Neue Kriminalromane von Christiane Geldmacher, Merle Kröger und Friedrich Ani
Harry liebt Miriam. Aber Miriam hat ihn verlassen. Schon vor zwei Jahren. Längst hat sie einen neuen Freund: Ben. Und weil Miriam auf Facebook aktiv ist, richtet sich auch Harry dort ein Profil ein. Bald schon ist er im sozialen Netzwerk nicht nur Miriam dicht auf den Fersen,
sondern auch ihrem Neuen – und in Harry wächst die Überzeugung: Alles könnte gut werden, wenn nur Ben nicht mehr wäre. Eine folgenreiche Idee.
Das Geschehen wird in Tagebucheinträgen aus Harrys Sicht geschildert. Zwischendrin sind Meldungen von Facebook eingestreut, mitunter auch E-Mails von Harry an andere Personen. Manchmal auch deren Antworten. Und spätestens diese belegen, was man beim Lesen ahnt: Harry ist ein äußerst unzuverlässiger Erzähler. Er schönt und verklärt seine Aktivitäten, belügt sich und andere. Selbst- und Fremdwahrnehmung klaffen kilometerweit auseinander – mit fatalen Konsequenzen.
Christiane Geldmacher hat in ihrem ersten Kriminalroman »Love@Miriam« mit Harry eine grandios unsympathische Hauptfigur geschaffen, der man als Leser aber gern folgt. Denn Harry macht nicht nur sehr treffende spitze Bemerkungen zur Netzgesellschaft, zum Leben im Allgemeinen, zum Lieben, Tai Chi oder zur Arbeitswelt im Besonderen, sondern er ist auch äußerst stimmig gezeichnet in seinem Liebeswahn, in den er sich immer weiter hineinsteigert. Geschrieben ist dies ein wenig überzogen, mit leicht überdreht-hysterischen Komik, die ganz wunderbar passt und die Realität besser einfängt als jede Studie zum Thema Stalking.
Ein heimliches Leben
Auf ganz andere Weise nähert sich Friedrich Ani mit seinem Ermittler Tabor Süden der Realität. Der ehemalige Kriminalkommissar Süden, früher zuständig für Vermisstenfälle, ist auch als
Privatermittler ausschließlich mit Vermissungen befasst.
Es sind keine großen, spektakulären Fälle, mit denen er zu tun hat. Meist geht es um Menschen, die unauffällig und in sich zurückgezogen am Rande der Gesellschaft leben. Ohne große Hoffnungen, ohne tiefe Bindungen zu anderen. Menschen, die nach außen hin funktionieren, denen aber niemand nah kommt. Menschen, die ein heimliches Leben führen, ein stilles, kleines, auf engem Raum. Bis etwas passiert, dass sie so überfordert, dass sie einfach gehen. Wie die Kellnerin Ilka Senner, die bislang fleißig und zuverlässig sechs Tage pro Woche in einer Kneipe arbeitete, beliebt bei den Gästen, aber sehr zurückhaltend. So still, dass niemand etwas von ihr weiß oder ihr verborgenes Leben kennt.
Friedrich Ani erzählt in »Süden und das heimliche Leben« – wie in jedem seiner Romane – mit großer Einfühlung von echten Menschen mit vielschichtigen Gefühlen, weit entfernt von jedem Klischee. Dies tut er mit einem unverstellten Blick auf das, was Menschen einander antun können, mit einem großen Herzen und ebenso kluger wie erbarmungsloser Komik.
Untiefen – nicht nur in der Provinz
Ganz der Realität verpflichtet ist auch Merle Krögers neuer hervorragender Roman »Grenzfall«: Im Juni 1992 werden an der deutsch-polnischen Grenze zwei Männer erschossen. Ein bedauerlicher Jagdunfall? Warum brennt dann kurz darauf das Feld, wo dies geschah? Warum
werden die genauen Umstände vertuscht? Warum gehen die Schützen vollständig straffrei aus? Und warum unterrichtet niemand die Familien der Toten? Eine der Figuren sagt dazu: »Wären die Opfer Deutsche gewesen und nicht Roma, wäre alles ganz anders gelaufen.« 1992, kurz nach der Wiedervereinigung. Das ist das Jahr, in dem die Asyldebatte in den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gipfelte, als die Wohnheime von Asylbewerbern unter dem Gejohle des Mobs von Rechtsradikalen in Brand gesteckt wurden.
Merle Kröger greift in »Grenzfall« einen tatsächlichen Fall aus dem Jahr 1992 auf, und sie zieht die Fäden bis in die Gegenwart. Die Autorin belässt es nicht dabei, nach Ursachen in einzelnen Menschen oder in der ostdeutschen Provinz zu suchen, sondern beleuchtet nationale wie europäische Bedingungen, die Lebensverhältnisse der Roma in Europa, die Auswirkungen der Wirtschaftskrise wie auch die Gewaltbereitschaft des Einzelnen und die Angst vor dem Fremden, die von rechtsradikalen Parteien aus Machtkalkül instrumentalisiert wird. Auf diese Weise gelingt ein Ineinander von großen Strukturen und persönlichen Denkweisen. Große Realitätsnähe, hohe analytische Kraft, gesellschaftliche Relevanz und gleichzeitig eine lebendige Darstellung – das ist Kriminalliteratur, wie sie sein soll.
Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:
Christiane Geldmacher: Love@Miriam
Edition 211/Bookspot Verlag 2012
geb., 219 Seiten, 14,80 Euro
ISBN 978-3-937357-71-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
Friedrich Ani: Süden und das heimliche Leben
Knaur Taschenbuch Verlag 2012
Tb., 203 Seiten, 8,99 Euro
ISBN 978-3-426-50937-1
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
Merle Kröger: Grenzfall
Ariadne Krimi/Argument Verlag 2012
Tb., 348 Seiten, 11 Euro
ISBN 978-3-86754-210-4
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Frankfurter Neuen Presse.


Beeindruckend auf ganz andere Weise ist der aktuelle Roman von Carl Hiaasen: In »Sternchenhimmel« verpasst Hiaasen der Popmusikindustrie munter gut gezielte Seitenhiebe. Bei ihm ist Los Angeles’ Glamourwelt – die auch sehr unglamourös daherkommen kann – bevölkert von wunderbar seltsamen Figuren: zum Beispiel einem Popsternchen, das nicht singen, aber dafür exzessive Rauschmittel einwerfen kann, einem besessenen Paparazzo, der die Falsche entführt, einem megaharten Bodyguard mit eingebauten Rasentrimmer, zur Gesichtsstarre gebotoxte PR-Zwillinge, einem Exgouverneur mit improvisierten Dreadlocks auf Rachefeldzug und diverse mehr. Sie alle agieren mit- und gegeneinander, um an Geld, Drogen, Ruhm und Ähnliches zu kommen. In seiner schrägen Überdrehtheit ein sehr kluger Kriminalroman, der seine wirklichen treffenden Spitzen in lässiger Beiläufigkeit verteilt.
Namen Hermann Kermit Warm umzubringen, der den Kommodore angeblich bestohlen hat. Unterwegs treffen die beiden Brüder eine Menge seltsamer Menschen und erleben eine Menge seltsamer Dinge.
sind entführt worden. Beide sind als Duo im Halbfinale einer Castingshow – entsprechend groß ist die öffentliche Wirkung dieses Verbrechens. Von verrückten Stalkern über falsche Freunde bis zur Theorie, das sei nur ein PR-Trick findet sich alles im medialen Wahnsinn, der immer höher kocht – zumal auch die Entführer sich ausschließlich an die Zeitungen wenden.
In Paddy Richardsons Thriller »Komm, spiel mit mir« geht es weniger um ein Verbrechen als vielmehr um dessen Auswirkungen auf Gemmas Familie: Das Geschehen wird überwiegend mit Blick auf Stephanie und deren Empfinden geschildert. So engagiert diese sich zwar sehr für ihre Patienten, doch die eigenen Verletzungen hat sie verdrängt: Immer noch leidet sie an starken Schuldgefühlen wegen des Verschwindens ihrer kleinen Schwester, ihr Verhältnis zu ihrer Familie, besonders zu ihrer Mutter, ist sehr angespannt, und sie kann sich auf keine Liebesbeziehung einlassen. Ebenso ist Stephanies Suche nach demjenigen, der ihre Schwester einst entführte, in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Schmerz und eine Selbsttherapie: Stephanie bricht aus gewohnten Strukturen aus, macht neue Erfahrungen, lernt zu leben und söhnt sich schließlich sogar mit der Mutter aus.