Eine Frau, von ihrer Umgebung Olivia genannt, kehrt mit ihren beiden Kindern zu ihrer Mutter zurück. Vor Jahren waren sie im Streit auseinander gegangen, weil die Mutter die Ehe ihrer Tochter nicht gutgeheißen hatte. Seitdem gab es keinen Kontakt mehr. Nun steht die Frau unangemeldet vor der Tür ihres Elternhauses, eines großen, vornehmen Anwesens, und muss eingestehen, dass ihre Ehe gescheitert ist.
Herrschaftlich erschien die Großmutter oben auf der Treppe. Sie war tadellos gekleidet (…). Obzwar schmal und zerbrechlich, machte sie einen Eindruck von würdevoller Resignation.
»Hallo, Mutter.«
»Hallo, Olivia.«
Die Frau stieg die Marmorstufen hinauf, und als sie bei ihrer Mutter ankam, nahm sie ihre weiche, schuppige Hand und küsste sie. Es war eine formale, aber keine versöhnliche Geste. Ihre Mutter machte im Gegenzug eine Bestandsaufnahme – das zerzauste Haar, die zerrissenen Strümpfe, der gebrochene Arm. Taktvoll entschied sie sich, nichts dazu zu sagen.
»Ich musste nach Hause kommen«, sagte die Frau. Eine lange Stille entstand zwischen ihnen. »Nun, darf ich dir die Kinder vorstellen?«
Auch der Bruder wird mit seiner Frau Sophie und ihrem gerade geborenen Kind direkt aus dem Krankenhaus erwartet. Doch die Zusammenkunft entwickelt sich alles andere als heiter: Der Säugling ist bei der Geburt gestorben; um das Trauma verarbeiten zu können, wurde das tote Kind den Eltern bis zur Beerdigung überlassen.
In den kommenden Tagen fällt es Sophie zunehmen schwerer, den Tod ihres Babys zu akzeptieren, sie versucht es zu füttern und zu baden, nachts schläft es in der Tiefkühltruhe. Die restliche Familie ist hingegen bemüht, wegzuschauen und das immer morbidere Verhalten von Sophie zu ignorieren. Der Umgang miteinander ist kühl und distanziert, Gefühle werden nicht gezeigt, und schon gar nicht wird über sie gesprochen. Mit allen Mitteln soll die Fassade der Normalität aufrecht erhalten werden. Doch der Tod des Kindes und Sophies wachsender Wahn schlagen tiefe Risse in die innere Verfasstheit der Familienmitglieder und konfrontieren sie mit ihren zerstörten Hoffnungen und gescheiterten Lebensentwürfen.
Julia Leigh schreibt kraftvoll, knapp, klar und präzise. Sie taucht nicht in ihre Figuren ein, sondern beobachtet sie von außen. Wie mit einer Filmkamera umkreist sie die Personen, unterstellt ihnen weder Gefühle noch Beweggründe. Die Bilder und Szenarien, die dadurch entstehen, sind einprägsam und hypnotisch, denn durch die Leerstellen, die ihnen innewohnen, rufen sie weit mehr hervor, als in ihnen beschrieben ist. Nur ist leider die Übersetzung manchmal etwas störend ungelenk.
Die Welt, die Julia Leigh schildert, ist kalt, bizarr, verstörend, voll unterdrückter Aggression und doch tief berührend. Sie erzählt vom Loslassen, um anzukommen in dem, was ist, damit man weiterleben kann.
Simon Brenner ermittelt wieder notgedrungen, während sein Erzähler schwatzt
Vor sechs Jahren verließ Expolizist und Exprivatdetektiv Simon Brenner heimlich mit seiner neuen Freundin seine Heimatstadt Graz, auf dem Motorrad entfloh er aus Puntigam, nachdem sich seine Erzählstimme für ihn geopfert hatte. Nun ist der Brenner wieder da: in Wien, ohne Freundin, ohne Motorrad, dafür nimmt er Antidepressiva und arbeitet als Chauffeur für den Bauunternehmer Kressdorf. Da der Baulöwe (»Wenn du heute dein erstes Einfamilienhaus auf die Wiese gestellt hast und es bricht nicht schon am ersten Tag zusammen, sofort Baulöwe.«) sein Büro in München hat und seine Frau ihre Klinik in Wien, wird die gemeinsame Tochter Helena zwischen beiden Städten hin- und hergefahren.
Dem Brenner gefällt dieser Job, er mag die Helena, er mag das Autofahren. Doch eines Tages kann er sich bei einem Tankstopp nicht entscheiden, welche Schokolade er dem Kind mitbringen möchte. Das setzt eine Kettenreaktion in Gang, die sieben Menschen das Leben kostet. Außerdem spielen Abtreibungsgegner, eine Südtirolerin, Schrebergärten, eine Sickergrube, Mücken und der liebe Gott neben vielem anderen eine wichtige Rolle. Und natürlich Jimi Hendrix und das Unterbewusstsein.
Schau, von mir aus: Denk, was du willst! Ich weiß nur, dass der Brenner jetzt, wie er sich im Licht der Abendsonne in der Senkgrube auf die Suche nach der Leiche gemacht hat, von einer fast übernatürlich leuchtenden Insektenaura umgeben war, halb Imker im Sonnenuntergang, halb Jimi Hendrix im Konzertscheinwerferlicht.
»Aber wenn du als Chauffeur ohne Auto im Regen stehst, ist das natürlich subjektiv der Moment, wo du begreifst, dass du eine Krise hast«
»Der Brenner und der liebe Gott« ist der siebte Krimi um den grüblerischen, depressiven, maulfaulen und etwas widerwilligen Ermittler Simon Brenner – und er ist vielleicht der bislang beste: Haas erzählt bunter, geruchsintensiver, plastischer und auf seine Art auch konzentrierter. Seine wunderbaren Seiten- und Abwege sind thematisch enger mit dem Roman verbunden, mäandern um zentrale Punkte und Fragen herum. So entstehen Leitthemen (Mücken, Leben, Tod), die immer wieder anders umkreist werden, den Roman zusammenhalten und ihm eine intensive, variantenreiche Dichte verleihen: Alles ist mit allem verwoben, jeder Schritt zeitigt Konsequenzen. Dadurch gewinnt auch die Handlung, die stringenter aufgebaut ist als früher. Nun las man aber die bisherigen Krimis von Wolf Haas nicht zwingend wegen des Plots. Weit wichtiger, spannender, verblüffender und witziger waren und sind die Erzählweise und die Sprache. »Der Brenner und der liebe Gott« überzeugt durchaus in allen Punkten. Reibungslos fügt er sich ein in die Reihe der bisherigen Simon-Brenner-Krimis.
Und da beginnt das Problem.
Auch der neue Roman ist in dieser grandiosen kunstvoll-künstlichen Umgangssprache geschrieben, die intelligent und konnotationsreich Themen anreißt, durch Verschweigen benennt, durch Kategorienverschiebung aufschlussreiche Zusammenhänge herstellt. Auf diese Weise ist der Roman aufgeladen mit Anspielungen auf Ereignisse der letzten Jahre (Kampbusch-Entführung), immerwährenden Lebensweisheiten (»Hinter jedem Massenmörder steht eine Massenseufzerin.«) und Kommentaren zur Gegenwart.
Normalerweise sagt man ja, dass sich ein frisch Wiederbelebter eine Zeitlang ausruhen darf, und der muss noch nicht sofort wieder ins Mobbingbüro zurück, aus dem er sich gerade mit Anlauf gestürzt hat, sondern erst nach der Mittagspause. Aber das ist wieder der Vorteil als Mörder. Da musst du dich mit den kleineren Moralvorschriften nicht mehr so herumquälen.
Berichtet wird dies alles erneut von einer distanz- und tabulos schwatzenden und kommentierenden Erzählstimme, die dem Brenner dicht auf den Fersen ist, die weiß, was er fühlt und denkt (während der Brenner – wegen der Tabletten – womöglich noch stiller und langsamer ist als vor sechs Jahren).
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sagen, in den Schrebergärten mehr Leichen als auf den Friedhöfen, aber die Sondermüllbelastung auf jeden Fall größer. Weil bei den normalen Friedhöfen nehmen sie den Verstorbenen doch die schlimmsten Sachen heraus, die Batterien von den Herzschrittmachern, die künstlichen Gelenke, die Zahnprothesen und Silikonsachen, damit das Grundwasser nicht zu sehr leiden muss. Und die Schrebergartenleichen werden meistens huschpfusch in aller Eile verscharrt, Batterien und alles drinnen.
»Der liebe Gott hat sich das alles nur mit einem Lächeln angeschaut, weil freier Wille«
Diese neue Erzählstimme hat gut gelernt von der alten: Sie ist im Ganzen etwas eloquenter, etwas gehobener im Ausdruck, etwas schärfer und ätzender im Kommentar, und sie sagt auch nur ein einziges Mal »ding« (obwohl es natürlich sein kann, dass in »Das ewige Leben« schon alle »ding« aufgebraucht wurden) – aber letztendlich sind das nur graduelle Abweichungen von der früheren Stimme.
So witzig und gut diese Erzählweise ist – nach dem furiosen Ende der Erzählstimme im sechsten Buch, nach Wolf Haas‘ wiederholter Beteuerung, »Das ewige Leben« sei der letzte Simon-Brenner-Roman und das sei auch gut so, und vor allem wegen des hervorragenden Romans »Das Wetter vor 15 Jahren« – für das der Linguist und ehemalige, legendäre Werbetexter Haas den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erhalten hat – ist das Aufgreifen der alten Stilmittel in aufpolierter Form etwas enttäuschend. »Der Brenner und der liebe Gott« ist ein wirklich tolles Buch – aber letztlich ist diese Rückkehr ein Rückschritt, weil nichts Neues passiert, weil die »Hier!«-schreiende Möglichkeit, mit einem neuen Erzählstil zu experimentieren, ungenutzt blieb. Das ist wirklich schade und etwas langweilig. Es lässt den Mut vermissen, der hinter den bisherigen Büchern stand.
Aber davon mal ab: »Der Brenner und der liebe Gott« steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, der am 12. Oktober zum Auftakt der Buchmesse in Frankfurt/Main verliehen wird.
Ein verstörender Blick in die amerikanische Gesellschaft
Weil ihm der junge Schwarze Henry Ray Boxer Geld schuldet, sucht Paris Trout dessen Familie auf und schießt mehrfach auf sie. Henry Rays Mutter wird schwer verletzt, die vierzehnjährige Rose, die bei der Familie lebt, stirbt. Für Paris Trout keine große Sache. Er ist Geschäftsmann, die Schulden waren rechtsmäßig, wie er immer wieder beteuert. Er hat nur seine Interessen verteidigt. Dass die beiden Frauen in seine Schusslinie gerieten, dafür kann er nichts: »Wenn sie niedergeschossen wurden, dann waren sie selbst schuld. Genau wie man ja auch nicht den Ingenieur verurteilen würde, wenn sie vor einen Zug gesprungen wären.«
In dem Südstaatenörtchen Cotton Point, in dem Paris Trout seinen Gemischtwarenladen führt, ist das im Grunde auch kein großer Skandal. Zwar weiß man auch hier: »Die Gesetzesvorschriften bezüglich Mordes unterscheiden in diesem Staat nicht zwischen den Rassen.« Wie Staatsanwalt Townes beharrt: »Vor dem Gesetz sind alle Arten gleich.« Doch Paris Trout hält ihm entgegen, wie es tatsächlich ist: »Das sind nicht die wahren Regeln, und das wissen Sie genau.«
Zwischen Hexenjagd und Koreakrieg
Der Roman spielt Anfang der fünfziger Jahre in den USA. Senator McCarthy veranstaltet innerhalb der Gesellschaft seine Hexenjagd nach »Kommunisten«, nach außen führen die USA einen erbarmungslosen Krieg gegen Korea. Ebenso brutal und von Verachtung geprägt sind die Verhältnisse im Kleinen. In Cotton Point, das stolz seine Gründung vor hundertfünfzig Jahren durch einen Sklavenhändler feiert, gehören Rassenhass und Gewalt gegen Schwächere zum Alltag. Ein Menschenleben zählt hier nicht viel. Weiße misshandeln Schwarze, Männer ihre Frauen, Eltern ihre Kinder. Aber natürlich nicht offen, sondern hübsch verborgen hinter der properen Fassade der Wohlanständigkeit. Man sollte sich halt nicht erwischen lassen, wenn man Schwarze in ihrem eigenen Haus zusammenschießt.
Doch Paris Trout ist anders als die Bürger der weißen Mittel- und Oberschicht. Wie sein Anwalt Harry Seagraves (verheiratet, hat aber eine Affäre mit Trouts Frau) feststellt: »Selbst wenn wir alle auf derselben Straße fahren – Paris Trout hat keine Bremse.« Für den Geschäftsmann haben Konventionen keine Bedeutung. Er exerziert offen, was die ehrbaren Bewohner von Cotton Point nur im Geheimen tun und denken. Trout verkörpert einen unbedingten Individualismus mit ausgeprägter Zweckrationalität. Er sorgt für sich selbst, die Hilfe des Staates hat er nie in Anspruch genommen – darum gibt er dem Staat im Gegenzug ebenfalls nichts: Trout zahlt keine Steuern und negiert die Autorität von Behörden. Er richtet sich nur nach seinem eigenen Gesetz. Trout ist Waffennarr und Einzelgänger – in früheren Zeiten wäre er ein Held gewesen. Er steht für die Werte der wehrhaften US-Nation, und er lebt sie in aller Konsequenz aus. So macht er die Kehrseite der Medaille sichtbar: Negation und Zerstörung der Gemeinschaft.
Schattenseiten der Werte
»Paris Trout hatte etwas an sich, das die Dinge weiter trieb, als sie eigentlich sollten«, stellt sein Rechtsanwalt fest. Der Einzelgänger ist wie ein schwarzes Loch, das alles Licht um sich herum verschlingt, ein tollwütiges Tier, das beißt und infiziert, wer ihm nah kommt. Allein seine Frau wagt es, sich gegen ihn zu stellen. Ihr gelingt es, Abstand zu Trout zu wahren durch die einzige Drohung, die er ernst nimmt: der Ankündigung ihn zu vergiften, wenn er nicht aus dem gemeinsamen Haus auszieht. Gegen Feinde von außen weiß Trout sich zu wehren – Angst macht ihm, was ihn von innen zerstören kann. Als Hanna Trout die Scheidung einreicht, wird der Konflikt auf eine neue Stufe gehoben. Denn sie beauftragt den jungen Rechtsanwalt Carl Bonner. Der Sohn des örtlichen Pastors war in seiner Jugend der jüngste Eagle Scout in der Geschichte des Staates, stellte in der Schule ein Vorbild für seine Mitschüler dar. Bonner lebt nach klaren Prinzipien, er strebt nach unbedingter Gerechtigkeit. Ein etwas naiver junger Mann, der beseelt und leidenschaftlich für das Gute kämpft (jemand, der so grundgut ist, darf keinen Sex haben, darum ist seine Frau frustriert und wendet sich dem Alkohol zu). Bonner ist die Antithese zu Trout. Eine Auseinandersetzung zwischen ihnen kann nur in die Katastrophe führen.
»Paris Trout« (so auch der Originaltitel) von Pete Dexter ist ein gewaltiges, verstörendes Sittengemälde der US-Gesellschaft der frühen fünfziger Jahre. Dunkel, ätzend, beängstigend und bezwingend. Geschrieben aus unterschiedlichen Perspektiven in einer präzisen Lakonie, seziert der Autor jede Figur gnadenlos, ohne zu psychologisieren.
Pete Dexter ist freier Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten Gesellschaftschronisten sowie profiliertesten Drehbuchautoren der USA. Die Originalausgabe von »Paris Trout« erschien bereits 1988 und wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet. 1991 wurde das Buch unter dem Titel »Paris Trout« mit Dennis Hopper, Barbara Hershey und Ed Harris verfilmt. In Deutschland lief der Film als »Tollwütig«. Unter diesem Titel war das Buch auch bereits 1989 auf Deutsch erschienen, es blieb jedoch lange Zeit vergriffen. Dank des wunderbaren Verlags Liebeskind liegt es nun in neuer und hervorragender Übersetzung von Jürgen Bürger ungekürzt vor.
In das Dörfchen Montesecco im Hinterland der Adria verirrt sich niemand aus Zufall. Der Exodus der Arbeitssuchenden hat es ausgedünnt, nur noch eine Handvoll Menschen wohnt hier kontinuierlich. Im Sommer kommen manchmal diejenigen zurück, die nun woanders erfolgreich sind, um hier in der Heimat ihren Urlaub zu verbringen wie zum Beispiel der »Americano«, der es in den USA auf mehrere Pizzerien gebracht hat. In Montesecco hingegen gibt es nichts, einmal abgesehen von der schäbigen kleinen Bar, die vor dem Kirchenportal an der Piazzetta liegt, dem zentralen Sammelpunkt des Örtchens.
Schon seit Jahrzehnten zeigt die Uhr auf dem Palazzo Civico zwanzig nach acht. Die Zeit scheint das Dorf vergessen zu haben. Eine Zukunft ist nicht zu erwarten, lediglich langsamer Zerfall. Weder Staats- noch Gottesmacht sind hier vertreten. Einen Bürgermeister gibt es nicht, der Pfarrer des nächstgrößeren Ortes kommt nur gelegentlich vorbei, und für eine Polizeistation ist das Dörfchen eh zu klein und unbedeutend. So sind die Bewohner auf sich selbst zurückverwiesen. Schon seit Jahren. Was auch immer ansteht: Sie regeln es auf ihre Weise. Das zeigt eindrucksvoll das erste Buch.
Die Vipern von Montesecco
Ein glühend heißer Sommer hält das Dorf fest in seinem Griff. Staubig und trocken ist es; und die Vipern so giftig und beißwütig wie nie zuvor. Unter jedem Stein scheint eine zu lauern, als würde die Erde selbst Gift speien. Die Stimmung in Montesecco ist angespannt und aufgeladen, kehrt doch nach fünfzehn Jahren Matteo Vannoni aus dem Gefängnis zurück ins Dorf. Er hat damals seine Frau erschossen, als er sie mit Giorgio Lucarelli im Bett erwischte. Lucarelli wohnt immer noch hier. Und das Dorf wartet atemlos auf die erste Begegnung der beiden. Als Lucarelli wenig später an einem Vipernbiss stirbt, ist das für die Polizei ein bedauerlicher Unfall. Doch den Dorfbewohnern ist klar: Das war Mord, es war einer von ihnen, und es war nicht unbedingt Vannoni. Nun ist nicht nur der Boden, sondern auch die Luft vergiftet. Um wieder atmen zu können, macht sich das ganze Dorf daran, die Sache aufzuklären. Schließlich ist man gewohnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – bis hin zum säkularisierten Gottesurteil am Ende.
Die Drachen von Montesecco
Acht Jahre sind seit dem Vipernsommer vergangen. Nun herrscht Herbst, der Maestrale weht und bringt trockene, kalte Luft aus dem Nordwesten heran. Und er nimmt den letzten Lebenshauch des alten Benito Screggia mit sich. Zuvor hatte der über Achtzigjährige drei Tage lang in Saus und Braus gelebt: Mit drei Edelnutten aus Rom, einem Pianisten, einem Berg an Delikatessen und einem Wasserbett hatte er sich im verlassenen Pfarrhaus eingemietet. Screggia hinterlässt ein unerwartetes Vermögen: 5,5 Millionen Euro. Mit der Aussicht auf so viel Geld erwacht die Gier in Montesecco. Jeder möchte in irgendeiner Form davon profitieren. Aber nicht nur der Geschäftssinn der Bewohner wird angestachelt, auch die kriminelle Energie bekommt einen mächtigen Schub. Als der jüngste Bewohner des Dörfchens gekidnappt wird und der oder die Entführer 2 Millionen Euro Lösegeld fordern, ist allen klar: Der Erpresser ist ihnen sehr, sehr nah.
Die Augen der Medusa
Im dritten Buch sind es Staat und Medien, die mit Macht über Montesecco hereinbrechen. Vor den Toren des Dorfes wird der berühmte Staatsanwalt Malavoglia Opfer eines Anschlags. Der Attentäter verschanzt sich mit vier Geiseln in einem Haus in Montesecco. Ein enormes Aufgebot an Polizei samt Sondereinsatztruppen quartiert sich im verlassenen Pfarrhaus und in der Kirche ein, mindestens ebenso groß ist das Heer der herbeiströmenden Presseleute. Ganz Italien schaut auf das Dörfchen. Und den Bewohnern wird klar: Als Attentäter verdächtigt die Polizei einen von ihnen: den siebzehnjährigen Minh. Dass der Junge, der vor neun Jahren das Opfer der Entführung geworden war, ein kaltblütiger Terrorist sein soll, kann sich keiner der Dörfler vorstellen. Im Gegenteil: Die Einwohner können schlüssig darlegen, warum Minh es auf keinen Fall schuldig sein kann. Doch niemand glaubt ihnen. Erneut müssen sie ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Angesichts des übermächtigen Gegners ein aussichtsloses Unterfangen – bis sie die Regeln hinter den Regeln entdecken und für sich nutzen.
Dunkle Seiten, sanft verwoben
So harmlos schnurrig und schrullig, wie man zunächst annehmen möchte, ist die Trilogie von Bernhard Jaumann nicht. Unter der pittoresken, mitunter burlesken Oberfläche liegen tiefe Risse, die Individuum, Staat und Medien gleichermaßen durchziehen – kein Wunder, agieren doch auch in Politik und Presse nur Menschen mit menschlichen Schwächen. Ergibt sich die Gelegenheit, sich auf die Schnelle zu bereichern, greift unterschiedslos jeder zu in der Hoffnung, damit durchzukommen. In dem leidenschaftlichen, alles beherrschenden Wunsch, etwas bestimmtes zu besitzen – Liebe, Geld, Macht -, in der Gier liegt die Motivation der Verbrechen in Jaumanns Montesecco.
Doch es gibt auch andere Seiten in denselben Menschen: Solidarität, Freundschaft und Liebe. Das Dörfchen mag statistisch gesehen die höchste Verbrechensrate Italiens haben, die Bewohner sich untereinander beharken und manchmal ans Leben und Vermögen wollen, in einem sind sich alle einig: in ihrer Gegenwehr gegen Autoritäten, besonders staatliche. Das hat Tradition und reicht über die Lotta continua bis zur Resistenza während der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg zurück. Doch die Mittel von damals können heute nicht mehr greifen.
Freundlich unterlaufene Klischees
Protagonist der Bücher ist die Bewohnerschaft als Ganze. Als Gemeinschaft agieren die Menschen mit- und auch gegeneinander, besonders hervorgehoben wird keiner. Zwar wirft Jaumann in der Figurenzeichnung durchaus Klischees auf, doch nach und nach, Seite um Seite füllt er sie mit Leben, lässt Widersprüche zu, legt Abgründe frei. Ähnlich verhält es sich mit dem Italienbild, das der Autor entwirft: Rotwein und Grappa, Mafia und Korruption werden ebenso wie die Roten Brigaden, der Wasserkopf der Bürokratie, Börsenmakler auf der Suche nach Bauernweisheiten und die Sensationsbesessenheit der Medien satirisch ausgeleuchtet und sanft abgepolstert. Das vermag Jaumann in einer eleganten, leichten, unaufdringlichen Sprache, die zugleich intensive, sinnliche Bilder evoziert – die Gluthitze im ersten Band ist ebenso spürbar wie die irrationale Angst, die alles durchdringt; die Kälte des eisigen Winters ist in den »Augen der Medusa« wie die anfängliche Schreckensstarre der Dorfbewohner fast greifbar.
Geschehen und Figuren angemessen, ist das Tempo zurückgenommen. Das gibt dem Ganzen mitsamt der Verbundenheit der Personen trotz aller dunkler Seiten etwas Herziges und Gemächliches. Das ist nicht jedermanns Sache, passt aber gut zum Konzept der Trilogie.
Ausgerechnet von einem Einbrecher, dem Junkie Geordie, wird der Geschichtsprofessor Roger Harvey tot in seiner Wohnung aufgefunden. Warum jemand den Mittdreißiger hätte brutal erschlagen sollen, ist nicht ersichtlich. Harvey lebte ein ruhiges, unauffälliges Leben: Nach einer verlorenen Liebe gab es nur ein paar oberflächliche Beziehungen. In erster Linie engagierte sich der Historiker für seine Arbeit – und die gibt auch keinen Grund zu einem Mord aus leidenschaftlicher Wut her. Auffällig ist nur, dass sein Nachbar David Mitchell in der gleichen Nacht verschwand, in der auch Harvey getötet wurde. Als bekannt wird, dass Mitchell seinen derzeitigen Auftraggeber hintergangen hat, um große Geldsummen in die eigene Tasche zu scheffeln, erwächst daraus ein Mordverdacht. Gleichzeitig erfahren die ermittelnden Beamten Detective Chief Inspector Jacobson und Detective Sergeant Kerr, dass eine von Harveys Exfreundinnen unter Druck zu Gewaltexzessen neigt und den Historiker bereits vor geraumer Zeit mit einem Messer bedroht hat.
Verhaltenes Tempo, unverstellter Blick
Viele Fragezeichen für Jacobson und Kerr, die in »Gefährliches Wiedersehen« (im Original: »A Study in Death«) zum vierten Mal im fiktiven Städtchen Crowby in den englischen Midlands auf Verbrecherjagd gehen. Das tun sie in verhaltenem Tempo und mit vorsichtigem Blick. Es zeigt sich: Hinter der glatten Oberfläche hat jeder etwas zu verbergen: Opfer, Nachbarn, Zeugen. Auch die Ermittler selbst machen da keine Ausnahme: Der DCI trinkt zu viel, und Sergeant Kerrs Ehe liegt in Trümmern, woran er selbst nicht unschuldig ist.
Iain McDowalls Stärke ist sein klarer Blick für Menschen und Verhältnisse. Auch wenn diesmal der Fall etwas blass geraten und das Geschehen etwas vorhersehbar ist, so bleibt doch die Qualität des soliden Krimis überzeugend. Schnörkellos, mit scharfer Beobachtungsgabe zeichnet McDowall seine Figuren wie ihre Handlungen, immer glaubhaft, immer lebendig, immer intensiv. Das Verbrechen erwächst aus Gelegenheiten und Verletzungen, aus Konstellationen, die wenige Auswege lassen, weil Menschen immer weiter hineingetrieben werden oder sich selbst hineintreiben.
Iain McDowall: Gefährliches Wiedersehen
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Deutscher Taschenbuch Verlag 2009
Tb, 255 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-423-21124-6