Archiv für das Jahr: 2010

»Da darf man beim Erzählen nicht lang fackeln«

Interview mit Max Bronski

Seit 2006 erscheinen im Münchner Antje Kunstmann Verlag die Krimis von Max Bronski. Wer sich hinter diesem Pseudonym verbirgt, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Jeder Kontakt zum Autor geht ausschließlich über den Verlag, der nicht das winzigste Bisschen Information herausgibt. Anfang März erschien der vierte Krimi von Max Bronski mit dem schlagkräftigen Trödelhändler Wilhelm Gossec. Per E-Mail ließ sich der Autor folgende Antworten entlocken.

 

»Nackige Engel« ist Ihr vierter Krimi, der wie die anderen in München spielt und nur dort spielen kann. Was fasziniert Sie so an München?

Also, dass München mich faszinieren würde, davon kann überhaupt keine Rede sein. Ich arbeite mich an dieser Stadt ab, ich bin ihr in tiefer Hass-Liebe verbunden, wie normalerweise nur der Wiener seiner Stadt. In jedem meiner Romane lässt sich Gossec zu richtigen Tiraden über München hinreißen. Würde ich als Bronski sofort unterschreiben. In den »Nackigen Engeln« heißt es dazu: »Du darfst dir München nicht als bloßen Ort denken, sondern als geistige Verfassung.« Eine geistige Verfassung, in der sich das Träumerische fortwährend mit dem Realen vermischt. Du kannst in München die Akropolis nachbauen. Du kannst Kanäle durch die Stadt brechen, bloß weil du von Nymphenburg nach Schleißheim fahren möchtest, mit dem Boot natürlich. Und mögen täte man noch viel, viel mehr. Dieses »viel mehr« schafft einen permanenten Überdruck, der München unter einem ständig geschwollenen Hirn leiden lässt. Dieses geschwollene Hirn ist auch noch eingesperrt in eine provinziell enge Kalotte des bayrischen Umlands. Nun ist es nicht so, dass jeder Wahnsinn diesem Schwollschädel entspringen würde, aber wenn er erst mal in der Welt ist, dann findet er in München das richtige Reizklima, um auch gedeihen zu können. So, das ist München.

Wilhelm Gossec ist die münchnerische Variante des Anti-Helden im Krimigenre: Schläge austeilend und einsteckend, mit hohem moralischem Anspruch, unbedingt und unbestechlich nach Gerechtigkeit strebend. Warum passt der so gut nach München?

Überhaupt keine Frage: Gossec ist ein Anti-Held. Und damit, finde ich, passt er nicht nur gut, sondern geradezu prototypisch nach München. Warum? Also erst mal hat es bei uns schon immer ungeschlachtete Kraftkerle zuhauf gegeben. Ich denke jetzt mal an einen wie Oskar Maria Graf. Dazu kommt eine Münchner Grundmentalität, die für Anti-Helden, wie ich finde, unerlässlich ist. Dass sie zwar viel wollen, aber verdammt wenig auf die Reihe kriegen. Bei uns geht es ja gut katholisch zu. Das heißt: Hauptsache deine Absichten sind edel und gut; bei den Taten, na ja, Schwamm drüber. In die Hosen geht schneller mal was. Man ist ja nicht nur Held, sondern eben auch Mensch.

Anders als Philip Marlowe, mit dem Ihr Trödler mitunter verglichen wird, kommt Gossec nicht ohne Freunde und Helfer aus. Funktioniert die Figur des einsamen Suchers, der die Last der Welt auf seinen Schultern trägt und seinen Kummer in Whiskey respektive Weißbier ertränkt, überhaupt noch?

Gossec und Philip Marlowe, das ist ja wirklich gut gemeint und als großes Kompliment gedacht, aber das passt eigentlich überhaupt nicht. Philip Marlowe hat mit Gossec so viel gemeinsam wie John Wayne mit Django. Meine Präferenzen sind vollkommen klar: Ich mag Italowestern. Für meine Krimis heißt das, dass sie Geschichten sein wollen, die gerade noch ernst sind, bevor das Genre in die Parodie abkippt. Und deswegen darf man da beim Erzählen nicht lange fackeln. Das muss hochtourig durchgehen mit voll gezogenem Choke bis zum Anschlag eben. Allerdings gibt diese Erzählweise mir spezielle Möglichkeiten, die schaumig gequirlte »Gutmenschen-Krimis« einfach nie haben werden. Am liebsten wäre mir dafür die Bezeichnung schwarze Ironie. Du brauchst beim Lesen kein Taschentuch, weil du bittere Tränen über die Schlechtigkeit der Welt vergießen müsstest, nein, bei meinen Büchern kannst du, hoffe ich jedenfalls, drüber lachen.

Wird es weitere Krimis mit Gossec geben? Das Ende lässt ja mindestens zwei Schlüsse zu.

Richtig, »Nackige Engel«, das ist der vierte Gossec-Krimi, insofern ist die Tetralogie jetzt abgeschlossen. Die Klammer, die diese vier Bücher zusammenhält, ist übrigens eine ganz, ganz schlichte. Es geht um die vier Jahreszeiten in München: Begonnen hat es mit dem Sommer im »Sister Sox«, dann kam der Herbst in »München Blues«, »Schampanninger« spielt im Winter, und der vierte widmet sich jetzt naturgemäß dem Frühling. Die Frage jetzt, ob es weitergeht und wie es weitergeht, die ist für mich zur Zeit noch vollkommen offen. Ich hab mich da noch überhaupt nicht entschieden.

Sie haben eine Weile Theologie studiert. Hat das Einfluss auf Gossecs Verständnis von Gerechtigkeit, Schuld und Sühne? Was heißt für Sie überhaupt Verbrechen? Gibt es für Sie eine treffende Definition von Gut und von Böse?

Erst mal schön, dass man meinen Büchern die theologische Schulung auch anmerkt. Trotzdem, Fragen nach Gerechtigkeit, Schuld und Sühne, die halte ich für meine Romane doch deutlich zu hoch gegriffen. Wenn ich allerdings nach einer treffenden Definition für Gut und Böse gefragt werde, fällt mir sofort »Die fromme Helene« von Wilhelm Busch ein. Dort heißt es: »Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.« Gossecs Problem ist damit scharf umrissen. Ein wirklich Guter wäre er nur dann, wenn er es endlich einmal lassen könnte. Einfach dasitzen, Hände in den Schoß und Ruhe. Stattdessen versucht er das Gute auch noch zu tun; gut zu handeln. Damit verstrickt er sich erst, weil ihm Situationen aufgezwungen werden, in denen er das eine, das Gute, vom anderen, dem Bösen, nicht mehr unterscheiden kann. Wenn man das jetzt weiterdenkt, dann kommt man vielleicht doch noch auf die ganz großen Fragen. Allerdings, der Mensch Gossec, der schafft es leider nie.

Wie gehen Sie beim Schreiben vor: Planen Sie alles voraus? Wissen Sie von Anfang an, wie es ausgeht? Oder ergibt sich das erst während des Schreibens? Und warum überhaupt Krimis?

Maj Sjöwall, die schwedische Autorin, die hat mal gesagt, dass ein Krimi auf zwanglose Weise von Problemen in der Gesellschaft erzählt. Beim Krimi kommt jetzt noch der segensreiche Nebeneffekt dazu, dass es sich bei ihm wesentlich um ein Trivialgenre handelt, in dem solche Absichten nicht zu hoch gehängt werden müssen. Das finde ich sehr angenehm. Wie gehe ich nun beim Schreiben vor? Ein genauer Plan existiert definitiv, am Anfang zumindest. So ein Plan besteht bei mir in aller Regel aus einem Plot, einem Handlungsrahmen, vor allem aber der Atmosphäre, die ich mir für meinen Roman vorstelle. Dann aber, wenn ich begonnen habe zu schreiben, kommt eine Sache ins Spiel, die renommierte Kollegen ja oft genug beschrieben haben: Dass nämlich die eigenen Figuren auf eine ganz seltsame Art und Weise zunehmend selbstständiger zu agieren beginnen. Und derjenige, der so zu agieren beginnt, ist bei mir Gossec. Gossec war die Leitfigur und, wenn man so will, die Ausgangsidee; sonst hätte ich nie einen Krimi geschrieben. Und Gossec hat jetzt schon viele Pläne durchkreuzt, die ich für ihn ausgeheckt habe. Man schreibt ihn in eine Stelle, dieser bockige Mensch steht davor und gibt ganz klar zu erkennen: Mache ich nicht, kannst du komplett vergessen. Na ja, und dann lässt man ihn eben alleine weitermachen. Den ersten Krimi habe ich in wenigen Wochen runter geschrieben. Eine so sturzbachartige Produktion, das war für mich eine vollkommen neue Erfahrung. Von Mal zu Mal wurde es dann aufwendiger. Das kann man sich vorstellen, wie in »Dinner for One«. Das erste Mal lässt du Freddie einfach über den Tigerkopf stolpern. Wenn er ihn aber das vierte Mal ansteuert, dann musst du dir echt ein bisschen mehr einfallen lassen. Das wird wesentlich aufwendiger dann und das kostet natürlich auch deutlich mehr Zeit.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kirsten Reimers

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Max Bronski: Nackige Engel
Antje Kunstmann Verlag 2010
geb., 208 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-88897-644-5
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Besprechung ist zuerst erschienen im Titel-Magazin


Erneut im Radio

Am 24. März lief auf NDR Kultur Kirsten Reimers‘ Besprechung von Max Bronskis »Nackige Engel«. Noch lässt sich der Beitrag lesen und hören – und zwar hier: NDR Kultur: Neue Bücher

 

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Max Bronski: Nackige Engel
Antje Kunstmann 2010
geb., 206 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-88897-644-5
auch erhältlich als eBook (hier klicken)


Gähnender Abgrund

Trotz krampfhafter Bemühungen keine Spannung, nirgends

Die Welt am Abgrund. Die Zivilisation, wie wir sie kennen, kurz vor dem Untergang. Nichts wird mehr so sein, wie es war – wenn nicht Robert Langdon das verlorene Symbol findet, die streng gehüteten Geheimnisse der Freimaurer entschlüsselt und das uralte, machtvolle Wissen zugänglich macht, das die Menschen vollkommen verändern wird.

Das und nichts weniger lastet auf den Schultern des Harvard-Professors, der schon in »Illuminati« (»Angels and demons«, 2000) und »Sakrileg« (»The Da Vinci Code«, 2003) Geheimnisse entschlüsselte und Verschwörungen aufdeckte. Diesmal wird er unter einem Vorwand nach Washington gelockt und muss dort erkennen, dass sein Freund und Mentor Peter Solomon entführt und gefoltert wurde. Retten kann ihn nur Langdon – indem er mysteriöse Codes knackt, das verlangt der hinterhältige und gemeine Entführer.

Was folgt, ist eine hurtige Rätselralley durch Washington, immer auf den Spuren der Gründungsväter der Stadt und damit auf den Spuren der Freimaurer und ihrer Geheimnisse, immer auf der Flucht vor der CIA, die die Wahrung eben dieser Geheimnisse zu einer Frage der nationalen Sicherheit erklärt hat. Unterstützt wird der Symbologe von Katherine Solomon, Peters Schwester, einer Wissenschaftlerin, die sich der Noetik verschrieben hat und nach einer Verbindung von uraltem Wissen und der modernen Physik sucht. (Katherine kann übrigens beweisen, dass die Seele existiert und wie viel sie wiegt.) Ihnen bleiben nur wenige Stunden, um Peter vor dem Tod und die Welt vor dem Zusammenbruch zu retten.

Was halt dazugehört

Viel los also. Verfolgungsjagden, unterirdischen Gänge, Explosionen, Scherbenregen, geheimnisvollen Schriftzeichen, mehrere Tote und und und. Was halt dazu gehört. Gerade mal über zehn Stunden erstreckt sich die Stadtführung mit Schatzsuche, füllt aber mehr als 760 Seiten. Das funktioniert dank lexikaler Belehrungsdialoge und penetrantem Cliffhanger-Gebrauch: Wenn’s spannend wird, wird ausgeblendet. Neue Szene.

So entsteht an der Oberfläche eine Menge Gewirbel und Gewese. Und darunter? Ein ziemlich schlicht gestrickter Ausgangskonflikt, der reichlich durchschaubar ist, und eine belanglose Geheimnisspur. Und warum das alles die Zivilisation bedroht, das weiß nur Brown allein.

Das ist aber eigentlich nicht das Unangenehmste an diesem Buch. Wirklich nervig ist der allgegenwärtige pathetische Schwulst, geht es doch um die Gründungsväter der USA, um die Ehrenrettung der Freimaurer und um die letzten Geheimnisse der Bibel. Da wird’s mitunter so patriotisch, dass es echt unangenehm ist. Und religiös. Und langweilig. Denn wegen all des Aufruhrs ist die Spannung etwas kurzatmig.

Kirsten Reimers

Dan Brown: Das verlorene Symbol
(The Lost Symbol, 2009)
Lübbe 2009
Aus dem amerikanischen Englisch vom Bonner Kreis
Hc, 765 Seiten, 26,00 Euro
ISBN 978-3-7857-2388-3
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Wenig Hoffnung im Schatten

Ein düsteres Porträt des postkommunistischen Russlands

In einem Waldstück in der Nähe von Moskau wird die Leiche der fünfzehnjährigen Shenja gefunden. Sie wurde erwürgt und mit Babyöl übergossen. Vor anderthalb Jahren gab es bereits drei ähnliche Fälle. Allerdings konnten die jugendlichen Opfer damals nicht identifiziert werden. Nur so viel war klar: Sie gehörten zu einem Kinderpornoring. Ein Täter wurde nie gefasst.

Durch Zufall erfährt die klinische Psychologin Olga Filippowa vom Leichenfund. Olga gehörte bis vor Kurzem zu einem Team, das im Auftrag des Innenministeriums Profiling nach Vorbild des FBI in Russland etablieren sollte. Unter anderem war es mit den Fällen der drei ermordeten Jugendlichen betraut. Nach Auflösung der Gruppe hatte Olga sich geschworen, nie wieder etwas mit Schwerverbrechen zu tun haben zu wollen. Doch der Fall des toten Mädchens lässt sie nicht los.

Damals wie heute ist Olga überzeugt, dass es eine Verbindung zu mehreren Morden in den achtziger Jahren gibt. Zwar war einst ein Mann verhaftet worden, doch Olga zweifelt an dessen Schuld. Aber befragen kann sie ihn nicht mehr, denn der sogenannte Würger von Dawydowo hat sich noch während der Untersuchungshaft das Leben genommen. Ein Schuldeingeständnis oder die Verzweiflungstat eines Unschuldigen, der wusste, dass er gegen die Mühlen der sowjetischen Bürokratie nichts ausrichten konnte? Zudem sind sämtliche Unterlagen des Falles aus den Archiven verschwunden. Mit ihrem Herumstochern in der Vergangenheit und dem Anzweifeln der offiziellen Interpretation des Mordes an der jungen Shenja macht sich Olga keine Freunde – ganz im Gegenteil.

Abstufungen von Schwarz

Polina Daschkowa gilt als die wichtigste Krimiautorin des modernen Russlands. Auch international ist sie seit über zehn Jahren äußerst erfolgreich: Ihre Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und über 40 Millionen Mal weltweit verkauft. Daschkowa schreibt keine Serie, ihre Hauptfiguren wechseln stets. Dadurch gelingt es ihr, ein facettenreiches Bild des postkommunistischen Russlands zu entwerfen – und dieses Porträt ist alles andere als schmeichelhaft.

Daschkowa zeigt eine Gesellschaft, die ihre Orientierung verloren hat und sich in kalten Zynismus und skrupellosen Materialismus flüchtet. Eine tiefe Kluft zerreißt das Land in zwei Lager: Die Menschen sind sehr arm oder sehr reich – eine Mitte gibt es kaum. Bespitzelung, Zensur und Desinformationspolitik der Regierung werden mit achselzuckender Beiläufigkeit abgetan, so vertraut ist dies im Alltag. Daschkowa scheut sich nicht, brisante Themen wie Korruption, organisiertes Verbrechen und Kinderprostitution anzusprechen. Die Ursachen dafür sieht sie nicht in der Öffnung Russlands zum Kapitalismus. Sie zeigt im Gegenteil, dass schon in der Sowjetunion die gleichen Verbrechen passierten. Und damals wie heute werden sie vertuscht.

Mit einfachen Täter- und Opferzuschreibungen gibt sich Daschkowa nicht zufrieden. Sie blickt genau hin und zeigt, dass Ursache und Wirkung nicht leicht voneinander zu trennen sind – falls überhaupt. Das ist unbequem und mitunter schmerzhaft und ermöglicht Daschkowa die Gestaltung ausgefeilter Charaktere, mit denen sie einer platten Schwarzweiß-Zeichnung entgeht. Stattdessen bieten ihre Bücher ein vielschichtiges und bedrückendes Bild des gegenwärtigen Russlands.

Kirsten Reimers

Polina Daschkowa: In ewiger Nacht
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Aufbau Verlag 2010
geb., 452 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-351-03271-5
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Besprechung ist zuerst erschienen im Titel-Magazin


Der Serienkillerserienkiller

Mörderische Interessen gesellschaftlich sinnvoll sublimiert

Jeff Lindsay hat sich wahrlich nicht die einfachste Perspektive für seine Thriller ausgesucht: Sein Ich-Erzähler und sympathischer Held ist der Serienkiller Dexter Morgan, der tagsüber als Spezialist für Blutspritzer für die Polizei von Miami arbeitet und in seiner Freizeit Menschen metzelt. Seine Triebfeder ist sein »dunkler Passagier«, die Gier nach Mord, die Lust am Töten, die sich ans Steuer des »Dexter- mobils« drängt und die Kontrolle übernimmt, wenn der Mond voll und feist verlockend kichert.

Als Kind wurde Dexter stark traumatisiert, das legte den Grundstein zu seiner finsteren Neigung. Nach dem dramatischen Verlust seiner Mutter wurde er in die Familie von Polizist Harry aufgenommen. Dieser erkannte früh Dexters bizarre Interessen, deshalb begann er, die Leidenschaft seines Adoptivsohnes in geregelte Bahnen zu lenken: so morden, dass er keine Spuren hinterlässt; nur die morden, die es verdient haben. Und verdient haben es diejenigen, die so sind wie Dexter, nur dass sie halt wahllos reihenweise Unschuldige meucheln. So wurde Dexter zum Serienkillerserienkiller.

Es ist so plump freudsch, wie es sich anhört: Die verspielten, mörderischen Energien des Es werden durch das gestrenge Über-Ich, den internalisierten »Code Harry«, in sozial sinnvolle Bahnen gelenkt. Der Serienmörder wird zum Aufputzer der Gesellschaft. Die Fernsehserie »Dexter«, die auf den Romanen Lindsays basiert, brachte das sehr verkniffen ins Bild. So schematisch freudianisch, dass das Finale der ersten Staffel mitsamt der inneren Konflikte des Helden bis ins Detail vorhersagbar war.

Erwartungsvolles Zittern und kaum zu zügelnde Lust

Die Bücher sind zum Glück durchaus lustvoller und vielschichtiger. Zwar gilt auch hier die Grundanordnung – das Wort des Vaters ist der Leitstrahl des Sohnes -, doch ist die Begeisterung fürs Töten in den Romanen wesentlich schwärmerischer und mit einem nahezu zärtlichen Unterton versehen. Dexters Hymnen an den Mond lassen das erwartungsvolle Zittern, die Vorfreude auf das Ritual des Tötens spüren:

Mond, herrlicher Mond. Voller, feister, rotglühender Mond, die Nacht taghell, Mondschein strömt über die Landstraße und birgt Entzücken, Entzücken, Entzücken. Mit sich bringt er den volltönenden Klang der tropischen Nacht, die sanfte, wilde Stimme des Windes, der über die Härchen an deinem Arm streicht, das hohle Klagen des Sternenlichts, das zähneknirschende Bellen des Mondlichts jenseits des Wassers. Alles weckt das Verlangen.

Diese dunkle Lust lässt sich nur knapp zügeln durch die Lehren des Vaters. Und wenn sie zu stark anschwillt, dann wird die Richtschnur, nur die eigene fiese Spezies zu töten, schon mal hastig übergeworfen wie ein fadenscheiniges Deckmäntelchen: »(…) ich verlor mich in glücklicher Forschungsarbeit [an des Opfers Körper]. Letztlich waren es seine gedämpften Schreie und sein wildes Strampeln, die mich wieder zu mir brachten. Und mir fiel ein, dass ich mich bisher nicht von seiner Schuld überzeugt hatte.« Flugs nachgefragt, und weiter geht es mit Genuss. Einmal losgelassen, freut sich Dexters dunkler Passagier auf glückselige Metzelorgien mit seinen unfreiwilligen Spielgefährten. Das macht die Bücher leichtfüßiger und weniger selbstgerecht als die Über-Ich-zentrierte Fernsehserie.

Obwohl Dexter als Blutspezialist sein Auskommen findet, verabscheut er eigentlich die klebrige rote Körperflüssigkeit. Darum ist er in »Des Todes dunkler Bruder« (dt. 2005; »Darkly Dreaming Dexter«, 2004) hoch entzückt, als in Miami ein Serienkiller umgeht, der seine Opfer vollkommen blutlos hinterlässt. Ein Seelenverwandter. Wie Dexter feststellen muss, geht die Verbindung zu diesem Künstler weit tiefer, als er sich das jemals hat vorstellen können. In »Dunkler Dämon« (dt. 2006; »Dearly Devoted Dexter«, 2005) treibt ein barbarischer Folterer sein Unwesen in Miami – und wie es scheint, waren Opfer und Täter involviert in das Engagement der USA in El Salvador in den siebziger, achtziger Jahren. Und in »Komm zurück, mein dunkler Bruder« (dt. 2009; »Dexter in the Dark«, 2007) wird’s mystisch, als verbrannte Leichen auftauchen, deren Köpfe gegen tönerne Stierschädeln getauscht wurden. Außerdem wird etwas verquast metaphysisch der Ursprung des Bösen erklärt.

Nervige Konstruktionsschwäche

Lindsay schreibt mit großer Freude am treffenden Wort. Mit Sprachwitz und -macht entwirft er bunte, pralle Bilder, plaudert in munterem Ton und lässt Dexter selbstironisch und respektlos mit sich selbst und mit dem Leser plappern. Das zu lesen, bringt sehr viel Spaß, zumal alle drei Bücher von Frauke Czwikla gut übersetzt sind. Die Thrillerhandlung ist so lala, das zweite und das dritte Buch fallen in dieser Hinsicht deutlich gegen das erste ab.

Etwas nervig ist Jeff Lindsays Angewohntheit, manche Dinge immer und immer wieder zu wiederholen – als traute er dem Leser nur wenig Gedächtniskraft zu. Doch dahinter steckt zugleich eine Konstruktionsschwäche der Bücher: Zu den Topoi, die fast formelhaft wiedergekäut werden, gehört besonders der böse Grundzug in Dexters Charakter:

Ich kann nicht einmal Haustiere halten, Tiere verabscheuen mich. Einmal habe ich mir einen Hund gekauft; er bellte und jaulte zwei Tage lang in permanenter, unsinniger Wut – mich an -, bevor ich mich seiner entledigen musste. Ich versuchte es mit einer Schildkröte. Ich streichelte sie einmal; danach wollte sie nicht wieder aus ihrem Panzer hervorkommen, und nach ein paar Tagen starb sie. Sie starb lieber, als sich von mir anschauen oder berühren zu lassen.

Außerdem muss der launige Serienkiller stets betonen, wie gefühllos er ist: »Andere Menschen sind mir unwichtiger als Gartenmöbel.« Die Betonungen und Wiederholungen sind wichtig, denn sonst kann Lindsay die Mordlust seines Helden nicht unterbringen. Denn blickt man genauer hin, ist der killende Dexter, der angeblich so gern den Händen seiner Opfer ein wenig »Qualitätszeit« widmet, ein herzensguter und hilfsbereiter Kerl: Er ist die verlässliche Stütze seiner Adoptivschwester, der treue Beschützer ihres neuen Liebhabers und gar der selbstlose Lebensretter des gefährlich misstrauischen Kollegen. Zum Ausleben seiner dunklen Leidenschaft kommt er höchst selten, weil er stets für andere in die Bresche springen muss. Und kann er sich dann einmal seinem Hobby widmen, verliert der Autor nur verwaschene Worte darüber und entscheidet sich für einen Szenenwechsel.

Dafür, dass Dexter behauptet, keinerlei Emotionen empfinden zu können, ist er arg oft verwirrt, weil ihn Wellen des Gefühls überrollen. Zu allem Überfluss hat er auch noch eine Schwäche für Kinder – nein, keine mörderische, sondern eine emotionale: »(…) ich mag Kinder. Ich kann niemals eigene haben, weil Sex für mich völlig ausscheidet. (…) Aber Kinder -, Kinder sind etwas Besonderes.« Kinderlieb und keusch aus Überzeugung – das kann nur ein guter Mensch sein. Die reine amerikanische Seele.

Letztlich unbefriedigend

Und damit rutscht das orgiastische Feiern des Mondes und des Mordes, die prallen Schilderungen der Vorfreude auf die Jagd zu einer kitschigen Gartenzwergidylle in sich zusammen. Mit der Wahl des Serienmörders als tragendem Helden einer Thrillerreihe steht der Autor natürlich vor dem Dilemma, ihm etwas mitzugeben, das man als Leser mag. Doch Lindsay verdeckt das Problem, indem er dem sympathischen Kerl ein böses Charakterkleidchen aus Papier überstülpt, das bei jeder Gelegenheit zur Seite rutscht. Das ist schade angesichts der sprachlichen Intensität, die Lindsay entfalten kann: Das schönen Tönen entpuppt sich als substanzloses Wortgeklingel. Es erinnert an die Sahnecremestückchen aus Filialbäckereien: hübsch anzusehen und verführerisch duftend, aber letztlich nur fluffiges Fett, überzogen mit Zucker und Farbstoff. Von Aroma keine Spur. Zurück bleibt eine vage Unzufriedenheit.

Das erkennt auch Dexter Morgan selbst, wie er an einer Stelle eingesteht: »Ich zupfte an der weißen Papiertüte. Sie war leer. Genau wie ich; eine glatte, knisternde Oberfläche – und absolut nichts darin.«

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Jeff Lindsay: Des Todes dunkler Bruder
Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwickla
Knaur 2005
Tb, 352 Seiten, 10,99 Euro
ISBN 978-3-426-62807-2
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Jeff Lindsay: Dunkler Dämon
Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwickla
Knaur 2006
Tb, 384 Seiten, 7,95 Euro
ISBN 978-3-426-62808-9
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Jeff Lindsay: Komm zurück, mein dunkler Bruder
Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwickla
Knaur 2009
Tb, 432 Seiten, 7,95 Euro
ISBN 978-3-426-50035-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

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Titel – Kulturmagazin