Dunkle Zeiten

Auf regennasser Straße gerät Michel Descombe bei einem Überholmanöver von der Straße ab und stirbt an den Folgen. Ein Unfall aufgrund von Alkohol und überhöhter Geschwindigkeit? Lieu- tenant Ohayon ist nicht davon überzeugt und hakt im Freundeskreis des Opfers nach. Je mehr Fragen er stellt, umso verwobener und dunkler wird der Fall, umso unklarer die Beziehungen der Freunde untereinander und die Frage, was Schuld bedeutet.

»Der Unfall in der Rue Bisson« ist der vierte Kriminalroman von Matthias Wittekindt um den Lieutenant und sein Team, angesiedelt in einer Kleinstadt kurz hinter der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland, der in der Edition Nautilus erscheint. Angenehm unaufgeregt fragt der Kriminalroman nach Freundschaft und Vertrauen, nach Schuld und Verantwortung aus verschiedenen Blickwinkeln und belässt es nicht bei simplifizierenden Antworten.

Wittekindt nähert sich seinen facettenreichen Figuren mit klugem und klarem, aber nie kaltherzigem Blick und baut Spannung aus einer subtilen Ungewissheit und Verunsicherung heraus auf. Ein wunderbar literarischer Krimi, atmosphärisch dicht, der dank seiner präzisen Sprache und seines behutsamen Herangehens auf jegliche Aufbauschung verzichten kann.

Zwischen Gier und Sehnsucht

Georgia, 1917: Nach dem Tod des Vaters beschließen die drei Brüder Cane, Cob und Chimney Jewett der bitteren Armut zu entfliehen, in der sie bisher gelebt haben. Sie kehren der Idee der himmlischen Tafel, die der naive Glaube ihres Vaters ihnen für harte Arbeit und Entbeh- rungen auf Erden in Aussicht gestellt hat, den Rücken. Statt- dessen folgen sie der einzigen ihnen be- kannten Alternative zur Bibel: Überfälle und Plündereien nach dem Beispiel »Bloody Bill Buckets«, dem zwie- lichtigen Helden eines Groschenromans.

Donald Ray Pollocks aktueller Roman »Die himmlische Tafel« spielt um die Zeit des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg. Gleichzeitig wirkt er jedoch wie in fernen Zeiten angesiedelt: Moderne und Rückständigkeit liegen nahezu unverbunden nebeneinander. Die zahlreichen bizarren Menschen, die diesen Roman bevölkern, scheinen nur bedingt von der Zivilisation des frühen 20. Jahrhunderts angesteckt: Triebhaft gieren sie danach, ihren Hunger nach Alkohol, Sex, Geld, Blut zu stillen.

»Die himmlische Tafel« ist kein typischer Kriminalroman, sondern fällt eher unter die Bezeichnung Country Noir. Übervoll mit drastischen Schilderungen, braucht es an manchen Stellen einen guten Magen, um die beschworenen Bilder zu überstehen. Knietief watet man allerlei Körperausscheidungen. Und wenn man schon denkt, man hat verstanden, worum es geht und wie es läuft, nämlich dass alle Menschen verloren und verkommen sind, dass es keinen Ausweg aus Gier, Geilheit und Suff gibt, dann schimmert Sehnsucht und Zartheit auf hinter dem Gestank. Und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein großer, guter Roman.

Lügen und Geheimnisse

Johannisburg, 1953. Die Verschärfung der Segregationsgesetze nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist im Alltagsleben in Südafrika deutlich zu spüren. Zwischen den Fronten steht Detective Sergeant Emmanuel Cooper, der heimlich eine Schwarze liebt und mit ihr ein Kind hat. Um seine Familie zu schützen, bestimmen Lügen und Misstrauen sein Leben. Keine gute Voraus- setzung für den Polizisten, der sich erst neu nach Johannesburg hat versetzen lassen. Besonders Lieutenant Walter Mason, ein ehemaliger Mitarbeiter der Geheimpolizei, scheint ihn sehr genau im Blick zu behalten.

In dieser schwierigen und aufgeheizten Situation wird ein weißes Ehepaar in seinem Haus überfallen und brutal zusammengeschlagen. Verdächtig ist der Sohn eines sehr guten Freundes und Kollegen von Emmanuel Cooper, was dieser jedoch nicht glauben kann. Er vermutet, dass der Junge als Sündenbock herhalten soll. Aber für wen?

Es ist eine finstere Zeit für Südafrika. Die Apartheid heizt das Leben mit Rassismus und Gewalt auf und bereitet so einen fruchtbaren Boden für Korruption, Hass und Mord. Malla Nunn schreibt in »Zeit der Finsternis« kraftvoll und klug über ein gesellschaftliches Klima, das vergiftet ist von Verachtung, Bigotterie, Angst und permanentem Misstrauen. Aber sie schildert auch die kleinen Momente von Glück und Freundschaft jenseits von Rassen- und Gesell- schaftsschranken.

Kirsten Reimers


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Matthias Wittekindt: Der Unfall in der Rue Bisson
Edition Nautilus 2016
kart., 224 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-96054-018-2
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel
(The Heavenly Table, 2016)
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind 2016
geb., 429 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-95438-065-7
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Malla Nunn: Zeit der Finsternis
(Present Darkness, 2014)
Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski
kart., 301 Seiten, 13 Euro
ISBN 978-3-86754-217-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)


 

 Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse