Archiv der Kategorie: Rezension Belletristik

Geisterdisko in Laos

Verschroben-charmante Verbrecherjagd mit metaphysischer Unterstützung

Der laotische Pathologe – genauer sagt: der einzige Pathologe in ganz Laos – Dr. Siri Paiboun und seine wirklich bezaubernde Assistentin Dtui werden im Jahr 1977 in die Provinz Houaphan nach Vieng Xai gerufen: Aus einem Betonweg, der ausgerechnet zum hiesigen Anwesen des Präsidenten führt, ragt ein mumifizierter Arm. Schuld daran ist ein Steinschlag: Die Villa des laotischen Staats- oberhaupts liegt vor einer der Höhlen, in denen sich die Anhänger der kom- munistischen Partei während des Vietnam- krieges verbargen. Von hier aus organisierten sie den Widerstand und den Befreiungskampf. Tausende lebten hier, und es existierte eine regelrechte Stadt in den Höhlen unter den Karsten. Diese hatten jedem Bombenangriff der USA standgehalten, selbst dem Streuteppich der Fünfhundert-Kilo-Bomben gegen Ende des Krieges.

Doch mitunter zeigen sich Folgen erst Jahre später: Aus einem der Karste hat sich jüngst ein Felsbrocken gelöst und beim Herunterkrachen den Betonweg zerschmettert. Einer der Risse gab die Leiche frei. Das ist besonders unschön, weil in wenigen Tagen die Creme de la creme der laotischen und der vietnamesischen Politiker hier in Vieng Xai eintreffen wird, Delegationen weiterer sozialistischer Bruderländer werden erwartet. Kein Wunder, dass Dr. Siri möglichst schnell zu einem Ergebnis kommen soll, möchte man doch vor den hochverehrten Gästen möglichst makellos dastehen.

Rationalität und Animismus

Laos im Jahr 1977: Die Monarchie ist gestürzt, die Besatzungsmächte wurden vertrieben, der Krieg ist vorbei, und die sozialistische Partei hat die Regierung übernommen. De facto heißt das aber: Die kapitalistischen Unterdrücker wurden durch kommunistische Unterdrücker ersetzt, und Laos ist ganz dem Wohlwollen Vietnams ausgeliefert. Autor Colin Cotterill – in London geboren und seit Jahrzehnten im asiatischen Raum reisend und lebend – zeigt Laos in all seiner Zerrissenheit: Während in der Stadt und in den Verwaltungsbehörden sozialistische Rationalität, Bürokratismus, Vetternwirtschaft und blinder Parteigehorsam regieren, blüht in den kleinen Dörfern weiterhin der Animismus: Die Umwelt ist belebt, Menschen sprechen in Zungen, und Schamanen erlösen – glücklich berauscht von allerlei Substanzen – gefangene Seelen. Ist in Eliot Pattisons Tibet-Krimis das Übernatürliche eine Möglichkeit, präsentiert es sich in Cotterills Romanen als Tatsache.

Dafür sorgt allein schon Dr. Siri. Der ist im Grunde vom Marxismus vollkommen überzeugt, doch mit der tatsächlichen Umsetzung alles andere als einverstanden. Deshalb hat er sich – obzwar seit Jahren Mitglied der sozialistischen Partei – schon lange aus der aktiven Politik zurückgezogen. Stattdessen unterläuft er mit Gewitztheit und aus Mitgefühl die bürokratischen Strukturen. In der Figur des einzigen laotischen Pathologen steht dem strikt agnostischen System das Übernatürliche in schön abstruser Form entgegen. Denn der Wissenschaftler beziehungsweise sein Körper beherbergt den Geist eines alten Hmong-Schamanen. Das weiß Siri erst seit kurzem, es erklärt ihm aber endlich seine Begegnungen mit Verstorbenen, deren Geister ihn schon seit langem im Traum erschienen. In der letzten Zeit jedoch ist der alte Schamane aktiver geworden und hat den Unmut der bösen Waldgeister geweckt. Naturgemäß steht Siri dabei in der Schusslinie. Die Geisterwelt ist aber nicht nur hübsche Dekoration, sondern hilft Dr. Siri handfest bei der Aufklärung von Verbrechen. So auch diesmal, als der 73-jährige Pathologe, der eigentlich völlig unmusikalisch ist, vom Geist eines toten, aber sehr leidenschaftlichen Kubaners besetzt wird, der ihn nicht nur dazu bringt, rhythmisch mit den Fingern zu schnippen, sondern auch zu einem mitternächtlichen Tanz zu Diskomusik verführt.

Leichtfüßige Absurdität

Alles passt bei Cotterill gekonnt zusammen, die Handlungsstränge sind wohlüberlegt geformt und mit so sicherer Hand miteinander verwoben, dass sich selbst das Absurdeste noch leichtfüßig-elegant und vollkommen natürlich einfügt. Die Verbrechen werden zwar mit deutlicher Unterstützung der Geister gelöst, doch ihre Gründe wurzeln fraglos im Diesseits. Sehr britisch versieht Cotterill seinen Roman mit untergründigem Witz und großer Sympathie für Underdogs (der real praktizierte Sozialismus mag nicht das Gelbe vom Ei sein, aber das vorherige Regime war alles andere als human). So ist der Krimi wundervoll versponnen und sehr charmant-verschroben, ohne auch nur einen Hauch esoterisch zu sein. Und ganz nebenbei entsteht das Porträt eines Landes, das abseits der Weltöffentlichkeit aus strategischen Gründen Spielball der politischen Systeme geworden ist.

Kirsten Reimers

Colin Cotterill: Totentanz für Dr. Siri
(Disco for the Departed, 2006)
Aus dem Englischen von Thomas Moor
Manhattan 2010
geb., 319 Seiten, 17,95 Euro
ISBN: 978-3-442-54665-7
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Sittengemälde mit Massaker

Elend, Verwahrlosung und die Folgen der Reaganomics: wirtschaftlich, gesellschaftlich, psychisch, ethisch

Weil ihr die Flucht gelang, ist Libby Day die einzige Überlebende eines Familienmassakers auf einer heruntergekommenen Farm im US-Bundesstaat Kansas. Als Täter wurde ihr Bruder Ben verurteilt. Offenbar hatte er sich Satanisten angeschlossen und in einem Blutrausch in einer Januarnacht im Jahr 1985 seine beiden kleinen Schwestern erwürgt und mit einer Axt erschlagen, die Mutter erstochen, erschlagen und erschos- sen.

Das war vor 25 Jahren. Damals war Libby sieben Jahre alt. Nach der Tat wuchs sie bei einer Tante und verschiedenen Pflege- familien auf, psychisch stark gestört und fest überzeugt, dass Ben ihr alles genommen hat. All die Jahre hat sie von ihrem Opferstatus gelebt: Damals waren reichlich Spenden geflossen, die gut angelegt wurden, sodass Libby nie einen Beruf erlernt hat, ja sich nicht einmal vorstellen kann, jeden Morgen aufzustehen, um einer geregelten Arbeit nachzugehen. Doch damit ist es nun vorbei, der Geld ist aufgebraucht, und die spendenfreudige Öffentlichkeit hat sich längst anderen Opfern zugewendet.

Deshalb greift Libby zu, als ihr Geld dafür geboten wird, mit Menschen zu sprechen, die sich für ihren Fall interessieren. Libby muss erkennen, dass es regelrechte Fanklubs gibt, der sich mit dem Massaker an ihrer Familie (und noch vielen weiteren strittigen Fällen) beschäftigen. Und für viele Mitglieder »ihres« »Kill Clubs« ist nicht Ben der Täter, ganz im Gegenteil: Sie werfen Libby vor, bei ihrer Zeugenaussage gelogen und so ihren Bruder unschuldig lebenslang ins Gefängnis gebracht zu haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben erfährt Libby von Beweismitteln, die beim Prozess nicht berücksichtigt wurden, und von Hinweisen, die ganz andere Schlüsse zulassen.

Verarmung im Mittleren Westen

Langsam und sehr unwillig beginnt Libby, sich zum ersten Mal seit 25 Jahren mit jener Nacht und mit ihren furchteinflößenden Erinnerungen – den finsteren Orten – zu beschäftigen. Sie lässt sich vom »Kill Club« bezahlen, um mit Zeugen von damals zu sprechen, und entdeckt, dass eine ganze Menge nicht so war oder ist, wie sie es bislang geglaubt hat.

Libby ist kein besonders netter Mensch. Sie manipuliert andere und nutzt sie aus, sie ist egozentrisch, stiehlt und lügt. Eine fiese kleine Zecke. Zum einen ist das glaubwürdig – kein Mensch, der so etwas durchgemacht hat, könnte ein annähernd normales Leben führen -, und zum anderen sind ihre Kommentare wunderbar boshaft, zynisch und treffend. Überhaupt kommt hier kein Mensch wirklich gut weg. In Gillian Flynns Buch macht Armut nicht ehrbar, sondern neidisch und gierig; aber auch Vermögen ist hier kein Garant für Glück, und emotionale Vernachlässigung ist durch Geld nicht auszugleichen. Das ist alles nicht neu, aber doch gut gezeichnet.

Hintergrund für »Finstere Orte« (im Original »Dark Places«, 2009) ist die Verarmung der Farmer im Mittleren Westen in der gnadenlosen Reagan-Ära. Am Schluss saßen sie da mit zu viel Land, das niemand mehr haben wollte, und zu wenig Geld, um daraus etwas zu machen. Die Folge: zahllose zerstörte Existenzen, Verelendung und obendrauf noch die Verachtung vonseiten derer, die glimpflicher davongekommen waren. Libbys Familie gehörte zu denen, die alles verloren hatten.

Überleben, irgendwie

Flynn erzählt die Geschichte aus mehreren Perspektiven: In der Gegenwart berichtet Libby in Ich-Form von ihren Nachforschungen; dazu treten aus der Sicht Bens und der Mutter die Ereignisse jenes Tages, der mit dem Tod von drei Menschen endete. Wie bei einem Puzzle kommen so Stückchen für Stückchen Informationen zusammen, die erst am Ende das vollständige Bild freigeben. Flynn geht dabei nicht besonders reißerisch und blutig vor. Sie konzentriert sich in erster Linie auf die Versuche dieser drei Personen, irgendwie mit dem zurechtzukommen, was sich Leben nennt. Und das ist bei allen dreien wahrlich nicht sonnig. Harsch und ohne Beschönigung schildert Flynn Elend, Verwahrlosung und die Folgen. Am Ende wird darum auch nichts wirklich gut – wie könnte es das, nach dieser Vorgeschichte -, aber etwas verändert sich.

Gillian Flynn nimmt für sich einen Gonzo-feministischen Ansatz in Anspruch, aber ob da etwas dran ist, sei mal dahingestellt, allein Unverfrorenheit und selbstbewusste Frauencharaktere sind vielleicht etwas zu wenig. Schade ist auf jeden Fall der schludrige Stil der Übersetzung, denn dabei geht die bewusste Schnoddrigkeit des Textes in ungelenken Wendungen unter.

Kirsten Reimers

Gillian Flynn: Finstere Orte
Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Strüh
Scherz 2010
geb., 327 Seiten, 16,95 Euro
ISBN 978-3-502-10095-9
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Hexenjagd im 21. Jahrhundert

Religiöser Fanatismus im Zeitalter der Massenmedien

Betty und Robin Thorogood haben eine ausgemusterte Kirche in der Nähe des Dörfchens Old Hindwell an der walisisch-englischen Grenze gekauft. Diese Kirche ist eine von fünfen, die dem Erzengel Michael geweiht sind und – laut einer alten Legende – das Böse in Gestalt eines Drachen eindämmen, der im Radnor Forest lauert. Diese Kirchen bilden einen Kreis oder in anderer Lesart ein auf dem Kopf stehendes Pentagramm. Das Ganze wäre völlig unerheblich, würde nicht in Old Hindwell Pfarrer Nicolas Ellis – genannt »Vater Ellis« – im Stile US-amerikanischer Massenprediger des Bible Belt seine Schäfchen zu Erweckungsgottesdiensten rufen und wären nicht Betty und Robin praktizierende Anhänger von Wicca. Als dies durch einen Zufall bekannt wird, schlagen die Wellen der fundamentalistischen christlichen Empörung hoch. Um ihre jeweiligen konfessionellen Lager zu unterstützen, reisen sowohl Wiccarianer als auch Christen in das walisische Grenzgebiet.

Die Lage spitzt sich zu, als zu Mariä Lichtmess die Wiccarianer sich anschicken, Imbolg, eines ihrer bedeutendsten Feste, in der ehemaligen Kirche zu begehen. Vater Ellis ruft daraufhin zu einem regelrechten Kreuzzug gegen die Heiden auf: Der Drache darf nicht erwachen. Die Presse schlachtet die Situation aus und gießt durch reißerische Berichterstattung reichlich Öl ins Feuer. Ein Rückfall ins finsterste Mittelalter scheint unausweichlich.

Merrily Watkins, die »Beraterin für spirituelle Grenzfragen« – kurz: Exorzistin – der Diözese Hereford stößt zunächst durch einen Zufall auf den Konflikt in Old Hindwell und wird schließlich vom Interrimsbischof gebeten, Vater Ellis etwas zu bremsen. Wie sie feststellen muss, überschreitet der in mehr als einer Hinsicht ethische Grenzen. Aber auch auf der Seite der Wiccarianer findet sich mit Ned Bain ein begnadeter Charismatiker, der zu vielem, viel zu vielem, bereit ist.

Eine Atmosphäre des Ungewissen, Uneindeutigen, Paranoiden

Religiöser Fanatismus, Manipulation von Menschengruppen, Massenmedien auf der Suche nach Sensationen, die die niedersten menschlichen Triebe bedienen, und das Grauen, das sich hinter den wohlanständigen Fassaden eines kuscheligen Dorfes verbirgt – Phil Rickman beschwört auch in seinem dritten Roman um Merrily Watkins, »Die fünfte Kirche« (im Original »A Crown of Lights« von 2001), eine Atmosphäre des Ungewissen, Uneindeutigen, Paranoiden herauf. Ob hier Übersinnliches im Spiel ist, ob das Böse vor den Toren von Old Hindwell lauert oder ob es nicht ganz handfest in den Menschen zu finden ist in Form von Fanatismus und Gier – jede Antwort ist möglich. Das macht den Reiz der intelligenten Gothic Novells (Frau Heiland, herzlichen Dank für diese notwendige Richtigstellung!) von Rickman aus.

Der Autor stellt verschiedene Weltdeutungssysteme gegeneinander, ohne einem den Vorzug zu geben. Was wahr ist oder gar real, wer weiß das schon. Im Grunde sind Rickmans Bücher philosophische Auseinandersetzungen über die Letzten Dinge – doch so verkopft lesen sie sich weiß Gott oder wer auch immer nicht. Im Gegenteil, in ihrer ruhigen Art verfügen sie über ein hohes Maß an intelligenter Spannung, das aus der handfesten Konfrontation von unterschiedlichen Lebenswelten resultiert. Und dazu kommt etwas, das sich nicht wirklich fassen lässt und das einem ganz behutsam, aber doch nachhaltig den Boden unter den Füßen der eigenen Gewissheiten wegzuziehen vermag.

Kirsten Reimers

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Phil Rickman: Die fünfte Kirche
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
Rowohlt 2010
Tb., 559 Seiten, 9,95 Euro
ISBN 978-3-499-24907-5


Schlachtplatte mit Beilage

Serienkillerjagd angereichert mit juristischen Aspekten

Als Elaine von ihrer Mutter vermisst gemeldet wird, ist das 13-jährige Mädchen schon seit fast zwei Tagen verschwunden. Da die Familienverhältnisse instabil sind und Elaines ältere Schwester schon mehrfach ausgerissen ist, geht die Polizei zunächst davon aus, dass auch Lainey, wie das Mädchen genannt wird, lediglich bei einer Freundin untergetaucht ist und bald wieder nach Hause zurückkehrt. Dass Bobby Dees vom Crimes Against Children Squad, dem Dezernat für Verbrechen an Kindern, hinzugerufen wird, ist eine reine Formsache, denn Hinweise auf eine Straftat gibt es nicht. Nur ein ungutes Gefühl – und allein aus diesem Grund gräbt Dees ein wenig tiefer. Tatsächlich stößt er auch auf Ungereimtheiten, und wenig später wird es mit Macht offensichtlich: In Miami und Umgebung geht ein Serienmörder um, der es offenbar auf junge Ausreißerinnen abgesehen hat (im Original heißt das Buch »Pretty Little Things«, erschienen 2010).

Jetzt einfach zu sagen, dass alles Nachfolgende die sattsam bekannte Serienkillerjagd mit hilfreichen Hinweisen des medienversessenen Täters ist, wird dem Buch nicht gerecht. Natürlich passiert dies nun durchaus, aber Jilliane Hoffman richtet keine einfach strukturierte Schlachtplatte an. Das Blut ist bereits geronnen, und die grausam zugerichteten Leichen müssen etwas beiseite rücken, um noch anderen Aspekten Platz zu machen.

Denn Jilliane Hoffman war lange Jahre Staatsanwältin in Florida und unterrichtete außerdem im Auftrag des Bundesstaates die Spezialeinheiten der Polizei in allen juristischen Belangen. Deshalb nehmen straf- und prozessrechtliche Fragen in ihren Romanen immer einen gewissen Raum ein. So auch diesmal: Souverän eingebettet in die Handlung beschreibt Hoffman, wie die Ermittlungsbehörden vorgehen, sobald ein Kind vermisst wird, welche Aktionen ihnen erlaubt sind und welche nicht, und warum zum Beispiel nicht sofort in jedem Fall ein »Amber-Alarm«, ein Großeinsatz mit intensivem Einbezug der Medien, ausgelöst wird.

Klarer Blick, vom Blut verschleiert

Mit ihrem diesmaligen Ermittler Bobby Dees nimmt die Autorin zudem die betroffenen Eltern in den Blick, denn Dees‘ Tochter im Teenagealter verschwand vor einem Jahr. Seitdem leben die Eltern im Ungewissen, schwankend zwischen Verzweiflung und Hoffnung, während die Ehe darüber zerbricht. Überhaupt schaut Hoffman genau hin und zeigt die psychische Belastung der Ermittler, die Sensationsmache der Presse, die unterschiedlichen Wege der Eltern, mit dem Verlust und der vollkommenen Hilflosigkeit umzugehen.

Klar, eine Handlung, so wahrscheinlich wie das Jüngste Gericht. Aber angesichts dieses klaren Blicks ist es regelrecht schade, dass Jilliane Hoffman ihre Bücher mit grausamen Morden aufmotzt. Denn all die Fragen, die sie am Rande aufwirft, und all die Figuren fern vom Klischee verlieren an Gewicht, sobald die nächste Leiche um des Effekts willen dramatisch inszeniert wird.

Kirsten Reimers

Jilliane Hoffman: Mädchenfänger
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Wunderlich 2010
geb., 459 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-8052-0892-5
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Die Konstruktion von Wahrheit

Literaturtheoretisches, spannend und abgründig verpackt

Wie wichtig ist die Person des Autors für das Verständnis seines Werks? Ende der sechziger Jahre proklamierte Roland Barthes den Tod des Autors: Literatur steht für sich, der Autor, seine Biographie und seine Absichten sind zweitrangig. Nur wenig später strahlte – zumindest in Louise Welsh’s Roman »Das Alphabet der Knochen« (im Original »Naming the Bones«, 2010) – der Dichter Archie Lunan kurz und kräftig am Poetenhimmel auf. Dr. Murray Watson, Literatur- dozent an der Uni Glasgow, ist seit seiner Jugend fasziniert von diesem Lyriker, über den nur wenig bekannt ist – außer dass er in seinem kurzen, heftigen, von Drogen und Alkohol geprägten Leben einen Gedichtband veröffentlichte und wenig später mit einer kleinen lecken Jolle auf die stürmische Nordsee hinaus segelte.

Für seine geplante Biografie des Dichters kann Dr. Watson nur auf wenige Dokumente zurückgreifen, deshalb beginnt er, mit Zeitzeugen und früheren Freunden Lunans zu sprechen. Davon gibt es in seiner Umgebung weitaus mehr, als er zuvor vermutet hätte. Doch näher an seinen Forschungsgegenstand bringt ihn dies nicht, denn seine Gesprächspartner schönen die Vergangenheit, sparen Dinge aus, interpretieren ihre eigene Rolle damals um. Damals, das sind die rebellisch-psychedelischen Tage Anfang der siebziger Jahre, als die Neugestaltung der Welt dank Literatur, Alkohol, bewusstseinserweiternden Drogen, New Age und Okkultismus kurz bevorzustehen schien.

Wirklichkeit entsteht im Diskurs

Doch selbst wenn Murray sich dicht auf Archie Lunans Spuren wähnt, entzieht sich der ins Dunkel das Ungreifbaren, nur gespiegelt durch die Erinnerungen anderer, die mehr über sich selbst als über den Gesprächsgegenstand aussagen. Den treffendsten Kommentar gibt ein Kater, der völlig zufällig den gleichen Namen trägt:

»Archie, der Kater, erhob sich auf Murrays Schoß, reckte den Schwanz in die Höhe und bot eine Frontalansicht des winzigen Arschlochs in der Mitte seines schlanken Hinterteils.«
Statt über Lunan erfährt Murray eine ganze Menge äußerst Verstörendes über andere Menschen und sich, was ihm lieber verborgen geblieben wäre.

Louise Welsh beherrscht es perfekt, mit jeder Antwort weitere Fragen aufzuwerfen. Dadurch entwickelt sich ein dunkler Sog, der tief ins Ungewisse führt. Welsh ist eine Meisterin des Vagen und Opaken. Wahrheit? Eindeutigkeit? Überschätzt und eh unmöglich, denn Erinnern und Erzählen bedeuten neu konstruieren, die Vergangenheit wird im Heute erschaffen, und Fakten bilden kaum mehr als einen Webrahmen, in dem sich die Netze des Damals immer wieder neu spinnen lassen. Oder um es mit Barthes (und Foucault) zu sagen: Wirklichkeit entsteht im Diskurs.

Welsh mischt in ihrem vierten Buch höchst souverän Elemente des Campusromans, des Krimis und der Künstlernovelle. Die Fragen, wie Vergangenheit (re-)konstruiert wird und welche Bedeutung die Person des Künstlers für die Kunst hat, spiegeln sich bis in die Nebenhandlungen hinein. Das ist wirklich gut geformt, intelligent, spannend und ungeheuer dicht.

Kirsten Reimers

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Louise Welsh: Das Alphabet der Knochen
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Kunstmann 2010
geb., 431 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-88897-676-6
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