Archiv der Kategorie: Rezension Belletristik

Nachtschwärze, Eiseskälte, Langeweile

Zwar sorgfältig konstruiert, aber vorhersehbar

Als die Temperance Brennan zu sich kommt, umgibt sie Schwärze, feuchte Kälte und ein muffiger Geruch: Offenbar ist sie lebendig eingesperrt in einer recht geräumigen Grabkammer. Nach und nach kehren Brennans Erinnerungen an die vergangenen Tage und Wochen zurück. In der letzten Zeit haben sich zahlreiche merkwürdige Dinge ereignet: Sie war in ihrer Wohnanlage das Ziel mehrer anonymer Attacken (Drohbriefe, eingeschlagene Fensterscheibe, Katzenkot vor der Wohnungstür), und auch an ihrem Arbeitsplatz in Montreal häuften sich eigenartige Vorfälle: Die Expertin für Knochen wurde beschuldigt, unsauber gearbeitet zu haben, Todesursachen falsch eingeschätzt, Knochen am Skelettfundort übersehen und Spuren an alten Zähnen nicht richtig analysiert zu haben. Überarbeitung? Schlampiges Vorgehen? Oder gar Sabotage?

Das ist der Auftakt von Kathy Reichs 12. Thriller um die forensische Anthropologin Dr. Temperance Brennan. Im Original heißt er deutlich zurückhaltender und in seiner Nüchternheit letztlich treffender »206 Bones«. Nach dem dramatischen Beginn geht es auf zwei Zeitebenen weiter: Während Brennan versucht, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien, wird auf einer zweiten Zeitschiene aufgerollt, was in den Wochen zuvor vorgefallen ist: Morde an mehreren älteren Frauen, die offenbar zusammenhängen, zufällig gefundene Skelettreste von mindestens vier Personen, ein anonymer Anrufer, der Brennan der Nachlässigkeit bezichtigt. Und natürlich spielt die reichlich komplizierte Beziehung zu Detective Andrew Ryan eine Rolle, der nun doch wieder gern zu Tempe Brennan zurückkehren würde.

Verwicklungsfreiraum

Abgesehen von dem reißerischen Anfang ist es eigentlich ein recht ruhiges Buch: unspektakuläre Ermittlerarbeit, Verhöre, Untersuchungen von Knochen und Zähnen mit den neuesten technischen Errungenschaften. Wirklich gut und spannend wird es immer dann, wenn Brennan sich in ihre Arbeit vertieft und Reichs unaufgeregt und detailliert, aber sehr verständlich und anschaulich beschreibt, was Brennan tut – kein Wunder: schließlich arbeitet Reichs selbst als forensische Anthropologin. So ist es besonders der Fall der vier alten Skelette, der eine gewisse Sogkraft entwickelt. Leider ist das nur ein Nebenstrang.

Im Mittelpunkt stehen die Morde an den älteren Frauen und die Anfeindungen, gegen die sich Tempe Brennan erwehren muss. Aber das wirkt wie lustlos runtergeschrieben, ohne große Verwicklungen oder Überraschungen. War der letzte Fall »Der Tod kommt wie gerufen« (im Original »Devil Bones«) verworren und opak, so ist es diesmal allzu offensichtlich, was und wer dahintersteckt. Und die Lebendig-begraben-Geschichte ist ein eigenartig aufgepfropfter Block, der wohl etwas Action in den sonst beschaulichen Fortgang bringen soll.

Bei aller Halbherzigkeit ist der Krimi aber natürlich wie alle Thriller von Kathy Reichs gut geschrieben (auch recht gut übersetzt), in sich konsistent und sorgfältig aufgebaut. Aber er überrascht halt an keiner Stelle und wirkt insgesamt eher wie eine langweilige Pflichtübung.

Kirsten Reimers

Kathy Reichs: Das Grab ist erst der Anfang
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Berr
Blessing 2009
geb., 384 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-89667-323-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch-Download (hier klicken)

Diese Rezension ist bereits erschienen im neu gestalteten Titel-Magazin.


Verwabert im Unentschlossenen

Milde Satire, Selbstfindungsroman oder kuscheliger Whodunit?

Seit dreißig Jahren hat Schriftstellerin Amy Gallup keinen Roman mehr veröffentlicht. Um sich über Wasser zu halten, gibt sie Abendkurse im kreativen Schreiben. Unter den Schülern ihrer neuen Klasse aber befindet sich jemand, der die Sache deutlich zu ernst nimmt. Anonym terrorisiert er Lehrerin wie Teilnehmer gleichermaßen: Die eingereichten Leseproben werden verhöhnt, die Kursmitglieder bös verunglimpft, eine Schülerin fast zu Tode erschreckt; Amy erhält nachts Anrufe, bei denen ein Tonband stets wiederholt, was sie wenige Stunden zuvor im Unterricht gesagt hat. Lag in den Taten anfangs noch ein boshafter Witz, werden sie im Laufe der Zeit immer gemeiner und tückischer. Schließlich kommt gar der erste Kursteilnehmer ums Leben.

Jincy Willetts Buch »Die Dramaturgie des Tötens« (im Original »The Writing Class«) lässt sich zunächst gut an, es ist ansprechend geschrieben und sehr gut übersetzt. Die Hauptfigur nimmt viel Raum ein und ist liebevoll ausgestaltet als grummelige ältliche Eigenbrötlerin, gesegnet mit einer spitzen Zunge, der sie – zumindest in privaten Äußerungen – zum Glück wenig Einhalt gebietet. So kommen einige recht amüsante und zielsichere Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb und die Selbst- und Fremdfindung in Abendkursen der Erwachsenenbildung zusammen. Es gibt sogar ein paar sehr nützliche Tipps zum Verfassen von belletristischen Texten.

Ohne Spannungsbogen ins Aus laviert

Doch während Amy Gallup aus ihren Taten, Gedanken und Worten heraus charakterisiert wird, bestehen die meisten übrigen Figuren nur aus Zuschreibungen. So bleiben sie blass und verwechselbar. Auch die Handlung, die anfangs einen erfreulichen Sog entwickelt, gerät nach und nach ins Stocken. Das liegt unter anderem an einem unentschiedenen Serientäter.

Im Grunde passt das sogar zu den Personen. Denn Hauptfigur Amy betont mehrfach, dass sie nicht am »Wie« interessiert ist – und tatsächlich bleiben die Fragen, wie denn nun der Täter vorging, weitgehend ungeklärt. Auch das unentschlossene Vorgehen des Serientäters ist der Figur durchaus angemessen, entspricht es doch seinem Schreibstil: überwiegend ohne Spannungsbogen.

Doch ein Krimi ohne Spannungsbogen – das klappt nur selten. Und das funktioniert überhaupt nicht, wenn der Text noch dazu herumlaviert zwischen Selbstfindungsroman, (sehr milder) Satire auf den eitlen Schreibzirkus und Whodunit – auch wenn »Herumlavieren« exakt das Vorgehen ist, das Amy ausdrücklich wählt, um den Serientäter zu entlarven. Die Autorin hätte lieber andere Aussagen ihrer Hauptfigur aufgreifen sollen. Zum Beispiel hätte sie ihre Schreibtipps beherzigen können. Hätten alle mehr von gehabt.

Kirsten Reimers

Jincy Willett: Die Dramaturgie des Tötens
Deutsch von Gabriele Weber-Jarić
Rowohlt TB 2009
kart., 399 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-499-24914-3

Diese Rezension ist auch erschienen auf satt.org

Es lohnt sich unbedingt ein Blick ins neugestaltete
Titel-Magazin


Spurensuche innen und außen

Catherine O’Flynns bezauberndes Debüt zwischen Kriminalroman und Gesellschaftsporträt

Kate ist elf, als sie die Detektei Falcon-Ermittlungen gründet. Das ist im Jahr 1984. Ihr einziger Mitarbeiter ist Mickey Monkey, ein Stoffaffe, den sie zu ihrem Detektivpartner ausbildet. Besonders gut geeignet ist Mickey für Observierungen.

Er war klein genug, um trotz seines exotischen Outfits nicht aufzufallen. (…) Er trug einen Nadelstreifen-Gangsteranzug mit Gamaschen. Die Gamaschen verdarben zwar den Sam-Spade-Effekt etwas, aber Kate mochte sie trotzdem.

Wichtigste Grundlage für ihre Arbeit ist das Buch »Wie werde ich Detektiv«, dass ihr ihr Vater kurz vor seinem plötzlichen Tod schenkte. Mit ihm verband Kate die Leidenschaft für Krimis und Detektivspiele. Die Mutter hat die Kleinfamilie schon vor Jahren verlassen. Nun wächst Kate bei ihrer Großmutter auf, die sich nur wenig für das Kind interessiert. So hat Kate – unauffällig und höflich, in der Schule fleißig und zurückhaltend – den Freiraum, den sie braucht, um ihren Ermittlungen nachzugehen. Das tut sie mit großer Ernsthaftigkeit.

Kate notierte in ihrem Büchlein: »Gurken/Cornichons – nicht dasselbe: Unterschied recherchieren.« Sie hatte keine Lust, auf einer USA-Mission wegen eines so blöden Fehlers aufzufliegen.

Ihr wichtigster Tätigkeitsbereich ist das neueröffnete Einkaufszentrum Green Oaks. Andere Kinder dürfen nur mit ihren Eltern herkommen, doch Kate nimmt sich die Freiheit, es allein zu erkunden. Hier streift sie durch die Geschäfte, informiert sich über notwendige Ausrüstungsgegenstände (Walkie-Talkies, Stempelkissen für Fingerabdrücke und Ähnliches) und observiert Menschen, die ihr verdächtig erscheinen. Denn Kate ist sich sicher: Eines Tages wird hier ein Verbrechen geschehen – ein großes. Dafür will sie gerüstet sein.

Donnerstag, 26. April
Heute gesehen, wie sich großer Mann mit weißer Hautfarbe in Tropenpflanzenrondell in der Mitte des Hauptatriums versteckte. Schien mit einem Blatt zu reden. Kein kriminelles Motiv erkennbar, also gingen Mickey und ich schnell weiter.

Freitag, 27. April
Während Bankenobservierung plötzlich gesehen, wie einzelner Mann an mir vorbei und durch die Tür von Barclays ging. Hielt es eindeutig für einen Überfall. Folgte ihm mit meiner Kamera, aber er brüllte nur den Bankangestellten wegen irgendwelcher Bankgebühren an. Er benutzte eine Menge vulgärer Wörter, war aber unbewaffnet und plante offenbar keinen Bankraub. Trotzdem eine gute Übung – er hat uns kalt erwischt.

Doch eines Tages verschwindet Kate spurlos.

Lebenslügen hinter glänzender Oberfläche

Im Jahr 2003 entdeckt Kurt, Wachmann in der Shoppingmall Green Oaks, eines Nachts ein kleines Mädchen mit einem Stoffaffen und einem Notizbuch auf einem seiner Überwachungsmonitore. Doch er scheint der Einzige zu sein, der das Mädchen sehen kann. Gemeinsam mit Lisa, Managerin vom Dienst im CD-Laden der Mall, macht er sich auf die Suche nach dem Mädchen, denn Lisa hat einen verstaubten Stoffaffen mit weißen Gamaschen in einem der Versorgungsgänge entdeckt.

Die Suche nach dem Mädchen bringt Lisa und Kurt aber nicht nur einander näher, sondern lässt auch ihre Lebenslügen offenkundig werden. Und nicht nur ihre. Denn das Shoppingcenter Green Oaks wird in Catherine O’Flynns Debütroman (im Original: »What Was Lost«) zum Knotenpunkt zahlreicher Lebensläufe und Gesellschaftsentwicklungen. Hier treffen sie aufeinander, die Armen, die in den Mülltonnen nach Essbaren wühlen, die Klebstoffschnüffler, die auf dem Dach des Centers nicht mit ihrem Leben zurechtkommen, die konsumierfreudigen Angehörigen der unteren Mittelschicht, die wie gierige Zombies durch die Gänge wanken, die Besessenen, die in Green Oaks einen Lebenssinn finden, die Angestellten, die von diesem riesigen Gebäudekomplex regelrecht verschlungen werden. In kurzen Exkursen kommen sie zu Wort.

Im Zentrum aber stets: Green Oaks. Dieser Koloss von einem Einkaufszentrum mit seiner Ober- und Unterwelt. Während die Ladenpassagen glitzern und leuchten, freundliche Entspannungsoasen die Kunden einladen, sich niederzulassen, sind die Angestellten dazu verdammt, hinter den Kulissen durch graue, fensterlose Versorgungsgänge zu hasten, sich in winzige Teeküchen zu quetschen oder ihre Toiletten mit Kartons zu teilen. Zahllose Überwachungskameras beobachten sie dabei. Die Mall scheint lebendig zu sein, zu atmen, zu lauern.

Es war etwa 23 Uhr, als Kurt plötzlich mitten auf seinem Rundgang stehen blieb und den Atem anhielt. Er spannte die Gesichtsmuskeln an und horchte. Er versuchte, durch das leise Surren der Neonröhren und das noch leisere Schwirren der Lüftungsventilatoren hindurchzuhorchen, aber da war nichts. Er war ganz in Gedanken gewesen und konnte nicht sagen, wie lange er schon gespürt hatte, dass da jemand war.

Kriminalgeschichte, Gesellschaftsporträt, Gespenstererzählung, Entwicklungsroman

Green Oaks fängt die Menschen ein und lässt sie nicht los. Die kleinen Läden in der Hauptstraße verlieren ihre Kunden, die Innenstadt verödet und wird gefährlich für wehrlose oder ältere Passanten. Kurts Mutter muss das schmerzhaft erfahren. Die gesellschaftliche Schere wird größer, das soziale Klima kälter. Wer überleben will, passt sich an in Green Oaks, schuftet stundenlang, um sich eine Wohnung leisten zu können, in der er sich kaum aufhält.

Bei allem Sozialbezug: Nie hebt Catherine O’Flynn anklagend oder gar besserwisserisch den Zeigefinger: Sie beobachtet scharf und klug und lässt das Erkannte leichtfüßig und unaufgeregt in ihre Geschichte einfließen. Witzig und elegant erzählt sie anrührend – ohne je sentimental zu werden – die Geschichte von Kate, die mit ihrem Leben und über ihr Verschwinden hinaus viele Menschen berührt und verändert. So gelingt es O’Flynn, Kriminalgeschichte, Gesellschaftsporträt und Gespenstererzählung zu einem einfühlsamen und intelligenten Entwicklungsroman zusammenzuführen.

Kirsten Reimers

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Catherine O’Flynn: Was mit Kate geschah
Aus dem Englischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Atrium 2009
geb., 270 Seiten, Euro 19,90
ISBN: 978-3-85535-580-8

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Überrollt von Sentiment

Differenziert gestartet, reduziert gestrandet

Laura Lippman lehnt ihr Buch (im Original: »What the Dead Know«) an einen wahren Fall an: Im März 1975 verschwanden in der Nähe einer Shoppingmall in Baltimore zwei Mädchen, Schwestern genauer gesagt. Es wurde nie ein Spur von ihnen gefunden. Lippmans Geschichte nimmt diese Ausgangssituation auf, weiter gehen die Ähnlichkeiten aber nicht.

Bei Laura Lippman sind es die Schwestern Sunny und Heather Bethany, 15 und 12 Jahre alt, die am Ostersamstag des Jahres 1975 während eines Ausflugs in eine Shoppingmall verschwinden. Sie lösen sich regelrecht in Luft auf. Dreißig Jahre lang gibt es keinerlei Spuren oder Hinweise, was mit ihnen geschehen sein könnte. Doch dann taucht eine Frau auf, die behauptet, Heather, die jüngere Schwester, zu sein. Allerdings bleiben die ermittelnden Polizisten misstrauisch: Die Frau weiß zwar Dinge, die nur einem Familienmitglied oder einer sehr engen Vertrauten bekannt sein können, aber andererseits lügt sie ganz offensichtlich und hält Informationen zurück. Sie scheint ein sehr eigenes Spiel zu spielen.

Geduldiges Aufrollen der Vergangenheit

Die Autorin lässt sich viel Zeit in der Entwicklung ihrer Geschichte, und das ist vermutlich das Beste an diesem Buch. Das Geschehen in der Gegenwart nimmt nur wenige Tage ein, den Rest des über 400 Seiten dicken Buches füllen Rückblenden. So wird der Tag, an dem die Mädchen verschwanden, aus Sicht eines jeden Familienmitglieds geschildert: Je mit Blick auf Sunny, Heather, ihre Mutter Miriam und ihren Vater Dan wird aufgerollt, wer was getan hat.

Weitere Rückblenden berichten aus den vergangenen dreißig Jahren, im Fokus wieder jeweils eine Person. Die Eltern haben sich wenige Jahre nach dem Verschwinden ihrer Töchter getrennt. Dan, der Vater existiert nur noch für die Erinnerungen an seine Kinder. Er ist in Baltimore geblieben, im gleichen Haus, stets umgeben von den Trümmern eines zerstörten Familienlebens in der Hoffnung, eines Tages kämen Sunny und Heather zurück. Erstarrt in der Vergangenheit, ist er nur noch eine funktionierende Hülle. Miriam hingegen ist zu der Überzeugung gelangt, dass ihre Töchter tot sein müssen, sonst hätten die Eltern längst etwas von ihnen gehört. Sie hat sich ein neues Leben aufgebaut, das sie schließlich bis nach Mexiko führt – stets die Vergangenheit verschweigend, um Nachfragen und Erinnerungen zu vermeiden.

Andere Rückblicke erhellen Teile der Vergangenheit jener Frau, die behauptet, Heather Bethany zu sein. Es sind Ausschnitte einer schrecklichen Jugend: Sie ist aufgewachsen unter falschem Namen in einer Familie, die nicht ihre leibliche ist, sexuell missbraucht, geschlagen, missachtet. Als sie älter ist, wird sie aus ihrem offenen Gefängnis hinausgestoßen und führt von da an ein Leben mit ebenso oft wechselnden Identitäten wie Jobs, weil sie sich nirgendwo einpassen kann und sehr aggressiv wie auch manipulierend auftritt.

Der Umgang mit Traumata und das Vermeiden von Konflikten

Auf diese Weise steht in Laura Lippmans Buch weniger die Krimihandlung im Vordergrund, sondern weit mehr geht es um den unterschiedlichen Umgang mit Traumata, um das, was Verlust, Schmerz, aber auch fortwährende Demütigung aus einem Menschen machen, wie diese Erfahrungen das Leben beeinflussen. Lippman zeichnet ihre Figuren mit viel Einfühlungsvermögen: Die Langzeitporträts lassen sich verändernde Charaktere lebendig werden. Aber auch Figuren, die nur in der Gegenwart agieren, erhalten eine deutliche Kontur. Von den Ermittlern, die prüfen, ob die Fremde tatsächlich Heather Bethany ist, erfährt man zum Beispiel gerade genug an Eigenheiten, um einen lebendigen Eindruck zu gewinnen, ohne das unnötig lange Ausflüge in deren Privatleben notwendig sind. Auch der Grund für das Verschwinden der Mädchen ist nachvollziehbar – warum es allerdings dreißig Jahre lang keinerlei Spuren gab, ist schon etwas schwieriger zu schlucken.

Überhaupt bricht auf den letzten Metern alles in sich zusammen. Denn am Ende schwappt mit der Beantwortung aller Fragen eine große Harmoniewelle über alles und jeden hinweg und lässt strahlend hell und glänzend eine heile Welt zurück. Alles, was stören könnte, wird in einem Schwung weggewaschen, so dass Figuren, deren Ecken und Kanten zuvor mit Sorgfalt herausgemeißelt worden waren, am Ende glattgeschliffen glücklich Happyend spielen können. Nichts, was nicht durch ein einfaches Gespräch und schlichte Liebe zu bereinigen wäre – dabei hat sich die Autorin zuvor so viel Mühe gegeben, zu zeigen, was permanente Gewalterfahrungen oder das stete Verbergen von Teilen des eigenen Lebens mit der Fähigkeit zu vertrauen anstellen können. So spült die Harmoniewelle den sorgsam gebastelten Unterbau einfach weg und hinterlässt nichts als Kitsch.

Kirsten Reimers

Laura Lippman: Was die Toten wissen
Aus dem Amerikanischen von Mo Zuber
Goldmann 2009
kart., 410 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-442-46898-0

Eine Besprechung des Buches ist auch erschienen im
Titel-Magazin: Samstag ist Krimitag

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Bettnässen, Pyromanie, Tierquälerei

Trotz aller äußerer Anzeichen kein Serienmörderthriller

Seltsame Morde geschehen in Clayton, einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA: Die Leichen sind geradezu zerfetzt, neben ihnen findet sich eine teerartige Substanz, und ein Motiv für die Tat ist sich nicht ersichtlich. Dafür fehlt stets ein Organ oder ein Körperteil. Der fünfzehnjährige John vermutet dahinter einen Serienmörder. Und John muss es wissen: Er ist geradezu besessen von diesem Thema, hält er sich doch selbst für einen angehenden Serienkiller. Als Beleg dient ihm unter anderem Macdonalds Triade, die vollständig auf ihn zutrifft: Bettnässen, Pyromanie und Tierquälerei. Sein Psychotherapeut versucht vergeblich, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

»Fünfundneunzig Prozent der Serienmörder machen ins Bett, legen Feuer und quälen Tiere, aber das heißt nicht, dass fünfundneunzig Prozent aller Kinder, die dies tun, zwangsläufig Serienmörder werden. Du hast immer die Möglichkeit, dein Schicksal frei zu wählen, und du bist derjenige, der entscheidet. Niemand sonst. Die Tatsache, dass du dir Regeln aufgestellt hast und sie gewissenhaft verfolgst, sagt viel über dich und deinen Charakter aus. Du bist ein guter Mensch, John.«
»Ich bin ein guter Mensch, weil ich weiß, wie gute Menschen sich verhalten, und weil ich sie kopiere«, antwortete ich.

Schließlich gibt es noch weitere Hinweise, auf die John seine Selbstdiagnose stützt: Sein voller Name lautet zum Beispiel John Wayne Cleaver – als Namenspaten sieht der Jugendliche den Serienmörder John Wayne Gacy; jeden Einwand, dass sein Vater ein großer Filmfan ist und eher den Schauspieler im Sinn hatte, wischt John ungeduldig zur Seite – schließlich heißt sein Vater Sam mit Vornamen, wodurch John zum »Son of Sam« wird, wie der Serienkiller, der in den späten sechziger Jahren New York verunsicherte. Und zudem lautet sein Nachname Cleaver und bedeutet also Hackmesser. »Wie viele Menschen kennen Sie, die nach zwei Serienmördern und einer Mordwaffe benannt sind?«, hält er seinem Therapeuten entgegen.

Serienmörder gegen Dämon

Die blutigen Morde faszinieren den Jungen, denn vielleicht ist da eine verwandte Seele am Werk, zu der er Kontakt aufnehmen kann. Bald schon ist es ihm tatsächlich möglich, die Identität des Täters festzumachen – doch es handelt sich nicht um den vermuteten Serienmörder, sondern um einen Dämon. John wird klar, dass nur er in der Lage ist, den Täter zu stoppen: Wer sonst käme auf die Idee, hier sei etwas Übernatürliches im Spiel, und wer würde schon einem Fünfzehnjährige glauben, der sowieso als sonderbarer Einzelgänger gilt? Doch um sich dem Dämon entgegenzustellen, muss John das Monster, dass er in sich trägt und das er bislang mit ausgeklügelten und strengen Regeln im Zaum hält, von der Leine lassen

Serienmörder gegen Dämon. Das klingt wie King Kong gegen Godzilla. Ist aber nicht ganz so trashig. Trotz der Reichweite ins Übernatürliche bleibt der Roman weitgehend im Realen angesiedelt. Und so richtig unheimlich wird es auch nicht – was unter anderem an dem eigentlich recht sympathischen Dämon liegt. Allerdings wird nicht ganz klar, warum John unbedingt ein Serienmörder sein muss, um den Dämon zu stellen.

Johns Probleme mit sich selbst wirken zunächst wie der symbolhafte Kampf mit den Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt. Im Laufe der Zeit häufen sich aber durchaus Verhaltensweisen, die nahe legen, dass John nicht ganz so ist wie andere Kinder. Zum Beispiel kann er keine tieferen Gefühle empfinden und sieht in der Nachbarstochter Brooke, für die er auf seine sehr eigene Weise schwärmt, eher ein Ding denn einen Menschen. Ganz anders dagegen der Dämon, der in seiner Menschlichkeit und seiner tiefen Empfindungsfähigkeit sehr warmherzig wirkt.

Auf der falschen Fährte

Der Junge, der gern töten würde, es aber nicht darf, um in der Gemeinschaft weiterleben zu können – und der Dämon, der nicht töten will, es aber muss, um in der Gemeinschaft zu überleben. Das ist ganz ansprechend aus der Perspektive des Jugendlichen erzählt – allerdings mit den Worten eines Erwachsenen. So entsteht eine ironische Distanz, die den Jungen als sehr viel reflektierter und rationaler erscheinen lässt als seine erwachsene Umwelt.

Manches erinnert durchaus an Jeff Lindsays Dexter-Morgan-Thriller, doch steht im Mittelpunkt des Thrillers nicht Johns Auseinandersetzung mit seiner Berufung, sondern mindestens genauso viel Raum und Aufmerksamkeit nimmt die Dämonenhatz ein. Darum führen Titel und Umschlagtexte des Buches auf eine falsche Spur – und dies bereits im Original: »I Am Not a Serial Killer« heißt es dort. Ebenso weckt die auffällig aufwändige Ausstattung unerfüllte Erwartungen: Cover im Prägedruck, dickes Volumenpapier und unregelmäßiger Beschnitt (na ja: regelmäßig unregelmäßig, da maschinell erstellt) versuchen, dem Paperback Bedeutsamkeit und Geheimnisvolles zu schenken, vielleicht soll es gar tagebuchig wirken. Aber nichts davon wird eingelöst. So entsprechen sich am Ende eher unfreiwillig Form und Inhalt: entschieden in der Unentschiedenheit. Denn auch die Geschichte tappt unschlüssig zwischen den drei Eckpunkten Horror-, Serienmörder- und Entwicklungsroman hin und her und kann im Ganzen einfach nicht überzeugen.

Kirsten Reimers

Dan Wells: Ich bin kein Serienkiller
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Piper 2009
kart., 378 Seiten, 12,95 Euro
ISBN: 978-3-492-70169-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Es lohnt sich auch ein Blick ins
Titel-Magazin: Samstag ist Krimitag

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