juristischen Belangen. Deshalb nehmen straf- und prozessrechtliche Fragen in ihren Romanen immer einen gewissen Raum ein. So auch diesmal: Souverän eingebettet in die Handlung beschreibt Hoffman, wie die Ermittlungsbehörden vorgehen, sobald ein Kind vermisst wird, welche Aktionen ihnen erlaubt sind und welche nicht, und warum zum Beispiel nicht sofort in jedem Fall ein »Amber-Alarm«, ein Großeinsatz mit intensivem Einbezug der Medien, ausgelöst wird.

Klarer Blick, vom Blut verschleiert

Mit ihrem diesmaligen Ermittler Bobby Dees nimmt die Autorin zudem die betroffenen Eltern in den Blick, denn Dees‘ Tochter im Teenagealter verschwand vor einem Jahr. Seitdem leben die Eltern im Ungewissen, schwankend zwischen Verzweiflung und Hoffnung, während die Ehe darüber zerbricht. Überhaupt schaut Hoffman genau hin und zeigt die psychische Belastung der Ermittler, die Sensationsmache der Presse, die unterschiedlichen Wege der Eltern, mit dem Verlust und der vollkommenen Hilflosigkeit umzugehen.

Klar, eine Handlung, so wahrscheinlich wie das Jüngste Gericht. Aber angesichts dieses klaren Blicks ist es regelrecht schade, dass Jilliane Hoffman ihre Bücher mit grausamen Morden aufmotzt. Denn all die Fragen, die sie am Rande aufwirft, und all die Figuren fern vom Klischee verlieren an Gewicht, sobald die nächste Leiche um des Effekts willen dramatisch inszeniert wird.

Kirsten Reimers

Jilliane Hoffman: Mädchenfänger
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Wunderlich 2010
geb., 459 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-8052-0892-5
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