Geweckte Erwartungen gelungen untergraben
In einem Waldstück bei Dublin, in der Nähe einer archäologischen Grabung, wird auf einem urzeitlichen Opferaltar die Leiche der zwölfjährigen Katy entdeckt. Sie wurde geschlagen, erwürgt, nach dem Tod mit einem Gegenstand sexuell missbraucht. Die Ermittlungen
übernehmen Detective Rob Ryan und seine Partnerin Cassie Maddox. Vor zwanzig Jahren war dieser Wald schon einmal der Schauplatz eines Verbrechens: Drei zwölfjährige Kinder verschwanden in ihm, zwei Jungen und ein Mädchen – Peter, Germaine, Adam -, und nur Adam wurde wieder gefunden. Er klammerte sich an einen Baum, krallte die Finger in die Rinde, die Schuhe waren blutdurchtränkt. Schwer traumatisiert, erinnert er sich an nichts. Was niemand außer Cassie weiß und auch nicht wissen darf: Rob Ryan, eigentlich Adam Robert Ryan, ist jener Junge. Würde dies bekannt, würde ihm der aktuelle Fall aufgrund seiner Verstrickung entzogen werden – denn möglicherweise besteht eine Verbindung zwischen beiden Verbrechen. Und je weiter die Ermittlungen voranschreiten und je tiefer Ryan von dem Fall berührt wird, umso weniger kann er zurück, ohne seine Karriere und auch die seiner Partnerin unwiderruflich zu ruinieren.
»Ich sehne mich nach der Wahrheit …«
Soweit die Ausgangssituation, soweit eine Konstruktion, die zunächst nicht viele wirkliche Überraschungen verspricht. Eventuell Serienmord, bestimmt Kindesmissbrauch, ganz sicher ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit des Ermittlers. Ein Ekelgruselserienmörderding. Schon x-mal in dieser oder ähnlicher Form gelesen.
Doch mit dieser Einstellung hätte man sich von der Autorin schon ein erstes Mal verwirren lassen. Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, ist dieses 670-Seiten-Brikett kein »Ich-lasse-andere-für-mich-denken«-Schmöker, sondern erfordert ein waches Auge und ein vorsichtiges Herangehen. Denn wie Rob Ryan, aus dessen Sicht die Ereignisse geschildert werden, schon am Anfang erklärt:
Eins dürfen Sie nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlicher Art, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufs, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen, und wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengesetzt sind. (…)
Was ich Ihnen sagen will, ehe ich mit meiner Geschichte anfange, ist zweierlei: Ich sehne mich nach Wahrheit. Und ich lüge.
Die Suche nach dem oder den Tätern bestimmt zwar durchaus die Struktur dieses Kriminalromans. Aber neben dieser gibt es mindestens noch eine zweite Geschichte: die Suche nach Antworten: was damals vor zwanzig Jahren passiert ist, was aus Pete und Germaine geworden ist, was Adam gesehen hat, dass er sich nicht erinnern will. Manchmal scheint es, als würde in den Ereignissen von damals der Schlüssel für die Geschehnisse heute liegen – doch es könnte auch anders sein. Vielleicht hat das rein gar nichts miteinander zu tun. Vielleicht handelt es sich nur um einen Zufall.
»… Und ich lüge«
Damit öffnet sich eine andere Ebene, nämlich die Frage, welche Rolle die Vergangenheit und die Erinnerung an sie für das Leben und die eigene Identität spielt. Je weiter die Ermittlungen voranschreiten, umso mehr droht die Vergangenheit Ryan zu überwältigen, während ihm gleichzeitig die Gegenwart entgleitet. Die Wahrnehmung und Darstellung von Personen beginnt auseinanderzuklaffen, und manche Erinnerung wirkt seltsam verbogen. Auch das Verhältnis zwischen Rob und Cassie leidet darunter: Verband sie anfangs eine tiefe und offene Freundschaft, so zerbricht dies, weil Rob sich an der Vergangenheit festkrallt (wie damals an den Baumstamm) und nicht mit einer veränderten Gegenwart zurecht kommt.
Der Originaltitel lautet »In the Woods« – deutlich vielschichtiger als der Gruselreißertitel mit Irlandanklang »Grabesgrün«, und sehr viel passender. Denn Ryan hat nie wieder herausgefunden aus den Wäldern – seien sie nun Vergangenheit oder Gegenwart.
»Grabesgrün«, das Debüt der Schauspielerin Tana French, spielt gekonnt mit Krimierwartungen und -elementen. Was auf den ersten Blick als konventionelle Kost erscheint, entwickelt eine wunderbare Tiefe und Intensität. Andere Autoren hätten die Ausgangssituation als Anlass für Blut- und Spermaströme, für Ekelattacken und Gewaltorgien genommen – French belässt es bei einem unaufgeregten Fortgang. Weitere Leichen sind für die Aufrechterhaltung der intensiven Spannung nicht nötig. Das vermag sie zum einen aufgrund der Figuren, die mit Komplexität ohne alberne Schrulligkeiten gezeichnet sind, an deren lebendiger Beziehung untereinander, aber auch aufgrund der Kombination von Gegenwart und Vergangenheit und an dem Umgang damit. Und dank der Doppelbödigkeit: der allgegenwärtigen Unsicherheit, was Wahrheit, was Lüge, was Hoffnung ist. Das erlaubt French, einige Fragen ungeklärt zu lassen: Was bei anderen ein Zeichen von Unvermögen wäre, ist hier ein großes Plus und zeigt eine beeindruckende Könnerschaft im Spiel mit Regelbrüchen, mit geweckten Erwartungen und gelungenen Enttäuschungen.
Tana French: Grabesgrün
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann
Scherz Verlag, 672 Seiten, 16,90 Euro
ISBN: 978-3-502-10191-8
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entschwindet im Lichtschacht eines alten, grauen, großen Gebäudes. Bei der nachfolgenden Bergungsaktion entdeckt die angehende Journalistin das Wort »Hilfe« – mit Mühe und offenbar über einen langen Zeitraum hinweg in den Stein des Schachtes gegraben. Damit ist Ritas Neugier geweckt. Mit Hartnäckigkeit macht sie sich daran, das Geheimnis zu lüften. Die Spur führt zurück in die Nazizeit, in die Wirren des Zweiten Weltkriegs zu einem gemeinen Verbrechen. Und damit nicht genug – alles deutet daraufhin, dass der unheimliche Täter, der »Graumacher« noch heute sein Unwesen treibt.
nach dem dramatischen Tod seiner Frau und seines ungeborenen Kindes vollkommen aus der Bahn geworfen. Er hat Scotland Yard, Freunden und Familie den Rücken gekehrt, um allein die Küste entlang zu wandern, um zu vergessen. Doch der Tod von Santo Kerne zwingt ihn ins Leben zurück.
Josef, als er erstochen wurde. In wenigen Tagen kommt der Mann frei, der dafür verantwortlich ist. Ist sie darum untergetaucht? Wieder weggelaufen? Oder ist sie tatsächlich zu einer kranken Tante gefahren, wie ihr Ehemann behauptet? Oder gibt es einen ganz anderen Grund, weshalb Joanna mitsamt ihrem Baby spurlos verschwunden ist – ohne ihre Handtasche, ihr Handy (ihre „Rettungsleine“), ihr Asthmaspray, die Schmusedecke des Babys? Reggie, das 16-jährige Kindermädchen, weiß immer weniger, welche Version sie nun glauben soll. Und je mehr sie nachfragt und bohrt, umso größer werden ihre Zweifel. Die Polizei will ihr kein Gehör schenken, doch durch einen Zufall – ein verheerendes Zugunglück – lernt sie Jackson Brodie, den Privatdetektiv, kennen. Zögernd lässt der sich überzeugen, ihr bei der Suche zu helfen, denn eigentlich ist er mit eigenen Dingen vollauf beschäftigt, von seinen Verletzungen – körperlich wie seelisch – mal ganz abgesehen. Und da es sich um einen Roman von Kate Atkinson handelt, wird sich die Aufklärung vollkommen anders gestalten, als man es erwartet.
aber stets von der sachkundigen Hand der Autorin wieder herausgeführt wird (und zwar erst, wenn man wirklich nicht mehr weiß, wo man steht). Einen konventionellen Krimiverlauf sucht man hier vergeblich. Zwar gibt es ein Geheimnis, vielleicht sogar ein Verbrechen, es gibt einen Ermittler, es gibt die Beantwortung von Fragen – doch mit einem herkömmlichen Detektivroman hat das wenig gemeinsam. Atkinson wirft Plotsteine in einen See voller Leben und Geschichten und beschreibt, was sich daraus ergibt. Zufälle, Absichten, Konsequenzen, Unfälle verschränken sich, enthüllen und verschleiern einander. Das reicht von absurd-witzig über tragisch bis makaber – und alles hängt mit allem zusammen, irgendwie: Dickens, Hemingway und Plinius (der Jüngere) mit brutalen Schlägern, Hirntumore mit Zugunglücken, Liebe mit Angst, Angst mit Leben. Ganz verwundert steht man beim Lesen davor – hier gibt es kein seliges Verschmelzen mit dem Text, nur ein waches Sich-Anvertrauen – und weiß doch: Es kann nur so geschehen, es ist letztlich nur so wirklich logisch.