Archiv des Autors: Björn Schäffer

Vergangene und gegenwärtige Wälder

Geweckte Erwartungen gelungen untergraben

In einem Waldstück bei Dublin, in der Nähe einer archäologischen Grabung, wird auf einem urzeitlichen Opferaltar die Leiche der zwölfjährigen Katy entdeckt. Sie wurde geschlagen, erwürgt, nach dem Tod mit einem Gegenstand sexuell missbraucht. Die Ermittlungen übernehmen Detective Rob Ryan und seine Partnerin Cassie Maddox. Vor zwanzig Jahren war dieser Wald schon einmal der Schauplatz eines Verbrechens: Drei zwölfjährige Kinder verschwanden in ihm, zwei Jungen und ein Mädchen – Peter, Germaine, Adam -, und nur Adam wurde wieder gefunden. Er klammerte sich an einen Baum, krallte die Finger in die Rinde, die Schuhe waren blutdurchtränkt. Schwer traumatisiert, erinnert er sich an nichts. Was niemand außer Cassie weiß und auch nicht wissen darf: Rob Ryan, eigentlich Adam Robert Ryan, ist jener Junge. Würde dies bekannt, würde ihm der aktuelle Fall aufgrund seiner Verstrickung entzogen werden – denn möglicherweise besteht eine Verbindung zwischen beiden Verbrechen. Und je weiter die Ermittlungen voranschreiten und je tiefer Ryan von dem Fall berührt wird, umso weniger kann er zurück, ohne seine Karriere und auch die seiner Partnerin unwiderruflich zu ruinieren.

»Ich sehne mich nach der Wahrheit …«

Soweit die Ausgangssituation, soweit eine Konstruktion, die zunächst nicht viele wirkliche Überraschungen verspricht. Eventuell Serienmord, bestimmt Kindesmissbrauch, ganz sicher ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit des Ermittlers. Ein Ekelgruselserienmörderding. Schon x-mal in dieser oder ähnlicher Form gelesen.

Doch mit dieser Einstellung hätte man sich von der Autorin schon ein erstes Mal verwirren lassen. Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, ist dieses 670-Seiten-Brikett kein »Ich-lasse-andere-für-mich-denken«-Schmöker, sondern erfordert ein waches Auge und ein vorsichtiges Herangehen. Denn wie Rob Ryan, aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden, schon am Anfang erklärt:

Eins dürfen Sie nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlicher Art, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufs, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen, und wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengesetzt sind. (…)
Was ich Ihnen sagen will, ehe ich mit meiner Geschichte anfange, ist zweierlei: Ich sehne mich nach Wahrheit. Und ich lüge.

Die Suche nach dem oder den Tätern bestimmt zwar durchaus die Struktur dieses Kriminalromans. Aber neben dieser gibt es mindestens noch eine zweite Geschichte: die Suche nach Antworten: was damals vor zwanzig Jahren passiert ist, was aus Pete und Germaine geworden ist, was Adam gesehen hat, dass er sich nicht erinnern will. Manchmal scheint es, als würde in den Ereignissen von damals der Schlüssel für die Geschehnisse heute liegen – doch es könnte auch anders sein. Vielleicht hat das rein gar nichts miteinander zu tun. Vielleicht handelt es sich nur um einen Zufall.

»… Und ich lüge«

Damit öffnet sich eine andere Ebene, nämlich die Frage, welche Rolle die Vergangenheit und die Erinnerung an sie für das Leben und die eigene Identität spielt. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten, umso mehr droht die Vergangenheit Ryan zu überwältigen, während ihm gleichzeitig die Gegenwart entgleitet. Die Wahrnehmung und Darstellung von Personen beginnt auseinanderzuklaffen, und manche Erinnerung wirkt seltsam verbogen. Auch das Verhältnis zwischen Rob und Cassie leidet darunter: Verband sie anfangs eine tiefe und offene Freundschaft, so zerbricht dies, weil Rob sich an der Vergangenheit festkrallt (wie damals an den Baumstamm) und nicht mit einer veränderten Gegenwart zurecht kommt.

Der Originaltitel lautet »In the Woods« – deutlich vielschichtiger als der Gruselreißertitel mit Irlandanklang »Grabesgrün«, und sehr viel passender. Denn Ryan hat nie wieder herausgefunden aus den Wäldern – seien sie nun Vergangenheit oder Gegenwart.

»Grabesgrün«, das Debüt der Schauspielerin Tana French, spielt gekonnt mit Krimierwartungen und -elementen. Was auf den ersten Blick als konventionelle Kost erscheint, entwickelt eine wunderbare Tiefe und Intensität. Andere Autoren hätten die Ausgangssituation als Anlass für Blut- und Spermaströme, für Ekelattacken und Gewaltorgien genommen – French belässt es bei einem unaufgeregten Fortgang. Weitere Leichen sind für die Aufrechterhaltung der intensiven Spannung nicht nötig. Das vermag sie zum einen aufgrund der Figuren, die mit Komplexität ohne alberne Schrulligkeiten gezeichnet sind, an deren lebendiger Beziehung untereinander, aber auch aufgrund der Kombination von Gegenwart und Vergangenheit und an dem Umgang damit. Und dank der Doppelbödigkeit: der allgegenwärtigen Unsicherheit, was Wahrheit, was Lüge, was Hoffnung ist. Das erlaubt French, einige Fragen ungeklärt zu lassen: Was bei anderen ein Zeichen von Unvermögen wäre, ist hier ein großes Plus und zeigt eine beeindruckende Könnerschaft im Spiel mit Regelbrüchen, mit geweckten Erwartungen und gelungenen Enttäuschungen.

Kirsten Reimers

Tana French: Grabesgrün
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
Scherz Verlag, 672 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-502-10191-8
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Norddeutsche Serienmörder: offenbar unverwüstlicher

Alter schützt vor Serienmord nicht

Ein Stolpern bringt alles ins Rollen. Als Rita Toski, Volontärin bei einer Oldenburger Tageszeitung, am Montagmorgen zur Redaktionssitzung eilt, gibt ihre Sandale nach. Rita stürzt, der Inhalt ihrer Handtasche ergießt sich auf den Bürgersteig, der teure, heiß geliebte Lippenstift entschwindet im Lichtschacht eines alten, grauen, großen Gebäudes. Bei der nachfolgenden Bergungsaktion entdeckt die angehende Journalistin das Wort »Hilfe« – mit Mühe und offenbar über einen langen Zeitraum hinweg in den Stein des Schachtes gegraben. Damit ist Ritas Neugier geweckt. Mit Hartnäckigkeit macht sie sich daran, das Geheimnis zu lüften. Die Spur führt zurück in die Nazizeit, in die Wirren des Zweiten Weltkriegs zu einem gemeinen Verbrechen. Und damit nicht genug – alles deutet daraufhin, dass der unheimliche Täter, der »Graumacher« noch heute sein Unwesen treibt.

Unaufgeregt und sprachlich fein austariert ist das Krimidebüt von Renate Niemann. Und streckenweise sehr gruselig – undurchsichtiges, schwer greifbares Grauen, Geschehnisse, die Zufälle oder absichtsvolle Botschaften sein können. Das sorgt für wohliges Schaudern. Ein Serienmörder in Oldenburg, der seit Ende des Zweiten Weltkrieges sein Unwesen treibt. Moment, seit Mitte der vierziger Jahre? Und der Krimi spielt definitiv nach der Jahrtausendwende? Dann muss der Täter – hm – mindestens sechzig Jahre alt sein. Eher siebzig. Dafür ist er ganz schön agil. Angesichts seiner ungesunden Ernährung und der eigenartigen Lebensweise ziemlich überraschend. Aber das rächt sich ja dann auch in seinem plötzlichen Ende. Plopp.

Muss es denn immer Serienmord sein?

Kurz: Diese Konstruktion ist reichlich unglaubwürdig. Warum muss überhaupt die Verbindung zur Vergangenheit über einen Serienmörder geschaffen werden? Dadurch verpufft das Schaurige, das so schön aufgebaut ist, weil man ständig das Alter des Graumachers mitdenkt – oder noch absurdere Konstruktionen ersinnt, um mit der Zeitschiene zurechtzukommen.

Die Serienmorde sind Aufhänger, um unrühmlichen Taten der Psychiatrie in Deutschland im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts zu benennen – ein Kapitel, das schon vor dem »Dritten Reich« ziemlich dunkel war und durch den Nationalsozialismus nicht gerade Lichtseiten eroberte. Ebenso wird die Lebenssituation der Sinti und Roma in jener Zeit aufgegriffen. Das wird von Renate Niemann durchaus gut zusammengepackt und verklammert, aber leider durch die merkwürdige Serienmörderkonstruktion weitestgehend beiseite gedrängt.

Kirsten Reimers

Renate Niemann: Der Graumacher
Pendragon Verlag, 254 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-86532-081-0

 


Tötentötentötentötentötentööööööööten

Ein Angriff auf das Herz

In Chicago – einst größtes Schlachthaus und bedeutendste Fleischfabrik der USA – hat ein neuer Metzger sein Werk aufgenommen. Ein tonnenschweres Monster, das im Verborgenen haust und wahllos zuschlägt.

Er ist der, den sie in Vietnam CHAINGANG nannten. Er ist der, von dem sie in Marion behaupteten, er habe für fast jedes Pfund seines Körpergewichts einen Menschen getötet, und er wog an die fünfhundert Pfund. Er ist der personifizierte Tod, dämonisch, unbesiegbar, blutrünstig und sehr, sehr real.

Der fettgewordene Alptraum

Chaingang: Daniel Edward Flowers Bunkowski. Als Kind missbraucht, später vom Staat als Killermaschine instrumentalisiert, macht nach seiner Rückkehr aus Vietnam einfach genau mit dem weiter, was er am besten kann: töten. Das hat er vorher getan, daran hält er sich auch weiterhin. Die Medien nennen ihn den »Einsame-Herzen-Killer«, weil er seinen Opfern das Herz herausreißt, um es zu essen. Er tötet ohne höheres Ziel, ohne tieferen Grund, er tötet, weil er es kann und weil er es mag.

Um das Morden zu stoppen, wird der Spezialist für Schwerverbrechen Jack Eichord hinzugezogen; eine gebrochene Gestalt, ein halbwegs trockener Alkoholiker, stets im Kampf mit der Sucht, einsam und einigermaßen bindungsgestört. Während seiner Ermittlungen verliebt er sich ausgerechnet in die Witwe eines der letzten Opfer Bunkowskis.

Als Chaingang ein hohes Tier der Chicagoer Gesellschaft tötet, wächst der öffentliche Druck auf die Polizei. Ein Täter muss her – und zwar möglichst schnell. Als ein Copykiller gefasst werden kann, gibt man ihn wider besseren Wissens und gegen den Widerstand von Eichord als den »Einsame-Herzen-Killer« aus. Die Presse jubelt und feiert Eichord als Held. Und Chaingang beschließt zu zeigen, wer nun wirklich wer ist. Dafür nimmt er Eichord, seine neue Freundin und deren kleine Tochter ins Visier.

Niederwalzend und mitreißend

Temporeich, blutig, eklig, komisch und skrupellos. Rex Miller nimmt keinerlei Rücksicht auf die Gemüter seiner Leser, geht keine Kompromisse ein, weder ästhetisch, moralisch noch literarisch – und das ist auch gut so. Herausgekommen ist ein fulminanter, niederwalzender Serienkillerroman – *der* Serienkilleroman -, der in Rückblenden, parallel verlaufenden Erzählsträngen und aus unterschiedlichen Perspektiven, ironisch gebrochen, grandios erzählt. Miller schildert, ohne groß nach Erklärungen zu suchen. Auf diese Weise wird Chaingang nicht banalisiert oder zum Vorstadt-Dämon des wohligen Schauers verharmlost. Er ist eine fette Killermaschine, ein Monster, so eklig stinkend wie die Kloake, aus der er kriecht. Er ist nicht der nette Kerl von nebenan, der ein dunkles Geheimnis verbirgt, er ist nicht der feinsinnige Ästhet, der Genie mit Wahnsinn kombiniert. Kein fehlgeleitetes Glied der bürgerlichen Gesellschaft, sondern ihr Auswurf.

Ein spezieller Laut, Anblick oder Geruch löste intensive Erinnerungen an seine Kindheit aus oder an die Jahre konzentrierten Schreckens in verschiedenen Institutionen. Was für Sie oder mich unangenehm wäre, der Geruch von Zigarrenrauch, das Gefühl eines Schwamms voll Kreide, das Aroma eines Duftkissens, der Krankenhausgeruch von Desinfektionsmitteln, konnte ihn in mordlüsterne Raserei versetzten. Und dann schlugen die Wellen von Haß und Wahnsinn über ihm zusammen wie eine blinde, rote verzehrende Flut, Mordlust erfasste ihn, regnete auf ihn herab wie ein sengender Wolkenbruch flüssigen Feuers, und dann brauchte er all seine Konzentration und seine Fertigkeit und Selbstbeherrschung, denn in diesem Zustand beging er immer seine bösen Taten.

»Fettsack« ist Millers Debütroman, der schon 1987 in den USA veröffentlicht wurde. Laut Edition Phantasia, wo der Roman 2008 erstmals ungekürzt auf Deutsch erschienen ist, schlug der Roman damals ein wie eine Bombe. Kein Wunder. Was Rex Miller mit »Slob« – so der Originaltitel – vorlegt, ist gewaltig: Die Gestankorgie mit ihren Splattereinlagen, aber auch der ebenso zarten wie völlig unromantisch geschilderten Liebesgeschichte ist so lustvoll und rauschhaft erzählt, dass sie gleichermaßen beängstigt wie mitreißt, Ekel erregt wie in den Bann schlägt. Dank der hervorragenden neuen Übersetzung von Joachim Körber bleibt dies auch in der deutschen Ausgabe spürbar.

Kirsten Reimers

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Rex Miller: Fettsack
Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim Körber
Edition Phantasia, 269 Seiten, 15,90 Euro
ISBN: 978-3-937897-30-1

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Leben mit dem Verlust

Nicht nur Thomas Lynley muss einen Weg finden zu überleben

An der Küste von Cornwall wird die Leiche eines Jugendlichen gefunden. Santo Kerne scheint beim Klettern in den Klippen abgestürzt zu sein. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein bedauerlicher Unfall. Entdeckt wird die Leiche von einem einsamen Wanderer: Thomas Lynley, nach dem dramatischen Tod seiner Frau und seines ungeborenen Kindes vollkommen aus der Bahn geworfen. Er hat Scotland Yard, Freunden und Familie den Rücken gekehrt, um allein die Küste entlang zu wandern, um zu vergessen. Doch der Tod von Santo Kerne zwingt ihn ins Leben zurück.

Denn wie sich herausstellt, handelt es sich nicht um ein Unglück. Die Kletterausrüstung des 18-Jährigen ist manipuliert worden. Die ermittelnde Polizeibeamtin, Detective Inspector Bea Hannaford sieht sich bald einer ganzen Reihe von Verdächtigen gegenüber, ein Motiv hatten recht viele.

Was jedoch auffiel, war die große Gelassenheit hinter dem Verbrechen. Zeit schien keine Rolle gespielt zu haben. Sie suchten also nicht nach jemand Ungeduldigem, der ein Verbrechen aus Leidenschaft begonnen hatte. Sie suchten nach jemand Ausgefuchstem.

Da sich die Ermittlungen immer komplexer gestalten und die Kriminalpolizei in dieser Gegend von Cornwall eher dünn besetzt ist sowie wenig Erfahrung mit der Aufklärung von Morden hat, zieht DI Hannaford Lynley zu den Ermittlungen hinzu. Außerdem hat sie jemanden von Scotland Yard zur Unterstützung angefordert: DC Barbara Havers ist unterwegs.

Kein typischer Lynley-Havers-Krimi

»Doch die Sünde ist scharlachrot« ist der 14. Kriminalroman von Elizabeth George um Thomas Lynley und Barbara Havers. Der vorherige Roman (»Am Ende war die Tat«) zählt nicht in die Reihe hinein, denn er schildert die Umstände, die zur Ermordung von Lynleys Frau Helen geführt haben, aus Sicht des zwölfjährigen Täters. Und auch der aktuelle Titel ist kein typischer Lynley-Havers-Krimi. Der Inspector und seine langjährige Partnerin spielen eher Nebenrollen. Lynley, der nur widerwillig ermittelt, verfolgt eigene Ideen und Spuren, und Barbara Havers unterstützt in erster Linie Hannaford, die in diesem Roman im Mittelpunkt steht. Und das ist gut so. Denn zum einen wäre ein aktiver Lynley eher unglaubwürdig, zum anderen ist Bea Hannaford eine sehr sympathische Ermittlerin.

Die alleinerziehende Mutter – geschieden aus eigenem Entschluss – ist sehr bestimmt und bodenständig und alles andere als eine Übermutter: Mit sympathischen Macken versehen ermittelt sie in einem Fall, der undurchdringlich scheint.

Differenzierte Charaktere, behutsames Vorgehen

Das Tempo des Krimis ist sehr zurückgenommen. Das passt sehr gut, denn natürlich geht es bei George nicht allein um den Mord. Die Personen und ihre Geschichte, ihre Beziehungen untereinander nehmen einen großen Raum ein. Der Fokus liegt auf Verlust eines geliebten Menschen und der Frage, welche Möglichkeiten man findet, um damit umzugehen: Da sind die Eltern des ermordeten Jugendlichen; der Großvater, der fürchtet, seine Enkelin an ein ihm fremdes Leben zu verlieren; der Vater, der vor vielen Jahren seinen Sohn verlor; die Frau, die sich vor langer Zeit von ihrer Familie lossagte; und natürlich Thomas Lynley, der einen Weg sucht, mit dem Mord an seiner Frau zu leben.

Differenzierte Charaktere, behutsames Vorgehen, übergeordnete Fragen, die aus verschiedenen Sichtweisen gestellt und betrachtet werden – Elizabeth George hat zu recht eine große Fangemeinde. Das muss man natürlich mögen. »Doch die Sünde ist scharlachrot« ist ein 760-Seiten-Wälzer mit dem Versprechen des Entschwindens für Tage und Stunden: eintauchen in die George-Welt, in der man eher fühlt als denkt. Da muss man der Autorin vertrauen können. Und George ist durchaus eine, der man sich anvertrauen kann, denn ihren Figuren wie ihren Lesern gegenüber handelt sie ebenso fair wie einfühlsam und gibt niemanden der Lächerlichkeit preis.

Kirsten Reimers

Elizabeth George: Doch die Sünde ist scharlachrot
Ein Inspector-Lynley-Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Ingrid Krane-Müschen und Michael J. Müschen
Blanvalet 2008, 768 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3-7645-0242-3


Lebenslügen und andere Netze

Rettungsnetze – Fangnetze

Als Joanna sechs Jahre alt war, wurde ihre Mutter, ihre Schwester und ihr kleiner Bruder vor ihren Augen ermordet. Joanna konnte sich in Sicherheit bringen, indem sie davonlief. Heute ist sie Mitte dreißig, Ärztin, selbst Mutter eines Babys – im gleichen Alter wie ihr kleiner Bruder Josef, als er erstochen wurde. In wenigen Tagen kommt der Mann frei, der dafür verantwortlich ist. Ist sie darum untergetaucht? Wieder weggelaufen? Oder ist sie tatsächlich zu einer kranken Tante gefahren, wie ihr Ehemann behauptet? Oder gibt es einen ganz anderen Grund, weshalb Joanna mitsamt ihrem Baby spurlos verschwunden ist – ohne ihre Handtasche, ihr Handy (ihre „Rettungsleine“), ihr Asthmaspray, die Schmusedecke des Babys? Reggie, das 16-jährige Kindermädchen, weiß immer weniger, welche Version sie nun glauben soll. Und je mehr sie nachfragt und bohrt, umso größer werden ihre Zweifel. Die Polizei will ihr kein Gehör schenken, doch durch einen Zufall – ein verheerendes Zugunglück – lernt sie Jackson Brodie, den Privatdetektiv, kennen. Zögernd lässt der sich überzeugen, ihr bei der Suche zu helfen, denn eigentlich ist er mit eigenen Dingen vollauf beschäftigt, von seinen Verletzungen – körperlich wie seelisch – mal ganz abgesehen. Und da es sich um einen Roman von Kate Atkinson handelt, wird sich die Aufklärung vollkommen anders gestalten, als man es erwartet.

Plotnetze

Die Britin Kate Atkinson beherrscht die Kunst, Handlungsfäden zu spinnen, zu teilen, zu verspleißen, zu verwirren und wieder zu entflechten. Die Plots ihrer Bücher wirken wie kunstvoll geknüpfte Netze, in denen man sich als Leser ganz wunderbar verfangen kann, aus denen man aber stets von der sachkundigen Hand der Autorin wieder herausgeführt wird (und zwar erst, wenn man wirklich nicht mehr weiß, wo man steht). Einen konventionellen Krimiverlauf sucht man hier vergeblich. Zwar gibt es ein Geheimnis, vielleicht sogar ein Verbrechen, es gibt einen Ermittler, es gibt die Beantwortung von Fragen – doch mit einem herkömmlichen Detektivroman hat das wenig gemeinsam. Atkinson wirft Plotsteine in einen See voller Leben und Geschichten und beschreibt, was sich daraus ergibt. Zufälle, Absichten, Konsequenzen, Unfälle verschränken sich, enthüllen und verschleiern einander. Das reicht von absurd-witzig über tragisch bis makaber – und alles hängt mit allem zusammen, irgendwie: Dickens, Hemingway und Plinius (der Jüngere) mit brutalen Schlägern, Hirntumore mit Zugunglücken, Liebe mit Angst, Angst mit Leben. Ganz verwundert steht man beim Lesen davor – hier gibt es kein seliges Verschmelzen mit dem Text, nur ein waches Sich-Anvertrauen – und weiß doch: Es kann nur so geschehen, es ist letztlich nur so wirklich logisch.

Unglaublicherweise wandten sich die Männer zum Gehen. »Wir kommen wieder«, sagte der Blonde. Dann sagte der Karottenhaarige, »Wir haben ein Geschenk für dich«, zog ein Buch aus der Tasche – unverwechselbar ein Klassiker von Loeb – und warf es ihr zu wie eine Handgranate. Sie versuchte nicht einmal, es aufzufangen, dachte, es würde in ihren Händen explodieren, konnte nicht glauben, dass es nur etwas so Harmloses wie Worte enthielt. Sie hörte Ms Macdonalds Stimme sagen: »Worte sind die mächtigsten Waffen, über die wir verfügen.« Wohl kaum. Worte konnten einen nicht vor einem riesigen Schnellzug retten, der mit Höchstgeschwindigkeit auf einen zuraste. (Hilfe!) Sie konnten einen nicht vor Gangstern retten, die Geschenke brachten. (Nein, danke.)
»Hasta la vista, Baby«, sagte der Rothaarige, und beide gingen. Sie waren Idioten, Idioten mit Klassikern von Loeb.
Sie nahm den grünen Loeb, der in der Duschwanne gelandet war. Der erste Band der Ilias. Wie konnte das eine Botschaft sein?

Ins Netz gegangen

Ganz wunderbar ist Kate Atkinson die Verschränkung von Konsequenzen in »Liebesdienste« (seit Juli 2008 im Taschenbuch bei Knaur) gelungen. Der aktuelle Band, der dritte mit Privatdetektiv Jackson Brodie (ohne von einer Serie reden zu wollen), ist nicht ganz so hinreißend. Die Verknüpfung der Handlungsstränge ist gut, die Konsequenzen, die sich aus Geschehnissen entwickeln, sind unumgänglich – und doch wirken die Zusammenfügungen ein wenig gequält. Was in »Liebesdienste« spielerisch und zwingend logisch einfach geschah, muss in »Lebenslügen« zusammengezwungen werden, wirkt ein wenig gewollt.

Aber nichtsdestotrotz ist »Lebenslügen« ungewöhnliche, wunderbare, schräge und intelligente Unterhaltung. Darum steht das Buch auch hoch verdient auf Platz 8 der KrimiWelt-Bestenliste im Dezember 2008 (ich sag ja auch nur, dass »Liebesdienste« *noch* besser war).

Kirsten Reimers

Kate Atkinson: Lebenslügen
Aus dem Englischen von Anette Grube
Droemer 2008, 432 Seiten, 18,95 Euro
ISBN: 978-3-426-19819-3

Kate Atkinson: Liebesdienste
Aus dem Englischen von Anette Grube
Knaur 2008, 492 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-426-63664-0

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