Archiv für den Monat: Januar 2009

Vergangene und gegenwärtige Wälder

Geweckte Erwartungen gelungen untergraben

In einem Waldstück bei Dublin, in der Nähe einer archäologischen Grabung, wird auf einem urzeitlichen Opferaltar die Leiche der zwölfjährigen Katy entdeckt. Sie wurde geschlagen, erwürgt, nach dem Tod mit einem Gegenstand sexuell missbraucht. Die Ermittlungen übernehmen Detective Rob Ryan und seine Partnerin Cassie Maddox. Vor zwanzig Jahren war dieser Wald schon einmal der Schauplatz eines Verbrechens: Drei zwölfjährige Kinder verschwanden in ihm, zwei Jungen und ein Mädchen – Peter, Germaine, Adam -, und nur Adam wurde wieder gefunden. Er klammerte sich an einen Baum, krallte die Finger in die Rinde, die Schuhe waren blutdurchtränkt. Schwer traumatisiert, erinnert er sich an nichts. Was niemand außer Cassie weiß und auch nicht wissen darf: Rob Ryan, eigentlich Adam Robert Ryan, ist jener Junge. Würde dies bekannt, würde ihm der aktuelle Fall aufgrund seiner Verstrickung entzogen werden – denn möglicherweise besteht eine Verbindung zwischen beiden Verbrechen. Und je weiter die Ermittlungen voranschreiten und je tiefer Ryan von dem Fall berührt wird, umso weniger kann er zurück, ohne seine Karriere und auch die seiner Partnerin unwiderruflich zu ruinieren.

»Ich sehne mich nach der Wahrheit …«

Soweit die Ausgangssituation, soweit eine Konstruktion, die zunächst nicht viele wirkliche Überraschungen verspricht. Eventuell Serienmord, bestimmt Kindesmissbrauch, ganz sicher ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit des Ermittlers. Ein Ekelgruselserienmörderding. Schon x-mal in dieser oder ähnlicher Form gelesen.

Doch mit dieser Einstellung hätte man sich von der Autorin schon ein erstes Mal verwirren lassen. Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, ist dieses 670-Seiten-Brikett kein »Ich-lasse-andere-für-mich-denken«-Schmöker, sondern erfordert ein waches Auge und ein vorsichtiges Herangehen. Denn wie Rob Ryan, aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden, schon am Anfang erklärt:

Eins dürfen Sie nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlicher Art, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufs, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen, und wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengesetzt sind. (…)
Was ich Ihnen sagen will, ehe ich mit meiner Geschichte anfange, ist zweierlei: Ich sehne mich nach Wahrheit. Und ich lüge.

Die Suche nach dem oder den Tätern bestimmt zwar durchaus die Struktur dieses Kriminalromans. Aber neben dieser gibt es mindestens noch eine zweite Geschichte: die Suche nach Antworten: was damals vor zwanzig Jahren passiert ist, was aus Pete und Germaine geworden ist, was Adam gesehen hat, dass er sich nicht erinnern will. Manchmal scheint es, als würde in den Ereignissen von damals der Schlüssel für die Geschehnisse heute liegen – doch es könnte auch anders sein. Vielleicht hat das rein gar nichts miteinander zu tun. Vielleicht handelt es sich nur um einen Zufall.

»… Und ich lüge«

Damit öffnet sich eine andere Ebene, nämlich die Frage, welche Rolle die Vergangenheit und die Erinnerung an sie für das Leben und die eigene Identität spielt. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten, umso mehr droht die Vergangenheit Ryan zu überwältigen, während ihm gleichzeitig die Gegenwart entgleitet. Die Wahrnehmung und Darstellung von Personen beginnt auseinanderzuklaffen, und manche Erinnerung wirkt seltsam verbogen. Auch das Verhältnis zwischen Rob und Cassie leidet darunter: Verband sie anfangs eine tiefe und offene Freundschaft, so zerbricht dies, weil Rob sich an der Vergangenheit festkrallt (wie damals an den Baumstamm) und nicht mit einer veränderten Gegenwart zurecht kommt.

Der Originaltitel lautet »In the Woods« – deutlich vielschichtiger als der Gruselreißertitel mit Irlandanklang »Grabesgrün«, und sehr viel passender. Denn Ryan hat nie wieder herausgefunden aus den Wäldern – seien sie nun Vergangenheit oder Gegenwart.

»Grabesgrün«, das Debüt der Schauspielerin Tana French, spielt gekonnt mit Krimierwartungen und -elementen. Was auf den ersten Blick als konventionelle Kost erscheint, entwickelt eine wunderbare Tiefe und Intensität. Andere Autoren hätten die Ausgangssituation als Anlass für Blut- und Spermaströme, für Ekelattacken und Gewaltorgien genommen – French belässt es bei einem unaufgeregten Fortgang. Weitere Leichen sind für die Aufrechterhaltung der intensiven Spannung nicht nötig. Das vermag sie zum einen aufgrund der Figuren, die mit Komplexität ohne alberne Schrulligkeiten gezeichnet sind, an deren lebendiger Beziehung untereinander, aber auch aufgrund der Kombination von Gegenwart und Vergangenheit und an dem Umgang damit. Und dank der Doppelbödigkeit: der allgegenwärtigen Unsicherheit, was Wahrheit, was Lüge, was Hoffnung ist. Das erlaubt French, einige Fragen ungeklärt zu lassen: Was bei anderen ein Zeichen von Unvermögen wäre, ist hier ein großes Plus und zeigt eine beeindruckende Könnerschaft im Spiel mit Regelbrüchen, mit geweckten Erwartungen und gelungenen Enttäuschungen.

Kirsten Reimers

Tana French: Grabesgrün
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
Scherz Verlag, 672 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-502-10191-8
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Norddeutsche Serienmörder: offenbar unverwüstlicher

Alter schützt vor Serienmord nicht

Ein Stolpern bringt alles ins Rollen. Als Rita Toski, Volontärin bei einer Oldenburger Tageszeitung, am Montagmorgen zur Redaktionssitzung eilt, gibt ihre Sandale nach. Rita stürzt, der Inhalt ihrer Handtasche ergießt sich auf den Bürgersteig, der teure, heiß geliebte Lippenstift entschwindet im Lichtschacht eines alten, grauen, großen Gebäudes. Bei der nachfolgenden Bergungsaktion entdeckt die angehende Journalistin das Wort »Hilfe« – mit Mühe und offenbar über einen langen Zeitraum hinweg in den Stein des Schachtes gegraben. Damit ist Ritas Neugier geweckt. Mit Hartnäckigkeit macht sie sich daran, das Geheimnis zu lüften. Die Spur führt zurück in die Nazizeit, in die Wirren des Zweiten Weltkriegs zu einem gemeinen Verbrechen. Und damit nicht genug – alles deutet daraufhin, dass der unheimliche Täter, der »Graumacher« noch heute sein Unwesen treibt.

Unaufgeregt und sprachlich fein austariert ist das Krimidebüt von Renate Niemann. Und streckenweise sehr gruselig – undurchsichtiges, schwer greifbares Grauen, Geschehnisse, die Zufälle oder absichtsvolle Botschaften sein können. Das sorgt für wohliges Schaudern. Ein Serienmörder in Oldenburg, der seit Ende des Zweiten Weltkrieges sein Unwesen treibt. Moment, seit Mitte der vierziger Jahre? Und der Krimi spielt definitiv nach der Jahrtausendwende? Dann muss der Täter – hm – mindestens sechzig Jahre alt sein. Eher siebzig. Dafür ist er ganz schön agil. Angesichts seiner ungesunden Ernährung und der eigenartigen Lebensweise ziemlich überraschend. Aber das rächt sich ja dann auch in seinem plötzlichen Ende. Plopp.

Muss es denn immer Serienmord sein?

Kurz: Diese Konstruktion ist reichlich unglaubwürdig. Warum muss überhaupt die Verbindung zur Vergangenheit über einen Serienmörder geschaffen werden? Dadurch verpufft das Schaurige, das so schön aufgebaut ist, weil man ständig das Alter des Graumachers mitdenkt – oder noch absurdere Konstruktionen ersinnt, um mit der Zeitschiene zurechtzukommen.

Die Serienmorde sind Aufhänger, um unrühmlichen Taten der Psychiatrie in Deutschland im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts zu benennen – ein Kapitel, das schon vor dem »Dritten Reich« ziemlich dunkel war und durch den Nationalsozialismus nicht gerade Lichtseiten eroberte. Ebenso wird die Lebenssituation der Sinti und Roma in jener Zeit aufgegriffen. Das wird von Renate Niemann durchaus gut zusammengepackt und verklammert, aber leider durch die merkwürdige Serienmörderkonstruktion weitestgehend beiseite gedrängt.

Kirsten Reimers

Renate Niemann: Der Graumacher
Pendragon Verlag, 254 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-86532-081-0

 


Tötentötentötentötentötentööööööööten

Ein Angriff auf das Herz

In Chicago – einst größtes Schlachthaus und bedeutendste Fleischfabrik der USA – hat ein neuer Metzger sein Werk aufgenommen. Ein tonnenschweres Monster, das im Verborgenen haust und wahllos zuschlägt.

Er ist der, den sie in Vietnam CHAINGANG nannten. Er ist der, von dem sie in Marion behaupteten, er habe für fast jedes Pfund seines Körpergewichts einen Menschen getötet, und er wog an die fünfhundert Pfund. Er ist der personifizierte Tod, dämonisch, unbesiegbar, blutrünstig und sehr, sehr real.

Der fettgewordene Alptraum

Chaingang: Daniel Edward Flowers Bunkowski. Als Kind missbraucht, später vom Staat als Killermaschine instrumentalisiert, macht nach seiner Rückkehr aus Vietnam einfach genau mit dem weiter, was er am besten kann: töten. Das hat er vorher getan, daran hält er sich auch weiterhin. Die Medien nennen ihn den »Einsame-Herzen-Killer«, weil er seinen Opfern das Herz herausreißt, um es zu essen. Er tötet ohne höheres Ziel, ohne tieferen Grund, er tötet, weil er es kann und weil er es mag.

Um das Morden zu stoppen, wird der Spezialist für Schwerverbrechen Jack Eichord hinzugezogen; eine gebrochene Gestalt, ein halbwegs trockener Alkoholiker, stets im Kampf mit der Sucht, einsam und einigermaßen bindungsgestört. Während seiner Ermittlungen verliebt er sich ausgerechnet in die Witwe eines der letzten Opfer Bunkowskis.

Als Chaingang ein hohes Tier der Chicagoer Gesellschaft tötet, wächst der öffentliche Druck auf die Polizei. Ein Täter muss her – und zwar möglichst schnell. Als ein Copykiller gefasst werden kann, gibt man ihn wider besseren Wissens und gegen den Widerstand von Eichord als den »Einsame-Herzen-Killer« aus. Die Presse jubelt und feiert Eichord als Held. Und Chaingang beschließt zu zeigen, wer nun wirklich wer ist. Dafür nimmt er Eichord, seine neue Freundin und deren kleine Tochter ins Visier.

Niederwalzend und mitreißend

Temporeich, blutig, eklig, komisch und skrupellos. Rex Miller nimmt keinerlei Rücksicht auf die Gemüter seiner Leser, geht keine Kompromisse ein, weder ästhetisch, moralisch noch literarisch – und das ist auch gut so. Herausgekommen ist ein fulminanter, niederwalzender Serienkillerroman – *der* Serienkilleroman -, der in Rückblenden, parallel verlaufenden Erzählsträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven, ironisch gebrochen, grandios erzählt. Miller schildert, ohne groß nach Erklärungen zu suchen. Auf diese Weise wird Chaingang nicht banalisiert oder zum Vorstadt-Dämon des wohligen Schauers verharmlost. Er ist eine fette Killermaschine, ein Monster, so eklig stinkend wie die Kloake, aus der er kriecht. Er ist nicht der nette Kerl von nebenan, der ein dunkles Geheimnis verbirgt, er ist nicht der feinsinnige Ästhet, der Genie mit Wahnsinn kombiniert. Kein fehlgeleitetes Glied der bürgerlichen Gesellschaft, sondern ihr Auswurf.

Ein spezieller Laut, Anblick oder Geruch löste intensive Erinnerungen an seine Kindheit aus oder an die Jahre konzentrierten Schreckens in verschiedenen Institutionen. Was für Sie oder mich unangenehm wäre, der Geruch von Zigarrenrauch, das Gefühl eines Schwamms voll Kreide, das Aroma eines Duftkissens, der Krankenhausgeruch von Desinfektionsmitteln, konnte ihn in mordlüsterne Raserei versetzten. Und dann schlugen die Wellen von Haß und Wahnsinn über ihm zusammen wie eine blinde, rote verzehrende Flut, Mordlust erfasste ihn, regnete auf ihn herab wie ein sengender Wolkenbruch flüssigen Feuers, und dann brauchte er all seine Konzentration und seine Fertigkeit und Selbstbeherrschung, denn in diesem Zustand beging er immer seine bösen Taten.

»Fettsack« ist Millers Debütroman, der schon 1987 in den USA veröffentlicht wurde. Laut Edition Phantasia, wo der Roman 2008 erstmals ungekürzt auf Deutsch erschienen ist, schlug der Roman damals ein wie eine Bombe. Kein Wunder. Was Rex Miller mit »Slob« – so der Originaltitel – vorlegt, ist gewaltig: Die Gestankorgie mit ihren Splattereinlagen, aber auch der ebenso zarten wie völlig unromantisch geschilderten Liebesgeschichte ist so lustvoll und rauschhaft erzählt, dass sie gleichermaßen beängstigt wie mitreißt, Ekel erregt wie in den Bann schlägt. Dank der hervorragenden neuen Übersetzung von Joachim Körber bleibt dies auch in der deutschen Ausgabe spürbar.

Kirsten Reimers

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Rex Miller: Fettsack
Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim Körber
Edition Phantasia, 269 Seiten, 15,90 Euro
ISBN: 978-3-937897-30-1

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