Archiv der Kategorie: Rezension Belletristik

Gefühliger Psychoquark

Schockstarre in Shipcott, einem kleinen Dörfchen in der englischen Grafschaft Somerset: Ein brutaler Mörder geht um. Er hat sich auf hilflose Personen spezialisiert, die er zunehmend bestialischer abschlachtet, und hinterlässt hämische Botschaften. Und das Schrecklichste: Es muss einer aus dem Örtchen sein – »Einer von uns!!« –, denn Shipcott ist wegen starken Schneefalls von der Außenwelt abgeschnitten.

Klingt wie aus dem Setzkasten für Whodunits mit Serienkilleranteilen, nicht wahr? Aber nicht nur der Plot ist abgedroschen (natürlich ist die unverdächtigste Person der Mörder), auch die Figurenkonstellationen wirken wie von der Stange: Da ist zum Beispiel der herzensgute, hilfsbereite und verantwortungsbewusste Dorfpolizist – natürlich intelligent und clever, dazu ein hingebungsvoller Ehemann, der seine vielversprechende Karriere bei einer Eliteeinheit der Polizei geopfert hat, um seine totkranke Frau zu pflegen –, und ausgerechnet dieser grundgute Mensch wird von den arroganten Stadtcops (die gerade noch rechtzeitig vor dem großen Schnee eingetroffen sind) unterschätzt und ganz, ganz gemein schikaniert. Dorf vs. Stadt, gewissenhaft vs. karrieregeil, liebevoll vs. selbstbezogen. Ganz fürchterlich ist, dass der Dorfpolizist lieber auf seine Gefühle hört, statt auf Verstand zu setzen: Er schließt Verdächtige aus, weil er einfach spürt, dass sie es nicht waren. So sieht verantwortungsvolle Polizeiarbeit aus.

Zwei der Stadtcops sind allerdings gut gelungen: DCI Marvel ist ein überhebliches, versoffenes Arschloch, das die Taten auf Biegen und Brechen dem erstbesten Verdächtigen anhängen will; und sein DS ist ein hinterhältiger Kriecher, der Beweise gegen seinen Chef sammelt, um dessen Posten zu ergattern. Schön ist, dass die Charakterisierung nicht durch Zuschreibungen erfolgt, sondern darüber, wie andere auf die Figuren reagieren und wie die Figuren sich selbst und ihre Mitwelt sehen. Dank konsequent durchgehaltener Perspektivwechsel setzt sich so erst nach und nach ein vollständiges Bild der Personen zusammen, die zugleich als unzuverlässige Beobachter entlarvt werden.

Doch diese netten beiden Unsympathen können leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Rest großer Mist ist: belanglos, hanebüchen, überkonstruiert und mit dem üblichen Zutaten Kindesmissbrauch und unverdaute Traumata zu einem albernen Psychoquark vermengt.

Kirsten Reimers

Belinda Bauer: Der Beschützer
(Darkside, 2011)
Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
Manhattan 2012
brosch., 383 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-442-54701-2
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Diese Besprechung ist zuerst erschienen im CrimeMag


Im eiskalten Haifischbecken

Fragwürdige Moral, handfeste Probleme

Viel tiefer geht’s nicht: Detective Constable Nick Belsey erwacht verkatert, dreckig und blutig zerkratzt im Hampstead Heath, einem Park im Norden Londons. Auf dem Parkplatz steht der Streifenwagen, den er am Abend zuvor im Vollrausch gestohlen und zu Schrott gefahren hat. Nach Jahren der Spielsucht und dank eines ausgewachsenen Alkoholproblems ist der Polizist nun so pleite, dass er sogar aus der heruntergekommenen Absteige, in der er zuletzt gewohnt hat, hinausgeworfen wurde. Eigentlich ist er vom Dienst suspendiert, doch bislang konnte er das vor seinen Kollegen und sogar vor seinem direkten Vorgesetzten verbergen.

Als die Meldung hereinkommt, dass ein russischer Milliardär vermisst wird, ergreift Belsey die Chance: Er nimmt die Identität des Vermissten an, schläft in dessen Haus und versucht, dessen Konten zu plündern, um sich ins Ausland abzusetzen – und zwar in ein Land ohne Auslieferungs- abkommen mit Großbritannien. Seine Kenntnisse als Polizist und seine Kontakte zu verschiedenen Ermittlungseinheiten sind ihm bei seinem Vorhaben eine große Hilfe. Doch Belsey muss feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der sich für den verschwundenen Oligarchen interessiert – und dass der Milliardär offensichtlich in reichlich krumme Geschäfte verwickelt war.

Schnell, schwarz, abgründig

»London Killing« ist das überraschende Debüt von Oliver Harris – schnell, unvorhersehbar, unverfroren und schnoddrig, mit einer großen Portion schwarzer Ironie. Mit wenigen Worten zeichnet Harris atmosphärisch dichte und aussagekräftige Bilder der City of London und seiner geldgetriebenen Gesellschaft. Seine Hauptfigur ist kein charmantes Schlitzohr, sondern ein abgewrackter Kerl mit fragwürdiger Moral und handfesten Problemen. Allerdings ist er nicht korrupt wie viele andere in Polizeiapparat und Stadtverwaltung. Belsey nimmt nur Geld von Menschen, denen das nicht weiter wehtut. Darin wirkt er fast rührend naiv, denn seine Gegenspieler sind um Längen skrupelloser. Im eiskalten Haifischbecken des internationalen Finanzplatzes London ist Belsey nur ein kleiner, unerfahrener Fisch – allerdings ein ziemlich dreister.

In der Ich-Perspektive geschrieben, werden Belseys Betrügereien weder entschuldigt noch verurteilt. Das verleiht dem Buch eine grandiose Abgebrühtheit, einen sehr lakonischen Ton und einen scharfzüngigen Witz. In seinem Bemühen, verborgene Konten aufzuspüren und Kapital aus dem aktuellen Großprojekt des Milliardärs zu schlagen, deckt Belsey nach und nach – und eher ein wenig unwillig – die Hintergründe eines riesigen Betrugs auf, in den russische wie chinesische Glücksspielkartelle, saudische Prinzen, das FBI sowie Londoner Honoratioren und Banker verwickelt sind. Ein komplexes Konstrukt, in dessen Herz sich aber doch sehr menschliche Sehnsüchte finden: Gier und der Wunsch nach Anerkennung. Damit ist Oliver Harris’ Kriminalroman auch ein treffender Kommentar zur Finanzbranche und ihren Triebfedern.

Kirsten Reimers

Oliver Harris: London Killing
(The Hollow Man, 2011)
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Karl Blessing Verlag 2012
geb., 480 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-89667-438-8
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Diese Besprechung ist zuerst erschienen auf satt.org


Nur noch herzig

Zerfasert in die Belanglosigkeit

»Der Tote im Eisfach« ist der fünfte Band von Colin Cotterills Reihe um den einzigen und mithin ältesten Pathologen Laos’, den über siebzigjährigen Dr. Siri Paiboun. Siri war aktiv am Kampf gegen den Kolonialherren Frankreichs beteiligt und stand zu dieser Zeit der kommunistischen Partei nah – doch seit Ende 1975 die Laotische Revolutionäre Volkspartei in der kurz zuvor deklarierten Demokratischen Volksrepublik Laos die Macht übernommen hat, ist der Pathologe angesichts der gravierenden Diskrepanz zwischen kommunistischer Proklamation und ihrer Wirklichkeit sowie aufgrund der massiven Kontrolle durch die ideologischen Schwesternstaaten mehr als desillusioniert. Die Ideale des Sozialismus liegen Dr. Siri weiterhin am Herzen, doch die Umsetzung Mitte der siebziger Jahre (zu dieser Zeit spielen Cotterills Krimis) betrachtet er mit großer Skepsis und kommentiert sie zynisch.

Leben im intelligenten Widerstand

Colin Cotterill lebte längere Zeit selbst in Laos, er gab Englischkurse an Universitäten und engagierte sich als Sozial- arbeiter. Mit viel Sympathie für seinen querköpfigen Pathologen und dessen skurrile Helferschar zeichnet er deren warm- herzigen und gewitzten Guerillakampf gegen das System. Dabei entsteht auch stets ein Porträt des Landes, das nicht einfach Kulisse, sondern elementarer Bestandteil der Romane ist: Ein Land, das zwar den Kolonialismus abgestreift hat, aber nun von den kommunistischen Nachbarn gegängelt wird, ein Land zwischen Animismus und Rationalität, bitter verarmt (auch heute noch zählt Laos zu den ärmsten Ländern der Welt) und innerlich zerrissen von Attentaten durch royalistisch-kolonialistische Rebellen und ethnischen Konflikten.

Es ist klar, für wen Cotterills Herz schlägt: für die Underdogs – darin gleicht er seiner Hauptfigur. Für das Leben im intelligenten Widerstand gegen die Unterdrückung im Einparteienstaat. Es schwingt dabei immer ein wenig Enttäuschung mit, dass die ursprünglichen Ideale der antikolonialistischen Bewegung im rigiden Bürokratismus erstarrt sind, die sich in einem sehr schönen subversiven Witz Luft macht. Beziehungsweise normalerweise macht. Oder machte. Diesmal aber nicht.

Mit der besten Absicht …

Dieses Mal liegt es Cotterill besonders am Herzen, auf das Schicksal der Hmong und anderer laotischer Bergvölker hinzuweisen, wie er in einem knappen Vorwort schreibt. Während des Vietnamkriegs, in dem Laos neutral blieb (und trotzdem verheerend verwüstet wurde), rekrutierte die CIA Hmong, um sie im sogenannten geheimen Krieg gegen die Pathet Lao (die laotische Widerstandsbewegung mit kommunistischer Prägung, aus der später die Laotische Revolutionäre Volksarmee hervorging) und die Truppen der südvietnamesischen FNL einzusetzen. Als die Pathet Lao die Macht übernahmen, wurden die Hmong als politische Gefangene in Umerziehungslagern interniert, in denen viele starben. Tausende Hmonmg flohen deshalb ins benachbarte Thailand.

Leider gilt wie so oft: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. So ehrenhaft Cotterills Anliegen ist, so verkrampft ist es ausgeführt. Es gibt zwei unabhängig voneinander verlaufende Stränge: Während Dr. Siri auf einer Dienstreise von einer Gruppe Hmong entführt wird, löst seine muntere Helferschar in Vientiane einen hanebüchenen Mordfall, der überkonstruiert und hastig zusammengeschustert ist. Besonders das Ende dieses Stranges, in dem royalistische Rebellen im Mittelpunkt stehen, ist arg dürftig und krude zusammengezwungen.

Herzige Belanglosigkeit

Der Hauptstrang, der Dr. Siris Bemühungen um eine Dämonenaustreibung in einer abgelegenen Bergregion schildert, verbindet – wie so oft bei Cotterill – Rationales mit Irrationalem. Denn sogar für den Zyniker Siri steht fest, dass es eine Geisterwelt gibt, schließlich wohnt seit geraumer Zeit der Geist eines Schamanen in ihm. Doch trotz eines sehr reizenden Abstechers des Pathologen in die Unterwelt mit Disco-Besuch, um mit den Dämonen zu sprechen, bleibt auch dieser Strang blass, gewollt und zerfasert. Ein paar seltsame europäisch geprägte Einsprengsel (und ich meine nicht den überaus wichtigen Pogo-Stick, sondern zum Beispiel abstruse Pinocchio-Vergleiche) tun ein Übriges, um auch diese Handlung wie Flickwerk erscheinen zu lassen. Der sonst so subversive Witz bleibt in einer harmlosen Herzigkeit stecken, wodurch alles in Belanglosigkeit zerfällt.

Die Zerfaserung macht sich bereits am Titel fest: Im Original heißt der Roman »The Curse of the Pogo Stick« und hebt damit den Hmong-Strang hervor. In der deutschen Fassung wurde der Titel »Der Tote im Eisfach« gewählt, der auf die zweitrangige Krimihandlung verweist. Offensichtbar hat auch der Verlag nicht recht gewusst, wie er das Buch eintüten soll. Bleibt zu hoffen, dass der nächste Band wieder entschiedener und bissiger ist.

Kirsten Reimers

Colin Cotterill: Der Tote im Eisfach
(Curse of the Pogo Stick, 2009)
Aus dem Englischen von Thomas Mohr
Manhattan 2012
geb., 284 Seiten, 17,99 Euro
ISBN 978-3-442-54681-7
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 Diese Rezension ist zuerst erschienen im CrimeMag


Die Vergangenheit ist nicht vorbei

Neue Kriminalromane von Anne Goldmann, Sara Gran und Daniel Woodrell

Als sie das Fundament für einen Anbau aushebt, entdeckt die Justizbeamtin Regina in ihrem Garten ein Skelett. Zur Polizei gehen kann sie damit nicht, denn die Ermittlungen würden aufdecken, dass Regina Häuschen und Garten von der Tante eines Gefängnisinsassen überschrieben bekam – doch Kontakte zwischen Justizangestellten und Insassen sind untersagt. Außerdem möchte die verschlossene junge Frau vermeiden, dass in ihrer unschönen Vergangenheit herumgestöbert wird. Als Regina deshalb versucht, ihren Fund verschwinden zu lassen, macht sie sich erpressbar. Dies nutzt der inzwischen entlassene Neffe, dessen Bewährung bei Entdeckung des Skeletts hinfällig wäre. Und außerdem ist da noch der extrem eifersüchtige Kollege und Liebhaber Reginas.

Aus dieser Dreieckskonstellation erwächst in Anne Goldmanns Kriminalroman »Triangel« ein Drama, das kein gutes Ende nehmen kann. In knappen klaren Sätzen, distanziert und ohne viel Brimborium schildert die Autorin, wie der Zusammenstoß der drei unterschiedlichen Charaktere in den Abgrund führt. Hier sitzt jede Geste, jedes Wort: Aus der Fehleinschätzung der Situation oder einem missverstandenen Gesichtsausdruck erwächst die Katastrophe. Selbst die Nebenfiguren haben noch Geheimnisse, die das Geschehen vorantreiben. Leider fehlt Anne Goldmann am Ende der Mut, die Geschichte auf die bitterste Spitze zu treiben. So ist »Triangel« ein guter Krimi, der leider knapp daran vorbeischrappt, wirklich grandios zu sein.

Genial und durchgeknallt

Sehr viel konsequenter hingegen ist das Debüt von Sara Gran. Mit »Die Stadt der Toten« legt sie einen ganz hervorragenden Krimi vor: Die Privatdetektivin Claire de Witt wird beauftragt, das Verschwinden eines Mannes in New Orleans zu klären. Bis kurz vor dem großen Sturm, dem Hurrikan Katrina, hatte er noch gelebt, danach hat sein Neffe, Claires Auftraggeber, jeglichen Kontakt verloren. DeWitt ist nicht irgendeine Detektivin, sondern – wie sie gern darlegt – die beste der Welt. Und vermutlich auch die durchgeknallteste. Interessiert an jeder Droge, die man ihr reicht, jeder kreisenden Flasche zugetan, zieht sie neben dem fernöstlichen I Ging außerdem das Handbuch eines absonderlichen französischen Ermittlers zurate, hört aber ebenso auf ihre Träume und Visionen, die dank halluzinogener Drogen nicht zu selten sind.

Diese unwirsch-knurrige, gewaltbereite, beinharte und höchst misstrauische Detektivin hat bei aller Toughheit etwas zutiefst Schutzloses und Rührendes. Geschrieben mit großer Komik und knacktrockener Ironie ist »Die Stadt der Toten« von einer zerbrechlichen Zartheit, die einem bei allem beißenden Sarkasmus die Tränen in die Augen treibt. Zudem enthält das Buch, angesiedelt im nahezu völlig zerstörten New Orleans, so fürchterlich viel schmerzhafte Wahrheit, dass es ganz wunderbar ist.

In den Abgrund

Nach dem großen Erfolg von Daniel Woodrells »Winters Knochen« ist nun auch sein etwas älterer Roman »Der Tod von Sweet Mister« auf Deutsch erschienen. Er schildert das Ende einer Kindheit: In den Ozarks, einem strukturschwachen Hochplateau in der Mitte der USA, wächst Morris, genannt Shuggie, in Armut, Kleinkriminalität und Drogenmissbrauch auf. Der pummlige Junge wird von einer alkoholkranken Mutter verhätschelt, vom gewalttätigen Vater verachtet und von beiden ausgenutzt. Ein geborener Verlierer, ein unsicherer kleiner Kerl. Doch nach einer Gewalttat zeichnet sich die Chance ab, alles hinter sich zu lassen.

Woodrells Roman folgt der Struktur des klassischen Dramas: Auf die Hoffnung, das Geflecht von Gewalt, Kriminalität, sexueller Unterdrückung und Rauschmitteln abzustreifen und neu anzufangen, folgt die Katastrophe – denn dem Erbe der Väter ist nicht zu entkommen. Nicht ganz so kraftvoll wie »Winters Knochen«, ist »Der Tod von Sweet Mister« aber dennoch äußerst beeindruckend: Klare Sätze, wenig Schnörkel, keine offenen Gefühle – doch unter der lakonischen Oberfläche brodeln Enttäuschung und Hass.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Anne Goldmann: Triangel
Ariadne/Argument Verlag 2012
Tb., 266 Seiten, 11 Euro
ISBN 978-3-86754-202-9
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch (hier klicken)

Sara Gran: Die Stadt der Toten
(Claire deWitt and the City of the Dead, 2011)
Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Droemer 2012
Brosch., 361 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-426-22609-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister
(The Death of Sweet Mister, 2001)
Liebeskind 2012
geb., 191 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-935890-95-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Besprechung ist zuerst erschienen in der Frankfurter Neue Presse.


Unter Geisterjägern

Ein Mysterium! Ermordet liegt der Parapsychologe Gabriel Rosenfeld in einem von innen verschlossenen Raum im Institut für Grenzwissenschaften. Das Herz wurde ihm heraus- geschnitten – doch das war nicht die Todesursache. Was zunächst wie ein höchst klassischer Krimiplot scheint, entpuppt sich als etwas ganz anders: Statt wie ein Locked- Room-Mystery ein logisches und rationales Krimirätsel zu bieten, bekommt die Story einen gehörigen Drall ins Paranormale.

Christine Lehmann spielt mit allerlei aktuellen Trends der Literatur- und Filmindustrie: Vampire, Nachzehrer, Voodoo, Spuk, Hellseherei, Psi-Phänomene, Telekinese und und und. Über allem droht der all- mächtige Mentalterrorist, der allein durch seine Geisteskraft Erdbeben hervorruft, Flugzeuge abstürzen lässt und verstörende Tweets via Twitter versendet. Mittendrin Schwabenreporterin Lisa Nerz, die zu ihrem Erstaunen auch über Psi-Kräfte verfügt. – Oder?

Wie schon in »Malefizkrott« greift Lehmann aktuelle Ereignisse und Strömungen in Gesellschaft wie Medien auf und verzwirbelt sie in gestochen scharfer Sprache und zwingender Logik zu einem klugen Krimiplot. Da bleiben auch der Seitenhieb auf die Rätselralley à la Dan Brown und das Geheimnis um den schwingenden Kronenleuchter in Schloss Neuschwanenstein nicht außen vor. Leicht ins Surreale übersteigert, bleibt Lehmann dennoch bodenständig und zeigt unter anderem die Manipulierbarkeit der Medien und deren Manipulationen, wenn es um den nächsten heißen Scoop geht.

Das Einflechten von Weltereignissen und Aufregern ist wunderbar gemacht, aber es hat – nachdem es bereits in »Malefizkrott« das zugrundeliegende Konzept war – dieses Mal ein bisschen was von dem Abgehen bestimmter Themenpunkte: Während des Lesens läuft im Hinterkopf eine Liste mit, auf der die einzelnen Punkte nach und nach abgehakt werden. Nichtsdestotrotz ist der Roman faszinierend, fesselnd und sinnlich, denn Christine Lehmann schafft es wie keine Zweite, dass man beim Lesen mit Lisa Nerz in das merkwürdige Denksystem der Parapsychologie eintaucht und gleichzeitig das Konzept von außen kritisch hinterfragt. Und nicht einmal der Katzencontent kommt dabei zu kurz.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Christine Lehmann: Totensteige
Ariadne/Argument Verlag 2012
Tb., 537 Seiten, 12,90 Euro
ISBN 978-3-86754-189-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

 Diese Rezension ist zuerst erschienen im CrimeMag