Archiv für den Monat: Oktober 2012

Die hässliche Wahrheit

Die eigenwilligste Privatdetektivin der Welt

Rund anderthalb Jahre, nachdem Hurrikan Katrina New Orleans zerstört hat, erhält die Privatdetektivin Claire de Witt den Auftrag, den bekannten Staatsanwalt Vic Willing zu suchen. Kurz vor dem Hurrikan hatte er noch mit seinem Neffen telefoniert, seitdem fehlt jede Spur. Mit Claire deWitt hat Willings Neffe nicht irgendeine Privatdetektivin engagiert, sondern – wie sie gern belegt – die beste der Welt. Und auch die vermutlich schrägste. Sara Gran hat mit deWitt eine der ungewöhnlichsten Ermittlerinnen der Kriminalliteratur geschaffen: gewaltbereit, schroff, beinhart, sarkastisch und gleichzeitig zerbrechlich und schutzlos, ohne einen Hauch zart oder weich zu sein.

Drogen, Logik und Visionen

DeWitt vertraut ihrer Intuition und ihrer messerscharfen Logik ebenso wie ihren Träumen und Visionen. Da sie sehr offen für halluzinogene Drogen und Alkohol ist, sind diese auch nicht selten. Außerdem befragt die Detektivin das »I Ging«. Ihr wichtigstes Werkzeug jedoch ist das Handbuch »Détection« des mysteriösen französischen Detektivs Jacques Silette aus dem Jahr 1959: ein seltsam vages, in sich widersprüchliches Kompendium, dessen Anhänger sich gegenseitig erkennen, da sie alle auf der Suche nach der hässlichen Wahrheit sind.

»Niemand wird dem Detektiv für seine Arbeit danken«, schrieb Silette. »Man wird ihn verachten, in Frage stellen, verabscheuen, bespucken. (…) Sein Lohn ist nichts als die hässliche, unerträgliche Wahrheit. Genügt ihm das nicht, hat er den falschen Beruf gewählt und sollte seine Berufung überdenken.«

Held und Monster

Um die hässliche Wahrheit geht es auch im Fall des ver- schwundenen Staatsanwalts. Der war einer der wenigen, die sich in New Orleans gegen Korruption und organisiertes Verbrechen stark machten, bekannt als aufrechter Vertreter seines Berufsstandes. Einer der Guten also? Doch so einfach ist es nicht. Keine der Figuren bei Gran ist entweder gut oder böse – oder irgendwie ein bisschen was von beidem. Die Wahrheit ist, dass jeder bewundernswert und abstoßend ist, Held und Monster, gleichzeitig und ohne Abstriche.

Jenseits jeglicher Klischees

»Die Stadt der Toten« ist als Auftakt einer Serie gedacht – und die verspricht viel. Denn Gran legt einen atemberaubenden Roman vor: von großer Komik, beißendem Sarkasmus, knacktrockener Ironie, unerträglicher Wahrheit und schmerz- hafter Zerbrechlichkeit.

»Also gut«, sagte ich, »wann haben Sie Ihren Onkel das letzte Mal getroffen?«

»Getroffen?«, sagte Leon. »Getroffen?« Ich sah vor meinem geistigen Auge, wie er seinen Onkel mit einer Axt traf und in zwei Teile hieb.

Jenseits jedes New-Orleans-Klischees zeigt Gran die tiefen Wunden, die der Hurrikan, der versagende Katastrophenschutz und das fatale Missmanagement der Stadt und den Menschen geschlagen hat und die längst noch nicht verheilt sind: die immer noch verwüsteten Straßenzüge, den Immobilienwucher, die Bandenkriminalität. In diesem Chaos eine Person zu finden, die schon seit so langer Zeit verschwunden ist, scheint ein hoffnungsloses Unterfangen – und doch entdeckt Claire deWitt weit mehr, als sie je erwartet hätte. Aber das bedeutet nicht, dass am Ende alles gut ist.

Der Auftraggeber kennt die Lösung des Rätsels bereits. Aber er sträubt sich dagegen. Er beauftragt den Detektiv nicht, um das Rätsel zu lösen. Er beauftragt ihn, um sich bestätigen zu lassen, dass es keine Lösung gibt.

Ein ganz grandioser, eigenwilliger und intelligenter Krimi.

Kirsten Reimers

Sara Gran: Die Stadt der Toten
(Claire deWitt and the City of the Dead, 2011)
Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Droemer 2012
Brosch., 361 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-426-22609-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

 Diese Besprechung ist zuerst erschienen auf hr-online.


Schwarzer Sommer

Neue Kriminalromane von Adrian McKinty, Émilie de Turckheim und Peter Temple

Killian ist ein Mann fürs Grobe, ohne wirklich grob werden zu müssen. Für seine Auftraggeber spürt er Menschen auf, die sich lieber versteckt halten, weil sie jemandem etwas schulden, meist viel zu große Geldsummen. Ohne Gewalt tatsächlich anwenden zu müssen, schafft Killian es stets, sein Gegenüber zu überzeugen, dass es doch besser wäre zu zahlen. Aber nach all den Jahren reicht es ihm. Killian will sich zur Ruhe setzen, etwas völlig anderes machen, sein Architekturstudium beenden. Da wird ihm ein letzter Job angeboten: Für eine halbe Million Pfund soll er die Exfrau eines millionenschweren Unternehmers finden. Damit hätte Killian ausgesorgt. Aber wie es so ist bei letzten Jobs: Alles verläuft vollkommen anders als geplant.

Adrian McKinty spielt in seinem schnellen und schwarz-humorigen Gangsterroman »Ein letzter Job« mit literarischen wie filmischen Zitaten und flechtet geschickt Überlegungen zu Architektur und Philosophie ein. Zwar wird es mitunter ein wenig pathetisch, und ein paar Längen gibt es auch – doch alles in allem gelingt McKinty ein unterhaltsamer, spannender Krimi im Stil des brit noir.

Charmante Boshaftigkeit

Ebenfalls bezaubernd schwarz ist der Roman »Im schönen Monat Mai« von Émilie de Turckheim: Auf einem Landsitz kommen fünf Personen zusammen, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, abgesehen davon, dass sie zur Testamentseröffnung des vor kurzem verstorbenen Monsieur Louis geladen sind. Und wie es sich gehört für Geschichten, die auf abgelegenen Anwesen spielen, wird die Besucherschar nach und nach dezimiert. Erzählt wird die Begebenheit von Aimé, dem unbedarften Hausknecht, der in seiner naiven Sprech- und Sichtweise die Doppelmoral der besseren Gesellschaft entlarvt, ihre Gier und Lächerlichkeit, ihre Überheblichkeit und ihren Egoismus.

Hochcharmant mit tiefschwarzem Humor, feiner Ironie und scharfzüngiger Gnadenlosigkeit legt Émilie de Turckheim die Abgründe hinter der gutbürgerlichen Fassade frei. Und erst ganz am Ende werden die Zusammenhänge und der perfide Plan hinter den Ereignissen sichtbar – hoch bezaubernd und wundervoll böse!

Tödliche Informationen

Von ganz anderer Dunkelheit ist Peter Temples Thriller »Tage des Bösen«. Zwar ist er im Original bereits 2002 erschienen und erst jetzt übersetzt worden, doch diese zehn Jahre merkt man dem Buch in keiner Weise an. Kühl, lakonisch und mit bitterem Witz zeichnet Temple eine Welt, in der Informationen das wertvollste Gut sind. Die Firma W & K in Hamburg hat sich darauf spezialisiert, Informationen zusammenzutragen, egal aus welcher Quelle, egal für welchen Auftraggeber, egal für welchen Zweck. Gleichgültig auch die Frage nach der Legalität. Ungestellt ebenso die Frage, welche Konsequenzen sich aus den gelieferten Informationen ergeben – bis ein brisantes Video auftaucht, für das dubiose Organisationen zu töten bereit sind.

Vielleicht nicht ganz so herausragend wie Temples Thriller »Wahrheit«, ist »Tage des Bösen« ein grandioser Politthriller, der durch seine komplexe Dichte und meisterhafte Struktur begeistert. Kein fahrlässiger Satz, keine überflüssige Szene. Einer der besten Thriller dieses Jahres!

Kirsten Reimers

Adrian McKinty: Ein letzter Job
(Falling Glass, 2011)
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Suhrkamp 2012
ISBN 978-3-518-46372-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Émilie de Turckheim: Im schönen Monat Mai
(Le Joli Mois de mai, 2010)
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Wagenbach 2012
ISBN 978-3-8031-2688-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Peter Temple: Tage des Bösen
(In the Evil Day, 2002)
Aus dem Englischen von Sigrun Zühlke
Bertelsmann 2012
ISBN 978-3-570-00999-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch (hier klicken)

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Frankfurter Neuen Presse