Archiv für das Jahr: 2012

Von abgebrühter Dreistigkeit und poetischer Skurrilität

Hintergründig und bemerkenswert

Oliver Harris legt mit »London Killing« ein wunderbar abgebrühtes und unverfrorenes Debüt vor. Seine Hauptfigur Detective Constable Nick Belsey ist am Ende: Nach Jahren der Spielsucht und einem ausgewachsenen Alkoholproblem ist er nun so bankrott, dass er selbst aus seiner heruntergekommenen Unterkunft geworfen wird. Die Dienstaufsicht ist ihm auf den Fersen, und eigentlich ist er vom Polizeidienst suspendiert. Als die Meldung hereinkommt, dass ein russischer Milliardär vermisst wird, sieht Belsey seine Chance gekommen: Er nimmt die Identität des Vermissten an, schläft in dessen Haus und versucht, die Konten des russischen Oligarchen zu plündern, um sich ins Ausland abzusetzen. Allerdings muss er feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der sich mit dem verschwundenen Milliardär beschäftigt. Und die Gegenseite ist weitaus skrupelloser als er.

Harris schreibt schön schnoddrig, schnell und frech mit einer guten Portion schwarzer Selbstironie. In knappen, verdichteten Bildern lässt er aussagekräftige Szenen entstehen. Seine Hauptfigur ist zwar strikt auf den eigenen Vorteil bedacht, aber nicht korrupt – im Gegensatz zu diversen anderen Polizisten in seiner Umgebung. Und Belsey – bei weitem kein charmantes Schlitzohr – nimmt nur Geld von Leuten, denen es nicht wehtut, weil sie genug davon haben. Darin wirkt er fast naiv im Vergleich zu seinen Gegenspielern, die keinerlei Rücksicht kennen. Im eiskalten Haifischbecken des internationalen Finanzplatzes London ist Belsey nur ein kleiner, aber ziemlich dreister Fisch. Ein erstaunliches und spannendes Debüt und ein wenig schmeichelhaftes Porträt der Finanzbranche und ihrer Triebfedern.

Schaurige Zukunftsvision

Arne Dahls neuer Thriller »Gier« ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu Harris’ Debüt. Zwar gibt es auch hier korrupte Polizisten und Verbrechen im großen, internationalen Stil – aber nicht innerhalb der ermittelnden Gruppe. Bei ihr handelt es sich um eine blitzsaubere und äußerst engagierte Einheit bei Europol, die probeweise und im Geheimen operativ tätig wird (bislang ist Europol in erster Linie koordinierend tätig). Dabei erhält sie Unterstützung von allen euro- päischen Ländern. Entsprechend international ist sie bestückt, zudem geschlechtermäßig bewusst paritätisch besetzt. Arne Dahl hat in dieser Gruppe außerdem mehrere Mitglieder seines A-Teams, seiner bisherigen Ermittlereinheit, untergebracht.

Ganz anders als bei Harris geht es hier politisch sehr korrekt und – wie in vielen skandinavischen Krimis – etwas hölzern-pädagogisch zu. Neu und anders aber ist das Verbrechen: ein hochkomplexer Fall, der den gesamten Erdball umspannt, ohne dass die Hintermänner wirklich greifbar sind. Eine schaurige Zukunftsversion der global aktiven organisierten Kriminalität, die umso bedrohlicher wird, da legales und illegales Handeln auf nur schwer zu entwirrende Weise ineinandergreifen.

Gruseliger Mythos

Komplex ist auch das Geschehen in Fred Vargas’ neuen Roman »Die Nacht des Zorns«, vor allem aber ist es mehrbödig. Erneut greift Vargas ein Sagenthema auf, das sie in die Gegenwart einbindet: das Wütende Heer, hierzulande auch bekannt als die Wilde Jagd, in Frankreich auch Mesnie Hellequin genannt. Sie führt Kommissar Adamsberg in die Normandie, zum Pfad von Bonneval, wo schon 1091 ein normannischer Priester die L’Armée furieuse (so auch der Originaltitel des Buches) sah und das erste schriftliche Zeugnis davon ablegte. Der Sage nach reißt die Wilde Jagd Menschen mit sich, die Schuld auf sich geladen haben. Lina, eine junge Frau aus dem Örtchen Ordebec, erkennt in einer Vision, wie die Mesnie Hellequin vier Dorfbewohner verschleppt. Drei von ihnen kann Lina mit Namen benennen. Als der Erste von ihnen stirbt, ist die Aufregung in Ordebec groß, denn laut Überlieferung kann man sich von seiner Schuld befreien und dem Wilden Heer entkommen, indem man einen der anderen »Ergriffenen« tötet. Wer ist nun verantwortlich für den ersten Mord, dem weitere folgen sollen: der Seigneur Hellequin oder gibt es ganz handfeste Motive und einen vollkommen unmythischen Täter?

Erneut gelingt es Fred Vargas, eine etwas verschobene, leicht surreale Welt zu kreieren, die von absonderlichen, immer etwas überzeichneten Figuren bevölkert wird, durchzogen von feiner Ironie und beschwingter Leichtigkeit. Das verleiht ihren Büchern etwas wundervoll schwebend Unwirkliches, ohne dass sie an Glaubwürdigkeit verlieren.

Kirsten Reimers

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Oliver Harris: London Killing
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
geb., 480 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-89667-438-8
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Arne Dahl: Gier
Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg
Piper 2012
brosch., 506 Seiten, 16,99 Euro
ISBN 978-3-492-05305-1
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Fred Vargas: Die Nacht des Zorns
Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze
Aufbau 2012
geb., 453 Seiten, 22,99 Euro
ISBN 978-3-351-03380-4
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Diese Besprechung ist zuerst erschienen in der Frankfurter Neuen Presse.


Jenseits der Propaganda

Ein historischer Roman mit einer Mission – kann das gut gehen?

In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 brennt der Reichstag in Berlin. Als Schuldiger wird noch vor Ort der Holländer Marinus van der Lubbe verhaftet, der von der NSDAP sofort als Kommunist gebrandmarkt wird. Schon am 28. Februar 1933 tritt die Reichstagsbrandverordnung – »zur Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte« – in Kraft, durch die die Grundrechte der Weimarer Verfassung weitgehend außer Kraft gesetzt werden. Einer der zentralen Schritte zur Abschaffung des Rechtsstaats.

In Robert Bracks Roman schickt in dieser Situation die Komintern die Kommunistin Klara Schindler mit falschen Papieren nach Berlin. Sie soll die Hintergründe des Brandes klären und möglichst viel über den Brandstifter herausfinden. Der Journalistin wird bald klar, dass es auch der KP nicht um die tatsächliche Wahrheit geht, sondern darum, den mutmaßlichen Attentäter als Werkzeug der Nazis dazustellen. Dem widersetzt sich Schindler, da sie auf Ungereimtheiten und Widersprüche stößt.

Bis heute ungeklärte Widersprüche

Wie Brack im Nachwort schreibt, geht es ihm in diesem Roman vor allem um die Person Marinus van der Lubbes und dessen Beweggründe. Dafür hat Brack sorgfältig recherchiert und die inzwischen bekannten Fakten – mehr Indizien als Beweise – zusammengetragen. Bis heute sind Tathergang und Motive weitgehend unbekannt. Ja, nicht einmal die Täterschaft steht mit Sicherheit fest: Nach den gängigen Theorien war der Holländer entweder ein wirrer, nahezu debiler Einzeltäter oder ein Werkzeug der KP beziehungsweise NSDAP – je nach Standort des Theoretikers –, der nur mit tatkräftiger und sorgfältig vorbereiteter Unterstützung einer der Organisationen den Reichstag in Brand setzen konnte.

Brack versucht, hinter die Propaganda von welcher Seite auch immer zu blicken. Dafür lässt er seine Journalistin kurz nach dem Anschlag durch Berlin streifen und mit den unterschiedlichsten Leuten sprechen. Jeder ihrer Gesprächspartner zeichnet ein anderes Bild van der Lubbes, mal wirkt der Holländer ungestüm, mal durchdacht, mal dumm, mal wie ein Aufrührer, mal wie ein Stratege – Fragen bleiben offen, Widersprüche ungelöst. Das ist gut gemacht, denn ohne eindeutige Beweise, nur allein auf Indizien gestützt, gibt es kein konsistentes Bild des mutmaßlichen Attentäters. Brack vermeidet auf diese Weise, etwas in den Holländer hineinzuinterpretieren und ihn in eine bestimmte Richtung zu drängen.

Fakten und Fiktionen

Klara Schindler begegnet bei ihren Recherchen historischen wie fiktiven Figuren, sie diskutiert mit Kommunisten ebenso wie mit Anarchisten und Syndikalisten und stößt sogar auf Vertreter einer vorgeblich antikapitalistischen Strömung innerhalb der NSDAP. Dabei werden nicht nur verschiedene Widerstandsstrategien gegeneinander abgewogen, es zeigt sich auch die Zersplitterung der Linken Anfang der dreißiger Jahre und ihre Konzeptlosigkeit angesichts von Hitlers Machtübernahme.

Hinsichtlich der Konstruktion ist der Roman durchaus ein wenig verkopft, doch Brack gelingt es, seine Figuren zu lebendigen Vertretern von Überzeugungen zu formen. So bleiben Diskussionen und Handlungen realistisch und lebendig, trockene Belehrungen werden vermieden. Die Gefahr – wie es gewesen sein muss, sich als Nazigegner im Berlin Anfang 1933 zu bewegen – bleibt stets spürbar. So legt Brack einen – spannenden – historischen Roman vor, der auf Fakten basiert und nicht nur von einer guten Absicht getragen, sondern zudem auch noch gut gemacht ist.

 

Kirsten Reimers

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Robert Brack: Unter dem Schatten des Todes
Edition Nautilus 2012
Tb., 221 Seiten, 13,90 Euro
ISBN 978-3-89401-752-1
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Website des Autors

Diese Rezension ist zuerst erschienen im CrimeMag


Das Lied des Blutes

Übersteigerte Grausamkeiten, stimmiges Konzept

1995, als die Kombination von Serienmörder und Profiler noch nicht ganz so ausgelaugt und plattgewalzt war wie heute, erschien Val McDermids Roman »The Mermaids Singing« (dt. »Das Lied der Sirenen«, 1997). Darin hat der klinische Psychologie Tony Hill, spezialisiert auf die Arbeit mit Sozio- beziehungsweise Psychopathen, seinen ersten Auftritt. McDermid erhielt für ihren Roman den Gold Dagger der britischen Crime Writers’ Association. Es war der Auftakt zu einer bis heute in lockeren Abständen erscheinenden Romanserie. Im Mittelpunkt steht dabei stets der Psychologe Hill, der die Polizei der fiktiven mittelgroßen Stadt Bradfield beim Aufspüren von Serienmördern unterstützt.

Sieben Jahre später startete auf Grundlage von McDermids Romanen die TV-Serie »Wire in the Blood« (dt. »Hautnah. Die Methode Hill«). In der allerersten Folge hat übrigens mit Val McDermid einen Miniauftritt als Journalistin, obskurerweise in der deutschen Fassung von einem Mann synchronisiert. Nur den ersten beiden Folgen liegen McDermids Romane zugrunde, danach löst sich die TV-Serie weitgehend von ihrer literarischen Vorlage. Lediglich die zweite Folge der vierten Staffel (»Torment«; dt. »Tödliche Worte«) orientiert sich lose an McDermids Roman »The Torment of Others« (dt. »Tödliche Worte«). 2008 wurde die TV-Serie eingestellt.

Worin liegt der Sinn?

Zentral in Büchern wie Verfilmung ist das Vorgehen des klinischen Psychologen: Es geht Dr. Tony Hill weniger darum herauszufinden, wie der Serienmörder zum Serienmorden gekommen ist. Das Wühlen in der Kindheit und entsprechende küchenpsychologische Verkürzungen bleiben so zum Glück weitgehend außen vor. Weit wichtiger ist immer die Frage, wie der Täter tickt. Hill versucht sich intensivst in den Täter hineinzudenken, um zu erkennen, was der Mörder mit seinen Taten erreichen will: Was geben ihm Mord und/oder Folter? Worin liegt der Sinn der Tat? Hill nähert sich dem mit einer interessierten Aufgeschlossenheit, ohne Entsetzen oder Mitgefühl, weit stärker ist die Faszination für die Taten. Natürlich wird dabei immer noch stark vereinfacht. Aber etwas Bemerkenswertes geschieht: Der Täter bleibt auf diese Weise Mensch. Er – in sehr seltenen Fällen ist es eine Täterin – wird weder zum reflexhaft zurückschlagenden Opfer noch zum wahnsinnigen Monster. Hinter den Taten steht eine eigene Logik, ein Bedürfnis, keine tierhafte Bestie. Na ja, zumindest ist dies bei der TV-Serie anfangs der Fall. Im Laufe der sechs Staffeln lässt das deutlich nach.

wire specials
Photographs by Alan Peebles.

Der persönliche Hintergrund der Ermittler wird nur so weit dargestellt, wie es zur knappen, aber eindeutigen Charakterisierung der Figuren notwendig ist. Auch von den Hauptfiguren erfährt man kaum mehr. Tony Hill (gespielt von Robson Green) ist ein sozial inkompetenter Workaholic ohne engere Kontakte oder gar Freundschaften, der sich nur knapp alltagstauglich organisieren kann. Lediglich zu der von Hermione Norris sehr schön spröde gespielten DCI Carol Jordan sowie zu ihrer etwas gefühligeren Nachfolgerin DI Alex Fielding (Simone Lahbib, ab der vierten Staffel) baut er ein geringfügig intensiveres Verhältnis auf, das aber auch überwiegend beruflich geprägt ist. Überhaupt scheinen Freizeit, Privatleben oder gar soziale Wärme Fremdworte in dieser Serie zu sein. Alles ist auf den jeweiligen Fall fokussiert, was nicht zwingend notwendig ist, bleibt außen vor. Zumindest bis zur vierten Staffel ist die Serie auf diese Weise überzeugend geradlinig kalt und distanziert. Danach verwässert das etwas. Was allerdings durchgehend bleibt, ist die außerordentliche Grausamkeit der Taten.

Übersteigerte Gewalt, stimmiges Konzept

Insgesamt ist die Handlung einer jeden Folge ungefähr so realistisch wie das Jüngste Gericht. Eine derartige Serienmörderdichte ist selbst für eine fiktive Stadt wie Bradfield alles andere als tragbar. Dennoch ist die TV-Serie über weite Strecken gut gemacht: Die Folgen – jeweils in Spielfilmlänge – sind weitgehend ordentlich geplottet, kaltes Licht und verwaschene Farben lassen zu keiner Zeit einen Anflug von Kuscheligkeit aufkommen, geschönt und geschmeichelt wird hier wenig. Die Bildsprache ist mitunter sehr reduziert und auf den Punkt. So herrschen Kühle und Distanz vor. Das passt hübsch zusammen, und das Konzept ist in sich stimmig. Sogar das Ende der TV-Serie, die letzte Szene der letzten Folge, ist schön durchdacht darauf abgestimmt.

wire specials
Photographs by Alan Peebles.

Seit Oktober 2011 liegen alle sechs Staffeln erstmals inklusive eines Serien Specials (»Prayer of the Bone«, dt. »Mörderisches Trauma«) auf DVD als Gesamtausgabe vor. Als Sprachen stehen Englisch wie Deutsch zur Verfügung, Untertitel gibt es leider nicht. Auch weitere Informationen zu Schauspielern, Synchronsprechern oder was auch immer sucht man vergeblich. Dies fügt sich zwar durchaus in das Konzept der kühlen, distanzierten Fokussierung auf schockierende Serienmorde ein, ist aber vermutlich eher das Resultat einer etwas lieblosen Produktion auf deutscher Seite.

Kirsten Reimers

 

 

 

Hautnah. Die Methode Hill – Die komplette Serie
(Wire in the Blood, 2002-2008)
Box mit 24 DVDs, Edel:Motion
Sprachen: Deutsch/Englisch
FSK: 18, 101,99 Euro

Offizielle deutschsprachige Seite von Val McDermid
Englische Homepage von Val McDermid

Diese Besprechung ist zuerst erschienen im CrimeMag.


Zwischen Terrorhysterie und Hoffnungslosigkeit

Aktuelle Unsicherheiten und uralte Ängste

Anwalt und Autor Georg M. Oswald verwendet in seinen Romanen häufiger Krimi- oder Thrillerelemente. Mit »Unter Feinden« legt er nun erstmals einen tatsächlichen Thriller vor. München im Februar, die Situation ist angespannt, denn in wenigen Tagen soll die internationale Sicherheitskonferenz stattfinden. Gerüchte über einen bevorstehenden Terroranschlag heizen die Stimmung an und verschärfen die Kontrollmaßnahmen zusätzlich. Die Polizisten Diller und Kessel observieren eine Wohnung im sozial brenzligen Münchner Westend, in der eine Terrorzelle vermutet wird. Als der heroinabhängige Kessel eine kurze Abwesenheit seines Kollegen nutzen will, um von einer Gruppe Jugendlicher Stoff zu kaufen, endet dies in einem Gewaltausbruch. Diller und Kessel können zwar fliehen, doch sie überfahren dabei einen der Jugendlichen. Dies führt in den folgenden Stunden zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Plünderungen – Szenen, die man eher mit London oder Paris in Verbindung bringt, aber nicht mit dem beschaulichen München.

Kessel saß zwar am Steuer des Fluchtautos, doch Diller versucht, seinen langjährigen Freund und Kollegen zu decken und ihrer beider Rolle bei den Aufständen zu vertuschen. Während Familienvater Diller so immer tiefer in ein moralisches Dilemma rutscht, das ihn nicht nur seinen Beruf kosten könnte, macht sich Kessel durch seine Sucht erpress- und manipulierbar. Die Eskalation ist vorgezeichnet.

Oswald beschreibt in nüchternen Worten die herunter- gekommenen Seiten Münchens, das bedrohliche Brodeln unter der sauberen bürgerlichen Oberfläche. Um diese Fassade aufrechtzuhalten, wird – nicht nur zur Sicherheitskonferenz – die Kontrolle auf technischer wie sozialer Ebene immer schärfer. Innere wie äußere Überwachung sind der Preis für die brüchige Illusion von Sicherheit. Gegen Ende wird es zwar ein wenig naiv, doch ist Oswald mit »Unter Feinden« nicht nur spannender, sondern auch kluger kleiner Thriller über Terrorangst und gesellschaftliche Verunsicherung gelungen.

Heimtücke unter Brüdern

Auch Yves Raveys Roman »Bruderliebe« spielt mit Unsicherheiten. In einer Winternacht trifft sich Max mit seinem älteren Bruder Jerry in einem kleinen grenznahen Ort in der Schweiz, um ihn nach Frankreich zu schmuggeln. Jerry, der in Afghanistan gekämpft hat und dort immer noch lebt, soll dem Buchhalter Max, helfen, die Tochter seines Chefs zu entführen und eine halbe Million Euro zu erpressen. Ein einfacher Plan, eine todsichere Sache, eigentlich.

Die Brüder haben sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen, doch es dauert nur Minuten, bis sie wieder in alte Rollenmuster und Geschwisterrivalitäten verfallen. Dies sorgt für zusätzliche Spannung in einer explosiven Situation – in der jeder seine eigenen Pläne verfolgt. Beide Brüder spielen nicht nur ihr eigenes, schwer durchschaubares Spiel, sondern haben auch keinerlei Skrupel, den anderen auszuhebeln. So ist »Bruderliebe« ein kleiner, sehr schön dreckiger Roman voller Heimtücke.

Wegführer in die Hölle

Donald Ray Pollocks Romandebüt »Das Handwerk des Teufels« spielt im heruntergekommenen Niemandsland des Mittleren Westens in der Zeitspanne zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg, eine Zeit der Gewalt und des Fanatismus, im Großen wie im Kleinen. Kriegs- veteran Willard Russel versucht verzweifelt, den Krebstod seiner Frau mit bizarren Opfer- ritualen aufzuhalten, sein Sohn Arvin lernt währenddessen, dass es Sühne nur gibt, wenn man selbst dafür sorgt, und bringt Jahre später den Pfarrer um, der seine Pflegeschwester missbraucht und in den Selbstmord getrieben hat. Die Mutter dieser Pflegetochter ist von ihrem Mann erstochen worden, einem vollkommen durchgeknallten Laienpriester, der überzeugt war, Tote zum Leben erwecken zu können. Ein korrupter Sheriff hält sich mit Auftragsmorden für den lokalen Unterweltboss über Wasser; seine Schwester fährt gemeinsam mit ihrem Mann die Landstraßen ab, um Tramper aufzusammeln, sie zu ermorden und zu fotografieren.

Die Welt, die Pollock zeichnet – geradlinig und glasklar – ist die Hölle auf Erden. Die Menschen sind auf der Suche nach Erlösung, und die einzige Antwort, die ihnen zur Verfügung steht, ist Gewalt. »Das Handwerk des Teufels« ist ohne jede Hoffnung, verstörend, tief beeindruckend und grandios geschrieben.

Kirsten Reimers

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Georg M. Oswald: Unter Feinden
Piper 2012
HC, 256 Seiten, 18,99 Euro
ISBN: 978-3492053839
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Yves Ravey: Bruderliebe
Aus dem Französischen von Angela Wicharz-Lindner
Verlag Antje Kunstmann 2012
HC, 112 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-88897-750-3
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Donald Ray Pollock: Das Handwerk des Teufels
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind 2012
HC, 302 Seiten, 19,80 Euro
ISBN 978-3-935890-85-4

Diese Besprechung ist zuerst erschienen
in der Frankfurter Neuen Presse.


Sadismus vor Idylle

Im norwegischen Bodø wird ein Mann halbtot im eiskalten Meer angekettet aufgefunden. Wenig später kann gerade noch rechtzeitig ein zweiter Mann gerettet werden, den jemand an einen Heizstrahler gefesselt hat. 300 Kilometer nördlich spült das Nordmeer jahrzehntealte Porzellanpuppen an den Strand, kurz darauf gibt es hier die erste Frauenleiche, die natürlich nicht die letzte bleibt. Und selbstverständlich hängen all diese Fälle in irgendeiner Weise zusammen. »Der Mahlstrom« (auch im Original schlicht »Mahl- strømmen«) von Frode Granhus bietet sadistische Gewalttaten in idyllischer Landschaft – und eine hanebüchene Story: schwer überkonstruiert, reichlich brutal und enorm unglaubwürdig; zudem streckenweise ziemlich schwülstig geschrieben.

Der Mahlstrom, ein Gezeitenstrom mit starken Wasserwirbel, hoch oben im Norden zwischen den norwegischen Lofoten, soll offenbar als Sinnbild für den Sog der Gewalt stehen: Gewalt zeugt Gewalt, scheint Granhus demonstrieren zu wollen, denn seine Täter waren früher Opfer, die Stafette des Sadismus wird vom Vater an den Sohn weitergereicht, gern auch mit Unterstützung des Stiefvaters oder der gefühlskalten Mutter (die wiederum ein Opfer von Gewalt ist). Auf diese Weise schafft es Granhus, über die Generationen hinweg auf 383 Seiten eine Menge sinnfreie Brutalität unterzubringen. Vor allem aber belegt Granhus eines: dass in seinem Buch Gewalt schlicht um der Gewalt willen geschildert wird – effektvoll ausgemalt und mit halbherziger Empörung angeprangert, um eine abstruse Story zusammenzuhalten.

Kirsten Reimers

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Frode Granhus: Der Mahlstrom
(Mahlstrømmen, 2010)
Aus dem Norwegischen von Wibke Kuhn
btb 2012
Tb., 383 Seiten, 9,99 Euro
ISBN 978-3-442-74315-5
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