Mörderische Irrtümer

Nachdem er seinem Professor beim Schleppen von Bücherkisten geholfen hat, bleibt Moses mit seinem Wagen liegen. Irgendwo in einem gutbürgerlichen Vorort der südafrikanischen Stadt East London. Ganz in der Nähe ist eine Gated Community, in der, wie sich Moses erinnert, ein Kommilitone wohnt; vielleicht kann dieser helfen. Es ist uner- träglich heiß, seine Freundin Sandi erwartet ihn – alles was Moses will, ist nach Hause. Doch als Schwarzer fällt er in der Gated Com- munity enorm auf – und dann läuft alles schrecklich schief.

„Die Mauer“ ist der zweite Kriminalroman von Max Annas, der selbst lange Zeit in East London gelebt hat. Wie der erste Roman – „Die Farm“ – ist auch dieser kammerspielartig angelegt: eine klar eingegrenzte Umgebung, eine übersichtliche Anzahl von Personen, eine Situation, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Glasklar und lakonisch im Stil beschwört Annas eine klaustrophobische Atmosphäre herauf, in der die Konflikte Südafrikas auf kleinstem Raum aufeinander treffen: unterschwelliger und offener Rassismus, soziale Zerklüftung, tief verwurzelte Aggressionen. Beklemmend und sehr, sehr gut.

Mörderischer Schein

Auf offener Bühne erschießt sich der Schauspieler Fábbio Cássio am Ende einer Theatervorstellung. War es ein öffentlicher Selbstmord? War es ein Versehen? Der Revolver hätte nicht geladen sein sollen, der Selbstmord der Figur, die Cássio spielte, gehörte zum Stück. Oder war es ein Mord? Hat jemand die Waffe absichtlich mit scharfer Munition ge- laden?

Verdächtige gibt es bald, bald auch Verhaftungen – aber die Wahrheit ist in Patrícia Melos Krimi- nalroman „Trügerisches Licht“ doch komplexer, als es zunächst scheinen mag. Während Azucena Gobbi, die Chefin der Spurensicherung São Paulo, in der Welt der Schönen und Reichen, der Stars und Sternchen nach Tatsachen und Fakten sucht, zersplittert Brasilien im Chaos: Was ist der Mord eines schlechten Schauspielers im Vergleich zu unzähligen Morden und Vergewaltigungen, zu Korruption und organisierter Kriminalität? Wem kann man trauen, wenn selbst in den Reihen der Polizei das Verbrechen regiert? Doch Azucena lässt sich nicht beirren und trägt die Splitter zusammen.

Dicht, direkt und unsentimental schildert Patrícia Melo die Spurensuche im trügerischen Licht der Glamourwelt und vergisst dabei in keinem Moment die Schattenseiten der brasilianischen Gesellschaft. Das Ergebnis ist ein vielschichtiger und intelligenter Krimi.

Lange Schatten der Vergangenheit

Es sieht aus wie eine späte Abrechnung im kriminellen Milieu: In Nizza wird der Marseiller Geschäftsmann Maxime Pieri im Morgengrauen auf offener Straße erschossen. Früher war Pieri ins organisierte Ver- brechen verwickelt, der- zeit – es ist das Jahr 1973 – gibt es Macht- kämpfe in Marseille um die Vorherrschaft. Ein- fach nur ein weiteres Opfer? Staatsanwalt- schaft und Polizei- führung in Nizza und Marseille würden es gern so sehen und den Fall abhaken. Der frisch eingetroffene junge Kommissar Theo Daquin wird mit dem Mord betraut, in der Hoff- nung, dass er auf die offizielle Linie ein- schwenkt. Doch Daquin hat seinen eigenen Kopf. Und tatsächlich trügt der erste Eindruck: Hinter dem Mord an Pieri steckt weit mehr, als im ersten Augenblick zu vermuten war.

Dominique Manotti taucht mit dem Roman „Schwarzes Gold“ in die Vergangenheit ihres Kommissars Daquin ein und damit in die Weltwirtschaftsgeschichte Anfang der siebziger Jahre, als der Handel mit Erdöl jenseits des Monopols der Großkonzerne erstarkt, als mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems die Währungen, besonders der US-Dollar, stark schwanken, als die Weltwirtschaft in Bewegung gerät – und mit ihr natürlich die Politik. Das ist alles andere als längst vergangen, denn wie Manotti zeigt, liegen dort die Ursprünge für die Konflikte im Nahen Osten. Manotti gelingt es, das Weltgeschehen in den Ereignissen vor Ort greifbar zu machen. Sie macht wirtschaftliche und politische Zusammenhänge deutlich und verständlich, ohne ihre Komplexität zu verschweigen. Das ist große Kunst – und das Ergebnis ist ein hochspannender, sehr kluger Krimi.

Kirsten Reimers


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Max Annas: Die Mauer
Rowohlt 2016
kart., 221 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-499-27163-2
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Patrícia Melo: Trügerisches Licht
(Fogo-Fátuo, 2014)
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Barbara Mesquita
Tropen 2016
kart., 320 Seiten, 14,95 Euro
ISBN 978-3-608-50215-2
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Dominique Manotti: Schwarzes Gold
(Or noir, 2015)
Aus dem Französischen von Iris Konopik
Ariadne/Argument 2016
geb., 379 Seiten, 19 Euro
ISBN 978-3-86754-213-5
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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse