Archiv des Autors: Björn Schäffer

Dünn, nicht knusprig

Ein richtiger Reißer ist das neue Buch von Elizabeth George nicht. Mit großer Behutsamkeit nimmt sie die Langzeitfolgen von Gewalt – erlittene wie ausgeübte – in den Blick und beschreibt sie mit scharfer, unvoreingenommener Beobachtungsgabe. Das ist gut und ehrenwert, aber leider auch ein wenig langatmig. Daneben führt George vorsichtig Inspector Lynley zurück ins Arbeitsleben und drückt ihm eine neue, ziemlich zickige Chefin mit Alkoholproblemen auf, die auch gleich Barbara Havers grundüberholen will.

Richtig packend wird es nur, wenn in kurzen Exkursen geschildert wird, wie in den achtziger Jahren drei Jugendliche ein Kleinkind entführten und töteten: Da findet George zu konzentrierter, klarer Form. Leider nimmt das nur einen sehr kleinen Teil des 830 Seiten langen Wälzers (bereits der 16. Fall für Lynley und Havers) ein. Der Rest schlängelt sich rund um einen Mord auf einem Londoner Friedhof, der seine Wurzeln in Hampshire hat. Diese Geschichte ist eher etwas dünn und wird nicht dadurch besser, dass jeder Aspekt lang und breit ausgewalzt wird. Das mag für Pizzaboden prima sein, als Buchkonzept trägt es selten. In diesem Fall gar nicht.

Kirsten Reimers

Elizabeth George: Wer dem Tode geweiht
Deutsch von Charlotte Breuer
und Norbert Möllemann
Blanvalet 2010
geb., 830 Seiten, 24,99 Euro
ISBN 978-3-7645-0246-1

Diese Besprechung ist zuerst erschienen im CrimeMag


Dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig …

In einem verschlafenen Painters Mill im Staate Ohio wird in einer eisigen Winternacht die verstümmelte Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie trägt das Markenzeichen des sogenannten „Schlächters“: eingeritzte römische Ziffern. Zwei Jahrzehnte war der Killer nicht mehr aktiv. Kate Burkholder, seit kurzem Polizeichefin vor Ort, ist schockiert – schließlich ist ihr bisheriges Leben von einem Trauma beherrscht: Mit 14 hat sie eigenhändig den „Schlächter“ erschossen – dachte sie zumindest.

Natürlich bleibt es nicht bei dieser einen Frauenleiche, denn Castillos „Die Zahlen der Toten“  ist ein beinah anrührend altmodischer Serienkillerroman mit Whodunit-Anteilen. Einen Schuss Exotik gibt es durch Abstecher in die Welt der Amischen.

Alles in allem ist die Geschichte handwerklich solide konzipiert, die unterschiedlichen Stränge sind sauber verknüpft, die Figuren recht ansprechend gezeichnet. Das Böse bleibt allerdings reichlich blass. Und bei der Erklärung, warum denn jemand so etwas macht – Frauen foltern, vergewaltigen und ermorden -, reicht es gerade mal für ein Schulterzucken. Nicht unspannend, aber kaum überraschend.

Kirsten Reimers

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Linda Castillo: Die Zahlen der Toten
Aus dem Englischen von Helga Augustin
Fischer 2010
Tb, 430 Seiten, 8,95 Euro
ISBN 978-3-596-18440-8
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Der gewissenhafte Träumer

In einer surreal verschobenen Welt, die einer eigenwilligen Traumlogik folgt, wird Charles Unwin, der kleine Schreiber einer großen Agentur, zum Detektiv befördert. Warum? Mit welchem Auftrag? Das ist ungewiss, aber vermutlich soll er Travis T. Sivart aufspüren, den besten Detektiv der Agentur, der seit einigen Tagen verschwunden ist.

Eine bizarre Suche beginnt, die Unwin nicht nur in Sivarts Vergangenheit, sondern auch zu dem Wanderzirkus, der nicht mehr weiterzieht, in die Träume eines ermordeten Wächters und in die absonderlichen drei Archive der Agentur führt, die das Geheimnis des aus den Fugen geratenen Gleichgewichts bergen.

Ein erwachsen-versponnener Roman, bildgewaltig und mit großer Freude am Absurden – ein bisschen wie »Brazil« von Terry Gilliam, ein Anklang an den »Prozess« von Franz Kafka, und doch sehr, sehr eigen. Berückend.

Kirsten Reimers

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Jedediah Berry: Handbuch für Detektive
Aus dem Englischen von Judith Schwaab
C. H. Beck 2010
Hc, 381 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-406-60515-4
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