Archiv für den Monat: Juli 2010

Die Konstruktion von Wahrheit

Literaturtheoretisches, spannend und abgründig verpackt

Wie wichtig ist die Person des Autors für das Verständnis seines Werks? Ende der sechziger Jahre proklamierte Roland Barthes den Tod des Autors: Literatur steht für sich, der Autor, seine Biographie und seine Absichten sind zweitrangig. Nur wenig später strahlte – zumindest in Louise Welsh’s Roman »Das Alphabet der Knochen« (im Original »Naming the Bones«, 2010) – der Dichter Archie Lunan kurz und kräftig am Poetenhimmel auf. Dr. Murray Watson, Literatur- dozent an der Uni Glasgow, ist seit seiner Jugend fasziniert von diesem Lyriker, über den nur wenig bekannt ist – außer dass er in seinem kurzen, heftigen, von Drogen und Alkohol geprägten Leben einen Gedichtband veröffentlichte und wenig später mit einer kleinen lecken Jolle auf die stürmische Nordsee hinaus segelte.

Für seine geplante Biografie des Dichters kann Dr. Watson nur auf wenige Dokumente zurückgreifen, deshalb beginnt er, mit Zeitzeugen und früheren Freunden Lunans zu sprechen. Davon gibt es in seiner Umgebung weitaus mehr, als er zuvor vermutet hätte. Doch näher an seinen Forschungsgegenstand bringt ihn dies nicht, denn seine Gesprächspartner schönen die Vergangenheit, sparen Dinge aus, interpretieren ihre eigene Rolle damals um. Damals, das sind die rebellisch-psychedelischen Tage Anfang der siebziger Jahre, als die Neugestaltung der Welt dank Literatur, Alkohol, bewusstseinserweiternden Drogen, New Age und Okkultismus kurz bevorzustehen schien.

Wirklichkeit entsteht im Diskurs

Doch selbst wenn Murray sich dicht auf Archie Lunans Spuren wähnt, entzieht sich der ins Dunkel das Ungreifbaren, nur gespiegelt durch die Erinnerungen anderer, die mehr über sich selbst als über den Gesprächsgegenstand aussagen. Den treffendsten Kommentar gibt ein Kater, der völlig zufällig den gleichen Namen trägt:

»Archie, der Kater, erhob sich auf Murrays Schoß, reckte den Schwanz in die Höhe und bot eine Frontalansicht des winzigen Arschlochs in der Mitte seines schlanken Hinterteils.«
Statt über Lunan erfährt Murray eine ganze Menge äußerst Verstörendes über andere Menschen und sich, was ihm lieber verborgen geblieben wäre.

Louise Welsh beherrscht es perfekt, mit jeder Antwort weitere Fragen aufzuwerfen. Dadurch entwickelt sich ein dunkler Sog, der tief ins Ungewisse führt. Welsh ist eine Meisterin des Vagen und Opaken. Wahrheit? Eindeutigkeit? Überschätzt und eh unmöglich, denn Erinnern und Erzählen bedeuten neu konstruieren, die Vergangenheit wird im Heute erschaffen, und Fakten bilden kaum mehr als einen Webrahmen, in dem sich die Netze des Damals immer wieder neu spinnen lassen. Oder um es mit Barthes (und Foucault) zu sagen: Wirklichkeit entsteht im Diskurs.

Welsh mischt in ihrem vierten Buch höchst souverän Elemente des Campusromans, des Krimis und der Künstlernovelle. Die Fragen, wie Vergangenheit (re-)konstruiert wird und welche Bedeutung die Person des Künstlers für die Kunst hat, spiegeln sich bis in die Nebenhandlungen hinein. Das ist wirklich gut geformt, intelligent, spannend und ungeheuer dicht.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Louise Welsh: Das Alphabet der Knochen
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Kunstmann 2010
geb., 431 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-88897-676-6
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Rezension ist auch erschienen bei satt.org


Wie eine Flipperkugel auf Speed

Rasanter Wahnsinn, souverän abgründig

Dr. Peter Brown hieß früher Pietro Brnwa und war Profikiller für die Mafia. Heute ist er im Zeugenschutzprogramm des FBI und Assistenzarzt im Manhattan Catholic Hospital in New York. Das ist zwar gewagt für einen Ex-Mafioso aus New Jersey, aber hier wird schon kein Mobster auftauchen, schließlich können die sich bessere Krankenhäuser leisten. Davon ist Brown überzeugt – bis ein Mafioso eingeliefert wird, der ihn erkennt. Und nicht nur das: Der verpfeift ihn an seinen früheren besten Freund, heute Todfeind. Die einzige Möglichkeit für Brown, da lebend rauszukommen, ist dafür zu sorgen, dass der Mobster überlebt – keine leichte Aufgabe angesichts von Krebs im Endstadium.

Es wird nicht einfacher dadurch, dass Brown durch einen blöden Zufall mit irgendetwas Undefinierbaren infiziert wird und er durch seine Arbeit als Assistenzarzt sowieso ständig extrem unter Strom steht. Also: verschiedenste Antibiotika und noch mehr Wachmacher eingeworfen, und los geht’s.

»Die Station ist ein Alptraum«

Wie Brown durch das Krankenhaus rast, um das Leben anderer und das eigene zu retten, erinnert an eine Flipperkugel auf Speed. Er hechtet von Patient zu Patient, von Station zu Station und kommentiert in grandiosen Fußnoten den Alltag des Medizinerdaseins. Bazell legt in seinem Debüt (im Original: »Beat the Reaper«, 2009) ein hohes Tempo vor, und er hält es gekonnt durch. Da sieht man mal, welche Welten sich eröffnen, wenn man wie Bazell Literatur und Medizin studiert hat.

Mit der Genialität eines Dr. House erkennt Bazells Dr. Brown die ungewöhnlichsten Krankheiten und unterläuft dies gleichzeitig souverän parodistisch. Dazu kommt die schon fast sprichwörtliche Ausbeutung von Assistenzärzten, wodurch Anklänge an frühe Folgen von »Grey’s Anatomy« und »Emergency Room« hineinkommen. Ebenso gibt es zahllose weitere Zitate aus der Popkultur, Seitenhiebe auf das amerikanische Gesundheitswesen, die Wechselbeziehung von Fiktion und Realität und und und. Dies alles bringt Bazell auf gerade mal 304 Seiten unter, und er schafft es auch noch, Brown in Rückblenden erzählen zu lassen, wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte. Das Ganze kulminiert im ekligsten und originellsten Showdown seit langem. (Um das lesen zu können, musste ich mir ein Auge zuhalten.)

Dieses Buch ist rasant, lakonisch, abgebrüht, drogenstarrend, voller abstruser Überraschungen, brutal, respektlos, intelligent, mit tiefschwarzem Humor und einer sagenhaften Unverfrorenheit versehen – kurz: Es ist wirklich klasse.

Kirsten Reimers

Josh Bazell: Schneller als der Tod
Aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch
S. Fischer 2010
geb., 304 Seiten, 18,95 Euro
ISBN 978-3-10-003912-5
auch erhältlich als eBook (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch (hier klicken)
auch erhältlich als Hörbuch-Download (hier klicken)

Diese Besprechung ist auch erschienen bei satt.org