Archiv der Kategorie: Rezension Belletristik

Der ganz normale Wahnsinn

Zwischen groteskem Irrwitz und scharfsichtiger Wirklichkeitszeichnung

Aberdeen: Hafenanlagen und Ölindustrie; eine Stadt aus Granit, der golden aufglänzt, wenn die Sonne darauf trifft. Aber meistens regnet es. Zumindest in den Büchern von Stuart MacBride. Grau in Grau verschwimmen die Konturen, wo der Himmel anfängt, das Meer endet – wer hat schon die Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Bestimmt nicht Detective Sergeant Logan McRae, den MacBride als seine zentrale Figur durch die kalte, düstere, windige Stadt in Schottland scheucht.

Im dritten Band um den DS – »Der erste Tropfen Blut«, im Original »Broken Skin« – wird McRae angesetzt auf den Tod eines jungen Mannes, der schwer verwundet vor der Notaufnahme des Krankenhauses aus einem Auto gestoßen wurde. Falls das eine Rettungsaktion war, kam sie zu spät: Kurz darauf erliegt der Mann seinen Verletzungen, die vermutlich von einem überdimensionierten Dildo herrühren. Aus dem Ruder gelaufener Sex mit Todesfolge? Die Spuren führen in die SM-Szene (Erkennungszeichen der Mitglieder in Aberdeen: ein Krimi von Ian Rankin) und in die Pornofilmindustrie (aber: nur Filme mit Anspruch) – doch immer wieder versanden sie auch einfach nur im Leeren.

Police Constable Jackie Watson, mit der McRae inzwischen zusammenlebt, jagt derweil einen brutalen Vergewaltiger, der seine Opfer schwer misshandelt und mit einem Messer verstümmelt. Verdächtigt wird der neue Star des Fußballclubs FC Aberdeen, doch dessen Anwalt gelingt es wiederholt, den Kicker herauszuboxen. Eindeutige Beweise fehlen. Außerdem ist da noch ein achtjähriger Junge, der nicht mehr zu bändigen ist: Mit einer Gruppe von Gleichaltrigen zieht er durch die Stadt, begeht Straftaten und überfällt in einem Einkaufszentrum eine schwangere Frau. Einen Rentner, der sich dazwischen wirft, tötet der Junge. Auf seiner Flucht verletzt er außerdem eine Polizistin lebensgefährlich. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was in diesem nassen und kalten Frühjahr in Aberdeen geschieht.

Alltag im maroden Hamsterrad

Die Perspektive von Stuart MacBrides Krimiserie liegt nicht wie so oft auf den oberen Rängen der Polizei, auf den Superintendents oder den Detective Chief Inspectors, sondern auf denen, die ihnen zuarbeiten: Im Mittelpunkt stehen die Sergeants und Constables, die zwischen den Vorgesetzten aufgerieben werden, ausgenutzt und ohne Entscheidungsspielraum zu den ungeliebten Schmutz- und Laufarbeiten verdammt. Überarbeitet, unterbesetzt und mit völlig veraltetem Equipment können die Polizisten dem Verbrechen nur hilflos und ohnmächtig hinterher hecheln. Zu systematischer Ermittlungsarbeit bleibt kaum Zeit: zu groß ist der Druck von oben und von außen, zu zahlreich die Fälle, zu dünn die Personaldecke, zu erbittert die Konkurrenz untereinander. Und zu ausgeprägt die Inkompetenz. Da bleibt es nicht aus, dass Fehler passieren, manchmal auch tödliche.

Helden sucht man hier in allen Diensträngen vergeblich. Stattdessen trifft man auf schräge und bizarre Typen, die versuchen, irgendwie mit dem täglichen Wahnsinn und der allgegenwärtigen Frustration zurechtzukommen. McRaes direkte Vorgesetzte DI Roberta Steel und DI David Insch steuern auf je individuelle Weise dem gesundheitlichen Kollaps entgegen: Steel, dauerfluchend und mit einer Frisur, als sei ein Pelztier auf ihrem Kopf explodiert, indem sie Kette raucht; Insch, fett und cholerisch, indem er ununterbrochen Süßigkeiten in sich hineinstopft. Die Kollegen schließen Wetten darauf ab, ob er bis zum Ende der Woche jemanden zusammenschlagen oder einen Herzinfarkt erleiden wird. McRaes Freundin Watson kompensiert ihre Hilflosigkeit mit Alkohol und Schlägereien und schreckt schließlich auch nicht vor Selbstjustiz zurück.

Innerhalb dieser am Rande des Wahnsinns dahinstolpernden Gestalten gehört DS McRae zu den überlegteren und besonneneren. Einer muss es ja sein. Es gelingt ihm sogar, die Lösung der Fälle voranzutreiben, obwohl er von seinen Vorgesetzten ausgebeutet und herumgestoßen wird. Freie Tage kennt er kaum noch. Und hat McRae dann doch endlich einmal Feierabend, muss er DI Inschs grottenschlechte Laienschauspieltruppe bewundern oder mit DI Steel einen trinken gehen. Überhaupt wird derart viel getrunken und im Hamsterrad auf der Stelle gehetzt, dass man nach Zuschlagen des Buches das Gefühl hat, in den nächsten Tagen mehr schlafen und mit dem Alkohol etwas kürzer treten zu müssen.

Denn die Bücher von MacBride entwickeln einen eigenartigen Sog: Sie nehmen völlig gefangen und halten den Leser dennoch auf Distanz. Sie sind lebendig und fesselnd, und gleichzeitig werden Figuren und Situationen derart überzeichnet und ins Groteske verlängert, dass jede unkritische Nähe implodiert. Erschrecken, Grauen und großes Amüsement fallen punktgenau zusammen. Vor Ekel weiß man nicht, wohin mit dem Lachen, und vor Lachen nicht, wie mit dem Entsetzen umgehen. Wahnwitz beschreibt nur annähernd, was da passiert. Das Tempo ist hoch, obwohl nur wenig passiert, da die Ermittlungen auf der Stelle treten, aber Ereignis jagt Ereignis, und hinterdrein die Polizisten, die zwischen Übermüdung und Verkaterung dem Geschehen nachtaumeln.

Scharfzüngiger Kommentar der Gegenwart

Die Bücher von Stuart MacBride sind durchdrungen von einem tiefschwarzen und (keineswegs bitteren, sondern) lustvollen Humor mit Begeisterung fürs schreiend komische absurde Detail. In dieser Überzogenheit steckt mehr Wahrheitsgehalt und Intelligenz, mehr treffende Beschreibung des Lebens in neoliberalen Zeiten, als jede (vermeintlich) objektive Berichterstattung je liefern könnte. MacBrides Krimis sind genaue Darstellung und scharfzüngiger Kommentar unserer Gegenwart, denen nichts heilig ist, die alles und doch nichts ernst nehmen, am wenigsten sich selbst.

Das zeigt auch der aktuell auf Deutsch erschienene vierte Kriminalroman der Serie: »Blut und Knochen«, im Original »Flesh House«. Ein Serienkiller erschüttert Aberdeen in seinen Grundfesten: »Der Fleischer«, wie er genannt wird, war schon vor mehreren Jahren aktiv und schlägt nun wieder zu. Er schlachtet seine Opfer fachmännisch, verarbeitet die Überreste kunstgerecht zu handelsüblichen Produkten und Portionen und schleust sie in die Nahrungsmittelkette ein: über den Schlachthof und den Großmarkt in die Metzgertheke. Entdeckt wird dies durch Zufall – ein Brustwarzenpiercing gehört nicht zur Grundausstattung von Schweinen, und auch mit Tattoos verwöhnen die Bauern selten ihre Tiere. (Jetzt nicht über das letzte Wurstbrot nachdenken.)

Ein Serienmörder wie aus dem Lehrbuch, »Das Schweigen der Lämmer« winkt im Hintergrund, ebenso Walter Satterthwaits »Perfection« (deutsch: »Scherenschnitte«). Mit deren Killern teilt der Fleischer die Vorliebe für mollige Opfer, wenn auch aus anderen Gründen. MacBrides Schlachter ist kein Feingeist oder Ästhet. Er ist Handwerker. Allerdings mit Sinn für Ironie: Zur blutigen Metzgerschürze trägt er eine Maggie-Thatcher-Maske.

MacBride forscht nicht umständlich in den Psychen seiner Figuren nach ihren Motivationen. Und doch ist verstehbar, warum wer auf welche Weise handelt, kaum anders kann. Ohne den Wahnwitz und die groteske Verzerrung wäre dies oft nicht auszuhalten. Das merkt man an den wenigen Szenen, in denen die Überzeichnung minimal zurückgenommen wird: In ihnen bricht eine ohnmächtige Verzweiflung hervor, die einem beim Lesen den Atem nimmt. Doch zum Glück ist in der nächsten Wendung der Irrsinn als Puffer und intellektueller Filter wieder da.

Daran zeigt sich, wie bewusst mehrbödig MacBride vorgeht. Bis zur Perfektion sind seine Romane ebenso Polizei- wie Serienmörderkrimis. Sie erfüllen jede Voraussetzung, spielen zusätzlich mit Horror- und Splatter-Elementen. Zur gleichen Zeit aber unterläuft der Autor dies ebenso perfekt mit absurdem Witz, sodass die Romane eine Parodie auf die unterschiedlichen Spielarten des Krimis und auf sich selbst sind. Hervorragend überdreht, den Aberwitz des Alltäglichen wie Unglaublichen einfangend und in Worte bannend, die wiederum Kaskaden von Bildern auslösen.

Kirsten Reimers

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Stuart MacBride: Der erste Tropfen Blut
Aus dem Englischen von Andreas Jäger
Goldmann Verlag 2008
Tb, 507 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-442-46574-3
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Stuart MacBride: Blut und Knochen
Aus dem Englischen von Andreas Jäger
Goldmann Verlag 2009
Tb, 541 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-442-47029-7
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Mumie allein genügt nicht

Ein zusätzlicher Schrumpfkopf und eine Moorleiche reißen es aber auch nicht heraus

Die Pathologin Maura Isles wird eingeladen, der computertomographischen Untersuchung einer ägyptischen Mumie beizuwohnen. »Madame X«, wie die konservierte Leiche genannt wird, soll der neue Publikumsmagnet des kleinen Bostoner Crispin Museums werden. Durch Zufall ist sie in den Lagerräumen des privaten Ausstellungshauses gefunden worden. Nun soll sie für bessere Einkünfte durch mehr Medienaufmerksamkeit sorgen. Und genau das tut sie, wenn auch anders als geplant: Die Mumie ist nämlich bei weitem nicht so alt, wie sie sein soll. Sie hat moderne Zahnfüllungen, und in ihrem Bein steckt ein Projektil. Wie sich herausstellt, ist dies die Leiche einer jungen Frau, die seit rund 26 Jahren vermisst wird.

Bei der nachfolgenden polizeilichen Untersuchung wird im Museum ein Schrumpfkopf entdeckt, der ebenfalls deutlich jünger ist, und wenig später taucht eine Moorleiche auf, eine Frau, die auch in den letzten zwanzig Jahren verschwand. Es ist offenkundig: Hier ist ein Serienmörder aktiv, der seine Opfer erst eine ganze Weile gefangen hält und sie dann konserviert, wenn sie gestorben sind. Und aus dunklem Grund will er nun Aufmerksamkeit.

Retortenware

Geheimkammern in dunklen Kellern, gruselig konservierte Leichen, ein seltsames Museum, ein reicher Mäzen mit unklaren Motiven, eine obskure Obsession. Bewährte Zutaten. Von Frau Gerritsen lustlos in einen Topf gekippt und einmal umgerührt. Das schaurige Setting soll wohl für sich sprechen. Denn die großen Logiklücken und die demonstrative Spannungsarmut tragen nichts zum Gelingen des Buches bei. Ein Serienkiller aus der Retorte, dessen vermeintliche Identität durch ein paar banale Fragen seitens Detective Jane Rizzolis erkannt wird, eine vorhersehbare Überraschung bei der Entlarvung der tatsächlichen Identität, ein müder Showdown – und das war’s dann.

Insgesamt ist das siebte Buch von Gerritsen um Detective Rizzoli und die Pathologin Isles enttäuschend und belanglos.

Kirsten Reimers

Tess Gerritsen: Grabkammer
Aus dem Englischen von Andreas Jäger
Limes Verlag 2009
geb., 448 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-8090-2540-5
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Zerbrechende Seelen

Ängste: vernichtender als offene Gewalt

An seinem ersten Arbeitstag an der Universität von Bath springt der Psychologe Joe O’Loughlin für einen Kollegen ein: Auf Bitten der Polizei versucht er, eine Selbstmörderin davon abzuhalten, in den Tod zu springen. Die Frau steht auf der Brüstung einer viel befahrenen Brücke, nur bekleidet mit roten Pumps, auf ihrem Bauch steht mit Lippenstift das Wort »Hure« geschrieben. Fortwährend telefoniert sie mit ihrem Handy. Als O’Loughlin sich ihr nähert, wendet sie sich ihm kurz zu, sagt: »Sie verstehen nicht« und springt. Ganz offenkundig Selbstmord. Doch als kurze Zeit später die Geschäftspartnerin und Freundin der Toten im Wald gefunden wird – erfroren, an einen Baum gekettet, zu ihren Füßen wiederum ein Handy -, zeichnet sich ab, dass mehr hinter diesen Todesfällen steckt.

Gewagt und gelungen

Michael Robotham kommt ohne viel Blutvergießen oder Gemetzel aus. Sein Täter berührt die Opfer nicht, allein durch Worte vernichtet er sie, nimmt ihnen alle Würde und treibt sie in den Tod.

Es gibt einen Moment, in dem alle Hoffnung vergeht, aller Stolz schwindet, alle Erwartungen, aller Glaube, alles Sehnen. Dieser Moment gehört mir. Dann höre ich den Klang einer zerbrechenden Seele.
Es ist kein lautes Knacken wie von splitternde Knochen, wenn ein Rückgrat bricht oder ein Schädel birst. Auch nicht weich und feucht wie ein gebrochenes Herz. Es ist der Klang, bei dem man sich fragt, wie viel Schmerz ein Mensch ertragen kann; ein Laut der das Gedächtnis zerschmettert und die Vergangenheit in die Gegenwart sickern lässt; ein Ton, so hoch, dass nur die Hunde der Hölle ihn hören können.

Von mehreren Passagen aus Sicht des Täters abgesehen, wird das Geschehen vom klinischen Psychologen Joe O’Loughlin in der ersten Person singular und im Präsenz geschildert. So gewagt dies ist, so gelungen ist es auch. Denn Michael Robotham stimmt Sprache, Stil und Tempo des Romans perfekt auf seine Hauptfigur ab. Obwohl viel passiert, bleibt der Duktus vorsichtig, zurückhaltend, misstrauisch und sehr reflektiert. Oft durchsetzt mit einem feinen, tiefschwarzen, bitteren Humor. Und obwohl man als Leser O’Loughlin so nah kommt, entsteht doch nie das Gefühl von Nähe. Bei aller Offenheit bleibt die Hauptfigur distanziert und eigenständig.

Tiefenspannung

»Dein Wille geschehe« ist bereits der vierte Thriller Robothams um die Figur des Joe O’Loughlin. Anders als verschiedene Profiler, die heute die Krimiwelt bevölkern, muss der klinische Psychologe seine Fähigkeit, andere Menschen zu verstehen, weder glorifizieren noch mystisch überhöhen. Er ist kompetent und erfahren, bleibt insgesamt aber eher unauffällig, und das mit Absicht: Denn O’Loughlin leidet an Parkinson. Seine linke Hand, sein linker Arm beginnen mitunter unkontrolliert zu zittern, die Mimik wird starr. Hält er eine Vorlesung, hofft er, dass sein linkes Bein nicht plötzlich blockiert und er vom Podium stürzt. Aufmerksamkeit möchte er vermeiden. Kein Held, sondern ein Mensch mit sehr nachvollziehbaren Ängsten, Unsicherheiten und Problemen.

Robothams Thriller lebt von der Glaubwürdigkeit seiner Figuren. Mit viel Gespür für innere Zusammenhänge und Widersprüche sind sie facettenreich und lebendig gezeichnet. Darum kann der Australier auf plumpe Spannungsmache verzichten. Er packt den Leser auf den ersten Seiten sehr perfide an tiefen Ängsten und lässt ihn bis zum Ende nicht wieder los.

Kirsten Reimers

Michael Robotham: Dein Wille geschehe
Aus dem Englischen von Kristian Lutze
Goldmann Verlag 2009
geb., 576 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-442-31178-1
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Schiffbruch mit Nolde

Ein Regionalkrimi aus dem Baukasten

Vor achtzehn Jahren hat der damalige Kunststudent Harry Oldenburg – schon zu jener Zeit nicht schlecht im Fälschen alter und neuer Meister – vier Bilder aus dem Nolde-Museum in Seebüll gestohlen. Eines davon musste er auf seiner Flucht über Amrum dort zurücklassen: die „Ferien- gäste“. Nun kehrt er zurück – inzwischen erfolgreicher Kunsthändler von echten wie gefälschten Gemälden -, um das Bild zu holen. In einem Wechsel zwischen gestern und heute wird erzählt, was damals geschah und wie sich in der Gegenwart die Suche gestaltet.

Der Diebstahl vor achtzehn Jahren verlief nicht so glatt wie geplant. Erst wurde Harry von der Putzfrau überrascht. Sie konnte er noch unblutig überwinden. Der Kunststudent flüchtete daraufhin nach Amrum, um dort zunächst unterzutauchen. Doch auf der Nordseeinsel kamen mehrere Menschen hinter sein Geheimnis, die daraufhin einer nach dem anderen beseitigt werden mussten. Dabei war es gar nicht unbedingt Harry, der die unerwünschten Mitwisser tötete. Zufälle und Unfälle kamen ihm zu Hilfe. Auch in der Gegenwart gestaltet sich die Suche nach dem versteckten Bild als nicht ganz so einfach wie erhofft.

Die Geschichte hängt aufgrund ihrer Konstruktion vollständig von der Hauptfigur ab – und scheitert auch an ihr. Denn Harry Oldenburg ist nicht der etwas tollpatschige, naive Dieb, der eigentlich ganz in Ordnung ist, als den ihn der Autor schildern will. Allzu selbstgerecht reagiert er auf den Tod der unliebsamen Mitwisser, allzu selbstgefällig nimmt er Mord und Totschlag zu seinen Gunsten in Kauf. Was schwarzhumorig wirken soll, entlarvt sich unfreiwillig als kaltschnäuzig.

Der für ein Debüt erstaunlich munter und routiniert erzählte Krimi wirkt zudem wie vom Fremdenverkehrsamt der Insel Amrum gesponsert. Brav werden alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert und beschrieben. Es fehlen nur noch die jeweiligen Öffnungszeiten und Eintrittspreise. Ein Regionalkrimi wie aus dem Romanbaukasten inklusive kauzigem Personal, geradezu idealtypisch. Nichts gegen Amrum – ganz im Gegenteil -, es zeigt sich nur wieder: Die Liebe zu einer Insel ist überhaupt kein Argument, zu einem Buch zu greifen, dessen Handlung dort angesiedelt ist.

Kirsten Reimers

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Krischan Koch: Flucht übers Watt
dtv 2009
Tb, 299 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-423-21140-6
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Leben ohne Grenzübergang

Kein Entkommen aus dem Zonenrandgebiet

Vor dreißig Jahren verließ Peter Blum fluchtartig seine Heimatstadt im Zonenrandgebiet. Seine damalige Freundin Astrid war von einem Tag auf den anderen verschwunden. Einfach weg, ohne ein Wort. Wochenlang suchte Peter gemeinsam mit ihrem Vater, doch vergebens. Astrids Vater beging schließlich Selbstmord, Peter suchte einen Neuanfang in den USA. Dort änderte er seinen Namen in Bloom. Nun liegt sein Vater im Sterben, und er kehrt zurück. Dreißig Jahre lang hat Astrid ihn nicht losgelassen. Bloom hat zwar Karriere als Fotograf gemacht, aber die Ehe, die er in der Zwischenzeit eingegangen ist, ist gescheitert, zu seinem Sohn findet er keinen Zugang. Freunde oder enge Vertraute hat er in der neuen Heimat nicht.

Auch in der alten Heimat wird er nicht mit offenen Armen empfangen. Die Mutter ist zwar glücklich, ihn wiederzusehen, doch auch etwas hilflos angesichts des fremden Sohns. Seine Schwester ist verbittert, weil er damals die Familie im Stich ließ – wie Astrid ging er ohne ein Wort, erst Monate später sendete er ein Lebenszeichen.

Peter Bloom war mit 19 von Astrid besessen, und er ist es mit Ende vierzig immer noch. In seiner Erinnerung ist sie zur großen Liebe geworden, zu der einen, an die keine zweite je heranreichen wird. Dabei waren es gerade einmal vier Monate, die diese Beziehung währte.

Sie lehnte in der Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern. Ich konnte sie nur erahnen. Zu wenig Licht. Ob sie lächelte, als ich sie fotografierte, oder ob ihre Augen geschlossen waren, hatte ich nicht erkennen können. Sie stand nur da. Eine Schulter gegen einen Türpfosten gelehnt und sagte »Hi!«, wie es neuerdings manche taten. Es sollte amerikanisch klingen.

Mit seiner Rückkehr nach Deutschland erhält Blooms Obsession neue Nahrung. Vor kurzem wurde in der Nähe des ehemaligen Todesstreifens das Skelett eines Mädchens gefunden, das im Sommer 1975 ums Leben kam, demselben Sommer, in dem auch Astrid verschwand. Bloom vermutet, hofft und fürchtet, dass es sich hierbei um seine Exfreundin handelt. Doch die Polizei hat längst festgestellt, dass das tote Mädchen eine junge Norwegerin ist. Auch Peter hat sie damals kurz gesehen, nach einem Auftritt der örtlichen Rockband »Crest«. Von der Vergangenheit wieder in festen Griff genommen, macht sich Bloom erneut auf die Suche nach Astrid. Darüber vergisst er den totkranken Vater, stößt die Mutter und die Schwester vor den Kopf und macht sich auch unter seinen alten Bekannten keine Freunde, im Gegenteil.

Selektive Wahrnehmung

Die Erzählung springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich-Erzähler ist Peter Bloom, doch auch aus Sicht anderer wird – in der dritten Person – das Geschehen damals wie heute geschildert. Auf diese Weise klärt sich nach und nach, was vor dreißig Jahren vorgefallen ist. Schmerzhaft muss Bloom erfahren, dass seine Astrid nicht die war, für die er sie gehalten hat. Die wundervolle Jugendliebe mit Fahrten zum Badeteich, Spaziergängen entlang des Todesstreifens und unerfahrenem Sex im Jugendzimmer war nicht so harmonisch und rein, wie er sie wahrgenommen hat. 372 Fotos hat Peter damals von Astrid gemacht, und als er sie heute betrachtet, muss er sich eingestehen, dass er sich hat täuschen lassen. Denn sehen wollte er nur den Bildausschnitt, der ihm gefiel. Alles außerhalb seines Kameraobjektivs blieb außerhalb seiner Wahrnehmung.

Ich ging noch einmal alle anderen Bilder aus dieser Zeit durch, aber das Mädchen aus Norwegen war auf keinem weiteren Foto zu sehen.
Astrid dafür umso häufiger. Vor der Bühne, wie sie begeistert in die Hände klatschte. Einmal jubelte sie sogar mit ausgestreckten Armen, die Augen geschlossen. Auf einem anderen Foto trug Astrid den mit Aufklebern übersäten Gitarrenkoffer von Gerrit. Sie lachte in die Kamera, stand gebückt da, mit angewinkelten Knien, als bräche sie jeden Moment unter der Last des Koffers zusammen. Ich dachte, dass ich all diese Fotos gemacht hatte, ohne zu verstehen, was sie mir eigentlich sagten.

Auch heute ist Bloom in seiner Wahrnehmung eingeschränkt, im Gestern gefangen, emotional verkümmert. Verstockt wirkt er, immer noch ein bockiger Teenager mit seinen fast fünfzig Jahren. Nicht wirklich sympathisch. Aber sympathische Figuren sucht man in diesem Buch sowieso vergebens. Es ist bevölkert von Menschen, deren Lebenstraum gescheitert ist, die einem verlorenem Ideal anhängen und nicht die Gegenwart wahrhaben wollen. Deshalb sind sie verbittert, unzufrieden, aggressiv, hinterhältig. Die Bandmitglieder von damals, in den siebziger Jahren Rebellen, die gegen den Kleinstadtmief aufmuckten, machen heute noch Musik, allein, in ihrem Probenraum. Sie haben es nie über die Stadtgrenzen hinaus geschafft und sind in ihrer jugendlichen Rebellion steckengeblieben. Sie fristen ein trostloses Dasein als Fossilien.

Verharren im Nirgendwo

So gut wie nichts hat sich verändert in den letzten Jahren – die Grenze ist weg, und doch verharren alle in einem trostlosen Nirgendwo. Kein Schritt heraus aus dem eng umzirkelten Leben. Auch Bloom hat außer seiner Namensänderung keine Entwicklung erfahren.

Das Debüt von Jochen Rausch – übrigens Programmchef beim Jugendsender 1Live – ist kein Krimi, auch wenn es meist in der Kritik so gehandelt wird. Zu viele Fragen bleiben dafür ungeklärt. Es ist stattdessen die Geschichte einer Erstarrung, innen wie außen. Der Roman zeigt, dass Flucht keine Veränderung mit sich bringt, dass Verdrängung Stillstand bedeutet. Wie gebannt sind die Figuren von einem Moment in der Vergangenheit, von dem sie sich nicht lösen können, von dem sie sich Erlösung erhoffen, wenn sie nur lange genug an ihm festhalten können. Ein Trugschluss.

Kirsten Reimers

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Jochen Rausch: Restlicht
Kiepenheuer & Witsch 2008
Paperback, 288 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-462-04029-6
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