Archiv der Kategorie: Rezension Belletristik

Trügerische Idylle

Der Preis der Geborgenheit

In einem heruntergekommenen Cottage wird eine junge Frau erstochen aufgefunden. Sie scheint Detective Cassie Maddox wie aus dem Gesicht geschnitten. Und damit nicht genug, sie trägt einen Namen, den Maddox vor Jahren als Undercoveragentin benutzt hatte, um sich in einen Drogendealerring einzuschleusen. Eine fiktive Identität, die sich offenbar jene Tote zunutze gemacht hat.

Dies ist Lexie Madisons Geschichte, nicht meine. Ich würde Ihnen gern die eine erzählen, ohne in die andere hineinzugeraten, aber das funktioniert nicht. Früher dachte ich, ich hätte uns eigenhändig an den Rändern zusammengenäht, den Faden festgezurrt, und ich könnte die Naht jederzeit wieder auftrennen, ganz nach Belieben. Jetzt denke ich, dass sie schon immer tiefer reichte und weiter, dass sie unterirdisch verlief, außer Sichtweite und völlig außerhalb meiner Kontrolle.

»Es war ein Schimmer in der Luft zwischen ihnen«

Um die Umstände zu erkunden, die zum Tod der Frau geführt haben, soll Cassie Maddox erneut in die Rolle von Lexie Madison schlüpfen. Das ist heute ungleich schwerer als damals, da die Tote der Figur ein eigenes Wesen verliehen hat. Zudem lebte sie mit vier Freunden in einem Herrenhaus auf dem Land. Denen wird erklärt, die junge Frau hätte den Angriff überlebt, sie käme bald zurück. Nach intensivster Vorbereitung nimmt Cassie schließlich die Stelle der zweiten Lexie ein. Vorsichtig erkundet sie zunächst die Person, die jene andere gewesen ist, und beginnt nach und nach, die Rolle intensiver auszufüllen. Sie taucht ein in die etwas seltsame, leicht verschrobene, aber sehr warme und vertraute Gemeinschaft der Freunde und genießt eine Nähe und ein Aufgehobensein, wie sie sie bis dahin selten erlebt hat.

Es war ein Schimmer in der Luft zwischen ihnen, wie glänzende spinnwebfeine Fäden, die hin und her und raus und rein geworfen wurden, bis jede Bewegung oder jedes Wort durch die ganze Gruppe vibrierte: Rafe, der Abby ihre Zigaretten reichte, noch fast bevor sie danach suchte, Daniel, der sich mit ausgestreckten Händen umdrehte, um den Steakteller genau in der Sekunde entgegenzunehmen, in der Justin damit durch die Tür hereinkam, Sätze, die sie sich gegenseitig zuwarfen wie Spielkarten ohne auch nur die geringste Verzögerung.

Cassie ist so fasziniert von dieser Geborgenheit, dass sie versucht ist, die Seiten zu wechseln. Sie vertuscht sogar Hinweise, die ihre neuen Vertrauten verdächtig machen könnten. Und doch weiß sie, dass diese Harmonie trügen muss – jemand, entweder aus dem Haus oder aus dem Dorf, das der Hausgemeinschaft sehr ablehnend gegenübersteht, hat schließlich Lexie getötet. Im Laufe der Zeit werden die Brüche in der Idylle deutlich, die kleinen Risse unter der Oberfläche, und es wird erkennbar, welchen Preis die Freunde zahlen müssen, um diese Vertrautheit aufrechtzuerhalten.

Nuancierung statt Action

Tana French lässt sich sehr viel Zeit, die Handlung und vor allem die Charaktere zu entfalten. Vom ersten Eindruck bis zum vertrauten Kennen verändern sich die Persönlichkeiten nur um Nuancen, und doch wird aus diesen geringen Verschiebungen, aus dem besseren Verständnis der Figuren zwingend ersichtlich, warum Lexie hat sterben müssen.

Wie schon in Frenchs hervorragenden Debüt »Grabesgrün« geht es nicht um gruselig grausige Taten, die ausgeschlachtet werden, sondern um Menschen, die miteinander und mit sich selbst konfrontiert werden. In »Totengleich« (im Original passender »The Likeness«) teilen die Figuren die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach einer selbstgewählten Familie, die ihnen Rückhalt gibt, statt Leistung zu fordern. Doch im Festhalten an diesem Idyll liegt schon der Keim seiner Zerstörung. Das ist wunderbar einfühlsam geschildert. Etwas störend ist nur die leicht ungelenke Übersetzung, das ein wenig schludrige Deutsch, der eher hingehuschelte Stil.

»Totengleich« schließt direkt an »Grabesgrün« an. Das Geschehen kann aber ohne Vorkenntnisse des ersten Buches verstanden werden. Allerdings spricht überhaupt nichts dagegen, zunächst Frenchs großartiges Debüt zu lesen.

Kirsten Reimers

Tana French: Totengleich
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Scherz 2009
geb., 780 Seiten, 16,95 Euro
ISBN: 978-3-502-10192-5
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Hinter Türen und Toren gehen Kinder verloren

Von Gewalt, Gutmenschentum und Machtmissbrauch

In aller Frühe wird Lisa Nerz von einem höllischen Gepolter in der Wohnung über ihr geweckt.

Der körpereigene Adrenalinalarm wuppte mich aus dem Bett und trieb mich in Jeans und Pullover, ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte. (…)
Das hölzerne Treppenhaus war dezembernachtkalt. Und es roch nach Stressschweiß. Hier waren Leute mit aggressiven Absichten in den vierten Stock gestiegen. Ich zitterte plötzlich. Nicht vor Kälte. Denn knapp unterhalb meines bundesrepublikanischen Vertrauens in die Rechtsstaatlichkeit polizeilicher Maßnahmen staute sich das viel ältere Menschheitswissen von staatlicher Willkür und nächtlichen Abtransporten in Folterlager.

Zwei Frauen vom Jugendamt haben sich Zutritt zur Wohnung der alleinerziehenden zweifachen Mutter Nina Habergeiß verschafft und wollen deren fünfjährigen Sohn Tobias mitnehmen, da der Verdacht besteht, dass das Kind vernachlässigt und misshandelt wird. Lisa Nerz greift ein und kann fürs Erste die Vertreter der Staatsmacht vertreiben. Doch weder die Mutter noch die dreizehnjährige Tochter danken ihr die Einmischung.

Am gleichen Abend lernt Lisa Nerz die Familienrichterin Sonja Depper kennen und verabscheuen, und am kommenden Tag verschwindet der kleine Tobias – vom Jugendamt einfach aus dem Kindergarten abgeholt. Ist das möglich? Schwabenreporterin Lisa Nerz beginnt zu recherchieren. Sie stößt auf nahezu unkontrollierte Machtbefugnisse des Jugendamtes und zahlreiche blinde Flecken beim Thema Sorgerecht. Noch dazu ist plötzlich die Familienrichterin tot, und Nina Habergeiß scheint sich vor Verzweiflung über die Inobhutnahme ihres Sohnes das Leben genommen haben. Zu allem Überfluss verwandelt sich Lisas kopfgesteuerter Staatsanwalt in einen gurrenden, seelig lächelnden Trottel.

Blinde Flecken im Sorgerecht

Kinderwunsch und Kinderwahn, Vernachlässigung und Überforderung, Münchhausen-Stellvertetersyndrom und plötzlicher Kindstod, staatliche Einmischung und Willkür – glasklar und unerbittlich ist der Blick, den Christine Lehmann ist Familien und Fürsorgeeinrichtungen wirft. Und dabei kommt keiner gut weg, weder sind überforderte Mütter hilflose Opfer, noch Mitarbeiter vom Jugendamt selbstlose Helfer. Korruption und selbstgerechtes Gutmenschentum werden ebenso klar beschrieben wie Ohnmacht und unkontrollierte Amtsgewalt.

Die eigentlichen Leidtragenden sind dabei die Kinder, denn sie stehen am untersten Ende der Machtverhältnisse. Ihr Leben ist von Gewalterfahrung geprägt: sei es in körperlicher oder psychischer Form, sei es von elterlicher oder staatlicher Seite. Sie wachsen auf in einer Welt, die ihnen wenig Achtung und Aufmerksamkeit entgegenbringt, die ihnen aus Desinteresse oder Unsicherheit keine Grenzen setzt und keine Verhaltensrichtlinien mitgibt – außer Gewalt.

Präzise und schonungslos

»Mit Teufelsg’walt« bietet keinen Betroffenheitsquark, sondern die präzise und schonungslose Schilderung von genau beobachteten Verhaltensweisen und Verhältnissen. Es ist der achte Fall für Christine Lehmanns unkonventionelle Ermittlerin Lisa Nerz, die – unabhängig, unerschrocken, penetrant – sich in keine Schublade quetschen lässt, die genau hinsieht, den Finger in die Wunde legt und nachbohrt, die nicht nur Verhältnisse und Beziehungen, Überzeugungen und Glaubensgebäude, Werte und Institutionen hinterfragt, sondern auch stets sich selbst.

Es ist ein kraftvolles Buch. Mit seiner engverwobener dichten Sprache überrollt es einen ebenso mit Tempo wie mit Witz und lässt kein Ausweichen zu.

Der Herbst war abgeräumt, der erste Schnee des Winters hatte sich in den Ackerfurchen und Gräben eingelagert. Rabenkrähen schwärmten. Am Flughafen zackten die Dächer der neuen Messe. Das Parkhaus querte wuchtig und weithin sichtbar die Autobahn nach München. Schmal nadelte der Fernsehturm am Horizont.

Das ist stimmig, denn schließlich geht es in »Mit Teufelsg’walt« um Gewalt und Macht auf den unterschiedlichsten Ebenen und in den unterschiedlichsten Ausprägungen – überzeugend und konsequent bis zum schmerzhaft realistischen, unausweichlichen Ende.

Kirsten Reimers

Christine Lehmann: Mit Teufelsg’walt
Ariadne im Argument Verlag 2009
kart., 258 Seiten, 11,00 Euro
ISBN: 978-3-86754-179-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

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Das Haifischbecken im Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft

Der dritte Fall für den Frisör

Rosemarie, das Au-pair-Mädchen von Tomas Prinz‘ Schwester, rettet dem Starfrisör erst den Auftritt vor den in London versammelten weltbesten Frisören während der »Alternative Hair Show« und führt ihn dann in das Studentenleben ein. Denn kaum hat Rosemarie in München den Haushalt von Prinz‘ Schwester im Griff, da schreibt sie sich auch schon an der Ludwig-Maximilians-Universität ein für Anglistik und wird rasch studentische Hilfskraft bei Mara Markowski, der gerade erst berufenen Professorin für englische Literaturwissenschaft und Ehefrau des Dekans der Fakultät für Sprach- und Kulturwissenschaften.

Schon bald muss Rosemarie feststellen, dass kleinere Sabotageakte gegen die Professorin verübt werden: ein Virus auf dem Computer, ein vergammelnder Fisch hinter dem Bücherregal, eine eingeschlagene Fensterscheibe. Ein frustrierter Student, der seinem Ärger auf diese unwissenschaftliche Weise Luft macht? Oder steckt mehr dahinter? Tomas Prinz zumindest beginnt, sich Sorgen um Rosemarie zu machen.

Ich zog die Strähnen flach heraus, fing an zu stufen und beobachtete dabei, wie das Haar fiel.
Jeden Einzelnen dort an der Uni, das gesamte Umfeld von Mara Markowski müsste die Polizei sich vorknöpfen. Ziemlich viel Aufwand, aber unbedingt nötig, bevor etwas Schlimmeres passierte.
Um den Hinterkopf herum zog ich den Scheitel, einen nach dem anderen, und schnitt immer gerade ab.
Ich könnte einfach mal die Kriminalpolizei anrufen und denen klarmachen, wie gefährlich die Situation war. Wozu hatte ich schließlich den Kontakt.
Zum Outslicen ging ich von oben und von unten in die gekürzten Parteien und benutzte meine Schere wie ein Messer.
Das Wichtigste war, dass ich Rosemarie so schnell wie möglich aus der Schusslinie brachte.

Seine Befürchtungen sind berechtigt: Nur wenig später wird der Dekan, Ehemann Markowski, tot aufgefunden – gestorben an einer Überdosis Digitalis. Galt der Anschlag seiner Frau? Oder versucht jemand, diese mit gemeinsten Mitteln fertig zu machen? Schließlich hat auch der Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft ein gut bestücktes Haifischbecken im Keller. Nicht ohne Grund mokiert sich manch einer über die »Markowski-Mafia«. Da sich auch Rosemarie verdächtig macht, beginnt der Starfrisör zu ermitteln – auf seine eigene charmant-unaufdringliche Art.

»Ihr Haar war wirklich ganz erstaunlich: zum Reingreifen und Unsinn machen«

»Die Studentin« ist der dritte Krimi um den Coiffeur der Extraklasse. Nachdem Tomas Prinz in »Der Frisör« in der Welt der Hochglanzmodemagazine ermittelte und in »Der Bruder« die Kunst- und Galeristenszene durchleuchtete, ist es nun das konkurrenzerfüllte Milieu der Universität, das er durchstöbert. Trotz seiner detektivischen Erfahrung ist und bliebt Prinz in erster Linie Frisör – das macht diese Bücher so überzeugend wie erfrischend. Denn Prinz‘ erster Blick fällt konsequent auf die Haare der handelnden Figuren. Der Mann ist es gewohnt, genau hinzusehen, und er hat ein untrügliches Auge für Details und für die Stimmigkeit im Auftreten und Erscheinen, für die Unterschiede zwischen Sein und Inszenierung einer Person. Prinz erfasst, wie sich die Menschen gern selbst sehen würden und wie sie von anderen wahrgenommen werden. Dies hilft ihm einerseits, seine Kunden optimal zu beraten, und andererseits mögliche Motive zu durchschauen.

Es kam mir vor wie beim Schneiden: Man glaubt, mit Nackenlinie, Hutlinie und Scheitel eine klare Einteilung zu haben, doch kann es passieren, dass man dabei vergisst, dass jeder Kopf seine ganz eigene, individuelle Form hat. Und plötzlich ist die strenge Einteilung kein Hilfsmittel mehr, sondern nur noch hinderlich.

»Streng ihr Pony, locker die gebügelten, in sich verdrehten Partien«

Gab es in den ersten Büchern noch allerlei Seitenthemen und Abwege, die sich im Nichts verloren, verfährt der Autor Christian Schünemann diesmal strenger und konsequenter: Alles gruppiert sich thematisch um den Tod des Dekans und die Ermittlung von dessen Hintergründen – durchaus mit netten Umwegen, aber diese führen nicht in stumpfe Sackgassen, sondern geben der Geschichte Volumen, Halt und Schwung. Ein in sich stimmiges Werk, straffer und zugleich duftiger als die beiden vorangehenden Bücher.

Geschrieben ist der Whodunit in angenehmer Zurückhaltung. Wie Tomas Prinz, so auch die Sprache: elegant, stilsicher, freundlich beobachtend und unaufgeregt. Alles Schrille und Laute, alle naheliegenden Klischees werden vermieden. Für Christian Schünemann – zwischen seinen Büchern als Storyliner für tägliche Serien wie zum Beispiel »Verliebt in Berlin« tätig – eine bewusste Entscheidung: »Gerade weil es sich so anbietet – schwul sein, Frisör sein, München, das schreit ja alles nach Klischees -, gerade darum fahre ich das ein bisschen herunter und mache es dezenter.« Eine gute Entscheidung: Was auf den ersten Blick wie ein Verzicht wirken mag, entwickelt bei genauerem Hinsehen einen betörenden, unaufdringlichen, ja geradezu seidig schimmernden Charme.

Kirsten Reimers

Christian Schünemann: Die Studentin
Diogenes 2009
kart., 260 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-257-23915-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

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Es lohnt sich auch ein Blick ins Titel-Magazin: Samstag ist Krimitag

Ebenso einen Klick wert: die Besprechung auf Literaturkritik.de

Und außerdem gibt es ein Interview mit Christian Schünemann auf Mord-und-Buch.de: »Und dann schubse ich den Frisör in jedem Buch in ein anderes Milieu«


»Ein Hybridkiller. Eine Art mörderischer Überflieger«

Splatter-Horror-Serienmord – grandios und doch schwächelnd

Frank Spain ist Profikiller der Mafia. Emotionslos, hoch professionell, zuverlässig. Eine gut geölte Tötungsmaschine und ein loyaler Angestellter. Im Umgang mit dem Tod erfahren und souverän. Nur mit den Lebenden hat er Schwierigkeiten. Im Privatleben ist er hilflos angesichts der emotionalen Bedürfnisse von Ehefrau und Tochter. Als seine Frau ihn betrügt – »Es hätte jeder sein können«, »Du redest nie mit mir« – und sich scheiden lässt, bleibt Spain mit seiner pubertierenden Tochter Tiff zurück: »Sie war vierzehn und blühte auf, und er wusste nicht, was er machen sollte.« Wenn er reden müsste, schweigt er, wenn er zuhören müsste, brüllt er. Mit Strenge und Unverständnis treibt er seine Tochter immer tiefer in die Arme eines hinterhältigen Schulschönlings. Der macht Tiff erst emotional und dann mit Drogen hörig und schickt sie auf den Strich, wo sie noch am ersten Abend von einem perversen Freier so misshandelt und verstümmelt wird, dass sie bleibende Schäden davonträgt. Für ihren Zuhälter nun unbrauchbar, wird sie an einen Pornoproduzenten verkauft. Tiffs Abstieg ist kurz und schrecklich. Sie endet als Hauptdarstellerin in einem Snuffvideo.

Als Jack Spain davon erfährt, dreht er durch. Er schwört blutige Rache an allen, die für ihren Tod in irgendeiner Weise Verantwortung tragen. Dies führt ihn bis tief in die Reihen seiner eigenen Auftraggeber, der Mafia, bis hin zu seinem jahrelangen Mentor. Denn Drogenhandel und Pornoindustrie ist nun einmal ein Nebenerwerbszweig der Mafia. Spain, der Profikiller, startet einen Rachefeldzug, der an Gnadenlosigkeit kaum zu überbieten ist.

»Alle so tot wie die Weihnachtsbäume vom vergangenen Jahr«

Mit jedem Mord verändert er sich. War er anfangs der verzweifelte Vater, der von Schmerz getrieben wurde, der fast Mitleid erregte, so wächst in ihm mit jedem neuen Toten, mit jeder neuen Hinrichtung – eine grausamer als die andere – ein Monster von ungeheurem Blutdurst. Spain, der methodisch vorgehende, emotionslose Auftragsmörder, verspürt ein seltsames, überwältigendes Gefühl: »Den Wunsch, den nächstbesten Menschen zu töten, mit dem er in Kontakt kam. Er identifizierte es korrekterweise als Wahnsinn und verdrängte es.« Zu Spain dem Psychopathen, der geplant und umsichtig Menschen umringt, tritt Spain der Psychot, der wahllos und spontan zuschlägt.

»Ein Hybridkiller«, konstatiert Jack Eichord, der zur Aufklärung der vermeintlichen Mafiamorde hinzugezogen wird. Denn Spain versteht es, seinen Rachefeldzug so zu inszenieren, dass er nach außen wie der Krieg zweier rivalisierender Familienzweige erscheint. Lediglich Eichord durchschaut dies. Schon zu Beginn des Buches begegnen sich Spain und der Mann, der in Millers Debütroman »Fettsack« (im Original »Slob«) den tonnenschweren Massen-Serien-Mörder »Chaingang« Bunkowski überwältigte.

Die Presse liebte Vokabeln wie »Serienmörderexperte«, wie unzutreffend sie auch sein mochten, und Jack Eichord geriet solchermaßen ins Visier der Medienmeute. Sie schrieben über sein Genie in der Verbrechensaufklärung und sein Sherlock-Holmes-gleiches Gehirn, und er lachte über den ganzen Quatsch, genau wie seine Kollegen, die es besser wussten. Er hatte Glück. Er besaß eine Gabe. Irgendwas. Er hatte Eingebungen. Was auch immer. Das Ding, das er in sich trug. Er nannte es seinen Scheißedetektor. Und der surrte gerade auf Hochtouren, obwohl Eichord keinen blassen Schimmer hatte, warum.
Der Mann namens Frank Spain besaß denselben Instinkt, dieselbe Intuition, nur umgekehrt. Jeder tat das kalte Gefühl im Inneren achselzuckend ab, wie zwei Schiffe, die einander in der Nacht passieren (…).
Eichord wird von Anfang an als innig-verbundener Gegenpart des durchgeknallten Profikillers gezeichnet – ihm ähnlich und doch auf der anderen Seite der Grenze: Während Spain Frau und Tochter und darüber den Verstand verliert, findet Eichord nach Trennung von Freundin mitsamt Tochter eine neue Liebe; während Spain einsam in Rache und Blutdurst watet, ist Eichord umhüllt von Verliebtheit und Sex. Aber während Eichord und sein Glück ziemlich blass bleiben, ist man als Leser schmerzhaft nah, manchmal zu nah am elenden Verreckten von Tiff und dem blutrünstigen Überdrehen ihres Vaters dran.

Durch den Blutregen ins Herz des amerikanischen Idylls

Wie Chaingang in »Fettsack« ist Frank Spain eine ausgebildete Tötungsmaschine, die sich letztlich gegen ihren Auftraggeber richtet – bei Chaingang die US-Gesellschaft, bei Spain die Mafia, die »Familie«, durchaus auch im weiteren Sinn. Das ist nicht die einzige Parallele, denn wie Chaingang wird der Hybridkiller vom »Serienmörderexperten« Eichord überwältigt, indem dieser die emotionale Achillesferse des Monsters ausmacht und hineinhackt.

Überhaupt ist »Im Blutrausch« (eine wahrhaft angemessene Übersetzung des Originaltitels »Frenzy« von 1988) dem vorangehenden »Fettsack« durchaus ähnlich: die grandiose Sprache – wieder kongenial ins Deutsche übertragen von Joachim Körber; die Erzählweise, die alle Konventionen und alles Chronologische hinter sich lässt und so zum Wesentlichen vordringt; der gallige makabere, genaue Humor, der das Absurde so vertraut macht; die Horror- und Splatterelemente, die gekonnt eingesetzt werden; das Monströse, das überall lauert – alles da. Dazu noch zielt Rex Miller mit Präzision durch die Blutströme auf das amerikanische Ideal von der heilen Familie und dem Selfmademan, der sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeitet, bis er Häuschen, Frau und Kind in der Vorstadt hat – eine Idylle, wären nur die Menschen nicht, wie sie sind. Alles ist da, alles ist noch besser, noch komplexer, noch ausgefeilter als in »Slob«. Und das ist die Krux. Denn »Im Blutrausch« wirkt wie die verbesserte Kopie von etwas Grandiosem. Noch begeisternder, blutiger, ekliger, grotesker, überzogener, noch literarischer. Und doch leider nur eine Kopie: nicht mehr wirklich überraschend, nicht mehr ganz so provokant.

Kirsten Reimers

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Rex Miller: Im Blutrausch
Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim Körber
Edition Phantasia 2009
kart., 318 Seiten, 17, 90 Euro
ISBN: 978-3-937897-34-9

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»Niemand ist der, der er zu sein vorgibt«

Klaustrophobische Untentrinnbarkeit in den Ruinen Tokios

Mit seinem »Red Riding Quartet« wurde der Brite David Peace in Deutschland bekannt. In diesen vier Büchern, betitelt nur mit kargen Jahreszahlen (»1974«, »1977«, »1980«, »1983«), nimmt der in West Yorkshire geborene Autor den tatsächlichen Fall des »Yorkshire Rippers« Peter Sutcliff auf, um ein dunkles, grimmiges Psychogramm der nordenglischen Provinz in den siebziger und achtziger Jahren zu entwerfen: gewalttätig, voller Hass und Machtgier, beklemmend und verstörend. Für seine Tetralogie wurde Peace mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erreichte der Band, »1974« den ersten Platz des Deutschen Krimi Preises in der Kategorie International, ebenso war er Jahressieger der KrimiWelt-Bestenliste für das Jahr 2005.

Nun liegt das erste Buch von Peace‘ Tokio-Trilogie vor: »Tokio im Jahr Null« (im Original: »Tokyo Year Zero«) – nicht minder düster, hasserfüllt, grimmig und verstörend. Wie schon das »Red Riding Quartet« erscheint es im kleinen, feinen Verlag Liebeskind, wieder sehr gut übersetzt von Peter Torberg; die Veröffentlichungen der beiden Folgebände sind für 2010 und 2011 geplant. David Peace hat selbst rund 15 Jahre in Tokio gelebt, erst in diesem Jahr ist er aus Japan zurückgekehrt, um sich in der Nähe von Leeds niederzulassen.

Die Hölle: Missbrauch, Korruption, Gier, Verrat, Betrug

»Tokio im Jahr Null« spielt ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges, ein Jahr nach der Kapitulation Japans. Seitdem ist das Land von den Amerikanern besetzt. Die Auswirkungen des Krieges sind noch überall zu sehen und zu spüren: Tokio ist eine Ruine, die Menschen sind nicht minder zerstört. Hunger, Armut und Verzweiflung bestimmen den Alltag. Gewalt, Missbrauch, Korruption allerorten. Das organisierte Verbrechen hat die Stadt fest im Griff. Der Schwarzmarkt blüht, um die Vorherrschaft gibt es erbitterte Kämpfe zwischen den nach Nationalitäten strukturierten Banden. Die Amerikaner versuchen als Besatzer, die Verhältnisse zu regeln, doch in Arroganz und Dummheit verschlimmern sie die Lage nur. Missbrauch und Ausbeutung auch hier.

Inmitten dieser verzweifelten Lage werden die Leichen von zwei Frauen gefunden, erdrosselt und vergewaltigt. Ein Verdächtiger ist bald gefasst, doch er gesteht nur einen der Morde. Inspektor Minami versucht, Verbindungen zwischen dem mutmaßlichen Täter und dem zweiten Opfer zu finden. Dabei werden immer mehr Morde offenkundig, nicht nur in Tokio, sondern auch in der Provinz. Und es gibt Hinweise, dass diese Taten mit einem Fall in Verbindung stehen, der schon vor einem Jahr als offiziell abgeschlossen galt.

Durch dieses Stochern in der Vergangenheit gerät Minami immer mehr zwischen die Fronten. Der Inspektor, depressiv, tablettensüchtig und an schweren Schlafstörungen leidend, kommt weder mit seinen Untergebenen noch mit seinen Vorgesetzten zurecht, die Intrigen innerhalb der Polizei zerreiben ihn. Als er sich dem organisierten Verbrechen andient, gerät er auch hier zwischen die Interessenlagen. Denn seine Ermittlungen berühren Punkte und Taten, die seine Kollegen, aber auch er selbst lieber unangetastet lassen würde. Die Suche nach Schuld im anderen führt auch zur eigenen Schuld, zur der eigenen Verstrickung in Gewalt und Mord, in Gräueltaten während des Krieges, die lieber verdängt wurden: »Niemand ist der, der er zu sein vorgibt. / Niemand ist der, der er zu sein scheint.«

Hypnotisierender Rhythmus, zorniger Gestus

David Peace macht es weder seinen Figuren noch dem Leser leicht. Grausam, düster, unerbittlich, voller Hass und Ekel ist sein Buch. Gegen Ende verschwimmen die Zeitebenen, Wahn und Wirklichkeit verzahnen sich, Erinnerungen vermischen sich mit dem Jetzt. Immer tiefer ins Dunkle, ins Grauen führt der Erzählstrom. Unheimlich, klaustrophobisch und verstörend. Peace‘ schreibt knapp, kalt und anklagend, Wiederholungen rhythmisieren den Text, der auf zwei Ebenen geführt wird: Stets läuft eine zweite Tonspur mit, die Gedanken, Erinnerungen, Gefühle und Geräusche pulsierend einfügt. Das erinnert vage an konkrete Poesie:

Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton …
Mir tut der Magen weh. Ich habe Kopfschmerzen …
Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton …
Die Füße tun mir weh. Die Augen …
Ton-ton. Ton-ton. Ton-ton …
Ich fluche und fluche!
Ton-ton. Ton-ton …
Ich verfluche mich selbst …
Ton-ton.
(…)
Stunde um Stunde. Tag für Tag. Woche für Woche …
Das Blut an den Wänden. Das Blut auf dem Boden.
Monat für Monat und Jahr für Jahr …
Das Blut an meinen Hemdsärmeln.
Aber im Dämmerlicht kann ich nicht vergessen …
Auf meine Hosenbeinen.
Es tut mir leid. Es tut mir leid …
Hier im dämmrigen Licht …
Ich habe euch alle im Stich gelassen …
Im Dämmerlicht.

Durch diese zweite Tonspur erhält der Text etwas Einpeitschendes, Hypnotisches. Das ist beeindruckend und kunstvoll.

»Ein Kriminalroman«, erklärte David Peace in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung 2007, »hat die Pflicht, sich den sozialen und ökonomischen Fragen auszusetzen, die das Leben bestimmen. Er muss die Umstände betrachten, unter denen ein Verbrechen geschieht.« Diesem selbstgesetztem Anspruch wird Peace in »Tokio im Jahr Null« unbedingt gerecht. Die durchgehende Grimmigkeit und der anklagende Gestus des Buches wirken allerdings auf die Dauer etwas angestrengt anstrengend.

Kirsten Reimers

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David Peace: Tokio im Jahr Null
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind 2009
gebunden, 416 Seiten, Euro 22,00
ISBN: 978-3-935890-65-6

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