Archiv für den Monat: Juli 2014

Der falsche Maßstab

Mit »Killmousky« hat Sibylle Lewitscharoff ihren ersten Krimi vorgelegt. Einen, in dem ein gutmütiger Ex-Kommissar mit ein paar liebenswerten Macken und ein schwarzer Kater – eben: Killmousky – vorkommen. Ein Krimi zum Schmunzeln. Mit Katze. Da kann doch gar nichts schiefgehen, oder? Da sind doch alle wichtigen Zutaten eines Krimis drin, nicht wahr? Zumindest aus Marke- tingsicht ist der Krimi auf der sicheren Seite.

Natürlich kann man bei der Beurteilung dieses Krimis »die Latte etwas tiefer hängen«, wie Literaturkritikerin Iris Radisch meint – aber warum sollte man? Warum sollte man andere Maßstäbe anlegen als an die übrigen Romane von Sibylle Lewitscharoff? Oder als an gute Kriminalromane? Denn dass es die gibt: gute, literarisch wie intellektuell anspruchsvolle Krimis, die die Realität einfangen und hinterfragen – dass es solche Kriminalromane gibt, ist keine Frage. Da muss man gar nicht Dostojewskis »Schuld und Sühne« (was im Übrigen kein Kriminalroman ist) oder Dürrenmatts »Der Richter und sein Henker« (wirklich ein Krimi?) heranziehen. Ein Blick auf die aktuelle KrimiZeit-Bestenliste genügt.

Es gibt natürlich schlechte Krimis, grottenschlechte. Aber es gibt auch schlechte Romane, enorm schlechte. Aber muss man darum am unteren Rand orientieren? Warum keinen guten Krimi scheiben?

Schablonen und fruchtlose Anspielungen

Handwerklich ist der Krimi von Sibylle Lewitscharoff etwas dürftig. Die Figuren kommen kaum aus ihren Schablonen heraus: der reiche, autoritäre amerikanische Auftraggeber, alt und verbittert, seine älteste Tochter schön und eiskalt, mit Alkoholproblemen, die jüngste Tochter verhuscht und ungeliebt, jetzt tot, der viel zu attraktive Schwiegersohn, der nur ein Heiratsschwindler sein kann und darum Mörder sein muss, der Detektiv rechtschaffen, aus kleinen Verhältnissen und mit Kindheitsrauma. Diverse Nebenfiguren tragen etwas gewollte Namen (Dorothy Parker, Wolpertinger, Wirsing – und sollte Larson vielleicht ein Fingerzeig auf Larsson sein?), die Anspielungen auf Raymond Chandlers »The Big Sleep« bleiben ohne inhaltliche oder konzeptionelle Verankerung – mehr so was fürs Quiz im Oberseminar: Wer entdeckt die meisten Zitate?

Der Plot ist bescheiden und vorhersehbar, naheliegende Fragen werden nicht gestellt, Offensichtlichkeiten erst sehr spät thematisiert – sonst wäre nämlich alles schon nach rund 100 Seiten vorbei gewesen. Der Fortgang ist behäbig. Und sprachlich – nun ja: Gespreiztheiten, Phrasen, Geschwätzigkeiten. Besonders Geschwätzigkeiten. Gern wird geschildert, was die Figuren frühstücken. Oder wie das Hotel ausgestattet ist. Das bringt weder die Handlung voran, noch charakterisiert es die Personen oder gibt die Atmosphäre wieder. Diese Passagen kreisen allein um sich selbst, sie sind reine Dekoration in gespreizter Diktion.

Im Sozialzoo

Die Aufklärung des Falles hat wenig mit Ermittlungen oder Logik zu tun, sondern geschieht durch Zufall. Überhaupt: der »Fall«: Wurde die verhuschte, ungeliebte Tochter umgebracht oder hat sie Selbstmord begangen? Warum Schlaftabletten und ein Sturz von der Dachterrasse? Wie eine Figur im Roman zu recht feststellt: »Mir erscheint das ganze Todesmanöver ziemlich dick aufgetragen.«
Mir auch.

Mir scheint der ganze Krimi zu dick aufgetragen, besonders die Oberflächenabdeckung ist reichlich. Denn darunter ist es mager. Im Interview mit Denis Scheck in der Sendung »Druckfrisch« vom 4. Mai 2014, erklärte Sibylle Lewitscharoff, es gehe in ihrem Krimi stark um »das Soziale«, sie habe »verschiedene Soziallagen« »einfangen« wollen: Alte, Reiche, Sekretärinnen. »Einfangen« trifft es ganz gut: Man fühlt sich beim Lesen, als würde die Autorin einen durch einen Sozialzoo führen: Hier die Reichen, dort die Alten, und schau, die Sekretärinnen – wie eigentümlich sie sind. Sibylle Lewitscharoff malt soziale Milieus, doch diese spielen keine tragende Rolle. Auch sie sind nur Dekoration. Wie soziale Fragen in Kriminalromane eingehen und die Handlung motivieren können – dazu gibt es schon auf mäßigem Kriminiveau ganz hervorragende Beispiele. »Killmousky« aber gehört nicht dazu.

Fehlender Mut, fehlende Trennschärfe

Alles in allem ist dies ein geschwätzig-behäbiger Krimi, der zu arg auf die Schmunzel- und Gemütlichkeitskomponente setzt: etwas für Menschen, denen schon »Derrick« zu actionlastig und intellektuell zu fordernd war.

Was nun? Sollen wir die Latte wirklich tiefer hängen, wenn wir einen Krimi vor uns haben? Gehen Krimi und Literatur nicht zusammen? Sind die Kriminalromane von Heinrich Steinfest reiner Zufall? Aber vielleicht ist es einfach so, dass Sibylle Lewitscharoff das Genre Krimi falsch verstanden hat: Zu einem guten Krimi gehören Mut und Trennschärfe, um jenseits des Mainstreams eigene Ausdrucksweisen zu finden. Wenn man sich am Mittelmaß orientiert, kann nur Mittelmaß herauskommen.

Kirsten Reimers

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Sibylle Lewitscharoff: Killmousky
Suhrkamp Verlag 2014
geb., 224 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-518-42390-5
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Diese Rezension ist zuerst erschienen auf
FaustKultur


Kampf mit inneren Dämonen

Weniger Meta, dadurch mehr Meta

Vor 37 Jahre veröffentlichte Stephen King seinen Erfolgsroman »Shining« – nun knüpft er mit »Doctor Sleep« daran an. Im Mittelpunkt von »Doctor Sleep« steht Danny Torrance, der hellsichtige fünfjährige Junge aus »Shining«, inzwischen längst erwachsen. Wie sein Vater ist Dan Alkoholiker und neigt zu jähzornigen Ausbrüchen; der Roman zeigt seinen Absturz und den mühsamen Weg des Trockenwerdens und -bleibens. Seine Gabe, das »Shining«, ist ihm erhalten geblieben, heute nutzt er sie, um die Bewohner eines Hospizes beim Übertritt in den Tod zu begleiten. Diese Tätigkeit brachte ihm den Beinamen »Doctor Sleep« ein.

Im Mittelpunkt von Stephen Kings Roman steht weniger die Auseinandersetzung mit metaphysischen Kräften. Die gibt es auch, klar, doch sind die Horroranteile deutlich zurückgenommen. Sie bestehen aus einer Gruppe Untoter, die in Wohnmobilen durch die USA reisen, um Kinder mit der Gabe des »Shining«, der Hellsichtigkeit, zu töten und ihre Kraft, von der Gruppe als »Steam« bezeichnet, aufzusaugen. In ihr Visier gerät die 12-jährige Abra, die sich hilfesuchend an Dan Torrance wendet.

Deutlich wichtiger als der Kampf gegen äußere Bösewichte ist in »Doctor Sleep« die Auseinandersetzung mit inneren Dämonen – der Alkoholsucht, der überbordenden Wut, der Gewalt. Dadurch wird das Buch persönlicher und auch eindringlicher als Kings bisherige Romane. Der Horror hat eine vollkommen andere Dimension erhalten: die des Alltags – was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass King diesmal nicht so arg versucht, dem Bösen eine Gestalt zu geben.

Kirsten Reimers

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Stephen King: Doctor Sleep
(Doctor Sleep, 2013)
Aus dem Amerikanischen
von Bernhard Kleinschmidt
Heyne 2013
Hc, 704 Seiten, 22,99 Euro
ISBN 978-3-453-26855-5
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Wenn Korruption und Lüge regieren

Intelligente Spannung und drei neue Romane

Weil sie herausfinden will, was mit ihrer Freundin Jooly geschehen ist, reist Maria Brecht nach Haiti – angetrieben von einem schlechten Gewissen, weil sie ihre ehemals beste Freundin vor ein paar Monaten unschön abgewimmelt hatte, und im Auftrag von Joolys Vater. Auf das, was sie auf Haiti erwartet, ist Maria nicht vorbereitet. Vier Jahre nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 hat sich das Land immer noch nicht von der Katastrophe erholt. Städte und Dörfer liegen in Trümmern, die hygienischen Zustände sind unhaltbar, die medizinische Versorgung unzureichend. In Kürze beginnt die Regenzeit, und der Ausbruch von Seuchen ist absehbar. Es gibt zwar zahllose Entwicklungshilfeprojekte, doch die gehen an den tatsächlichen Erfordernissen vorbei, Gelder versickern, die Politik ist gesteuert von ausländischen Interessen und Korruption.

Wer in dieses Land kommt, hat eigene Interessen im Blick: Entweder geht es um Bereicherung, Machtzuwachs oder darum, sich von einer Schuld reinzuwaschen. Kai Hensel beschreibt in seinem Kriminalroman »Sonnentau« die zynische Verquickung unterschiedlichster Intentionen. Vordergründig wird Hilfe versprochen, doch letztlich verfolgen alle Beteiligten ihre eigenen Vorteile, was zu Lasten der einfachen Bevölkerung Haitis geht – eines der ärmsten Länder der westlichen Welt. »Sonnentau« ist ein engagierter Kriminalroman, der einfache Antworten vermeidet und keine Lösungen bietet, aber doch eine klare Haltung einnimmt.

Manipulation und Zerstörung

Seit den Anschlägen vom 14. Februar ist New York zerstört. Die Stadt ist weitgehend entvölkert, die Stadtverwaltung, soweit vorhanden, korrupt. Was da 2/14 geschehen ist, bleibt unklar, ebenso die Gründe dafür. Der Erzähler, gleichzeitig die Hauptfigur, spricht nur vage von der oder den Valentinstag- Begebenheit(en) – wie er selbst vage bleibt. Er lebt in der New York Public Library und sortiert dort die Bücher neu. Früher war er Soldat. Heute ist er als Auftragskiller für den District Attorney tätig. Mehr ist nicht klar. Denn vermutlich wurden seine Erinnerungen manipuliert: einiges gelöscht, anderes implantiert – vielleicht. Nicht einmal seinen Namen kennt er. Er nennt sich Dewey Decimal – nach einem Ordnungssystem für Bibliotheken.

Die Hauptfigur macht es einem nicht einfach – tablettenabhängig, psychisch mehr als instabil, Moralist –, ist es aber sehr überzeugend und in sich stimmig. Als Decimal auf einen Mann angesetzt wird, der dem District Attorney ein Dorn im Auge ist, beginnt eine zwar taumelnde, aber schnelle Jagd durch die in jeder Hinsicht heruntergekommene Stadt in einer heruntergekommenen Welt.

Das Debüt von Nathan Larson, bislang vor allem bekannt als Musiker, ist düster und konsequent. Ein intelligenter Noir, sperrig und mitreißend.

Mörderischer Zweifel

Eben noch saßen drei Menschen auf dem Dach gegenüber, plötzlich sind es nur noch zwei. Lena ist sich nicht sicher, ob sie ein Verbrechen oder einen Unfall beobachtet hat oder ob sie sich etwas einbildet. Vorsichtig und unaufdringlich beginnt sie, nachzufragen und nachzuforschen. Doch kaum jemand glaubt ihr. Auch nicht ihr neuer Freund, der in dem Haus wohnt, auf dessen Dach sich der Vorfall ereignete, und dessen Nachbarin seit einiger Zeit verschwunden ist.

Ruhig und unaufgeregt beschreibt Anne Goldmann in »Lichtschacht« Lenas Suche nach der Wahrheit – abwechselnd aus Sicht der jungen Frau und der des Täters. Anne Goldmann hält dabei eine zurückhaltende Distanz zu ihren Figuren ein, die weder kühl noch desinteressiert ist, sondern unvoreingenommen beobachtend. So wird bald klar, dass Lenas Sicht der Dinge nicht die einzige bleiben muss. Das gibt dem gut geplotteten Krimi eine zusätzliche Spannung, da Gewissheiten versickern. Ein leiser, spannungsreicher und glaubwürdiger Krimi.

Kirsten Reimers

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Kai Hensel: Sonnentau
Frankfurter Verlagsanstalt 2014
kart., 444 Seiten, 17,90 Euro
ISBN 978-3-627-00205-3
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Nathan Larson: 2/14
(The Dewey Decimal System, 2011)
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
Diaphanes 2014
Tb., 255 Seiten, 17,95 Euro
ISBN 978-3-03734-654-9
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Anne Goldmann: Lichtschacht
Ariadne/Argument 2014
Tb., 284 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-86754-220-3

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in:
Frankfurter Neue Presse