Aktuelle Krimis von Carl Nixon, Carl Hiaasen und Jim Thompson
In der Nähe von New Brighton, einer Vorstadt von Christ- church, Neuseeland, wird mit der Flut die Leiche eines Mädchens an Land gespült, vergewaltigt und erwürgt. Mit diesem Tag
verändert sich für eine Gruppe von Jungen alles. Sie kannten das Mädchen flüchtig, es war zwei, drei Jahre älter als die Teenager, ging auf die gleiche Schule, arbeitete im Lebensmittelgeschäft der Eltern. Aus der anfänglichen Trauer wird eine Besessenheit: Das ganze Leben der Jugendlichen ordnet sich von nun an der Suche nach dem Mörder unter.
Unter den Kriminalromanen aus Neuseeland, dem diesjährigen Gastland der Buchmesse, sticht »Rocking Horse Road« von Carl Nixon deutlich heraus. Konsequent aus der Perspektive der Gruppe Jugendlicher geschrieben, stets beim »wir« bleibend, nie zur Einzelsicht wechselnd, ist der Roman ist nicht nur eine Schilderung des Erwachsenwerdens und ein Porträt der neuseeländischen Gesellschaft der achtziger Jahre, er zeigt auch, wie dünn die Schicht der Zivilisation ist: Gewalt steckt in jedem, es braucht nicht viel, um sie hervorbrechen zu lassen. Ein Roman, der tiefe Spuren hinterlässt und lange nachwirkt.
Schräge Glamourwelt
Beeindruckend auf ganz andere Weise ist der aktuelle Roman von Carl Hiaasen: In »Sternchenhimmel« verpasst Hiaasen der Popmusikindustrie munter gut gezielte Seitenhiebe. Bei ihm ist Los Angeles’ Glamourwelt – die auch sehr unglamourös daherkommen kann – bevölkert von wunderbar seltsamen Figuren: zum Beispiel einem Popsternchen, das nicht singen, aber dafür exzessive Rauschmittel einwerfen kann, einem besessenen Paparazzo, der die Falsche entführt, einem megaharten Bodyguard mit eingebauten Rasentrimmer, zur Gesichtsstarre gebotoxte PR-Zwillinge, einem Exgouverneur mit improvisierten Dreadlocks auf Rachefeldzug und diverse mehr. Sie alle agieren mit- und gegeneinander, um an Geld, Drogen, Ruhm und Ähnliches zu kommen. In seiner schrägen Überdrehtheit ein sehr kluger Kriminalroman, der seine wirklichen treffenden Spitzen in lässiger Beiläufigkeit verteilt.
In den Abgrund
Charlie Bigger ist klein, höflich, unauffällig und ein Profikiller. Unter dem Namen Carl Bigelow quartiert sich er im College-Städtchen Peardale ein, um im Auftrag eines Gangsterbosses einen Kronzeugen zu erledigen. Bigger wird als der »tödlichste Killer der Kriminalgeschichte« beschrieben: Obwohl er seit Jahrzehnten im Geschäft ist, haben die Ermittlungsbehörden weder Foto noch Fingerabdruck von ihm. Doch wie das so ist mit den letzten Aufträgen: Sie enden fatal. Von einer tödlichen Krankheit von innen her langsam zerfressen, zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen und beide manipulierend, verliert Bigger mehr und mehr die Kontrolle über seinen Auftrag, über seine Handlungen und seinen Verstand.
»In die finstere Nacht« hat Jim Thompson bereits 1953 geschrieben, doch erst in diesem Jahr erschien es in deutscher Übersetzung. Rau, dunkel und ungeschönt zeichnet Thompson eine Welt, in der jeder jeden manipuliert, belügt und hintergeht. Zunächst angelegt wie ein typischer Roman des Noir, wird die Erzählung zunehmend fiebriger und abgründiger, um schließlich alle Dimensionen zu sprengen. Wow.
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Carl Nixon: Rocking Horse Road
(Rocking Horse Road, 2007)
Aus dem Englischen von Stefan Weidle
Weidle Verlag 2012
geb., 238 Seiten, 19,90 Euro
ISBN 978-3-938803-50-9
Carl Hiaasen: Sternchenhimmel
(Star Island, 2010)
Aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger
Manhattan 2012
Tb., 398 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-442-54693-0
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Jim Thompson: In die finstere Nacht
(Savage Night, 1953)
Aus dem Englischen von Simone Salitter
und Gunter Blank
Wilhelm Heyne Verlag 2012
Tb., 272 Seiten, 9,99 Euro
ISBN 978-3-453-67611-4
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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Frankfurter Neuen Presse.

Namen Hermann Kermit Warm umzubringen, der den Kommodore angeblich bestohlen hat. Unterwegs treffen die beiden Brüder eine Menge seltsamer Menschen und erleben eine Menge seltsamer Dinge.
sind entführt worden. Beide sind als Duo im Halbfinale einer Castingshow – entsprechend groß ist die öffentliche Wirkung dieses Verbrechens. Von verrückten Stalkern über falsche Freunde bis zur Theorie, das sei nur ein PR-Trick findet sich alles im medialen Wahnsinn, der immer höher kocht – zumal auch die Entführer sich ausschließlich an die Zeitungen wenden.
In Paddy Richardsons Thriller »Komm, spiel mit mir« geht es weniger um ein Verbrechen als vielmehr um dessen Auswirkungen auf Gemmas Familie: Das Geschehen wird überwiegend mit Blick auf Stephanie und deren Empfinden geschildert. So engagiert diese sich zwar sehr für ihre Patienten, doch die eigenen Verletzungen hat sie verdrängt: Immer noch leidet sie an starken Schuldgefühlen wegen des Verschwindens ihrer kleinen Schwester, ihr Verhältnis zu ihrer Familie, besonders zu ihrer Mutter, ist sehr angespannt, und sie kann sich auf keine Liebesbeziehung einlassen. Ebenso ist Stephanies Suche nach demjenigen, der ihre Schwester einst entführte, in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Schmerz und eine Selbsttherapie: Stephanie bricht aus gewohnten Strukturen aus, macht neue Erfahrungen, lernt zu leben und söhnt sich schließlich sogar mit der Mutter aus.