Archiv für den Monat: August 2011

Der Serienmord als langweilige Kunst betrachtet

Ein ungeklärter Todesfall vor sechs Jahren, ein recht frischer vor wenigen Wochen – bei beiden ist unklar, ob es sich um Selbstmord, unglücklichen Unfall oder Mord handelte. Der versierten Leserschaft ist sofort klar: Mord, in beiden Fällen, und beide hängen zusammen. Ebenfalls für die Leser eindeutig: Hier ist ein Serienmörder am Werk, mit zwei Toten ist es nicht getan. Dass man der ermittelnden DCI Hannah Scarlett so weit voraus ist, ist okay, so funktioniert das Genre. Es ist halt vorhersehbar. Manchmal mehr, manchmal weniger. Bei diesem Buch eher mehr. Das Geschehen dümpelt lange vor sich hin im neblig-verregneten Lake District, bis dann plötzlich die Ahnungen sich über DCI Scarlett ausschütten wie Hagelschauer, und sie erkennt nun mit einem Mal Motive, Tathergänge, Verbindungen. Gerade noch rechtzeitig, um einen ihr nahestehenden Menschen zu retten und das Buch bei einem verträglichen Umfang zu belassen.

Dabei ist er gar nicht ganz schlecht, dieser Krimi von Martin Edwards – schon der vierte in dessen Lake-District-Krimireihe. Aber halt auch nicht gut. Durchschnitt mit Ambitionen: Die Nennung von Buchtiteln täuscht literarische Bezüge an, und – klar: Lake District – das Glaubensbekenntnis aller Serienmördererfinder soll das Ganze auf eine ästhetische Ebene hieven: Thomas De Quinceys Essay »Der Mord als schöne Kunst betrachtet« gibt als leise dudelnde Hintergrundmusik den Grundton an und die Richtung vor, hat aber leider keinen Einfluss auf das Niveau. Macht aber auch nichts: Das Buch ist so schnell gelesen wie vergessen.

Kirsten Reimers

Martin Edwards: Zu Staub und Asche
(The Serpent Pool, 2010)
Aus dem Englischen von Ulrike Werner
Köln: Bastei Lübbe 2011
Tb., 381 Seiten, 7,99 Euro
ISBN 978-3-404-16556-8
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Besprechung ist erstmals
erschienen im Crimemag.


Abgelegen, vergessen, tödlich

Eine gnadenlose Welt

Ree ist 16, schmal, groß und sehr zäh – das muss sie auch sein, denn sie sorgt allein für ihre beiden jüngeren Brüder und ihre psychisch kranke Mutter. Ihr Vater Jessup, einer der besten Meth-Köche in den Ozarks, ist vor mehreren Monaten untergetaucht, ohne ihr Geld dazulassen oder Feuerholz für den Winter vorzubereiten. Normalerweise kommt er nach einer Weile wieder, doch diesmal ist es dringlicher als sonst: Jessup hat die heruntergekommene Farm für seine Kaution verpfändet. Wenn er nicht in einer Woche vor Gericht erscheint, verliert die Familie alles. Ree macht sich auf die Suche nach ihm.

Es ist eine harte Welt, in der Ree lebt, besonders im Winter: rau und schroff die Landschaft, ebenso unzugänglich die Menschen, die hier wohnen. Sie alle gehören zu einem der weitläufigen Clans, die vor langer Zeit das Hochland in der Mitte der USA besiedelten. Eine Frau gilt hier wenig, die verschworene Gemeinschaft wird dominiert von Männern, die Angst verbreiten. Armut, Schweigen und Lügen, Gewalt und Drogen bestimmen das Leben.

Woodrell schreibt kraftvoll und karg. Es ist ein beeindruckendes Buch, von großer Wucht, aber auch von schroffer Schönheit und schnörkelloser Poesie. 2010 wurde sein Roman von Debra Granik verfilmt. Ausgezeichnet beim Sundance Film Festival als bester Film, nominiert für vier Oscars, kommt Winter’s Bone jetzt auch bei uns ins Kino – doch so gut der Film auch sein mag: Das Buch zu lesen lohnt sich auf jeden Fall.

Unausweichliche Katastrophe

Lesenswert ist ebenfalls der neue Roman von Rose Tremain. Auch er spielt in einer abgelegenen Gegend – doch sie ist nicht vergessen, sondern im Gegenteil sehr begehrt: die Cevennen. Hier sucht der Antiquitätenhändler Anthony Verey nach einem passenden Anwesen als Alterssitz. Früher war Anthony Verey der Star der Londoner Kunsthändlerszene, der Händler für Kostbarkeiten. Bewundert, beneidet, umgarnt. Doch heute ist sein Licht längst erloschen, die Geschäfte gehen schlecht, niemand interessiert sich mehr für sein fachkundiges Urteil. Um noch einmal in seinem Leben neidische Blicke auf sich zu ziehen, beschließt Verey, ein Haus in den Cevennen zu kaufen. Er entscheidet sich ausgerechnet für das Anwesen, auf dem die Geschwister Aramon und Audrey Lunel wohnen. Damit gerät das zerbrechliche Gleichgewicht aus Hass, Verachtung, Abhängigkeit und verzweifelter Liebe, das Schwester und Bruder seit mehr als sechzig Jahren aneinander kettet, fatal ins Wanken.

Rose Tremains Thriller biedert sich nicht an, er ist nicht auf Spannung geschrieben – und doch ist er faszinierend und fesselnd. Dies liegt in erster Linie an den vielschichtigen Figuren. Aus wechselnden Perspektiven schildern sie sich gegenseitig und entlarven dabei vor allem sich selbst. Keine von ihnen ist wirklich sympathisch, keine aber auch richtig böse. Und doch kann ihr Aufeinandertreffen nur in die Katastrophe führen, denn die Verletzungen, die in ihnen allen seit der Kindheit schwären, sind tief und schmerzhaft.

Schaurige Provinz

Abgeschieden liegt auch das Haus, in das die Familie Fletcher zieht: am Rand eines Moores, direkt neben einem alten Friedhof in einem kleinen englischen Dorf. Die anfängliche Begeisterung über die gruselige Nachbarschaft lässt beim zehnjährigen Tom Fletcher schnell nach: Körperlose Stimmen verfolgen ihn, und eine unheimliche Gestalt scheint die Familie ständig zu beobachten. Doch niemand glaubt ihm. Die alten, absonderlichen Rituale des Dorfes beunruhigen den Jungen zusätzlich. Und dann bricht auch noch ein Grab ein, in dem die Leichen von zwei ermordeten Kindern gefunden werden und Toms kleiner Schwester Millie gerät in Gefahr.

Sharon Bolton versteht ihr Handwerk. Sie setzt nicht auf grobe Effekte, sondern subtile Verunsicherung, gewürzt mit geschickt eingeflochtenen Wendungen und Überraschungen. Lange Zeit bleibt unklar, ob das Geschehen nicht womöglich übernatürliche Ursachen hat. Das macht ihren Thriller spannend und gruselig. Die Figuren sind lebendig und überzeugend, die Story ist in sich stimmig und gut verwoben. So folgt man der Autorin gern in die schaurigen und doch sehr diesseitigen Abgründe eines kleinen abgelegenen Dorfes in der englischen Provinz.

Kirsten Reimers

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Daniel Woodrell: Winters Knochen
Aus dem Englischen von Peter Torberg
München: Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2011
geb., 223 Seiten, 18,90 Euro
ISBN: 978-3-935890-76-2

Rose Tremain: Der unausweichliche Tag
Aus dem Englischen von Christel Dormagen
Berlin: Suhrkamp 2011
Tb., 334 Seiten, 13,95 Euro
ISBN: 978-3-518-46220-1

Sharon Bolton: Bluternte
Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
München: Manhattan 2011
englische Broschur, 510 Seiten, 16,99 Euro
ISBN 978-3-442-54676-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
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Diese Besprechung ist erstmals erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse.


Von wegen Seifenoper

Mord hinter den Kulissen einer täglichen Serie

Intrigen, Eifersucht und große Gefühle – die tägliche Serie »So ist das Leben« bietet sie in Hülle und Fülle. Aber nicht nur vor der Kamera, auch hinter den Kulissen geht es dramatisch und leidenschaftlich zu. In seinem vierten Krimi schickt Christian Schünemann seinen stilsicheren Ermittler, den Starfrisör Tomas Prinz, in das Milieu der Daily Soap. Durch einen Zufall wird Prinz der persönliche Stylist des neuen Stars der Serie und erfährt so hautnah, wie weit Serienfiktion und Realität auseinander liegen. Hinter der Kamera wird mit harten Bandagen gekämpft – und schon bald gibt es das erste Todesopfer.

Christian Schünemann weiß sehr genau, worüber er schreibt, schließlich ist er nicht nur Krimiautor, sondern hat auch als Storyliner für tägliche Serien wie »Verliebt in Berlin« oder »Verbotene Liebe« gearbeitet. Dank dieser Erfahrungen wirkt der Krimi lebendig, realitätsnah und spannend. Wie schon in seinen vorherigen Büchern vermeidet Schünemann alles Schrille und Aufgedrehte, hält sich von Klischees und allzu Absehbarem fern. Stattdessen ist der Whodunit in angenehmer Zurückhaltung geschrieben und entwickelt einen betörenden, unaufdringlichen Charme.

Kirsten Reimers

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Christian Schünemann: Daily Soap
Zürich: Diogenes Verlag
Tb., 237 Seiten, 9,90 Euro
ISBN 978-3-257-24052-8
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Besprechung ist erstmals erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse.