Archiv für den Monat: September 2011

Mord, Korruption und Geisterwelten

Schottland, USA, Laos: drei ungleiche Schauplätze für drei hervorragende Krimis

Detective Sergeant Logan McRae kommt einfach nicht auf die Füße: Er trinkt zu viel, stößt Kollegen, Vorgesetzte und Freundin vor den Kopf und vermasselt viel zu viel. Da ist es nicht gerade aufbauend, dass McRae der Truppe zugeteilt wird, die Richard Knox im Blick behalten soll: Knox saß sechs Jahre wegen Vergewaltigung alter Männer im Gefängnis und will sich nun in Aberdeen niederlassen. Nicht nur die Bevölkerung läuft dagegen Sturm, auch das organisierte Verbrechen hat ein Auge auf Knox geworfen. Eine explosive Mischung.

In seinem sechsten Roman um den glücklosen DS McRae gelingt Stuart MacBride erneut das Kunststück, einen spannenden Polizeikrimi zu schreiben und ihn gleichzeitig parodistisch perfekt zu unterlaufen. MacBride führt dabei nicht einfach seine Masche fort, sondern er lässt seinen Figuren Platz, sich zu entwickeln. So bleiben seine Krimis brillant: witzig und zunehmend düsterer und gemeiner. Grandios.

Bestechlichkeit und Machmissbrauch

Auch Sara Paretsky setzt ihre langjährige Krimiheldin wieder souverän auf Verbrechen an: Eher widerwillig übernimmt die Chicagoer Privatdetektivin V. I. Warshawski diesen Fall: Sie soll einen Mann suchen, von dem seit über vierzig Jahren jede Spur fehlt. Die Erfolgsaus- sichten sind gering, die Bezahlung schlecht. Als Warshawskis Cousine Petra verschwindet, konzentriert sich die schlagfertige Ermittlerin beunruhigt auf diese Familienangelegenheit und stößt dabei auf ein komplexes Geflecht aus Korruption, Macht- missbrauch und Mord. Und sie muss feststellen, dass ihre engsten Verwandten darin verwickelt sind.

Sara Paretskys neuer Roman »Hardball« steht wie ihre bisherigen ganz in der Tradition der Hard-boiled-Krimis. Gekonnt spannt sie den Bogen von der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King Ende der sechziger Jahre bis in die Gegenwart eines Staates, in dem der Krieg gegen den Terror und der Hinweis auf die nationale Sicherheit obskuren Regierungsorganisationen alles erlaubt. Paretsky gelingt ein nahezu klassischer Detektivroman – trocken, solide, schlagkräftig – und gleichzeitig ein Porträt der heutigen USA.

Verschwörungen und Geistertänze

Das Bild einer vollkommen anderen Gesellschaft zeichnet der aktuelle Krimi von Colin Cotterill: Auf dem Seziertisch von Dr. Siri, dem einzigen Pathologen von Laos, landet die Leiche eines Mannes, der von einem Laster überfahren wurde – angesichts des geringen Autoverkehrs in Laos ein ungewöhnliches Ereignis, doch eindeutig ein Unfall. Seltsam jedoch ist, dass der Mann einen Brief bei sich trug, der mit unsichtbarer Tinte geschrieben wurde, dabei war der Mann blind. Zusammen mit seiner wundervollen Assistentin Dtui, dem Polizisten Phosy und seinem alten Freund Civilai geht Dr. Siri diesem Rätsel nach und kommt einer staatsgefährdenden Verschwörung auf die Spur, die den Pathologen mehr angeht, als er ahnt.

Dr. Siri gehört zu den ungewöhnlichen Ermittlern der Krimiwelt: 73-jährig, stur, sarkastisch und politisch vollkommen desillusioniert, was im Laos Mitte der siebziger Jahre – zu dieser Zeit spielen die Romane Colin Cotterills – unter dem neuen kommunistischen Regime nicht einfach ist. Die Situation entspannt sich nicht dadurch, dass sich in Dr. Siri der Geist eines alten Schamanen häuslich eingerichtet hat. Mithilfe seines bewunderten Vorbilds Maigret löst Dr. Siri seine Fälle, die immer auch mit der wechselhaften Geschichte des Landes verbunden sind. Colin Cotterills Krimis um den einzigen laotischen Pathologen sind charmant versponnen und dunkel sarkastisch zugleich, ohne sich selbst allzu ernst zu nehmen. Eine wundervolle Mischung.

Kirsten Reimers

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Stuart MacBride: Dunkles Blut
(Dark Blood, 2010)
Aus dem Englischen von Andreas Jäger
Manhattan 2011
Tb, 572 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-442-54689-3
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Sara Paretsky: Hardball
(Hardball, 2009)
Aus dem Englischen von Monica Bachler
DuMont 2011
Tb., 508 Seiten, 9,99 Euro
ISBN 978-3-8321-6160-6
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Colin Cotterill: Briefe an einen Blinden
(Anarchy and Old Dogs, 2008)
Aus dem Englischen von Thomas Mohr
Manhattan 2011
geb., 314 Seiten, 17,99 Euro
ISBN 978-3-442-54680-0
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Diese Besprechung ist erstmals erschienen in der
Frankfurter Neuen Presse.


Spurensuche

Es beginnt unspektakulär: V. I. Warshawski übernimmt etwas widerwillig den Auftrag, einen Mann zu suchen, von dem seit über vierzig Jahren jede Spur fehlt. Wenig Aussicht auf Erfolg, geringe Bezahlung, mauernde Zeugen, misstrauische Klienten – nicht gerade die besten Voraussetzungen. Als Warshawskis junge Cousine Petra verschwindet (womöglich entführt wurde), konzentriert sich die Privatermittlerin weitaus stärker auf diese Familienangelegenheit. Sie stößt auf ein komplexes Geflecht aus Korruption und Machtmissbrauch und muss feststellen, dass ihre engsten Verwandten darin verwickelt sind.

Trägt das Konzept noch?

Natürlich hängen die Fälle zusammen, das gehört dazu und wundert niemanden. Weitaus gewichtiger ist die Frage, ob dieses Konzept von Krimi immer noch trägt. Paretsky bleibt nach wie vor der Hard-boiled-Tradition treu. Sie ist eine der wenigen Krimiautorinnen – vielleicht gar die einzige -, die ihre Ende der achtziger Jahre entworfene Heldin heute noch ins Rennen schickt: schlagfertig, unerschrocken, selbstbewusst, unabhängig. Und inzwischen rund fünfzig Jahre alt. Vor knapp fünfundzwanzig Jahren waren die vielen Privatermittlerinnen, die das Genre stürmten, eine Bereicherung für die Krimiwelt, ein Gegenentwurf zum hilflosen oder manipulativen Weibchen, das bis dahin die Hard-boiled-Krimis als sexy Deko schmückte.

Inzwischen ist die Welle deutlich abgeebbt, die meisten Detektivinnen haben ihre Ermittlungen eingestellt – und bei vielen ist das auch wirklich gut so: Nur wenige Figuren taugten wirklich als Alternative, in den meisten Fällen lief sich die Idee als Masche tot, und die Serienmörderwelle sowie die damit einhergehende Aufrüstung zur Hightechspurensicherung (DNA! CSI!!) verstärkte das generelle Glaubwürdigkeitsproblem der Privatermittler. (PI überzeugen eh nur bei emotional motivierten Morden im kleinen Kreis, doch das ist ein anderes Thema.)

Kein verschwurbelter Schnickschnack

Paretsky ist eine der wenigen Krimiautorinnen, die an diesem Konzept festhält – und bei ihr ist es sogar heute noch tragfähig. Das liegt zum einen daran, dass die Hauptfigur bei aller Unabhängigkeit nie als einsame Wölfin angelegt war, sondern sich immer in irgendeiner Form in soziale Netze eingebunden war (so lässt sich auch die Technologiefalle umgehen). Zudem verzichtet Paretsky auf Serienmörderschnickschnack: Die Fälle sind bodenständig und realistisch, meist beginnt es mit Versicherungsfällen oder – wie dieses Mal – der Suche nach vermissten Personen. Die Motive für Verbrechen sind keine ästhetisch verschwurbelten Konstrukte oder tausendfach wiedergekäute Missbrauchsgeschichten, sondern in politischen und sozialen Strukturen verankert: Gier, Macht, Geld, Hass – und damit verbunden: Korruption, Machtmissbrauch, Rassismus.

Vor allem aber gelingt Paretsky eines: gesellschaftliche Stimmungen und politische Verhältnisse im Alltagsleben aufzuzeigen. Wie nebenbei schafft sie es, in „Hardball“ einen Bogen von der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King bis in die Gegenwart zu schlagen und das Porträt eines Landes zu zeichnen, dessen Sozialsysteme am Boden liegen, weil alles Geld in den Krieg gegen den Terror gepumpt wird, und in dem der Hinweis auf die nationale Sicherheit obskuren Regierungsbehörden alles erlaubt – ein Staat auf dem Weg in die totale Überwachung. Und das tatsächlich nur nebenbei, denn der eigentliche Fall – na, lesen Sie lieber selbst.

Paretsky erfindet in „Hardball“ das Rad nicht neu, aber der Krimi ist glaubwürdig, solide und gut konstruiert, mit klarem, klugem Blick auf Verhältnisse und Zusammenhänge. Erneut zeigt Paretsky, warum sich Krimi prima dazu geeignet, Gegenwart und Gesellschaft zu skizzieren.

Kirsten Reimers

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Sara Paretsky: Hardball
(Hardball, 2009)
Deutsch von Monica Bachler
Köln: DuMont 2011
Tb., 508 Seiten, 9,99 Euro
ISBN 978-3-8321-6160-6
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Besprechung ist erstmals
erschienen im Crimemag.