Mord, Korruption und Geisterwelten

Schottland, USA, Laos: drei ungleiche Schauplätze für drei hervorragende Krimis

Detective Sergeant Logan McRae kommt einfach nicht auf die Füße: Er trinkt zu viel, stößt Kollegen, Vorgesetzte und Freundin vor den Kopf und vermasselt viel zu viel. Da ist es nicht gerade aufbauend, dass McRae der Truppe zugeteilt wird, die Richard Knox im Blick behalten soll: Knox saß sechs Jahre wegen Vergewaltigung alter Männer im Gefängnis und will sich nun in Aberdeen niederlassen. Nicht nur die Bevölkerung läuft dagegen Sturm, auch das organisierte Verbrechen hat ein Auge auf Knox geworfen. Eine explosive Mischung.

In seinem sechsten Roman um den glücklosen DS McRae gelingt Stuart MacBride erneut das Kunststück, einen spannenden Polizeikrimi zu schreiben und ihn gleichzeitig parodistisch perfekt zu unterlaufen. MacBride führt dabei nicht einfach seine Masche fort, sondern er lässt seinen Figuren Platz, sich zu entwickeln. So bleiben seine Krimis brillant: witzig und zunehmend düsterer und gemeiner. Grandios.

Bestechlichkeit und Machmissbrauch

Auch Sara Paretsky setzt ihre langjährige Krimiheldin wieder souverän auf Verbrechen an: Eher widerwillig übernimmt die Chicagoer Privatdetektivin V. I. Warshawski diesen Fall: Sie soll einen Mann suchen, von dem seit über vierzig Jahren jede Spur fehlt. Die Erfolgsaus- sichten sind gering, die Bezahlung schlecht. Als Warshawskis Cousine Petra verschwindet, konzentriert sich die schlagfertige Ermittlerin beunruhigt auf diese Familienangelegenheit und stößt dabei auf ein komplexes Geflecht aus Korruption, Macht- missbrauch und Mord. Und sie muss feststellen, dass ihre engsten Verwandten darin verwickelt sind.

Sara Paretskys neuer Roman »Hardball« steht wie ihre bisherigen ganz in der Tradition der Hard-boiled-Krimis. Gekonnt spannt sie den Bogen von der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King Ende der sechziger Jahre bis in die Gegenwart eines Staates, in dem der Krieg gegen den Terror und der Hinweis auf die nationale Sicherheit obskuren Regierungsorganisationen alles erlaubt. Paretsky gelingt ein nahezu klassischer Detektivroman – trocken, solide, schlagkräftig – und gleichzeitig ein Porträt der heutigen USA.

Verschwörungen und Geistertänze

Das Bild einer vollkommen anderen Gesellschaft zeichnet der aktuelle Krimi von Colin Cotterill: Auf dem Seziertisch von Dr. Siri, dem einzigen Pathologen von Laos, landet die Leiche eines Mannes, der von einem Laster überfahren wurde – angesichts des geringen Autoverkehrs in Laos ein ungewöhnliches Ereignis, doch eindeutig ein Unfall. Seltsam jedoch ist, dass der Mann einen Brief bei sich trug, der mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurde, dabei war der Mann blind. Zusammen mit seiner wundervollen Assistentin Dtui, dem Polizisten Phosy und seinem alten Freund Civilai geht Dr. Siri diesem Rätsel nach und kommt einer staatsgefährdenden Verschwörung auf die Spur, die den Pathologen mehr angeht, als er ahnt.

Dr. Siri gehört zu den ungewöhnlichen Ermittlern der Krimiwelt: 73-jährig, stur, sarkastisch und politisch vollkommen desillusioniert, was im Laos Mitte der siebziger Jahre – zu dieser Zeit spielen die Romane Colin Cotterills – unter dem neuen kommunistischen Regime nicht einfach ist. Die Situation entspannt sich nicht dadurch, dass sich in Dr. Siri der Geist eines alten Schamanen häuslich eingerichtet hat. Mithilfe seines bewunderten Vorbilds Maigret löst Dr. Siri seine Fälle, die immer auch mit der wechselhaften Geschichte des Landes verbunden sind. Colin Cotterills Krimis um den einzigen laotischen Pathologen sind charmant versponnen und dunkel sarkastisch zugleich, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen. Eine wundervolle Mischung.

Kirsten Reimers

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Stuart MacBride: Dunkles Blut
(Dark Blood, 2010)
Aus dem Englischen von Andreas Jäger
Manhattan 2011
Tb, 572 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-442-54689-3
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Sara Paretsky: Hardball
(Hardball, 2009)
Aus dem Englischen von Monica Bachler
DuMont 2011
Tb., 508 Seiten, 9,99 Euro
ISBN 978-3-8321-6160-6
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Colin Cotterill: Briefe an einen Blinden
(Anarchy and Old Dogs, 2008)
Aus dem Englischen von Thomas Mohr
Manhattan 2011
geb., 314 Seiten, 17,99 Euro
ISBN 978-3-442-54680-0
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Diese Besprechung ist erstmals erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse.