Archiv für den Monat: Juli 2014

Misstrauen, Intrigen und Bier

Subversive kurze Geschichten und verstörende Kriminalromane

Hochschwanger kommt Jane Logan ins winterlich nasskalte Berlin. Sie hat London hinter sich gelassen, um mit ihrer Lebensgefährtin zusammenzuwohnen. Doch es ist nicht das erhoffte Glück, das sie erwartet. Petra, eine erfolgreiche Bänkerin, arbeitet sehr viel, und lässt die junge Frau viel zu oft allein, der Nachbar ist unangenehm, und seine Tochter scheint ein fürchterliches Geheimnis mit sich herumzutragen. Die alte Frau Becker aus dem Erdgeschoss erzählt sogar, dass im zerfallenen Hinterhaus eine Leiche versteckt ist, deshalb wird es nicht renoviert. Aber Frau Becker ist nicht ganz richtig im Kopf. Oder?

Warum lässt jemand ein Haus in einer begehrten Berliner Wohngegend verfallen – wo er doch Millionen damit verdienen könnte? Ist Janes Lebensgefährtin so manipulativ, wie ihr Bruder es behauptet? Benutzt sie Jane womöglich nur als Brutkasten? Und missbraucht der Nachbar seine Tochter? Nach und nach entgleiten Jane alle Gewissheiten, bis sie schließlich um ihr Leben fürchten muss – oder etwa nicht?

Louise Welsh kreiert in ihrem Roman »Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar« eine alldurchdringende Atmosphäre des Misstrauens und der Unsicherheit. Sind die Personen, wie sie zu sein vorgeben? Oder bildet sich Jane das alles nur ein? Denn es ist auch klar, dass die junge Frau eine unzuverlässige Erzählerin ist, die kaum eingestandene Geheimnisse mit sich herumträgt. Eine intelligente Geschichte von Angst, Projektion und Ohnmacht vor dem Hintergrund von Profitdenken und Manipulation – dankenswerterweise geschrieben mit großem Mut zur Konsequenz.

Verlust, Tod und Bier

Friedrich Ani, mehrfacher Gewinner des Deutschen Krimi Preises, legt mit seinem neuesten Buch »Unterhaltung« eine Sammlung von kurzen Geschichten vor. Nicht alle lassen sich ohne weiteres unters Krimigenre einordnen, aber so gut wie alle sind von Verbrechen geprägt. Manche sind plakativ und laut, andere eher hintersinnig und subtil, sehr viele wunderbar boshaft, und alle sind ungeheuer unterhalt- sam. Es geht um Korruption, um Vetternwirtschaft, um Eifersucht, Gier, Sehnsucht und Überdruss, Liebe und Hass, Verlust, Tod und Bier. Viel Bier. Mit »Unterhaltung« zeigt Ani, dass nicht nur seine Romane brillant sind, sondern dass ihm auch die Kurzform ganz wundervoll böswillig und glänzend komisch gelingt.

Das schlimmste Jahr der britischen Nachkriegsgeschichte

Großbritannien, Frühjahr 1984: Weil sie die Schließung von Gruben befürchtet, ruft die Bergbaugewerkschaft NUM den Arbeitskampf aus. Ein Jahr wird dieser dauern, eines der schlimmsten Jahre der britischen Nachkriegsgeschichte. Dem Gewerkschaftführer Arthur Scargill – von einen Anhängern als King Arthur gefeiert, von seinen Gegner mit Stalin oder Hitler verglichen – steht die »Eiserne Lady« Margret Thatcher gegenüber, deren Regierung mit aller Macht durchgreift: Milliarden werden in Polizeieinsätze gesteckt, wie entfesselt prügeln Polizisten ungestraft auf Streikende ein. Die Gewerkschaften revanchieren sich wenig zimperlich. Im März 1985 geben die Bergarbeiter schließlich auf – Thatcher hat gewonnen: Zurück bleiben die Gewerkschaften, denen das Genick gebrochen wurde, ein Land, dessen soziale Strukturen ausgehöhlt sind, und die Bergarbeiter, auf deren Rücken dieser Konflikt ausgetragen wurde.

Dies ist der Hintergrund von David Peace’ »GB84«. Doch der schon 2004 im Original erschienene und nun von Peter Torberg hervorragend übersetzte Roman ist kein historischer Krimi: Dokumentarisches – akribisch recherchiert – ist mit Fiktivem verwoben. Peace fragmentiert, verdichtet, rhythmisiert, formt sehr bewusst: fiktive Figuren neben realen; Zitate aus Zeitungs- oder TV-Berichte, aus Literatur und Musik; die 53 Kapitel durchzogen von Berichten der Bergarbeiter Martin und Peter, die als fliegende Streikposten, als »Flying Pickets«, aktiv sind und in einer Art innerem Monolog die Problemen in den Familien, die blutigen Zusammenstößen mit der Polizei, das Zermürbende des Streikjahres schildern. Mehrere Handlungsstränge in unterschiedlichen Schriftarten und -größen, das Augenmerk weniger auf den prominenten Kontrahenten, sondern auf deren Handlanger und Zuträger schaffen ein kalt vibrierendes Bild des Geschehens, angereichert durch eine fiktive Krimihandlung. David Peace macht es seinen Lesern nicht leicht. Es gibt keine Figuren, die zur Identifikation einladen, keine Handlung, die Trost und Rückzug aus der Realität verspricht. Stattdessen liefert er ein gnadenloses Porträt der Macht – wütend, ohne explizit Partei ergreifen zu müssen, anklagend, ohne zum Pamphlet zu werden.

Kirsten Reimers

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Louise Welsh: Verdacht ist ein unheimlicher Nachbar
(The Girl on the Stairs, 2012)
Aus dem Englischen von Astrid Gravert
Kunstmann 2014
geb., 288 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-88897-929-3
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Friedrich Ani: Unterhaltung
Droemer 2014
geb., 315 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-426-28112-3
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David Peace: GB84
(GB84, 2004)
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Liebeskind 2014
geb., 539 Seiten, 24,80 Euro
ISBN 978-3-95438-024-4
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Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in:
Frankfurter Neue Presse