Archiv für den Monat: September 2008

„Sieben Tage lang werde ich frei sein“

Sieben Tage bleiben Peter Crumb noch. Dann ist er tot. Sieben Tage, während derer für ihn keine Grenzen mehr gelten, es keine moralische Zurückhaltung mehr gibt. Mordend und prügelnd zieht er durch London, auf der Suche nach dem nächsten Opfer, nach Drogen, nach Erniedrigung. Ob man ihn erwischt, ist ihm egal, es sind ja nur noch sieben Tage, dann ist er tot.

Ohne jede Hemmung lässt Crumb seinem aufgestauten Hass auf Menschen jeglicher Couleur und Schicht Lauf – und er ist nicht allein: Mindestens eine weitere Persönlichkeit haust in ihm und treibt ihn zu immer neuen Taten an.

„Und ich spürte ihn sofort, er sprang mich an, er drang in mich ein, beängstigend und vertraut zugleich, er durchfuhr mich, zerriss mich, wrang mich aus, zwang meine müden, steifen Extremitäten auseinander, schob seine Gliedmaßen in die meinen, signalisierte mir, dass er wieder daheim sei, und gähnte.“

Für seine Exzesse lässt sich Crumb von den Schlagzeilen der Zeitungen inspirieren – „Mord“, „Meine Drogenschande“, „Tommy Cooper in Fischklops gefunden“ -, um im fortwährenden Dialog mit seinen gewaltteiligen Anteilen nach einer phantasie- und effektvollen Umsetzung zu suchen. Akribisch hält er in einer Art Tagebuch seine Taten, seine Gefühle, seine Beobachtungen fest.

Die Figur des Peter Crumb wurde in der Kritik verglichen mit Raskolnikow aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“, mit Jekyll und Hyde oder auch mit Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis „American Psycho“. Aber keiner der Vergleiche will so richtig greifen. Crumb hält sich nicht für moralisch-menschlich überlegen wie Raskolnikow, er plant nicht den perfekten Mord – es ist ihm egal, ob er gefasst wird. Und er sucht die Erniedrigung ebenso wie den Schmerz.

„Sie schlugen mich fast zu Klump. Ich weiß noch, dass ich währenddessen seltsam neben mir stand. Ich wollte, dass sie mir wehtaten, mich schlugen und traten und prügelten und bestraften, mich erniedrigten und demütigten. Und genau das taten sie. (…) Es tat zugleich weh und nicht weh. Tut weniger weh, als man denkt. Die Schmerzen sind unwichtig. Wichtig ist die Erniedrigung. (…) Als sie gingen konnte ich hören, dass die Jukebox Johnny Cash’s ‚Folsom Prisom Blues‘ spielte. Ich musste lächeln, und dann verlor ich das Bewusstsein.“

Es gibt in Crumb auch nicht die perfekte Trennung in Ehrenmann und Monster wie bei Jekyll & Hyde – er ist beides, und beides vermengt sich. Er ist nicht zwei Personen – er hat die unterschiedlichsten Anteile in sich, die in den unterschiedlichsten Mischungsverhältnissen auftreten. So kann er einer Hure besorgt raten, sich einen anderen Job zu suchen und ihr sogar Geld dafür anbieten, nachdem er sie brutal gefickt hat und bevor er sie noch brutaler zusammenschlägt. Er kann auch hoch charmant mit seinen Nachbarn plaudern („Kochen Sie gerade Tee?“, fragte ich entzückt (…)) – bevor er ihn und seine Frau ungerührt umbringt.

„Adrian starb ziemlich schnell, übertrieb die Sache allerdings maßlos. Ich hatte seine Drosselvene durchtrennt, und er verlor Unmengen an Blut. Es dauerte nur Minuten, aber er machte aus jeder Sekunde ein Drama – hustete und spuckte und … ganz ehrlich, ich hatte den Eindruck, als wollte er einen scheiß Oscar bekommen! Aber dann, echt seltsam, hörte er einfach auf und war tot, und damit hatte sich die Sache. Beth dagegen spielte viel zurückhaltender.“

Die Erzählperspektive wechselt jeweils mit den Anteilen, die gerade am Zuge sind. Mal ist Crumb entsetzt von seinen Taten, mal ist er genervt von der Restmoralität und seinen Schuldgefühlen. Aber stets hängen die Anteile zusammen:

„Mir gefror das Blut in den Adern, Janice – ich kann wirklich nicht beschreiben, welche Phantasien er hatte (…). All die Werkzeuge, all die Instrumente – seine Phantasie drehte komplett durch, das Wasser lief ihm im Mund zusammen, ja, das Wasser lief ihm im Mund zusammen – und er leckte mir die Lippen, die langsam rissig werden, und wenn ich etwas hasse, dann rissige Lippen.“

Crumb mordet nicht aus Langeweile, er ist nicht wie Patrick Bateman unbeteiligt, glatt und leer, kein Hygienefanatiker wie jener, der alles tut, um nur ja keine persönlicher Duftmarke zu verströmen. Im Gegenteil, Peter Crumb ist eng mit seinen Körperflüssigkeiten verbunden, seine Haut ist bedeckt mit Ekzemen, er achtet mit Leidenschaft auf die Beschaffenheit seines Stuhls, nässt sich ein in der U-Bahn, onaniert im Bus.

Und er ist auch innerlich beteiligt. Crumb mordet nicht aus Sinnentleerung. Vor Jahren hat er seine damals fünfjährige Tochter verloren, die Opfer einer entsetzlichen Gewalttat wurde. Crumb fühlt sich schuldig – und ist über die Jahre daran zerbrochen. Seine Ehe ist gescheitert, er hat seinen Job verloren, und nun verliert er sich selbst.

„Sieben Tage“ ist nicht einfach zu lesen, es ist eklig, es ist erschreckend – aber es ist verdammt gut geschrieben, und es ist immer wieder ziemlich witzig. Trotz allem Ekels, aller Furcht vor dem, was da noch kommen kann, gibt es Szenen und Gedankensplitter, die eine Komik in sich bergen, die einen beim Lesen einfach überrollt. Und es ist entlarvend, denn trotz allem Ekels, aller Furcht vor dem, was da noch kommen kann: Man liest weiter, notfalls nur mit einem Auge, aber die Faszination der Gewalt, die verschämte Leidenschaft für Blut, Mord und was noch alles dazugehört: Jonny Glynn packt seine Leser genau dort und hält sie fest. Und es ist ja auch das, womit wir in den Medien täglich konfrontiert werden, Schlagzeilen, die jede Tat blutrünstig ausschlachten, Fernsehberichte, die nur knapp verhehlen, dass die Filmaufnahmen von Gewalttaten auch dazu dienen, mehr Zuschauer anzulocken als die Konkurrenz.

Mord, Vergewaltigung, Leichenschändung – Crumb findet seine Anregungen in den Medien, und er gibt ihnen die Schlagzeilen zurück mit seinen Taten. In aller Konsequenz wird er ein Medienstar – nicht als Mörder, sondern als Held.

An keiner Stelle kommt während des Lesens das Gefühl auf, Glynn setzt mit seinen Blutströmen nur auf Schockeffekte – und gleichzeitig gelingt es ihm, auf eine Interpretation der Gewalttätigkeit seines Helden zu verzichten. Es gibt keine klare Moral, keine deutliche Botschaft, keinen Zeigefinger. Damit ist Glynn in seinem Debütroman ein Balanceakt gelungen, der wirklich beeindruckt und beängstigt.

Kirsten Reimers

 

Jonny Glynn: Sieben Tage
Aus dem Englischen von Hennig Ahrens
Fischer Verlag 2008, 264 Seiten, 18,90 Euro
ISBN: 978-3-10-026300-1

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Keine Hoffnung für Dreizehnjährige

Nach dem Tod der Mutter zieht die Familie der dreizehnjährigen Anita von Leeds in ein ärmliches Viertel im Südosten Londons. Was ein neuer Anfang werden sollte, führt zum endgültigen Zerbrechen der Familie: Der Vater ist vollkommen aus der Bahn geworfen und hockt nur noch hilflos trinkend vor dem Fernseher. Die beiden Zwillingsschwestern, wenig älter als Anita, stürzen sich leicht bekleidet ins Londoner Nachtleben. Der große Bruder verfügt plötzlich über Dinge, für die er eigentlich gar kein Geld hat. Und dazwischen, nein, eher daneben: Anita, isoliert, zurückgezogen, schweigsam, nach dem Tod der Mutter desorientiert und verwirrt. Und sie ist schreckliche dreizehn Jahre alt – das Alter, das wirklich das entsetzlichste, das aufwühlendste und verstörendste ist. Anita gehört zu den Kindern, die stets außerhalb stehen, in der Familie wie in der Schule. Ihre pakistanisch-britische Abstammung macht es ihr dabei nicht einfacher.

Dennoch gelingt es ihr, mit zwei weiteren Außenseitern eine Art Freundschaft zu schließen: mit dem dicken, schwarzen Denis und mit Kyle. „Denis war das Kind mit dem Förderunterricht, wie es in jeder Klasse eins gibt. Die Brille, die er aufhatte, war ein Kassengestell mit Gläsern, dick wie Autoscheinwerfer“. Kyle ist das Kind, das als verhaltensauffällig gilt: „Er war dünn wie ein Strich in der Landschaft und eins dieser Kinder, die aussehen, als würden sie nach Pisse riechen. Die Art von Kind, die keiner wahrnimmt.“ Dennoch ist Anita wie in einen Bann gezogen von Kyle, denn er schert sich nicht um das, was andere von ihm denken, ist unberechenbar, manchmal wie ein anderer Mensch, wild, aggressiv: „Seine Augen waren unglaublich. Ein blasses, fahles Grau, die Farbe von Laternenpfählen und Rinnsteinen, die Farbe des Regens – riesengroß dominierten sie sein spitzes, knochiges Gesicht.“

Das Faszinierendste an Kyle jedoch ist, dass ihn ein Geheimnis umgibt. Vor einem Jahr verschwand seine kleine Schwester Katie – mitten in der Nacht aus dem Kinderzimmer, ohne jede Spur, ohne jeden Hinweis. Dies bewegt Anita immer wieder: Was ist mit Katie geschehen? Ist sie entführt worden? Ist sie tot? Ist der Täter noch in der Nähe? Wird er wiederkommen?

Gemeinsam machen sich Kyle, Denis und Anita während des Sommers auf die Suche nach stillgelegten Minen und vergessenen Gruben unterhalb von London. Und je weiter der Sommer voranschreitet, je tiefer diese merkwürdige Freundschaft wird, desto bedrohlicher und gefährlicher wird es, denn es ist klar, dass es da noch ein Geheimnis gibt.

„Als der Sommer in jenem Jahr zu Ende ging, waren drei von uns tot.“ Mit diesen Worten, diesem ersten Satz schickt Camilla Way ihre Leser auf die staubigen glühenden Straßen Londons im heißen Sommer 1986. Geschildert wird das Geschehen aus der Perspektive Anitas, die sieben Jahre später die Ereignisse berichtet. Nicht das stylische, coole London ist es, das das junge Mädchen damals kennengelernt hat, sondern die bröckelnden Strukturen dahinter, die Schrottplätze und dreckigen Tunnel, die stinkende Themse, die glühendheißen Straßen zwischen heruntergekommenen Häusern.

Way beschwört alte Kindheitserinnerungen herauf – endlos öde Sommerferien, erfüllt von stickiger Hitze und Langeweile. Die fürchterliche Welt der Dreizehnjährigen, in der die Bedrohung durch brutale Mitschüler beklemmende Realität ist, in der es keinen Ausweg gibt, eine Welt, die von Scham und Sprachlosigkeit geprägt ist, in der Erwachsene keinen Halt mehr bieten – und es im Fall von Anita, Kyle und Dennis auch nicht können, denn die Kinder erwartet in ihren Familien nur Desinteresse und Überforderung.

Was zu einem zähen sozialpädagogischen Roman über das Aufwachsen in zerrütteten Familien hätte werden können, ist zum Glück ganz anders gelungen: Denn ohne jeden Betroffenheitsschmalz schildert Camilla Way durch die Augen ihrer Protagonistin, wie die Suche nach Kontakt, wie der Versuch, aus der Isolation auszubrechen, in eine Katastrophe führen kann. Und dies in letztlich unerwarteter Weise, sehr mitnehmend und sehr verstörend.

Kirsten Reimers

 

Camilla Way: Schwarzer Sommer
Aus dem Englischen von Gabriele Weber-Jarić
Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008, 208 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-499-24750-7

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Freche Ermittlerin im Klischeegefängnis

Eigentlich soll Lila in Bielefeld aus dem Zug steigen. Ihr Vater hat alles arrangiert: Jura-Studium, obwohl die Abinote dafür nicht reicht, ein kleines Apartment, eine sichere Karriere nach dem Staatsexamen, ganz egal wie der Abschluss ausfallen wird, denn Papa hat als Oberstaatsanwalt so seine Beziehungen. Doch Lila Ziegler muckt auf. Statt wie vorgegeben in Bielefeld verlässt sie erst in Bochum den ICE. Allein im Regen, bald ohne jeden Cent, sieht die Freiheit zunächst etwas trübe aus, doch die selbstbewusste Gewohnheitslügnerin ermogelt sich ziemlich frech einen Schlafplatz beim bärbeißigen Privatdetektiv Ben Danner und ergattert auch fix einen Job in der Kneipe im gleichen Haus beim gutmütigen Wirt Molle.

Da Lila sehr neugierig ist, findet sie sich bald als Hilfsermittlerin für Danner wieder. Der ist zur Zeit dem Tod einer jungen Schülerin auf der Spur. Die oberen Polizeiränge möchten das als Selbstmord zu den Akten legen, doch Kriminalkommissar Staschek, dessen Tochter mit dem toten Mädchen eng befreundet war, zweifelt an dieser einfachen Lösung. Darum hat er seinen Freund und Exkollegen Danner mit den Ermittlungen beauftragt. Lila, die mit ihren zwanzig Jahren ausreichend jung wirkt, wird als neue Schülerin eingeschleust und kann auch bald erste neue Erkenntnisse beitragen, die die schlichte Selbstmordthese tatsächlich zweifelhaft erscheinen lassen.

Lucie Klassens Debüt ist ein sehr frischer, mitunter sehr witziger und recht charmanter Krimi. Besonders angenehm und überzeugend ist das Figurenensemble – warmherzig gezeichnet, etwas schräg mit Ecken und Kanten. Und ganz großes Plus ist die Unverkrampftheit, mit der Klassen schreibt und ihr Personal agieren lässt. Sechzehnjährige wirken tatsächlich wie Teenager, ohne dass deren Gespräch und Verhalten in irgendeiner Form gekünstelt scheinen. Die miefige Atmosphäre eines Gymnasiums mit überalterter und resignierter Lehrerschaft ist auch prima eingefangen. Ebenso problemlos gelingt der Brückenschlag zwischen der jungen Lila und ihrer neuen Wahlfamilie, der Männerrunde Anfang vierzig aus Danner, Molle und Staschek. Und obwohl die Geschichte in Bochum spielt, ist der Regionalbezug nicht überreizt. Das ist entspannend, denn Ruhrpottkrimis gibt es schließlich schon genug.

Könnte also ein rundum toller, unbekümmerter und intelligenter Krimi sein. Doch leider gibt es ein paar Dinge, die das verhindern. Teil eines erfolgreichen deutschen Krimis muss wohl das eigenwillige, unkonventionelle Ermittlerteam mit Serienpotenzial sein. Okay, das ist hier sehr angenehm gelungen. Aber leider sind ein paar Klischees zu viel hineingemischt, die einfach stören. Warum muss es zum Beispiel eine Liebesgeschichte zwischen Lila und Danner geben? Ist es wirklich glaubhaft, dass eine selbstbewusste junge Frau, die sich gerade aus der familiären Umklammerung befreit hat, ein kuscheliges Heim bei einem Vaterersatz sucht? Eine männliche Mutter, die kocht, umsorgt und Kleidung kauft, bekommt sie gleich noch obendrauf.

Außerdem verbirgt Lila eine dunkle Seite ihrer Vergangenheit: vom Vater regelmäßig verprügelt, hat sie sich zur Rebellin entwickelt und einige recht wilde Sachen gemacht – aber diese Einschübe, Erinnerungen und Erklärungen wirken aufgesetzt und unecht. Und außerdem: Rebelliert ein Teenager nur gegen die Eltern, wenn er extreme Gewalt erfährt? Dazu kommen einige Überkonstruiertheiten, die die Lesefreude zusätzlich trüben, besonders wenn es um die Exfreundin von Danner geht, die dem damaligen Kriminalbeamten das Herz brach, weil sie mit einer Intrige auf seine Kosten Karriere machte. Natürlich ist Danner seitdem beziehungsgeschädigt, ruppig und hat nur noch häufig wechselnde, oberflächliche Affären. Damit entspricht er dem typischen Bild des einzelgängerischen Privatermittlers. Und Lila scheint zu der Frau zu werden, die sein Misstrauen heilt und ihm wieder Zuversicht in die heterosexuelle Zweierbeziehung gibt.

Gut, trotz dieser Nervigkeiten lässt sich das Buch schön runterlesen, es bringt auch Spaß und hinterlässt keine bleibenden Schäden. Das kann man nicht von jedem Krimi sagen.

Kirsten Reimers

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Lucie Klassen: Der 13. Brief
Grafit Verlag 2008, 345 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-89425-349-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

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