Archiv der Kategorie: Rezension Belletristik

Gemetzel mit Mission?

Leichenteile und Blutlachen mit unklarem Auftrag

Der Rezensent eines großen Magazins war schwer beeindruckt von diesem Thriller. Er lobte das Wagnis Slaughters, entfernt vom Mainstream mutig facettenreiche Personen in fesselnder, ungewöhnlicher Handlung agieren zu lassen. Große Worte. Hatte ich bei meiner bisherigen Lektüre von Büchern dieser Autorin etwas übersehen? Bislang hatte ich zwei Thriller von Slaughter gelesen und sie unnötig grausam sowie ziemlich selbstgerecht gefunden. Doch vielleicht war dieser Thriller wirklich anders. Immerhin gehört er nicht zu Slaughters »Grand-County«-Serie. Also: Wer weiß, vielleicht hatte sie diesmal tatsächlich andere Töne angeschlagen.

Die ersten Seiten ließen mich schlucken: Es beginnt heftig. Eine Prostituierte wird ermordet im Hausflur vor ihrer Wohnung gefunden – brutal zusammengeschlagen, in grotesker Haltung zurückgelassen. Die Zunge wurde ihr herausgebissen (!), daran ist sie wohl verblutet. Das Körperteil liegt in einer Blutlache neben der Toten. Der Detailreichtum ist beeindruckend, die Wortwahl drastisch. Die Handlung wird geschildert aus Sicht des Detectives, der zum Tatort gerufen wird. Schon mal ein grausiger Auftakt. Nach rund 70 Seiten endet dieser erste Teil mit einem Paukenschlag, der das bisher erzählte in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Der nächste Teil beginnt: Perspektivenwechsel. Nun ist es ein gerade aus dem Gefängnis entlassener Vergewaltiger und Mörder, auf dem der Fokus liegt. Kurz hinter Seite 200 startet der dritte Teil des Thrillers. Diesmal wechselt die Perspektive je nach Bedarf, viel wird allerdings aus Sicht eines Sonderermittlers und einer Polizistin geschildert.

Ist Zweidimensionalität schon Vielschichtigkeit?

Perspektivenwechsel, durch die Personen und ihre Handlungen in ein neues Licht gestellt werden – okay, das ist interessant, kann es zumindest sein. Und die Figuren sind durchaus – hm. Vielschichtig wäre jetzt zu viel gesagt. Also anders herum: Der Originaltitel lautet »Triptych«: Triptychon, dieses dreiteilige Gemälde, das aus einem Mittelteil und zwei Flügeln besteht, die man zuklappen kann. Auf der Außenseite der Flügel befindet sich auch ein Bild. Zunächst sieht man also das Außenbild – und wenn man die Flügel öffnet, zeigt sich etwas ganz anderes. So ist auch mit den Figuren in diesem Buch. Mit allen. Das Bild, das die Außenwelt gewinnt, entspricht nicht dem, was im Inneren der Personen stattfindet.

Nun macht aber ein Unterschied zwischen außen und innen noch keine Vielschichtigkeit, höchstens eine Zweidimensionalität. Und viel mehr ist da dann auch nicht. Abgesehen davon, dass bei mindestens drei Figuren dieses Prinzip genutzt wird, um noch mehr Gewalt und Grausamkeit unterzubringen. Die haben nämlich in ihrer Vergangenheit unglaubliches Leid, brutalsten Missbrauch erlebt. Und das wird ausführlich geschildert. Die Wendung »gebrochene Helden« bekommt eine ganz neue Färbung. Bei einer vierten Figur wird das Prinzip des Triptychons genutzt, um hinter der vertrauenserweckenden Fassade widerwärtigste Gräueltaten zu begehen.

Einen starker Magen – das braucht man durchaus, wenn man Bücher von Karin Slaughter liest. Der Name ist übrigens kein Pseudonym. Aber Slaughter gibt sich dennoch alle Mühe, ihm gerecht zu werden. Leichenteile und Körperflüssigkeiten, wohin man blickt.

Blut für höhere Ziele?

Karin Slaughter legt Wert darauf, dass sie ein Anliegen hat. In einem Interview anlässlich des Erscheinens von »Verstummt« sagt sie, sie beschreibe Gewalt nicht um der Gewalt willen, »und zwischen ihren hellen Augen bildet sich eine kleine Falte. Darstellung von Gewalt ›ist ein Instrument, um über soziale Missstände zu sprechen‹. Vor allem will sie auf Gewalt gegen Frauen hinweisen.« Diesem letzten Satz kann man nicht widersprechen, das tut sie: Vielen Frauen werden in ihren Büchern Gewalt angetan, und das nicht zu knapp. Aber stößt Slaughter damit Diskussionen über soziale Missstände an? Bekannt geworden ist sie eher wegen der Brutalität ihrer Krimis. Die Diskussionen drehen sich meist mehr um die Frage, wie weit Literatur in der Darstellung von Gewalt gehen darf.

Das liegt auch daran, dass Slaughter keinen gesellschaftlichen oder gar sozialpsychologischen Aspekt in ihre Thriller hineinbringt – wie auch immer der geartet sein mag. Die Figuren sind gemein und brutal, weil sie es nun einmal sind. Punkt. Im vorliegenden Buch ist der Täter einfach böse. Durch und durch böse. Warum? Mehrfaches Schulterzucken. Er quält halt Frauen gern, er mag das. Punkt. So steht es auch um die Gewalt, die die »gebrochenen« Figuren erlebt haben: Die wurden misshandelt von Menschen, die halt böse sind und eben andere gern misshandeln.

Außerdem werden die Bösen bei Slaughter stets geschnappt, in vielen Fällen entgehen sie einer Gerichtsverhandlung, indem sie vorher getötet werden. Am Ende ist also alles gut, und niemand muss sich mit den Ursachen der Gewalt auseinandersetzen. Böses tot, Welt gerettet, Buch zu, entspannt zurücklehnen.

Mittel und Zweck – da war was, oder?

Nun muss eine Thrillerautorin nicht mit sozialpsychologischen Theorien und Erlösungsvorschlägen für eine brutale Welt aufwarten. Doch ohne konkreten Standpunkt zur Gesellschaft, ohne durchdachten Blickwinkel lassen sich nun mal keine sozialen Missstände aufzeigen. Angesichts der Gewalt, die Slaughter schildert, kann man nur mit den Schultern zucken und feststellen: »Ja, es gibt Gewalt. Es gibt Gewalt gegen Frauen, es gibt Gewalt gegen Kinder, es gibt Gewalt gegen Männer.« Das löst aber keine Diskussion aus. Das beschreibt einen Zustand – und auch den nur eindimensional, dafür aber diese eine Dimension mit so viel Akribie, dass der Verdacht keimt, es wird Gewalt um der Gewalt willen beschrieben. Oder nein, wahrscheinlich hat Frau Slaughter recht: Sie macht das nicht um der Gewalt willen. Aber um der Verkäuflichkeit.

Karin Slaughter beherrscht das Handwerk des Schreibens, keine Frage. Sie erzählt ihre Geschichten routiniert, hat die unterschiedlichen Stränge meist im Griff, schildert anschaulich und spannend (um nicht zu sagen: lebendig, wenn das nicht so morbide wäre). Aber die gewählten Mittel entsprechen nicht dem anvisierten Zweck (Stirnfalte! Ernsthaftigkeit!). Im Gegenteil: Die Bücher werden nicht als Kommentar zur Gesellschaft wahrgenommen, lassen sich gar nicht als solcher wahrnehmen, sondern als brutale Schocker. Das verkauft sich nun mal besser.

Kirsten Reimers

Karin Slaughter: Verstummt
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Berr
Blanvalet Verlag, 512 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-7645-0266-9
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch als Hörbuch-Download (hier klicken)

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»Kommen wird der Tod, und er wird deine Augen haben«

Das Herz des Disparaten

Früher war Dave ein Agent im Dienst einer geheimniskrämerischen US-Regierungsorganisation, Teil eines Sonderkommandos, eine Killermaschine, die undercover in sehr speziellen Fällen eingesetzt wurde: Diktatoren entfernen, kooperative Militärjuntas mit Waffen versorgen, Attentate, Regierungsstürze. Sein Leben war eine Funktion für die Agency, mit wechselnden Identitäten. Vor neun Jahren war der letzte Einsatz. Inzwischen hat er sich ein eigenes Leben aufgebaut. Doch ein Telefonanruf ändert alles: Offenbar hinterlässt ein Agent, ebenfalls Teil jenes Sonderkommandos, eine Blutspur, die quer durch die USA führt. Dave soll ihn aufspüren und stoppen. Damit verschiebt sich alles: Das Leben, das er sich geschaffen hat, muss er mit einem Schlag abstreifen, die Bindungen, die er eingegangen ist, muss er kappen. Stattdessen ist die vergangene Existenz mit seinen antrainierten Fertigkeiten wie aus dem Nichts wieder da: das Leben als Tötungsapparat ohne eigene Konturen im Dienste Dritter.

Die Jagd, die nun beginnt, führt durch Städte und Staaten. Doch wer Jäger und wer Gejagter ist, verliert sich mehr und mehr. Aus dem Agententhriller wird ein Roadmovie, melancholisch und harsch, der zunehmend einer Traumlogik folgt. Es wird eine Reise in Daves Vergangenheit, in der er sich mehrfach selbst begegnet – als Killer, als Lebensretter -, in sich, aber auch in anderen. Identitäten verschwimmen, Gegnerschaften, Zusammenhänge – alles verbindet sich und verliert seine Grenzen, um neue zu gewinnen.

»Die Straße gibt uns Erlösung, bestätigt die Diskontinuitäten unseres Lebens aufs Neue«

Ein ungewöhnlicher Thriller: poetisch und rasant, fesselnd und beklemmend. Gleichzeitig auch eine Würdigung Cesare Paveses, eines seiner letzten Gedichte kling im Titel an. Sallis‘ Sprache ist lakonisch, knapp, spröde, beinah brüchig, wie die Identitäten, wie der Zusammenhang von Gegenwart und Vergangenheit, den er formt.

Um zu entdecken, was wir wissen, müssen wir nur entscheiden, was wir nicht sehen werden. Meine Erinnerungen können sehr wohl falsch sein, aber sie würden letztendlich genauso dienlich sein wie alle anderen. Jeden Tag rekonstruieren wir uns aus dem Bergungsgut unserer vorherigen Tage.
Als Agent lebte Dave mit geborgten Identitäten, nachdem er sich zurückgezogen hat, baut er ein Leben als Künstler auf: Er formt Skulpturen aus verschiedenen Materialen. Und so formt er schließlich auch sein Leben, fügt Disparate zusammen. Und das nicht in einer Macho-ich-allein-gegen-die-Welt-Haltung, sondern es finden auch Musik, bildende Kunst, Literatur und andere Menschen einen Platz darin.

James Sallis ist nicht nur Schriftsteller (und Träger des Deutschen Krimipreises 2008 für »Driver«), sondern auch Dichter, Kritiker, Lektor, Musiker und Übersetzer. Das merkt man diesem Buch an: der kunstvollen Sprache, der beklemmenden, irritierenden Atmosphäre, dem Plot, der nach innen führt: ins Herz von Amerika, ins Herz des Agenten. Und dort findet er nicht nur Verrat und Tod, sondern auch Freundschaft und Liebe, nebeneinander.

Sallis‘ Roman ist 1999 schon einmal auf Deutsch erschienen, doch damals ging er unter. Nun hat der kleine, feine Verlag Liebeskind es erneut gewagt – zum Glück. Denn »Deine Augen hat der Tod« zeigt neben dem sehr stringenten »Driver« die Bandbreite von Sallis‘ Schaffen. Und das ist, wie ein Leben, nicht in einer Schublade zu fassen.

Kirsten Reimers

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James Sallis: Deine Augen hat der Tod
Ein Roman über Spione
Aus dem Englischen von Bernd W. Holzrichter
Liebeskind 2008, 191 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-935890-56-4

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Norddeutsche Serienmörder: offenbar unverwüstlicher

Alter schützt vor Serienmord nicht

Ein Stolpern bringt alles ins Rollen. Als Rita Toski, Volontärin bei einer Oldenburger Tageszeitung, am Montagmorgen zur Redaktionssitzung eilt, gibt ihre Sandale nach. Rita stürzt, der Inhalt ihrer Handtasche ergießt sich auf den Bürgersteig, der teure, heiß geliebte Lippenstift entschwindet im Lichtschacht eines alten, grauen, großen Gebäudes. Bei der nachfolgenden Bergungsaktion entdeckt die angehende Journalistin das Wort »Hilfe« – mit Mühe und offenbar über einen langen Zeitraum hinweg in den Stein des Schachtes gegraben. Damit ist Ritas Neugier geweckt. Mit Hartnäckigkeit macht sie sich daran, das Geheimnis zu lüften. Die Spur führt zurück in die Nazizeit, in die Wirren des Zweiten Weltkriegs zu einem gemeinen Verbrechen. Und damit nicht genug – alles deutet daraufhin, dass der unheimliche Täter, der »Graumacher« noch heute sein Unwesen treibt.

Unaufgeregt und sprachlich fein austariert ist das Krimidebüt von Renate Niemann. Und streckenweise sehr gruselig – undurchsichtiges, schwer greifbares Grauen, Geschehnisse, die Zufälle oder absichtsvolle Botschaften sein können. Das sorgt für wohliges Schaudern. Ein Serienmörder in Oldenburg, der seit Ende des Zweiten Weltkrieges sein Unwesen treibt. Moment, seit Mitte der vierziger Jahre? Und der Krimi spielt definitiv nach der Jahrtausendwende? Dann muss der Täter – hm – mindestens sechzig Jahre alt sein. Eher siebzig. Dafür ist er ganz schön agil. Angesichts seiner ungesunden Ernährung und der eigenartigen Lebensweise ziemlich überraschend. Aber das rächt sich ja dann auch in seinem plötzlichen Ende. Plopp.

Muss es denn immer Serienmord sein?

Kurz: Diese Konstruktion ist reichlich unglaubwürdig. Warum muss überhaupt die Verbindung zur Vergangenheit über einen Serienmörder geschaffen werden? Dadurch verpufft das Schaurige, das so schön aufgebaut ist, weil man ständig das Alter des Graumachers mitdenkt – oder noch absurdere Konstruktionen ersinnt, um mit der Zeitschiene zurechtzukommen.

Die Serienmorde sind Aufhänger, um unrühmlichen Taten der Psychiatrie in Deutschland im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts zu benennen – ein Kapitel, das schon vor dem »Dritten Reich« ziemlich dunkel war und durch den Nationalsozialismus nicht gerade Lichtseiten eroberte. Ebenso wird die Lebenssituation der Sinti und Roma in jener Zeit aufgegriffen. Das wird von Renate Niemann durchaus gut zusammengepackt und verklammert, aber leider durch die merkwürdige Serienmörderkonstruktion weitestgehend beiseite gedrängt.

Kirsten Reimers

Renate Niemann: Der Graumacher
Pendragon Verlag, 254 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-86532-081-0

 


Tötentötentötentötentötentööööööööten

Ein Angriff auf das Herz

In Chicago – einst größtes Schlachthaus und bedeutendste Fleischfabrik der USA – hat ein neuer Metzger sein Werk aufgenommen. Ein tonnenschweres Monster, das im Verborgenen haust und wahllos zuschlägt.

Er ist der, den sie in Vietnam CHAINGANG nannten. Er ist der, von dem sie in Marion behaupteten, er habe für fast jedes Pfund seines Körpergewichts einen Menschen getötet, und er wog an die fünfhundert Pfund. Er ist der personifizierte Tod, dämonisch, unbesiegbar, blutrünstig und sehr, sehr real.

Der fettgewordene Alptraum

Chaingang: Daniel Edward Flowers Bunkowski. Als Kind missbraucht, später vom Staat als Killermaschine instrumentalisiert, macht nach seiner Rückkehr aus Vietnam einfach genau mit dem weiter, was er am besten kann: töten. Das hat er vorher getan, daran hält er sich auch weiterhin. Die Medien nennen ihn den »Einsame-Herzen-Killer«, weil er seinen Opfern das Herz herausreißt, um es zu essen. Er tötet ohne höheres Ziel, ohne tieferen Grund, er tötet, weil er es kann und weil er es mag.

Um das Morden zu stoppen, wird der Spezialist für Schwerverbrechen Jack Eichord hinzugezogen; eine gebrochene Gestalt, ein halbwegs trockener Alkoholiker, stets im Kampf mit der Sucht, einsam und einigermaßen bindungsgestört. Während seiner Ermittlungen verliebt er sich ausgerechnet in die Witwe eines der letzten Opfer Bunkowskis.

Als Chaingang ein hohes Tier der Chicagoer Gesellschaft tötet, wächst der öffentliche Druck auf die Polizei. Ein Täter muss her – und zwar möglichst schnell. Als ein Copykiller gefasst werden kann, gibt man ihn wider besseren Wissens und gegen den Widerstand von Eichord als den »Einsame-Herzen-Killer« aus. Die Presse jubelt und feiert Eichord als Held. Und Chaingang beschließt zu zeigen, wer nun wirklich wer ist. Dafür nimmt er Eichord, seine neue Freundin und deren kleine Tochter ins Visier.

Niederwalzend und mitreißend

Temporeich, blutig, eklig, komisch und skrupellos. Rex Miller nimmt keinerlei Rücksicht auf die Gemüter seiner Leser, geht keine Kompromisse ein, weder ästhetisch, moralisch noch literarisch – und das ist auch gut so. Herausgekommen ist ein fulminanter, niederwalzender Serienkillerroman – *der* Serienkilleroman -, der in Rückblenden, parallel verlaufenden Erzählsträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven, ironisch gebrochen, grandios erzählt. Miller schildert, ohne groß nach Erklärungen zu suchen. Auf diese Weise wird Chaingang nicht banalisiert oder zum Vorstadt-Dämon des wohligen Schauers verharmlost. Er ist eine fette Killermaschine, ein Monster, so eklig stinkend wie die Kloake, aus der er kriecht. Er ist nicht der nette Kerl von nebenan, der ein dunkles Geheimnis verbirgt, er ist nicht der feinsinnige Ästhet, der Genie mit Wahnsinn kombiniert. Kein fehlgeleitetes Glied der bürgerlichen Gesellschaft, sondern ihr Auswurf.

Ein spezieller Laut, Anblick oder Geruch löste intensive Erinnerungen an seine Kindheit aus oder an die Jahre konzentrierten Schreckens in verschiedenen Institutionen. Was für Sie oder mich unangenehm wäre, der Geruch von Zigarrenrauch, das Gefühl eines Schwamms voll Kreide, das Aroma eines Duftkissens, der Krankenhausgeruch von Desinfektionsmitteln, konnte ihn in mordlüsterne Raserei versetzten. Und dann schlugen die Wellen von Haß und Wahnsinn über ihm zusammen wie eine blinde, rote verzehrende Flut, Mordlust erfasste ihn, regnete auf ihn herab wie ein sengender Wolkenbruch flüssigen Feuers, und dann brauchte er all seine Konzentration und seine Fertigkeit und Selbstbeherrschung, denn in diesem Zustand beging er immer seine bösen Taten.

»Fettsack« ist Millers Debütroman, der schon 1987 in den USA veröffentlicht wurde. Laut Edition Phantasia, wo der Roman 2008 erstmals ungekürzt auf Deutsch erschienen ist, schlug der Roman damals ein wie eine Bombe. Kein Wunder. Was Rex Miller mit »Slob« – so der Originaltitel – vorlegt, ist gewaltig: Die Gestankorgie mit ihren Splattereinlagen, aber auch der ebenso zarten wie völlig unromantisch geschilderten Liebesgeschichte ist so lustvoll und rauschhaft erzählt, dass sie gleichermaßen beängstigt wie mitreißt, Ekel erregt wie in den Bann schlägt. Dank der hervorragenden neuen Übersetzung von Joachim Körber bleibt dies auch in der deutschen Ausgabe spürbar.

Kirsten Reimers

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Rex Miller: Fettsack
Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim Körber
Edition Phantasia, 269 Seiten, 15,90 Euro
ISBN: 978-3-937897-30-1

Diese Rezension ist auch erschienen auf satt.org


Leben mit dem Verlust

Nicht nur Thomas Lynley muss einen Weg finden zu überleben

An der Küste von Cornwall wird die Leiche eines Jugendlichen gefunden. Santo Kerne scheint beim Klettern in den Klippen abgestürzt zu sein. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein bedauerlicher Unfall. Entdeckt wird die Leiche von einem einsamen Wanderer: Thomas Lynley, nach dem dramatischen Tod seiner Frau und seines ungeborenen Kindes vollkommen aus der Bahn geworfen. Er hat Scotland Yard, Freunden und Familie den Rücken gekehrt, um allein die Küste entlang zu wandern, um zu vergessen. Doch der Tod von Santo Kerne zwingt ihn ins Leben zurück.

Denn wie sich herausstellt, handelt es sich nicht um ein Unglück. Die Kletterausrüstung des 18-Jährigen ist manipuliert worden. Die ermittelnde Polizeibeamtin, Detective Inspector Bea Hannaford sieht sich bald einer ganzen Reihe von Verdächtigen gegenüber, ein Motiv hatten recht viele.

Was jedoch auffiel, war die große Gelassenheit hinter dem Verbrechen. Zeit schien keine Rolle gespielt zu haben. Sie suchten also nicht nach jemand Ungeduldigem, der ein Verbrechen aus Leidenschaft begonnen hatte. Sie suchten nach jemand Ausgefuchstem.

Da sich die Ermittlungen immer komplexer gestalten und die Kriminalpolizei in dieser Gegend von Cornwall eher dünn besetzt ist sowie wenig Erfahrung mit der Aufklärung von Morden hat, zieht DI Hannaford Lynley zu den Ermittlungen hinzu. Außerdem hat sie jemanden von Scotland Yard zur Unterstützung angefordert: DC Barbara Havers ist unterwegs.

Kein typischer Lynley-Havers-Krimi

»Doch die Sünde ist scharlachrot« ist der 14. Kriminalroman von Elizabeth George um Thomas Lynley und Barbara Havers. Der vorherige Roman (»Am Ende war die Tat«) zählt nicht in die Reihe hinein, denn er schildert die Umstände, die zur Ermordung von Lynleys Frau Helen geführt haben, aus Sicht des zwölfjährigen Täters. Und auch der aktuelle Titel ist kein typischer Lynley-Havers-Krimi. Der Inspector und seine langjährige Partnerin spielen eher Nebenrollen. Lynley, der nur widerwillig ermittelt, verfolgt eigene Ideen und Spuren, und Barbara Havers unterstützt in erster Linie Hannaford, die in diesem Roman im Mittelpunkt steht. Und das ist gut so. Denn zum einen wäre ein aktiver Lynley eher unglaubwürdig, zum anderen ist Bea Hannaford eine sehr sympathische Ermittlerin.

Die alleinerziehende Mutter – geschieden aus eigenem Entschluss – ist sehr bestimmt und bodenständig und alles andere als eine Übermutter: Mit sympathischen Macken versehen ermittelt sie in einem Fall, der undurchdringlich scheint.

Differenzierte Charaktere, behutsames Vorgehen

Das Tempo des Krimis ist sehr zurückgenommen. Das passt sehr gut, denn natürlich geht es bei George nicht allein um den Mord. Die Personen und ihre Geschichte, ihre Beziehungen untereinander nehmen einen großen Raum ein. Der Fokus liegt auf Verlust eines geliebten Menschen und der Frage, welche Möglichkeiten man findet, um damit umzugehen: Da sind die Eltern des ermordeten Jugendlichen; der Großvater, der fürchtet, seine Enkelin an ein ihm fremdes Leben zu verlieren; der Vater, der vor vielen Jahren seinen Sohn verlor; die Frau, die sich vor langer Zeit von ihrer Familie lossagte; und natürlich Thomas Lynley, der einen Weg sucht, mit dem Mord an seiner Frau zu leben.

Differenzierte Charaktere, behutsames Vorgehen, übergeordnete Fragen, die aus verschiedenen Sichtweisen gestellt und betrachtet werden – Elizabeth George hat zu recht eine große Fangemeinde. Das muss man natürlich mögen. »Doch die Sünde ist scharlachrot« ist ein 760-Seiten-Wälzer mit dem Versprechen des Entschwindens für Tage und Stunden: eintauchen in die George-Welt, in der man eher fühlt als denkt. Da muss man der Autorin vertrauen können. Und George ist durchaus eine, der man sich anvertrauen kann, denn ihren Figuren wie ihren Lesern gegenüber handelt sie ebenso fair wie einfühlsam und gibt niemanden der Lächerlichkeit preis.

Kirsten Reimers

Elizabeth George: Doch die Sünde ist scharlachrot
Ein Inspector-Lynley-Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Ingrid Krane-Müschen und Michael J. Müschen
Blanvalet 2008, 768 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3-7645-0242-3