Archiv der Kategorie: Rezension Belletristik

Shakespeare auf kleiner Flamme

»Der Sturm« im Wasserglas

Eigentlich möchte Albert Crosetti an der Filmakademie der Universität New York studieren. Weil dem 28-Jährigen aber das Geld dafür fehlt, jobbt er in Midtown Manhattan in einem Antiquariat. Durch Zufall entdeckt er im Einband eines alten Buches mehrere Briefe. Offenbar stammen sie aus dem 17. Jahrhundert, verfasst von einem Mann namens Bracegirdle, der behauptet, im Auftrag der damaligen britischen Regierung William Shakespeare ausspioniert zu haben. Die Mehrzahl der Briefe ist chiffriert. Enthalten sie vielleicht die Berichte, die Bracegirdle seinen Auftraggebern sandte?

Auf Anraten seiner Kollegin Carolyn – seinem heimlichen Schwarm – überlässt Albert einen Brief dem Shakespeare-Experten Prof. Bulstrode. Zu einem lächerlichen Preis, wie er im Nachhinein feststellt. Denn die alten Dokumente bergen das Potenzial, die Shakespeare-Forschung von Grund auf zu revolutionieren. Und was noch entscheidender ist: Sie enthalten einen Hinweis auf ein bislang unbekanntes Theaterstück von Shakespeare, womöglich erhalten in seiner eigenen Handschrift. Dieses Manuskript – wenn es denn tatsächlich existiert – wäre das vermutlich wertvollste Schriftstück der Welt.

Eine solche potenzielle Sensation zieht natürlich Kreise: Selbst die Russenmafia ist auf einmal hinter den Briefen her, Professor Bulstrode wird zu Tode gefoltert – und Albert findet sich in Begleitung des etwas dubiosen Anwalts Jake Mishkin auf der Jagd nach weiteren Hinweisen auf dem Weg zum Manuskript.

Limbo statt Stabhochsprung

»Der Name der Rose« von Umberto Eco und »Sakrileg« beziehungsweise der »Da Vinci Code« von Dan Brown dürften im Hinterkopf des Autors Michael Gruber Quartier bezogen haben. Ist ja auch eine schöne Idee: ein intelligentes Puzzle nicht im Vatikan-, sondern im Literaturmilieu, nicht im Mittelalter, sondern im Heute spielend. Mit Eco und Brown ist eine recht ausgedehnte Niveau- und Gestaltungsspannbreite aufgezogen, dazu noch Shakespeare, der mit seiner ihm zugewiesenen Zentralstellung unweigerlich als Vergleich mitschwingt – damit ist die Messlatte auf einer Höhe eingehängt, die nicht so leicht zu überspringen ist. Gruber rauscht dementsprechend auf halber Höhe unten durch.

Seine Jagd nach dem alten Manuskript ist – trotz des ermordeten Professors – überwiegend harmlos-heiter. Manches erinnert an ein Possenspiel – der Anwalt mit seiner bühnenreifen Familie und dem eigenwilligen familiären Experiment zum Beispiel; dazu kommen ein oder zwei Femmes fatales; den Chef der Russenmafia umgibt ein Hauch Mephistopheles; schließlich noch ein paar schräge Figuren aus der Literaturbranche – und schon ist ein buntes Bühnenensemble beisammen. Da wir uns aber im 21. Jahrhundert befinden, wird der Verweis aufs Theater offenbar als nicht mehr zeitgemäß angesehen: Stattdessen gibt es Filmzitate und Hinweise auf Filmtechniken. Vielleicht fürchtet der Autor, dass Zitate aus der Theaterwelt vom heutigen Lesepublikum nicht mehr verstanden werden – oder er kennt sich selbst damit nicht aus.

Kleinbürgertum statt Mysterium

Hätte er sich mal selbst an seine Filmperspektive gehalten. Hätte er sich als Messlatte lieber »Shakespeare in Love« gewählt, als ausgerechnet auf den »Sturm« anzuspielen. Sich mit einem Meister in Sachen Vieldeutigkeit messen zu wollen – da darf man nicht auf Eindeutigkeiten herumkrabbeln. Grubers Figuren sind zwar im ersten Moment charakterlich nicht ganz klar einzuordnen – aber letztlich reicht ein zweiter Blick, um festzustellen, dass alle miteinander herzensgut sind. Keinerlei Ambivalenzen, nirgendwo. Auch der Plot, erst recht das mysteriöse Manuskript und seine Existenz lassen keinen Raum für Spekulationen. Es ist sogar vorgezeichnet, wie das unbekannte Drama zu interpretieren ist.

Nicht einmal Shakespeare selbst wird seine Uneindeutigkeit als Person und Dramatiker belassen. Was bei »Shakespeare in Love« als pure Phantasie Charme entfalten konnte, wird hier in Ernsthaftigkeit ausgebreitet: So stellt sich also Gruber den echten Shakespeare vor – bis hin zu Haushaltsführung und Religiosität. Alles, einfach alles wird ausgedeutet und vorhersehbar auf festen Boden geschubst. Komplett entzaubert. Das »Mysterium Shakespeare« (Grubers eigene Worte) zum Kleinbürger gestutzt. Spätestens da ist klar, dass sich die ganze Geschichte in Belanglosigkeit verliert. Wenn am Ende dann jeder Topf seinen Deckel findet und jedem Gerechtigkeit und Wohlstand widerfährt, ist unbezweifelbar: Hier gibt es kein Spiel, keine Doppelbödigkeit, keine Tiefe, sondern – bei aller Farbigkeit – nur mickrige Banalitäten. Nicht mal für ’ne Luftnummer hat’s gereicht.

Kirsten Reimers

Michael Gruber: Shakespeares Labyrinth
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Seeberger
Aufbau Verlag 2009
HC, 583 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-351-03233-3

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Die Grenzen des Verzeihens

Die fatalen Folgen neoliberalen Ablasshandels

Noch nicht angekommen, noch auf der Suche, in der Warteschleife. Noch nicht bereit, die Rolle des erwachsenen Kindes gegen Verantwortung und Festlegung zu tauschen. So leben die Brüder Kris und Wolf, die Freundinnen Frauke und Tamara. Alle Ende zwanzig, Anfang dreißig. In Berlin. Aber dennoch muss ja Geld hereinkommen, Gelegenheitsjobs befriedigen auf Dauer nicht. Also gründen die vier Freunde eine Agentur, die einen sehr eigenen Service anbietet.

– Könnt ihr euch vorstellen, was den Leuten da draußen fehlt? (…) Es gibt eine Sache, sagt er [Kris], die die Bosse und Macher vermissen und mit der sie überhaupt nicht klarkommen. Es gibt eine Sache, die wie ein dunkler Schatten über ihrem Leben hängt und ihnen jeden Tag in ihren Latte macchiato pinkelt. Davor schützt sie kein Reichtum (…).
Kris sieht einen nach dem anderen an. Es ist offensichtlich, dass keiner von ihnen eine Ahnung hat, wovon er spricht. Also streckt Kris ihnen seine rechte Hand entgegen. Handfläche nach oben, wie ein Angebot.
– Sie können sich nicht entschuldigen, sagt er. Und genau das werden wir ihnen anbieten. Entschuldigungen im Überfluß, zu einem verdammt guten Preis.

Rückstandslose Gefühlsbeseitigung

Die Bitte um Verzeihung. Ein gutes Gewissen für jemanden, den Schuldgefühle drücken. Ein gutes Gefühl für den, dem Unrecht widerfahren ist. Ein angemessenes Honorar für die Agentur. Klingt nach einem guten Geschäft. Eine Win-Win-Situation. Und der Job ist eine Kleinigkeit für die vier Freunde. Denn Kris und Wolf, die »Vertreter des Verzeihens«, finden immer die richtigen Worte, besonders Kris. »Vergebung kennt keine Grenzen« – so lautet das Motto der Agentur.

Sorry. Wir sorgen dafür,
dass Ihnen nichts mehr peinlich ist.
Fehltritte, Missverständnisse,
Kündigungen, Streit & Fehler.
Wir wissen, was Sie sagen sollten.
Wir wissen, was Sie hören wollen.
Professionell & diskret.

Wie verführerisch: Das schlechte Gewissen, der Druck auf dem Gemüt verschwindet gegen die Zahlung eines entsprechenden Geldbetrags. Mehr muss man nicht machen, um sich wieder besser zu fühlen. Die Agenten des Verzeihens übernehmen die Schuld – ohne innerlich beteiligt zu sein, ohne eine Verantwortung zu tragen – und entsorgen sie. Rückstandsloses Beseitigen unangenehmer Gefühle. So einfach. Und so zynisch.

Innerhalb kurzer Zeit floriert das Geschäft. Der Bedarf an Entlastung ist hoch. Schon bald können sich die vier Freunde eine alte Villa am Kleinen Wannsee leisten. Alles läuft wunderbar – bis jemand ihre Dienste in Anspruch nimmt, der eine unverzeihliche Schuld auf sich geladen hat. Er verlangt, dass die Agentur sich bei Menschen entschuldigt, die er kurz zuvor getötet hat. Indem er droht, ihren Familien etwas anzutun, zwingt er Kris, Frauke, Wolf und Tamara, die Leichen zu beseitigen. Immer tiefer verstricken sich die vier in ein komplexes Netz aus Schuld und Lügen. Immer unentrinnbarer geraten sie in etwas, dass sie nicht kontrollieren können.

Neoliberaler Ablasshandel

Zoran Drvenkar ist vor allem für seine Kinder- und Jugendbücher bekannt. Aber er schreibt auch anderes, zum Beispiel das Drehbuch zu »Knallhart«, 2006 verfilmt unter der Regie von Detlev Buck. Und nun »Sorry«. In unprätentiöser Sprache wird die komplexe Handlung aus mehreren Perspektiven geschildert. Neben mehreren personalen Erzählperspektiven gibt es ein »Ich«, ein »Du« und einen arrangierenden Erzähler. Das Geschehen spielt auf drei Zeitebenen: »davor«, »dazwischen«, »danach«. Das hätte schnell aufgesetzt und gespreizt wirken können. doch Drvenkar behält den Überblick und die Balance. Seine Figuren führt er souverän. Er lässt die unterschiedlichen Stimmen konsequent ihr Erleben schildern, dadurch klären sich nach und nach die Zusammenhänge und Sichtweisen.

Schuld oder Unschuld, gut oder böse, Täter oder Opfer – das ist in diesem Thriller nicht ganz einfach und offensichtlich verteilt. Menschen laden Schuld auf sich, indem sie handeln, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Aus Unbedachtsamkeit, aus Kurzsichtigkeit, aus Egoismus. So der Täter vor vielen Jahren, so heute die vier Freunde mit ihrer Agentur. In einer Gesellschaft, die immer mehr outsourced, in der Verantwortung auf das Selbst und das eigene Einkommen beschränkt ist, ist die Geschäftsidee der Agentur nur systemlogisch. Ebenso der nachfolgende Erfolg. Doch was es wirklich heißt, die Übernahme von Schuld gegen Geld zu versprechen – so weit hat niemand gedacht. Die moralischen Konsequenzen des Handelns, die Hybris dieses Ablasshandels, das wird hinter den lukrativen Verdienstchancen vergessen. Auch dies durchaus systemlogisch. Bis jemand einen Schritt weiterdenkt – und es passiert, was passieren muss.

Drvenkar ist mit »Sorry« einer der sehr seltenen spannenden und komplex durchdachten deutschen Thriller gelungen. Ebenso ein Beispiel, wie fatal es sein kann, die Ethik des eigenen Handelns nach der Höhe des Kontostands zu bemessen – und ein Kommentar, wie der Neoliberalismus die Werte und Maßstäbe des Einzelnen unbewusst verschieben kann.

Kirsten Reimers

Zoran Drvenkar: Sorry
Ullstein Verlag 2009
gebunden, 398 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-550-08772-1
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

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»Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!«

»Max und Moritz« fast reloaded

Bizarre Todesfälle auf einem Einödhof: Weil ihre Lieblingshühner gemein ermordet und grotesk drapiert wurden, ruft die Bäuerin eines äußerst abgelegenen Hofes einen Privatdetektiv aus der Großstadt zu Hilfe. Dieser vermutet hinter den Taten einen schlechten Scherz, nimmt aber die lange Fahrt aufgrund seines leeren Bankkontos auf sich. Auf dem Bauernhof angekommen, scheint sich sein Verdacht zu nächst zu bestätigen: Die Missetaten könnten von frechen Kindern aus dem Dorf verübt worden seien, offenbar sind die Bewohner des Einödhofs – Bauer, Bäuerin und minderjährige Tochter – in der Umgebung nicht sehr beliebt. Als jedoch der Hof durch einen erneuten Anschlag von der Außenwelt abgeschnitten wird, nimmt die Situation bedrohliche Ausmaße an, denn aus den schlechten Scherzen werden wirkliche Verbrechen, die an Gewalttätigkeit zunehmen. Ein erstes Licht ins Dunkel bringt die Entdeckung, dass der Täter sich an der Bildergeschichte »Max und Moritz« von Wilhelm Busch orientiert.

Zunächst sind Stil und Idee sehr amüsant. Der Detektiv ist in seiner Schnodderigkeit und Abgebrühtheit an die klassischen Private Eyes der Hard-boiled-School angelehnt; in zynischer Manier zieht er pointierte Vergleiche.

Die Bäuerin, meine Klientin, kämpfte in der gleichen Gewichtsklasse wie ihr Mann. Sie hatte nicht etwa zu viele Rundungen, die an den falschen Stellen saßen, sie war vielmehr ein einziges Rund. Immerhin passte sie mit dieser Figur perfekt in das sackartige Gebilde, das sie als Kleidung trug.

Das ist über weite Strecken sehr charmant, wirkt aber im Laufe der Zeit etwas gewollt, manches gar zu sehr zusammengezwungen. Die Bildergeschichte von Wilhelm Busch dient als Ideenmotor, zudem wird sie zur Veranschaulichung der Theorie des Detektivs samt dazugehörigen Zeichnungen erzählt. Eine spannende Kombination, die zunächst gut funktioniert. Das Ergebnis ist eine aktuelle und sehr genaue Lesart der alten Geschichte.

Aber als es auf die Motivation der Taten und die Entlarvung des Täters zuläuft, wird es schwierig. Was bei Busch durch Überzeichnung ins Humorvoll-Groteske verschoben wird, schlägt bei Rauch ungemildert durch – der lockere Ton, die zynisch-munteren Auslassungen, sie wollen nicht zur Ernsthaftigkeit der Gründe hinter den Verbrechen passen. Das Lachen bleibt einem nicht nur im Halse stecken – es würgt einen geradezu. Und ein unangenehmes Gefühl schleicht sich ein. Zu aufgekratzt der Ton zuvor, zu überzogen das Geschehen bis dahin. Das verharmlost entweder das Motiv oder stößt den Leser vor den Kopf. Beides wird nicht Absicht des Autors gewesen sein.

»Rickeracke« ist der zweite Krimi von Josef Rauch. Der erste, »Der Fall Urbas«, ist an die Erzählung »Adam Urbas« von Jakob Wassermann angelehnt. Anlass für »Rickeracke« war der 100. Todestag von Wilhelm Busch im Jahr 2008.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Josef Rauch: Rickeracke
Verlag M. Naumann 2008
gebunden, 142 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-940168-27-6


Stürzen und Verbrennen

Ende einer Kindheit

Moritz gehört zu den Dachsen. Deren Feinde sind die Füchse. Sie sind schon älter und besitzen Mofas, während sich die Dachse noch mit Fahrrädern begnügen müssen. Die Väter der Dachse arbeiten zumeist in der Süßwarenfabrik in Esge, dem tristen, gesichtslosen Vorort der kleinen, ebenso tristen Industriestadt Wedersen.

Wenn man auf der Hauptstraße an der Süßwaren- und dann an der Gummifabrik vorbeifährt, kommt man an der Eierfabrik vorüber und landet schließlich am Schlachthof. Es ist der größte in unserer Gegend und hat eine eigene Wurstfabrik. Nachts fahren wir oft mit unseren Rädern auf dem Parkplatz herum, wo die Kühlanlagen der Lkws brüllen. Wir spielen »Stürzen und Verbrennen«, und das Ziel ist, die anderen von ihren Fahrrädern herunterzustoßen. Wir dürfen treten und schlagen und versuchen, einander auszubremsen und in die geparkten Lastwagen abzudrängeln. Wir stellen uns vor, dass der Asphalt kochend heiß ist, und wenn einer von uns vom Rad fällt, ist er tot.

Moritz schildert in knappen, kargen Kapiteln den letzten Sommer seiner Kindheit. Bevor die Schule nach den Ferien wieder anfangen wird, wird alles vollkommen verändert sein. In sehr unaufgeregten und einfachen Worten beschreibt er das Leben Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in der norddeutschen Provinz. Die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg sind noch immer präsent, ohne das dies ausgesprochen werden muss. Die Menschen sind in ihrem Inneren so vernarbt wie die Landschaft, die von gesprengten und intakten Bunkern übersät ist. Nur wenig Gras ist über die verborgenen Räume gewachsen.

Zwischen Missbrauch und Vernachlässigung

Unter der sauberen Oberfläche herrscht Verrohung, emotionale Verwahrlosung. Unter dem Deckmantel der Ehe ist alles erlaubt – Saunapartys mit den Nachbarn, häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe auf die eigenen Kinder. Doch wehe, die minderjährige Tochter wird schwanger – das gilt als Schande, die sofort mit Zwangsheirat übertüncht werden muss. Dass dabei Lebensträume zerplatzen, wird mit kaum verhohlener Häme registriert – schließlich ging es der Elterngeneration nicht anders.

Die Angst vor der Schande eines unehelichen Kindes sitzt so tief, dass eine ledige Mutter die Tochter, die sie von einem anderweitig verheirateten Mann bekommen hat, über Jahre versteckt und wie ein Tier gefangen hält. Als die Dachse das Kind entdecken, entführen sie es und setzen damit eine Handlungskette in Gang, die schrecklich enden wird. Ein zweiter Erzählstrang, der sich damit unentrinnbar verknüpft, ist Moritz‘ erste Liebe Anna. Sie ist eigentlich mit Oliver von den Füchsen zusammen, geht aber auch auf Moritz zu. Wenn das publik wird, gibt es Krieg zwischen den Jugendbanden. Und in einer Kleinstadt, in der es nur die Eisdiele als Treffpunkt gibt, bleibt wenig verborgen.

Bigotterie und boshaft strenge soziale Kontrolle

Es ist eine einsame, grausame Welt, in der Kinder wie Erwachsene leben. Wärme ist nur selten zu spüren. Die soziale Kontrolle im kleinen Vorort ist boshaft und streng. Gewalt und Sex bestimmen das Denken und Handeln. Die Männer sind das unhinterfragte Oberhaupt der Familie, die Frauen ordnen sich ihnen unter, sexuell frustriert sind ihr Ventil die Kinder: die eigenen und die der Nachbarn.

Sie [die Mutter] kniet vor der Wanne und fischt mit ihrer rechten Hand nach meinem Schwanz. Sie zieht die Vorhaut zurück und rubbelt die Eichel mit ihrer Linken. »Du könntest sonst eine Infektion bekommen. Du weißt, wie du ihn anfassen musst.«
»Ja.«
»Wenn du ihn nicht anfasst, wird er nicht wachsen.« Mein Schwanz ist hart und sie lächelt mich an. »Das ist gut so.«

Die Kinder werden kaum wahrgenommen, es sei denn als Sexobjekt. Sie rangieren in der Sozialordnung ganz unten. Es gibt niemanden, dem sie trauen können. So ist es kein Wunder, wenn sie sich zu Banden zusammenschließen. Zumindest innerhalb der Gruppen gibt es ein Mindestmaß an Solidarität. Dies darf allerdings nicht überstrapaziert werden – Raum für Offenheit und Gefühle gibt es auch hier nicht. Das Verhältnis zu Kindern außerhalb der eigenen Clique ist von roher Gewalt geprägt. Moritz ist da keine Ausnahme, er wird das Opfer von Aggression, er teilt aber auch aus: Zusammen mit seinen Freunden hat er einen Mitschüler gefoltert, der ihn zuvor gequält hatte.

Beklemmend, atemberaubend, realistisch

Gerade einmal 111 Seiten braucht Stefan Kiesbye, um diese Geschichte zu erzählen – kein Wort zu viel, keines zu wenig. Sehr durchdachte, genau abgewogene Bilder und Handlungen gewinnen gnadenlose Konturen durch die stilsicher auf das Geschehen abgestimmte Sprache. In einfachen Sätzen, die im ersten Augenblick naiv wirken, aber in ihrer Desillusionierung alles Kindliche eingebüßt haben, schildert Kiesbye eine Gesellschaft, die unter der blankgeputzten Oberfläche jede Mitmenschlichkeit verloren hat.

Sollten sie jemals die Leiche finden, wird es für Fingerabdrücke zu spät sein. Aber wahrscheinlich wird sie dort ungestört ruhen, während wir anderen erwachsen werden.

Zum Schneiden dicht ist die bedrohliche Atmosphäre, die Kiesbye in seinen kurzen, schlaglichtartigen Kapiteln heraufbeschwört. So beklemmend und so realistisch, dass einem beim Lesen die Luft wegbleibt.

Seit Anfang des Jahres steht »Nebenan ein Mädchen« auf der Krimiwelt-Bestenliste, inzwischen auf Platz drei. Hochverdient. Für Autor und Verlag. Der Autor, Stefan Kiesbye, aufgewachsen in Norddeutschland, lebt heute in Los Angeles. So erschien sein Roman zunächst auf Englisch in den USA: »Next Door Lived A Girl«, im Jahr 2004. Kiesbye erhielt dafür den Low Fidelity Press Award. Für die Veröffentlichung auf Deutsch übernahm der Autor selbst die Übersetzung. Zum Glück, denn so bleibt die Kraft dieses Textes spürbar. Atemberaubend – noch über Tage hinaus.

Kirsten Reimers

Stefan Kiesbye: Nebenan ein Mädchen
Jens Seeling Verlag 2008, Broschur, 111 Seiten, 10,80 Euro
ISBN: 978-3-938973-09-7

 

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Hoppeln statt Hetzen

Ein Mord in der norwegischen Provinz überrascht mit Komik – allerdings eher unfreiwillig

In einem Heim für sozial auffällige Jugendliche wird die Sozialarbeiterin Anne getötet. Sie hatte in der Nacht zuvor allein die Aufsicht. Und in dieser Nacht war nur ein Jugendlicher vor Ort: Per Erik. Der Fall scheint klar zu sein, schließlich gesteht auch der Junge sofort. Doch die Spuren eines Einbruchs, der entwendete Laptop der Sozialarbeiterin und verschiedene andere Dinge werfen mehr und mehr Fragen auf. Was so klar begann, wird immer verworrener.

Die rote Bemalung an den Wänden war fast verblichen.

Und die Verworrenheit umfasst gleich mehrere Ebenen. Denn nicht nur die Stränge des Verbrechens werden unübersichtlicher, auch deren Darstellung, beziehungsweise deren Übertragung ins Deutsche lässt einiges an Klarheit vermissen. Ehrlich gesagt: Ich weiß kaum, wie der Fall weitergeht. Das ist völlig untergegangen hinter dem kichernden Glucksen über Übersetzungsfehler, das sich mit Ärger über die Verstümmelung des Textes abwechselte.

Er verpasste ihm einen Kinnhaken mitten ins Gesicht.
Per Erik Henrikson steht als Posten an der Treppe, die zum Keller führt, doch er wird in sein Zimmer eingesperrt.

»Hatz«, Krimi des Jahres 2007 in Norwegen, laut Verlag ebendort gelobt wegen seines »eigenen, beinahe göttlich literarischen Stils« – hat davon im Deutschen fast nichts behalten. Manche Kapitel, gerade das erste, aber auch kurze Passagen zwischendrin sind von klarer sprachlicher Schönheit. Und dann – großer Bruch: Stilblüten neben richtigen Patzern. Das macht jedes Lesevergnügen zunichte. Ungelenk und unbeholfen wirken viele Sätze, umständliches Bürokratendeutsch windet sich neben hingeschluderten Schnodderigkeiten – da passt nur wenig zusammen. Von den wirklichen Fehlern ganz zu schweigen. (Hm, ist der mit Penetranz erwähnte »Steinzaun« womöglich doch eine kleine Mauer?)

Dieser Junge braucht Behandlung, kein Gefängnis.
Moen erwiderte rein versehentlich: »Können Sie solch eine Behauptung plausibel machen?«

Zwei Übersetzer, die nicht zueinander passten? Keine Zeit für eine wirkliche Redaktion? Die falsche Datei imprimiert? Irgendetwas ist ganz schrecklich schief gegangen – und das ist schade.

Er schlenderte (…) in Richtung des staatlichen Alkoholmonopols.

Kirsten Reimers

Jørgen Gunnerud: Hatz
Aus dem Norwegischen von
Andreas Brunstermann und Gabriele Haefs
Rotbuch Verlag 2008, Hc, 284 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-86789-063-2
auch erhältlich als eBook (hier klicken)