Archiv für den Monat: August 2010

Der Neue

Hosenträgerträger statt Haudrauf

Malcolm Fox ist der Neue von Ian Rankin. Anfang vierzig, geschieden, ein wenig schwerfällig, trägt Fliege und Hosenträger. Er trinkt keinen Alkohol, raucht nicht und hört Birdradio – einen Sender, der nur Vogelstimmen bringt. Und anders als sein Vorgänger John Rebus arbeitet er bei der internen Ermittlung.

Complaints and Conduct hieß ihre Abteilung offiziell. Sie waren die Polizisten, die gegen andere Polizisten ermittelten. Die »Leisetreter«, die »Schleicherbrigarde«. Innerhalb der Abteilung gab es eine Unterabteilung – die Professional Standards Unit. Während Complanits and Conduct die bodenständigen Fälle bearbeitete – Beschwerden über Streifenwagen, die auf Behindertenparkplätzen standen, oder Polizisten in der Nachbarschaft, die zu laut Musik hörten -, galt die PSU zuweilen als »die dunkle Seite«. Ihre Ermittler spürten Rassismus und Korruption auf. Sie befassten sich mit Fällen, in denen Schmiergelder kassiert oder beide Augen zugedrückt worden waren. Sie gingen geräuschlos vor und verfügten über so viel Macht, wie sie brauchten, um ihre Arbeit zu erledigen. Fox und sein Team gehörten zu PSU.

Ganz so langweilig und behäbig, wie man im ersten Moment meinen könnte, ist der Neue allerdings nicht. Gerade hat Fox die Ermittlungen zu korrupten Kollegen abgeschlossen, als er von der Abteilung CEOP, dem Kinderschutz, um Mithilfe gebeten wird: Ein Polizeibeamter – Jamie Brecks – wird verdächtigt, einem Pädophilennetzwerk anzugehören. Kaum hat Fox erste Informationen eingeholt, wird der schlägernde Freund seiner Schwester Jude tot aufgefunden, offenbar ermordet, kurz nachdem er Jude den Arm gebrochen hat. Und ausgerechnet Jamie Brecks führt die Ermittlungen. Fox hat nun mehr mit Brecks zu tun, als ihm lieb ist – und er muss zudem feststellen, dass ihm der andere sympathisch ist. Je näher er ihn kennenlernt, umso mehr zweifelt Fox an dem Vorwurf der Pädophilie. Brecks andererseits bezieht den Älteren über Gebühr in die Suche nach dem Mörder seines Fast-Schwagers ein. Als dies auffliegt, werden beide vom Dienst suspendiert. Ganz offenbar wurde ihnen eine Falle gestellt. Gemeinsam beginnen sie zu ermitteln und stoßen auf ein Netz aus Korruption und Verrat, das seine Fäden bis in Stadtverwaltung und die Polizei spannt.

Rankin inszeniert seinen Polizeikrimi vor dem Hintergrund der geplatzten Immobilienblase des Herbst und Winters 2008 und 2009. Komplex und gut durchdacht, hat jedes Geschehen, jedes Ereignis seinen Platz und seine Bedeutung. Mit hoher Könnerschaft verwebt Rankin seine Fäden zu einem vielschichtigen Ganzen, zu dem das zurückhaltende Tempo, das er anschlägt, hervorragend passt.

Kirsten Reimers

Ian Rankin: Ein reines Gewissen
(The Complaints, 2009)
Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller
Manhattan 2010
geb., 512 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-442-54650-3
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch-Download (hier klicken)

Diese Besprechung ist auch erschienen auf satt.org


Geisterdisko in Laos

Verschroben-charmante Verbrecherjagd mit metaphysischer Unterstützung

Der laotische Pathologe – genauer sagt: der einzige Pathologe in ganz Laos – Dr. Siri Paiboun und seine wirklich bezaubernde Assistentin Dtui werden im Jahr 1977 in die Provinz Houaphan nach Vieng Xai gerufen: Aus einem Betonweg, der ausgerechnet zum hiesigen Anwesen des Präsidenten führt, ragt ein mumifizierter Arm. Schuld daran ist ein Steinschlag: Die Villa des laotischen Staats- oberhaupts liegt vor einer der Höhlen, in denen sich die Anhänger der kom- munistischen Partei während des Vietnam- krieges verbargen. Von hier aus organisierten sie den Widerstand und den Befreiungskampf. Tausende lebten hier, und es existierte eine regelrechte Stadt in den Höhlen unter den Karsten. Diese hatten jedem Bombenangriff der USA standgehalten, selbst dem Streuteppich der Fünfhundert-Kilo-Bomben gegen Ende des Krieges.

Doch mitunter zeigen sich Folgen erst Jahre später: Aus einem der Karste hat sich jüngst ein Felsbrocken gelöst und beim Herunterkrachen den Betonweg zerschmettert. Einer der Risse gab die Leiche frei. Das ist besonders unschön, weil in wenigen Tagen die Creme de la creme der laotischen und der vietnamesischen Politiker hier in Vieng Xai eintreffen wird, Delegationen weiterer sozialistischer Bruderländer werden erwartet. Kein Wunder, dass Dr. Siri möglichst schnell zu einem Ergebnis kommen soll, möchte man doch vor den hochverehrten Gästen möglichst makellos dastehen.

Rationalität und Animismus

Laos im Jahr 1977: Die Monarchie ist gestürzt, die Besatzungsmächte wurden vertrieben, der Krieg ist vorbei, und die sozialistische Partei hat die Regierung übernommen. De facto heißt das aber: Die kapitalistischen Unterdrücker wurden durch kommunistische Unterdrücker ersetzt, und Laos ist ganz dem Wohlwollen Vietnams ausgeliefert. Autor Colin Cotterill – in London geboren und seit Jahrzehnten im asiatischen Raum reisend und lebend – zeigt Laos in all seiner Zerrissenheit: Während in der Stadt und in den Verwaltungsbehörden sozialistische Rationalität, Bürokratismus, Vetternwirtschaft und blinder Parteigehorsam regieren, blüht in den kleinen Dörfern weiterhin der Animismus: Die Umwelt ist belebt, Menschen sprechen in Zungen, und Schamanen erlösen – glücklich berauscht von allerlei Substanzen – gefangene Seelen. Ist in Eliot Pattisons Tibet-Krimis das Übernatürliche eine Möglichkeit, präsentiert es sich in Cotterills Romanen als Tatsache.

Dafür sorgt allein schon Dr. Siri. Der ist im Grunde vom Marxismus vollkommen überzeugt, doch mit der tatsächlichen Umsetzung alles andere als einverstanden. Deshalb hat er sich – obzwar seit Jahren Mitglied der sozialistischen Partei – schon lange aus der aktiven Politik zurückgezogen. Stattdessen unterläuft er mit Gewitztheit und aus Mitgefühl die bürokratischen Strukturen. In der Figur des einzigen laotischen Pathologen steht dem strikt agnostischen System das Übernatürliche in schön abstruser Form entgegen. Denn der Wissenschaftler beziehungsweise sein Körper beherbergt den Geist eines alten Hmong-Schamanen. Das weiß Siri erst seit kurzem, es erklärt ihm aber endlich seine Begegnungen mit Verstorbenen, deren Geister ihn schon seit langem im Traum erschienen. In der letzten Zeit jedoch ist der alte Schamane aktiver geworden und hat den Unmut der bösen Waldgeister geweckt. Naturgemäß steht Siri dabei in der Schusslinie. Die Geisterwelt ist aber nicht nur hübsche Dekoration, sondern hilft Dr. Siri handfest bei der Aufklärung von Verbrechen. So auch diesmal, als der 73-jährige Pathologe, der eigentlich völlig unmusikalisch ist, vom Geist eines toten, aber sehr leidenschaftlichen Kubaners besetzt wird, der ihn nicht nur dazu bringt, rhythmisch mit den Fingern zu schnippen, sondern auch zu einem mitternächtlichen Tanz zu Diskomusik verführt.

Leichtfüßige Absurdität

Alles passt bei Cotterill gekonnt zusammen, die Handlungsstränge sind wohlüberlegt geformt und mit so sicherer Hand miteinander verwoben, dass sich selbst das Absurdeste noch leichtfüßig-elegant und vollkommen natürlich einfügt. Die Verbrechen werden zwar mit deutlicher Unterstützung der Geister gelöst, doch ihre Gründe wurzeln fraglos im Diesseits. Sehr britisch versieht Cotterill seinen Roman mit untergründigem Witz und großer Sympathie für Underdogs (der real praktizierte Sozialismus mag nicht das Gelbe vom Ei sein, aber das vorherige Regime war alles andere als human). So ist der Krimi wundervoll versponnen und sehr charmant-verschroben, ohne auch nur einen Hauch esoterisch zu sein. Und ganz nebenbei entsteht das Porträt eines Landes, das abseits der Weltöffentlichkeit aus strategischen Gründen Spielball der politischen Systeme geworden ist.

Kirsten Reimers

Colin Cotterill: Totentanz für Dr. Siri
(Disco for the Departed, 2006)
Aus dem Englischen von Thomas Moor
Manhattan 2010
geb., 319 Seiten, 17,95 Euro
ISBN: 978-3-442-54665-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch-Download (hier klicken)

Diese Besprechung ist auch erschienen auf satt.org