Archiv für das Jahr: 2009

Wie morde ich richtig?

Ein notwendiges Nachschlagewerk für alle Krimiautoren und -leser

Ein Mann hat sich an einem Baum erhängt. Der Pathologe Karl Friedrich Börne zieht dem Toten Schuhe und Socken aus und legt einen Finger an die Fußsohle. Seit fünf Stunden sei der Mann tot, verkündet der Pathologe selbstsicher. Beim nächsten Toten genügt es, dass Börne dessen Hals berührt, damit er weiß, dass der Tod von anderthalb Stunden eingetreten ist.

So geschehen im Münsteraner »Tatort« »Höllenfahrt« (Erstausstrahlung am 22. März 2009). Beeindruckend, dieser Börne. Denn was er dort treibt, grenzt an Wahrsagerei. Mit der Realität hat das wenig zu tun. »Denn«, so erklären die Autoren Christine Lehmann und Manfred Büttner, »trotz intensiver Forschung kann man den Todeszeitpunkt derzeit rückblickend nur auf eine Spanne von fünf Stunden eingrenzen.«

Krimis wimmeln von vergleichbaren Fehlern und groben Verfälschungen. Mitunter ist die Entfernung zwischen Realität und Fiktion so groß, dass es schon fast kriminell ist. Um diese Lücke zu verkleinern, gibt es nun das wunderbare Handbuch von Lehmann und Büttner. Den beiden geht es nicht darum, Krimiautoren zu bevormunden oder die Phantasie einzuschränken. Krimis sind Fiktion, und das sollen sie auch bleiben. »Logisch«, meint Manfred Büttner. »Das wissen wir auch und das kommt im Buch hoffentlich auch hinreichend rüber: dass es nicht darum geht, die Wirklichkeit eins zu eins abzubilden. Aber wenn dann Sachen da sind, die überhaupt nicht passen, stört’s einen doch gelegentlich.« Und es gibt definitiv Untergrenzen dessen, was erträglich ist:

Fanny Fuchs hat eine Mordswut auf ihren Mann. Im Streit schubst sie ihn gegen die Eichenschrankwand. Aus dem obersten Fach fällt eine Bronzeplastik auf seinen Schädel. Er ist tot!, stellt Fanny fest. So ganz unrecht ist es ihr nicht. Aber wer wird ihr glauben, dass sie ihn nicht ermordet hat? Die Mordkommission ermittelt. Kommissar Kalle Holbein jagt sie. Fanny taucht unter, doch er trifft sie zufällig in der Sauna, verhaftet sie und triumphiert: »Für den Mord an Ihrem Mann kommen Sie für den Rest Ihres Lebens ins Gefängnis.« Wie soll sie ihm beweisen, dass sie nicht zugeschlagen hat? Sie ergreift sein Handtuch und erdrosselt ihn.

Das Drama einer Frau, die ihren nicht geliebten Mann durch einen Zufall los wird, sich als Gejagte sieht und in ihrer Angst, für den Rest ihres Lebens für einen Mord büßen zu müssen, den sie nicht begangen hat, zur Mörderin wird, mag psychologisch interessant sein, doch würde es sich ums Verrecken in unserer Wirklichkeit nicht zutragen können.

Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Realität

Christine Lehmann betont: »Uns lag am Herzen, zu sagen, dass unser Rechtsstaat immer noch ein Rechtsstaat ist und nach bestimmten Regeln funktioniert. Das ist wichtig.« Zumal sich auch in die Berichterstattung in den Nachrichten Fehler einschleichen – wenn zum Beispiel verkündet wird, dass der Staatsanwalt einen Haftbefehl ausgestellt habe, oder wenn es heißt, es habe eine Razzia gegeben, um Beweismaterial sicherzustellen. Und es gibt auch vereinzelte Fälle, in denen gar die Fiktion auf die Realität zurückwirkt und Polizisten sich in Stresssituationen an amerikanischen Krimis ein Vorbild nehmen.

Deshalb klären Lehmann und Büttner auf: Es geht nicht nur um die Grundlagen der Polizei- und Ermittlerarbeit, sondern die Autoren erläutern auch, was bei einer Autopsie passiert oder wie Profiler arbeiten – und wie sie heißen: In Deutschland bezeichnet man sie nämlich als Fallanalytiker; sie arbeiten mit Statistiken, nicht mit genialischer Intuition und unheimlichen Einfühlungsvermögen, wie manche Krimis uns weismachen wollen. Ebenso stellen die beiden Autoren verschiedene Mordwerkzeuge vor und zeigen auf, welchen Schaden diese anrichten können. (Reicht es tatsächlich, einen Föhn in die volle Badewanne zu werfen, um den ungeliebten Erbonkel ins Jenseits zu befördern?) Ein besonderes Bonbon – wenn man so will – ist die Übersicht über tödliche Gifte und ihre Wirkungsweisen.

Dieses notwendige Hintergrundwissen hilft, Krimis realistischer zu gestalten. Christine Lehmann fügt hinzu: »Abgesehen davon macht es die Krimis auch schöner. Denn manchmal steckt in der Polizeiarbeit selbst oder in einem Ermittlungsansatz schon eine Geschichte. Oder man hat in Hierarchien in der Polizei bereits ein Drama, was man für den Krimi verwenden kann. Also, ich finde, dass in der Realität oft Geschichten stecken, die wir nicht entdecken, wenn wir nur phantasieren.«

Amüsant, grundlegend, unentbehrlich

Ausschnitte des Handbuches gibt es seit geraumer Zeit im Titel-Magazin unter der Überschrift »Dr. Lehmanns Sach- und Warenkunde«. Christine Lehmann ist Politik- und Nachrichtenredakteurin beim SWR und schreibt seit vielen Jahren äußerst spannende und präzise recherchierte Kriminalromane; Manfred Büttner ist Steuerfahnder und Dozent an der Hochschule der Polizei – zwei Profis, die ihr Wissen zusammengetragen haben. Und das auf ebenso unterhaltsame wie profunde Weise: Ihr Handbuch ist nicht nur kenntnisreich, sondern auch witzig und frech geschrieben, sodass es für jede Krimiautorin und jeden Krimiautor zum unverzichtbaren Nachschlagewerk werden wird. Darüber hinaus gehört es ebenso in die Hände von Verlagslektoren, Journalisten und Rezensenten, um auch denen das nötige Grundwissen zu vermitteln. Und für interessierte Leserinnen und Leser ist es selbstverständlich ein Gewinn, denn hier wird einem endlich einmal erzählt, was man schon immer über Mord und Totschlag wissen wollte.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Christine Lehmann & Manfred Büttner: Von Arsen bis Zielfahndung.
Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige
Ariadne im Argument Verlag 2009
kart., 250 Seiten, 16,90 Euro
ISBN 978-3-88619-720-0

Diese Rezension ist auch erschienen auf satt.org


»Und dann schubse ich den Frisör in jedem Buch in ein anderes Milieu«

Christian Schünemann lässt seinen Starfrisör Tomas Prinz erneut ermitteln

Tot liegt der Dekan der Fakultät für Sprach- und Kulturwissenschaften der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität in seinem Büro – gestorben an einer Über- dosis Digitalis. Galt der Anschlag womöglich seiner Frau Mara Markowski, der frisch berufenen Professorin für englische Literatur- wissenschaft? Oder wollte jemand mit drastischen Mitteln gegen die »Markowski-Mafia« vor- gehen, wie unzufriedene Privatdozenten das Paar hinter vorgehaltener Hand betiteln? Da auch Rose- marie, Au-pair-Mädchen der Schwester des Starfrisörs Tomas Prinz, Anglistik- studentin und seit neuestem studentische Hilfskraft der Professorin, sich verdächtig macht, nimmt der Coiffeur der Extraklasse die Ermittlungen auf. Zum dritten Mal und auf seine ebenso charmant-zurückhaltende wie unverwechselbare Weise.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Frisör zum Ermittler zu machen?

Schünemann: Die Idee liegt eigentlich relativ nah, wenn man mal ein bisschen darüber nachdenkt, welche Art Ermittler man wählen könnte. Weil ein Frisör ja immer alles Mögliche hört und sieht; die Leute kommen zu ihm und plaudern dort ganz offenen Herzens. Und der Frisör hört ja sozusagen auch Fortsetzungsgeschichten. Die Idee entstand ganz unspektakulär mit einer Freundin zusammen beim Kaffeetrinken: einfach mal probieren, einen Frisör zum Ermittler zu machen. Von Anfang an war mir aber auch klar, da brauche ich einen richtigen Frisör, der mir hilft bei den Haarschneide- und Haarfärbetechniken.

Dafür haben Sie sozusagen einen externen Berater.

Ganz genau. Ich habe den Ulrich Graf in München gefunden, dessen Salon in der Hans-Sachs-Straße ich nahezu eins zu eins beschreibe. Es hat sich eine richtig schöne Zusammenarbeit entwickelt. Der Ulrich Graf und seine Farbstylistin Moni sind meine ersten Leser. Mit denen bespreche ich die ganzen Frisuren und Haarfarben. Das passiert schon immer vor einem neuen Buch. Bei dem vierten »Frisör«, den ich jetzt gerade schreibe, haben wir am Anfang besprochen, wie die Frisuren aussehen von den Figuren, wenn sie in den Salon kommen.

Bis ins Detail besprechen Sie schon vorab, wie die Figuren aussehen?

Ja, ganz genau. Ich habe zum Beispiel bei einer Figur die Idee, dass sie mit ganz langen Haaren in den Salon kommt und ganz kurze Haare haben will. Und dann überlegen der Ulrich und die Moni gemeinsam mit mir, wie man da vorgeht.

Das Frisieren der Figuren liest sich in Ihren Büchern immer so plastisch und realistisch, dass ich mich schon manchmal gefragt habe, ob Sie vielleicht selbst eine Ausbildung gemacht haben oder zumindest ein Praktikum oder Ähnliches.

Praktikum kann man schon sagen. Ich bin immer mal wieder im Salon und gucke mich da ein bisschen um. Außerdem macht der Ulrich Schulungen für andere Frisöre, die sogenannten Modetage ein-, zweimal im Jahr. Da buchen andere Frisöre von überall bei ihm ein Wochenende, und der Frisör und seine Leute schneiden dann vor Publikum. Das ist für mich superpraktisch, weil das eine der wenigen Situationen ist, in der während des Schneidens über das Schneiden gesprochen wird. Da kann ich dann zum Teil richtig gut mitschreiben, wie etwas gemacht wird. Denn so auf Nachfrage kann der Ulrich das oft gar nicht sagen. Er zeigt mir, wie er vorgeht, ich gucke es mir an und fasse es in Worte, und dann liest der Ulrich es noch einmal gegen und gibt dem Ganzen einen Feinschliff sozusagen.

In den Namen von Tomas Prinz ist ja auch ein bisschen Ulrich Graf eingeflossen.

Ja, genau. Das ist so ein kleiner Scherz gewesen, die Idee, dass ich meinen Frisör Prinz nenne, während der Ulrich eben Graf heißt. Aber sonst ist die Figur eigenständig. Tomas Prinz ist nicht Ulrich Graf. Nur, was das Haareschneiden angeht und seine Philosophie als Frisör und auch die Abläufe im Salon. Das ist schon alles Ulrich Graf. Aber die Figur sonst ist eine Kunstfigur.

Aber da sind doch bestimmt auch Ideen eingeflossen von realen oder fiktiven Figuren, oder?

Ja, klar. Das ist dann so ein Mischmasch. Ein bisschen verändert sich der Frisör ja auch mit jedem Buch. Oder entwickelt sich. Das passiert natürlich beim Schreiben. Aber in den Grundzügen ist er ja vom ersten Buch an skizziert. Ebenso sein Umfeld, also sein Freund in Moskau, die Mutter in Zürich und die Schwester auch in München. Und auch die Stammkunden. Das sind die Figuren, die ich bei jedem Buch wieder benutze. Und dann schubse ich den Frisör in jedem Buch in ein anderes Milieu, in dem dann das Verbrechen stattfindet. Das ist eigentlich das Muster.

Der Frisör ist als Figur sehr dezent angelegt. Und auch sonst verzichten Sie auf alles Grelle und Schrille und ebenso weitgehend auf Klischees.

Ja. Ich glaube, gerade weil es sich so anbietet: schwul sein, Frisör sein, München. Das schreit ja alles nach Klischees. Und außerdem gerate ich eh immer in den Klischeeverdacht. Deshalb fahre ich das dann eher ein bisschen herunter und mache es dezenter.

Sie haben als Storyliner für verschiedene Serien gearbeitet.

Das ist richtig.

Machen Sie das immer noch?

Ja. Am Jahresanfang, also von Januar bis April, war ich in Köln bei der Serie »Verbotene Liebe«. Das mache ich eigentlich immer so im Wechsel. Wenn ein Roman fertig ist, gehe ich wieder zu einer Fernsehserie, wo man mit Kollegen zusammenarbeitet. Das ist eine schöne Abwechslung, dann wieder mit anderen Leuten zusammen zu plotten und zu schreiben. Sozusagen als Erholung von der einsamen Schreibtischtätigkeit.

An welchen Serien haben Sie mitgeschrieben?

Ganz am Anfang bei »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«. Da hatte ich gerade begonnen, als der Vertrag mit Diogenes zustande kam für den ersten »Frisör«. Da musste ich dann gleich wieder kündigen. Und nach dem ersten Buch habe ich bei »Verliebt in Berlin« mitgeschrieben. Da war ich einer der Autoren der ersten Stunde und hab auch bis zum Schluss mitgearbeitet. Das hat sehr, sehr viel Spaß gemacht. Deswegen hat der zweite »Frisör«, »Der Bruder«, ein bisschen länger gedauert.

Beeinflusst sich das eigentlich gegenseitig – das Schreiben für Serien und das Schreiben an Krimis?

Ich weiß es nicht so genau. Vielleicht ein bisschen. Aber, wissen Sie, was ganz interessant ist: Es gibt bestimmte Formulierungen in der Storyline, diese schon hundert Mal benutzten Floskeln. Im Roman verwende ich die automatisch nicht, weil das für mich Storyline ist. Das ist wie eine andere Taste, eine andere Schublade. Also, beim Formulieren, da grenze ich mich richtig ab von der Storyline. Aber es gibt bestimmte Kniffe, Spannung zu erzeugen, zum Beispiel Kapitel mit einem kleinen Cliffhanger zu beenden oder so was. Das mache ich dann schon. Ich glaube, bestimmte Techniken benutze ich automatisch von der täglichen Serie, das kleinschrittige Erzählen zum Beispiel oder auch das Weiterspinnen von dem, was mit den Stammpersonen passiert.

»Die Studentin« ist Ihr drittes Buch. Das erste, »Der Frisör«, ist 2004 erschienen. Das heißt, seit mindestens fünf Jahren schreiben Sie jetzt schon Krimis.

Das stimmt. Das sind jetzt schon fünf Jahre …

Hat sich Ihr Schreiben verändert im Laufe der Jahre und im Laufe der Bücher?

Vielleicht ein bisschen. Das könnten Sie vielleicht eher erkennen. Aber vielleicht ja. Meine Lektorin und Freunde, die sagen, sie finden eigentlich jedes Buch besser als vorhergehende. Also vielleicht gibt es da eine Entwicklung. Aber ich kann das selbst gar nicht so genau sagen.

Fällt es Ihnen heute leichter zu schreiben oder …

Nein, nein, das kann ich wirklich nicht sagen.

Eher im Gegenteil?

Also, das Gegenteil auch eigentlich nicht. Jedes Buch ist eher gleich schwer. Aber jetzt, wenn ich so darüber nachdenke: Vielleicht bin ich inzwischen ambitionierter beim Schreiben. Ich bin stärker auf der Suche nach Bildern, nach Vergleichen, die man so noch nicht gelesen hat. Das war beim ersten Buch noch nicht so ausgeprägt. Das entdeckt man dann erst, bestimmte Vorlieben, die man mit der Zeit entwickelt, die man dann natürlich kultiviert. Wissen Sie, mich macht das ganz glücklich. Letztens hat eine Buchhändlerin gesagt, in der Regel sei es so, dass bei einer Serie die Bücher immer schwächer werden, dass sich eine Idee abnutzt. Aber beim »Frisör« hätte sie den Eindruck, da sei das Gegenteil der Fall. Auch sie fand den zweiten besser als den ersten und den dritten besser als den zweiten.

Haben Sie schon vor dem »Frisör« Bücher geschrieben, also Romane oder Erzählungen, sei es für die Schublade oder zur Veröffentlichung?

Nein, gar nicht. Oder nur insofern, dass ich journalistisch geschrieben habe und mit meinen Geschichten oft im Feuilleton gelandet bin. Aber das waren eher Reportagen, die auf einer wahren Geschichte basierten. »Der Frisör« war die erste fiktionale Geschichte.

… die dann auch gleich Anklang fand.

Das ist immer sehr schön; auch jetzt bei der »Studentin«. Es gibt immer wieder Leute, die die Bücher erst jetzt für sich entdecken und die dann auch gleich die drei Bücher hintereinander weglesen. Das heißt, das erste Buch verkauft sich jetzt auch wieder neu. Wenn es keine Folgebücher gäbe, wäre »Der Frisör« vielleicht schon verschwunden. Das ist eigentlich ganz schön bei der Serie: dass die immer wieder neu entdeckt wird.

Haben Sie jemanden vor Augen, für den Sie schreiben?

Niemand Konkretes, aber ja, ich hab schon den Leser im Blick insofern, als ich ihn nicht verlieren will. Ich will ihn nicht langweilen. Man muss das immer ein bisschen ausloten: Kann ich ihm das jetzt auch noch zumuten, diese Schleife auch noch dranhängen? Nicht dass er denkt: Jetzt reicht’s, jetzt werf ich das Buch in die Ecke. Ich will ihn schon bei der Stange halten. An einen konkreten Leser denke ich eigentlich nicht. Aber ich muss schon für einen potenziellen Leser schreiben, sonst wär’s für die Schublade, und das kann ich wirklich nicht. Aber meist vergesse ich den Leser dann auch während des Schreibens, und dann kommt es darauf an, dass mir das Spaß macht und dass ich die Figuren mag. Dann weiß ich automatisch: dann mag es der Leser auch.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Ich überleg mir immer zuerst, in welchem Milieu das Buch spielt. Das war beim ersten Buch das Zeitschriftenmilieu, beim zweiten das Künstler- beziehungsweise das Galeristenmilieu und im dritten das Uni-Milieu. Das vierte wird hinter den Kulissen einer täglichen Fernsehserie spielen – also immer da, wo ich mich selbst ein bisschen auskenne. Und dann gucke ich einfach, was ich für ein Personal brauche. Eine bestimmte Anzahl von Figuren sind nötig, und dann schreibe ich über jede Figur einfach, was mir zu ihr einfällt und wie ich mir sie vorstelle, ohne groß auf einen Kriminalfall zu achten. Und dann treibe ich jede einzelne Figur in eine Ecke, wo sie sterben oder zum Mörder werden könnte. Danach entscheide ich: Du stirbst, und alle anderen brauchen ein Motiv. Und dann geht es ans Plotten, also ich gucke, wie kommt es zur Auflösung und was sind die Hintergründe der Tat, was sind die falschen Fährten.

Das heißt, wenn Sie anfangen, haben Sie noch gar keine Vorstellung, wie es verlaufen wird?

Nein, gar nicht. Das kommt erst im Laufe der Zeit. Ich hab nur die Idee für das Milieu, und da pflanz ich dann die verschiedenen Figuren hinein. Bei der »Studentin« ist da dann eine Professorin, eine Studentin, Privatdozenten und so weiter, und ich schaue, wie die so sind. Und dann geht’s meist ganz schnell, dass sie lebendig und eigenständig werden. Auch natürlich das Aussehen und speziell die Haare – und damit kommt dann wieder Ulrich Graf ins Spiel.

Sie schreiben nun schon bereits am nächsten Krimi.

Ja, genau, der Plot steht. Die Lektorin hat’s schon gelesen und abgesegnet. Mit Ulrich Graf hab ich auch schon die Frisuren besprochen. Inzwischen habe ich angefangen, zu schreiben, und bin auf Seite sieben.

Das heißt, nächstes Jahr erscheint es dann.

Das hoffe ich. Das hoffe ich.

Warum Krimis?

Weil das so herrlich ist. Da haben Sie ganz automatisch eine dramatische Handlung, immer etwas, das den Plot vorantreibt, sodass die Geschichte eigentlich nie absacken kann, weil es immer etwas gibt, das interessant bleibt. Und das kann man auch benutzen, um die privaten Geschichten zu erzählen. Weshalb ich den Frisör auch sehr liebe, weil der ja immer auch Frisör ist und sein anderes Leben hat. Es gibt immer den Punkt, an dem er sagen muss, ich kann mich jetzt nicht mehr um den Mörder kümmern, ich habe meinen vollen Terminkalender und muss Haare schneiden. Das heißt, der muss auch immer wieder zurück in den Salon. Dann gleichzeitig aber passiert wieder irgendetwas, weshalb er wieder auf Mörderjagd geht sozusagen. Deshalb finde ich den Krimi einfach herrlich, weil man das beides so schön miteinander verknüpfen kann.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Christian Schünemann: Der Frisör
Diogenes Verlag 2006
kart., 253 Seiten, 11 Euro.
ISBN: 978-3-257-23509-8
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Christian Schünemann: Der Bruder
Diogenes Verlag 2008
kart., 288 Seiten, 8,90 Euro
ISBN: 978-3-257-23723-8
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Christian Schünemann: Die Studentin
Diogenes 2009
kart., 260 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-257-23915-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Zur Besprechung von »Die Studentin«
beim Titel-Magazin
und bei Mord-und-Buch.de


Das Haifischbecken im Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft

Der dritte Fall für den Frisör

Rosemarie, das Au-pair-Mädchen von Tomas Prinz‘ Schwester, rettet dem Starfrisör erst den Auftritt vor den in London versammelten weltbesten Frisören während der »Alternative Hair Show« und führt ihn dann in das Studentenleben ein. Denn kaum hat Rosemarie in München den Haushalt von Prinz‘ Schwester im Griff, da schreibt sie sich auch schon an der Ludwig-Maximilians-Universität ein für Anglistik und wird rasch studentische Hilfskraft bei Mara Markowski, der gerade erst berufenen Professorin für englische Literaturwissenschaft und Ehefrau des Dekans der Fakultät für Sprach- und Kulturwissenschaften.

Schon bald muss Rosemarie feststellen, dass kleinere Sabotageakte gegen die Professorin verübt werden: ein Virus auf dem Computer, ein vergammelnder Fisch hinter dem Bücherregal, eine eingeschlagene Fensterscheibe. Ein frustrierter Student, der seinem Ärger auf diese unwissenschaftliche Weise Luft macht? Oder steckt mehr dahinter? Tomas Prinz zumindest beginnt, sich Sorgen um Rosemarie zu machen.

Ich zog die Strähnen flach heraus, fing an zu stufen und beobachtete dabei, wie das Haar fiel.
Jeden Einzelnen dort an der Uni, das gesamte Umfeld von Mara Markowski müsste die Polizei sich vorknöpfen. Ziemlich viel Aufwand, aber unbedingt nötig, bevor etwas Schlimmeres passierte.
Um den Hinterkopf herum zog ich den Scheitel, einen nach dem anderen, und schnitt immer gerade ab.
Ich könnte einfach mal die Kriminalpolizei anrufen und denen klarmachen, wie gefährlich die Situation war. Wozu hatte ich schließlich den Kontakt.
Zum Outslicen ging ich von oben und von unten in die gekürzten Parteien und benutzte meine Schere wie ein Messer.
Das Wichtigste war, dass ich Rosemarie so schnell wie möglich aus der Schusslinie brachte.

Seine Befürchtungen sind berechtigt: Nur wenig später wird der Dekan, Ehemann Markowski, tot aufgefunden – gestorben an einer Überdosis Digitalis. Galt der Anschlag seiner Frau? Oder versucht jemand, diese mit gemeinsten Mitteln fertig zu machen? Schließlich hat auch der Elfenbeinturm der Literaturwissenschaft ein gut bestücktes Haifischbecken im Keller. Nicht ohne Grund mokiert sich manch einer über die »Markowski-Mafia«. Da sich auch Rosemarie verdächtig macht, beginnt der Starfrisör zu ermitteln – auf seine eigene charmant-unaufdringliche Art.

»Ihr Haar war wirklich ganz erstaunlich: zum Reingreifen und Unsinn machen«

»Die Studentin« ist der dritte Krimi um den Coiffeur der Extraklasse. Nachdem Tomas Prinz in »Der Frisör« in der Welt der Hochglanzmodemagazine ermittelte und in »Der Bruder« die Kunst- und Galeristenszene durchleuchtete, ist es nun das konkurrenzerfüllte Milieu der Universität, das er durchstöbert. Trotz seiner detektivischen Erfahrung ist und bliebt Prinz in erster Linie Frisör – das macht diese Bücher so überzeugend wie erfrischend. Denn Prinz‘ erster Blick fällt konsequent auf die Haare der handelnden Figuren. Der Mann ist es gewohnt, genau hinzusehen, und er hat ein untrügliches Auge für Details und für die Stimmigkeit im Auftreten und Erscheinen, für die Unterschiede zwischen Sein und Inszenierung einer Person. Prinz erfasst, wie sich die Menschen gern selbst sehen würden und wie sie von anderen wahrgenommen werden. Dies hilft ihm einerseits, seine Kunden optimal zu beraten, und andererseits mögliche Motive zu durchschauen.

Es kam mir vor wie beim Schneiden: Man glaubt, mit Nackenlinie, Hutlinie und Scheitel eine klare Einteilung zu haben, doch kann es passieren, dass man dabei vergisst, dass jeder Kopf seine ganz eigene, individuelle Form hat. Und plötzlich ist die strenge Einteilung kein Hilfsmittel mehr, sondern nur noch hinderlich.

»Streng ihr Pony, locker die gebügelten, in sich verdrehten Partien«

Gab es in den ersten Büchern noch allerlei Seitenthemen und Abwege, die sich im Nichts verloren, verfährt der Autor Christian Schünemann diesmal strenger und konsequenter: Alles gruppiert sich thematisch um den Tod des Dekans und die Ermittlung von dessen Hintergründen – durchaus mit netten Umwegen, aber diese führen nicht in stumpfe Sackgassen, sondern geben der Geschichte Volumen, Halt und Schwung. Ein in sich stimmiges Werk, straffer und zugleich duftiger als die beiden vorangehenden Bücher.

Geschrieben ist der Whodunit in angenehmer Zurückhaltung. Wie Tomas Prinz, so auch die Sprache: elegant, stilsicher, freundlich beobachtend und unaufgeregt. Alles Schrille und Laute, alle naheliegenden Klischees werden vermieden. Für Christian Schünemann – zwischen seinen Büchern als Storyliner für tägliche Serien wie zum Beispiel »Verliebt in Berlin« tätig – eine bewusste Entscheidung: »Gerade weil es sich so anbietet – schwul sein, Frisör sein, München, das schreit ja alles nach Klischees -, gerade darum fahre ich das ein bisschen herunter und mache es dezenter.« Eine gute Entscheidung: Was auf den ersten Blick wie ein Verzicht wirken mag, entwickelt bei genauerem Hinsehen einen betörenden, unaufdringlichen, ja geradezu seidig schimmernden Charme.

Kirsten Reimers

Christian Schünemann: Die Studentin
Diogenes 2009
kart., 260 Seiten, 9,90 Euro
ISBN: 978-3-257-23915-7
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

Diese Rezension wird auch erscheinen auf satt.org

Es lohnt sich auch ein Blick ins Titel-Magazin: Samstag ist Krimitag

Ebenso einen Klick wert: die Besprechung auf Literaturkritik.de

Und außerdem gibt es ein Interview mit Christian Schünemann auf Mord-und-Buch.de: »Und dann schubse ich den Frisör in jedem Buch in ein anderes Milieu«


»Ein Hybridkiller. Eine Art mörderischer Überflieger«

Splatter-Horror-Serienmord – grandios und doch schwächelnd

Frank Spain ist Profikiller der Mafia. Emotionslos, hoch professionell, zuverlässig. Eine gut geölte Tötungsmaschine und ein loyaler Angestellter. Im Umgang mit dem Tod erfahren und souverän. Nur mit den Lebenden hat er Schwierigkeiten. Im Privatleben ist er hilflos angesichts der emotionalen Bedürfnisse von Ehefrau und Tochter. Als seine Frau ihn betrügt – »Es hätte jeder sein können«, »Du redest nie mit mir« – und sich scheiden lässt, bleibt Spain mit seiner pubertierenden Tochter Tiff zurück: »Sie war vierzehn und blühte auf, und er wusste nicht, was er machen sollte.« Wenn er reden müsste, schweigt er, wenn er zuhören müsste, brüllt er. Mit Strenge und Unverständnis treibt er seine Tochter immer tiefer in die Arme eines hinterhältigen Schulschönlings. Der macht Tiff erst emotional und dann mit Drogen hörig und schickt sie auf den Strich, wo sie noch am ersten Abend von einem perversen Freier so misshandelt und verstümmelt wird, dass sie bleibende Schäden davonträgt. Für ihren Zuhälter nun unbrauchbar, wird sie an einen Pornoproduzenten verkauft. Tiffs Abstieg ist kurz und schrecklich. Sie endet als Hauptdarstellerin in einem Snuffvideo.

Als Jack Spain davon erfährt, dreht er durch. Er schwört blutige Rache an allen, die für ihren Tod in irgendeiner Weise Verantwortung tragen. Dies führt ihn bis tief in die Reihen seiner eigenen Auftraggeber, der Mafia, bis hin zu seinem jahrelangen Mentor. Denn Drogenhandel und Pornoindustrie ist nun einmal ein Nebenerwerbszweig der Mafia. Spain, der Profikiller, startet einen Rachefeldzug, der an Gnadenlosigkeit kaum zu überbieten ist.

»Alle so tot wie die Weihnachtsbäume vom vergangenen Jahr«

Mit jedem Mord verändert er sich. War er anfangs der verzweifelte Vater, der von Schmerz getrieben wurde, der fast Mitleid erregte, so wächst in ihm mit jedem neuen Toten, mit jeder neuen Hinrichtung – eine grausamer als die andere – ein Monster von ungeheurem Blutdurst. Spain, der methodisch vorgehende, emotionslose Auftragsmörder, verspürt ein seltsames, überwältigendes Gefühl: »Den Wunsch, den nächstbesten Menschen zu töten, mit dem er in Kontakt kam. Er identifizierte es korrekterweise als Wahnsinn und verdrängte es.« Zu Spain dem Psychopathen, der geplant und umsichtig Menschen umringt, tritt Spain der Psychot, der wahllos und spontan zuschlägt.

»Ein Hybridkiller«, konstatiert Jack Eichord, der zur Aufklärung der vermeintlichen Mafiamorde hinzugezogen wird. Denn Spain versteht es, seinen Rachefeldzug so zu inszenieren, dass er nach außen wie der Krieg zweier rivalisierender Familienzweige erscheint. Lediglich Eichord durchschaut dies. Schon zu Beginn des Buches begegnen sich Spain und der Mann, der in Millers Debütroman »Fettsack« (im Original »Slob«) den tonnenschweren Massen-Serien-Mörder »Chaingang« Bunkowski überwältigte.

Die Presse liebte Vokabeln wie »Serienmörderexperte«, wie unzutreffend sie auch sein mochten, und Jack Eichord geriet solchermaßen ins Visier der Medienmeute. Sie schrieben über sein Genie in der Verbrechensaufklärung und sein Sherlock-Holmes-gleiches Gehirn, und er lachte über den ganzen Quatsch, genau wie seine Kollegen, die es besser wussten. Er hatte Glück. Er besaß eine Gabe. Irgendwas. Er hatte Eingebungen. Was auch immer. Das Ding, das er in sich trug. Er nannte es seinen Scheißedetektor. Und der surrte gerade auf Hochtouren, obwohl Eichord keinen blassen Schimmer hatte, warum.
Der Mann namens Frank Spain besaß denselben Instinkt, dieselbe Intuition, nur umgekehrt. Jeder tat das kalte Gefühl im Inneren achselzuckend ab, wie zwei Schiffe, die einander in der Nacht passieren (…).
Eichord wird von Anfang an als innig-verbundener Gegenpart des durchgeknallten Profikillers gezeichnet – ihm ähnlich und doch auf der anderen Seite der Grenze: Während Spain Frau und Tochter und darüber den Verstand verliert, findet Eichord nach Trennung von Freundin mitsamt Tochter eine neue Liebe; während Spain einsam in Rache und Blutdurst watet, ist Eichord umhüllt von Verliebtheit und Sex. Aber während Eichord und sein Glück ziemlich blass bleiben, ist man als Leser schmerzhaft nah, manchmal zu nah am elenden Verreckten von Tiff und dem blutrünstigen Überdrehen ihres Vaters dran.

Durch den Blutregen ins Herz des amerikanischen Idylls

Wie Chaingang in »Fettsack« ist Frank Spain eine ausgebildete Tötungsmaschine, die sich letztlich gegen ihren Auftraggeber richtet – bei Chaingang die US-Gesellschaft, bei Spain die Mafia, die »Familie«, durchaus auch im weiteren Sinn. Das ist nicht die einzige Parallele, denn wie Chaingang wird der Hybridkiller vom »Serienmörderexperten« Eichord überwältigt, indem dieser die emotionale Achillesferse des Monsters ausmacht und hineinhackt.

Überhaupt ist »Im Blutrausch« (eine wahrhaft angemessene Übersetzung des Originaltitels »Frenzy« von 1988) dem vorangehenden »Fettsack« durchaus ähnlich: die grandiose Sprache – wieder kongenial ins Deutsche übertragen von Joachim Körber; die Erzählweise, die alle Konventionen und alles Chronologische hinter sich lässt und so zum Wesentlichen vordringt; der gallige makabere, genaue Humor, der das Absurde so vertraut macht; die Horror- und Splatterelemente, die gekonnt eingesetzt werden; das Monströse, das überall lauert – alles da. Dazu noch zielt Rex Miller mit Präzision durch die Blutströme auf das amerikanische Ideal von der heilen Familie und dem Selfmademan, der sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeitet, bis er Häuschen, Frau und Kind in der Vorstadt hat – eine Idylle, wären nur die Menschen nicht, wie sie sind. Alles ist da, alles ist noch besser, noch komplexer, noch ausgefeilter als in »Slob«. Und das ist die Krux. Denn »Im Blutrausch« wirkt wie die verbesserte Kopie von etwas Grandiosem. Noch begeisternder, blutiger, ekliger, grotesker, überzogener, noch literarischer. Und doch leider nur eine Kopie: nicht mehr wirklich überraschend, nicht mehr ganz so provokant.

Kirsten Reimers

Zum Bestellen bei eBook.de einfach auf den Titel klicken:

Rex Miller: Im Blutrausch
Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim Körber
Edition Phantasia 2009
kart., 318 Seiten, 17, 90 Euro
ISBN: 978-3-937897-34-9

Diese Rezension ist auch erschienen auf satt.org


»In jeder Textstelle steckt etwas von uns beiden drin«

Kommissar Kluftingers neuer Fall

Mit ihren Allgäukrimis um den kauzigen Kommissar Kluftinger gehören Volker Klüpfel und Michael Kobr zu den bekanntesten und erfolgreichsten Krimiautoren Deutschlands. Bislang wurden rund 1,4 Millionen Exemplare ihrer Bücher verkauft, der letzte Krimi erstürmte innerhalb weniger Tagen die Spiegel-Bestsellerliste. Am 23. September wird im Bayerischen Fernsehen die erste Verfilmung eines ihrer Bücher ausgestrahlt, die Hauptrolle spielt Herbert Knaup.

Mit »Rauhnacht« liegt der fünfte Roman des Duos vor, ein höchst klassischer Cozy: Kommissar Kluftinger ist eingeladen zu einem Live-Kriminalspiel in einem Luxushotel in den Allgäuer Alpen. Ihm wird die Rolle des Hercule Poirot zugewiesen – und prompt bekommt er es gleich am ersten Abend mit einer echten Leiche zu tun. Da ein Schneesturm und akute Lawinengefahr das Hotel von der Außenwelt abschneiden, ist Kluftinger wie Agatha Christies Figur ganz auf seine kleinen grauen Zellen angewiesen. Mit von der Partie sind des Kommissars Intimfeind Dr. Langhammer und Kluftingers skurrile Unbeholfenheit in der Bewältigung des modernen Alltags. Und das alles während der unheimlichen Rauhnächte, in denen – so will es der Mythos – die Dämonen die Erde heimsuchen.

Ihr neuer Krimi liest sich wie eine Hommage an den klassischen britischen Rätselkrimi. Ein eingeschneites Hotel, eine übersichtliche Anzahl Gäste, der Tote wird in einem von innen verschlossenen Raum gefunden, alle Anwesenden haben etwas zu verbergen, alle hängen auf irgendeine Weise mit dem Toten zusammen – klassischer geht es kaum. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Kobr: Wir wollten’s einfach mal ausprobieren und mit den Klassikern a bissl spielen. Es ist wirklich als Hommage gedacht; aber wir wollten auch versuchen, ob’s auf Kluftinger runtergebrochen auch funktioniert. Das war einfach das Spannende, zu schauen, ob wir mit dieser klassischen althergebrachten Form auch zurechtkommen.

Klüpfel: Außerdem haben wir da die größte Schnittmenge an Literatur, die uns beiden gefällt. Das ist was, was wir beide gerne lesen. Es war auch bei der Vorbereitung toll. Wir haben im Auto oft Hörbücher von Agatha Christie gehört. Einfach, um uns a bissl auf die Atmosphäre einzustimmen …

Der »Mord im Orientexpress« war wohl mit darunter.

Klüpfel: Genau. Das war eine sehr angenehme Vorbereitung.

Ganz im Sinne des Rätselkrimis hat Kluftinger kein Team um sich dieses Mal. Er ist ausschließlich angewiesen Doktor Langhammer und sein Detektivköfferchen. Seine Ermittlungsmethode besteht allein aus Fragen. Ist das nicht ein bisschen altmodisch angesichts der großen Rolle, die die hochtechnisierte Forensik heute in Buch und Film spielt?

Klüpfel: Ja genau. Es ist absolut altmodisch, und das auch bewusst. Kluftinger ist ja sowieso einer, der nicht ganz auf unserer Zeitspur mitläuft. Er hinkt oft a bissl hinterher. Nur ist er immer gezwungen, sich neuer Kommunikationsmittel zu bedienen. Und hier hat er die überhaupt nicht zur Verfügung bis auf E-Mails, so a bissl am Rande. Damit ist er wirklich auf das zurückgeworfen, was er auch am besten kann, und deswegen sieht er vergleichsweise gut aus, vor allem gegenüber Langhammer.

Kobr: Mit der modernen Kommunikation wird’s zwar für die echten Aufklärer immer leichter, für die Krimischreiber aber immer schwieriger. Das heißt, wenn sich die Aufklärungszeit verkürzt, und wenn’s Möglichkeiten wie den genetischen Fingerabdruck und Ähnliches gibt, dann kann es auch ein Kunstgriff sein, sozusagen die alten Verhältnisse von anno dazumal wiederherzustellen.

Klüpfel: Man sieht das an den aktuelle Krimis. Was die Leute sich immer einfallen lassen, damit die Handys nicht funktionieren, damit man sie nicht orten kann und so, weil sonst der Plot nicht funktioniert Da müssen diese ganzen modernen Sachen wieder über Bord geworfen werden, damit die Geschichte dann wieder auf eine traditionelle Spur kommt.

Ganz abgeschnitten von allem ist Kluftinger ja dann doch nicht, er kann ja nach einer Weile E-Mails verschicken.

Kobr: Ja, wir haben während des Schreibens festgestellt, dass wir auf die Kommunikation mit Maier nicht ganz verzichten wollen. Das gehört einfach dazu.

Ihr neues Buch ist gespickt mit zahlreichen Anspielungen auf Filme und Bücher – auf Romane von Agatha Christie, John Dickson Carr, Simenon; Wolf Haas klingt mitunter durch; an manchen Ecken erinnert es an »Shining«. Erfolgt diese Hommage anlässlich Ihres fünften Buches? Es hat ein bisschen was von einem Jubiläum: Es ist das fünfte Buch, und wir verbeugen uns darin vor allen, die uns beeinflusst haben.

Klüpfel: Wär eigentlich eine schöne Erklärung …

Kobr: Daran haben wir gar nicht gedacht. Wenn wir so auf andere Bezug nehmen, dann müssen wir uns auch vor den Autoren entsprechend verbeugen.

»Rauhnacht« ist Ihr fünftes Buch. Sechs Jahre schreiben Sie jetzt schon gemeinsam. Verändert sich das Schreiben im Laufe der Zeit?

Klüpfel: Ich hoffe es, und ich habe auch den Eindruck, dass es besser wird – wobei das aber wohl auch eine menschliche Eigenart ist, sich selber immer als weiterentwickelt im Vergleich zu seinem früheren Ich zu betrachten.

Kobr: Alles andere wäre ja auch Wahnsinn.

Klüpfel: Genau. Das ist so ein psychischer Mechanismus, aber ich glaub’s auch tatsächlich. Wenn wir von Zeit zu Zeit mal eine Lesung aus »Milchgeld« haben, dann ist es zwar schön, mal wieder dieses ältere Buch zu lesen, aber man bemerkt schon Sachen – das wäre uns heute nicht mehr durchgegangen. Manche Formulierungen oder so.

Und die Zusammenarbeit?

Klüpfel: Auch die hat sich verbessert, ist effektiver geworden.

Kobr: Ja, genau.

Sie machen das immer noch so, dass Sie ein Buch gemeinsam vorbereiten und jeder dann für sich schreibt?

Kobr: Ja, genau. Aber es ist natürlich so, dass die Rohentwürfe, die wir uns gegenseitig schicken, einfach anders geworden sind. Verlässlicher, was das Vorbesprochene angeht, also näher an den besprochnen Ideen dran. Und die haben natürlich die erste Schere im Kopf schon hinter sich. Wir wissen ja inzwischen, was beim anderen nie durchgehen würde, und das schreibt man dann auch gar nicht mehr hinein. Aber es ist natürlich auch so, dass wir unseren Kluftinger-Ton gefunden haben, und den treffen wir immer besser, so dass die gegenseitigen Korrekturen eher weniger werden.

Klüpfel: Und es ist auch einfacher geworden. Früher haben wir das ganz aufwändig gemacht: haben die Seiten ausgedruckt, die Stellen markiert, wo wir einen Einspruch hatten, dann haben wir uns getroffen und das diskutiert. Inzwischen korrigiert man einfach drüber, und zu 95 Prozent sagt der andere »okay«, ohne dass wir weiter darüber reden. Es gibt nur noch wenige Stellen, über die wir streiten.

Wie bekommen Sie das hin, dass man die Brüche gar nicht bemerkt? Das liest sich ja wie aus einem Guss.

Klüpfel: Das hat sicher etwas damit zu tun, dass wir inzwischen wissen, wie es klingen soll. Das ist eindeutiger als früher, und wir haben uns auch ein bisschen angenähert im Stil. Aber, mei, es geht schon noch ein paarmal hin und her, so ist es ja nicht. In jeder Textstelle steckt etwas von jedem drin.

Fällt es Ihnen heute leichter, einen Krimi zu schreiben, als noch vor ein paar Jahren? Oder wird es auch komplexer?

Kobr: Also dadurch, dass wir unsere Technik verbessert haben, fällt’s uns auch leichter, zu schreiben. Und zum Glück haben wir immer noch genügend Ideen, was für die Zukunft ganz beruhigend ist. Und es fällt natürlich insofern leichter, als dass wir jetzt ständig mit Fragen rum um Bücher beschäftigt sind. Wir stecken im Moment einfach mehr drin als ganz am Anfang. Da war das ja wirklich rein nebenbei, eher ein Steckenpferd.

Klüpfel: Wobei wir auch sagen müssen, wir suchen uns schon auch unsere Herausforderungen. Wir könnten es uns sicher einfacher machen als jetzt. Wir hätten keinen Krimi schreiben müssen, in dem der Tote in einem von innen verschlossenen Raum liegt. Also, das hat auch uns viel Hirnschmalz gekostet, um da eine Lösung zu finden. Aber das brauchen wir, damit’s uns Spaß macht.

Kobr: Es muss für uns auch immer etwas Neues sein. Es soll für den Leser was Neues sein, der soll sich auf eine neue Situation einstellen. Wir brauchen das aber auch zum Schreiben.

Sie haben in Interviews immer wieder gesagt, Sie schreiben eigentlich Bücher, die Sie selbst gern lesen würden. Inzwischen haben Sie bei Lesungen viele Ihrer Leser kennen gelernt. Schleicht sich das Bild der Zuhörer beim Schreiben ein? Sind das heute die Menschen, für die Sie schreiben? Oder schreiben Sie wirklich eher für sich?

Kobr: Da sich das ja relativ gut deckt, ist das für uns eigentlich ganz komfortabel. Offenbar haben wir und unsere Leser ungefähr den gleichen Lesegeschmack. Aber es steigt auch das Selbstvertrauen, beispielsweise bei den komödiantischen Szenen. Da wussten wir am Anfang ja gar nicht, wie das ankommt. Wir haben uns gefragt, ob das zu viel ist oder zu slapstickartig oder vielleicht auch gar nicht komisch. Heute wissen wir aber, dass gerade bei Lesungen diese Stellen gut ankommen. Und dann schreiben die sich natürlich auch beruhigter, wenn man weiß, die Leser mögen das auch.

Aber Sie haben keinen typischen Leser vor Augen, oder?

Klüpfel: Den gibt es auch gar nicht. Worüber sich der eine mokiert, gerade das findet der andere toll. Nur Kluftinger, das merkt man, das ist das große Gemeinsame, die große Schnittmenge bei allen Lesern.

Sie gehen beide einem Beruf nach. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut? Sie machen Lesungen – für „Rauhnacht“ gibt es Termine bis in die Mitte des nächsten Jahres hinein, Sie werden zahlreiche Pressetermine haben; Sie lesen die Hörbücher selbst … Wie machen Sie das? Wie bekommen Sie Ihr Privatleben und Ihren Beruf mit dem Schreiben zusammen und mit allem, was da noch dazugehört?

Klüpfel: Wir koksen. (lacht)

Kobr: (lacht) Nein, wir machen das alles ohne Aufputschmittel und ohne Doping. Wir haben die Berufe reduziert, und oft muss die Familie ein bisschen zurückstehen. Aber das Bücherschreiben ist ja nicht nur unser zweiter Beruf, sondern auch unser Hobby. Wir haben halt keine anderen Hobbys mehr. Da hängen wir uns rein wie ein Kreisliga-Fußballtrainer. Der hat auch wahnsinnig viele Termine, trainiert seine Mannschaft dreimal in der Woche, und wir machen das Ganze eben für die Bücher. Und da es so viel Spaß macht, und auch unsere Berufe Spaß machen, ist es keine Qual, sondern eher eine Herausforderung, die auch beflügelt.

Rund 1,4 Millionen Bücher haben Sie inzwischen verkauft, Ihre Leserschaft ist riesig, es gibt geführte Touren durchs Allgäu auf den Spuren von Kluftinger, einen Fanclub auf Facebook – verändert das das Verhältnis zum eigenen Schreiben?

Klüpfel: Komischerweise nicht. Das war für mich auch erstaunlich. Aber letztlich ist man beim Schreiben auf sich selbst zurückgeworfen. Man sitzt am seinem Schreibtisch allein nur mit sich und der Tastatur – da macht es keinen Unterschied, ob das jetzt eine Millionen Leser sind oder zwei. Das ändert beim Schreiben für mich persönlich gar nichts.

Wie ist das jetzt mit der Verfilmung? Sie, Herr Klüpfel, haben ja auch eine Rolle darin. Ist das noch das Eigene, wenn ein Buch in Figuren umgesetzt wird, wenn da Menschen aus Fleisch und Blut handeln?

Klüpfel: Ja und nein. Also, man merkt natürlich: die Geschichte und die Figuren, die sind schon so, wie wir sie uns auch erdacht haben – natürlich nicht eins zu eins, aber von der Grundstimmung her. Wir sind sehr positiv angetan von dem Film. Und ich denke schon, dass wir relativ kritisch an die Sache rangegangen sind.

Kobr: Ja, genau. Also der Ton, der ist einfach super getroffen. Auch wenn sich die Geschichte a bissl unterscheidet von der Buchvorlage und natürlich auch ein wenig die Figurenkonstellation. Aber das ist egal, weil – wie Volker schon gesagt hat – die Grundstimmung stimmt. Und der Hauptdarsteller, der Herbert Knaup, der ist phänomenal, auch wenn sich viele Leute ihn nicht in der Rolle vorstellen konnten. Klar haben wir in unseren Köpfen einen anderen Kluftinger, aber Knaup funktioniert absolut. Und das ist die Hauptsache. Das war wirklich ein großer Glücksgriff.

Wie nah ist Ihnen nach sechs Jahren der Kluftinger? Denken Sie selbst manchmal »priml«?

Klüpfel: Der ist uns natürlich schon nah. Er kommt ja aus uns und hat wahrscheinlich auch ein bisschen was von uns beiden mitbekommen. Man kann das natürlich trennen, man weiß, dass es ist eine fiktive Figur ist, aber er spielt schon so im alltäglichen Leben eine Rolle, also das man sagt: Ja mei, das wäre jetzt aber nichts für den Klufti. Ja, der hat schon sehr reale Züge angenommen.

Kobr: Wir sind ihm natürlich auch sehr dankbar. Er bereitet uns wirklich ein Leben mit vielen Facetten, die wir sonst gar nicht gekannt hätten. Das Schöne ist aber, zu sehen, dass das bei den Lesern auch so ist, dass den Lesern diese Figur auch so nah ist. Manche berichten uns zum Beispiel bei Lesungen oder in E-Mails: Der Urlaub, das wär für den Klufti gar nichts gewesen. Neulich hat uns jemand erzählt, dass er irgendwo in Vietnam in so einem Gebrauchtbücherladen unser letztes Buch gekauft hat. Und dann hat er auch gleich hinzugefügt, aber der Kluftinger selbst wäre da ja nie hingekommen. Das ist schön, dass den Lesern diese Figur auch sehr vertraut ist.

Klüpfel: Manchmal haben wir sogar bissl ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, weil wir ihn ja immer wieder in Situationen bringen, die ihm unangenehm sind. Und auch sein Auto. Wir haben schon überlegt, ob wir ihm mal ein neues Auto spendieren …

Kobr: Ja, wir schenken ihm jetzt ein neues Auto, im nächsten Buch, oder?

Klüpfel: Ja.

Okay, Sie mögen Ihre Figur also noch.

Klüpfel: Ja, ja, sehr.

Kobr: Ja.

Und Sie haben auch Ideen für das nächste Buch?

Klüpfel: Wir haben noch Ideen für a paar weitere Bücher. Also, Idee, das heißt immer eine gute Idee, und die bezieht sich eigentlich immer auf einen Krimiplot. Es muss eine gute tragfähige Krimiidee sein. Was daraus für eine Handlung entsteht, das steht noch in den Sternen – aber Ideen haben wir, ja.

Schreiben Sie auch schon wieder?

Klüpfel. Nein, im Augenblick nicht.

Kobr: Aber wir haben uns grad erst letztes Wochenende einen Termin gesetzt, wann wir anfangen, das nächste Buch zu besprechen, und dann geht ja praktisch parallel die Schreibarbeit wieder los.

Wie gehen Sie vor? Wissen Sie von vornherein, was geschieht und wie?

Klüpfel: Nein, eigentlich nicht. Die Idee umfasst in der Regel einen Halbsatz. Zum Beispiel bei »Seegrund« war das »der Nazischatz im Alatsee«. Das war alles. Das war die Idee. Und bei »Laienspiel« war das »Terror in der Provinz«. Bei »Erntedank« …

Kobr: Sagen.

Küpfel: Genau: »irgendwas mit Sagen«. So fängt das an. Mehr haben wir auch noch nicht. Und daraus müssen wir etwas machen.

Warum Krimi?

Kobr: Also erstens, weil uns der Krimi aus unserer eigenen Leseerfahrung sehr nah ist und weil der Krimi eine Möglichkeit ist, das, was wir versuchen, rüberzubringen, wirklich gut darzustellen. Was uns sehr liegt, sind diese Alltagsbeschreibungen und -beobachtungen. Wir haben festgestellt, das schreiben wir beide auch sehr gern. Und das funktioniert eben in einem Krimi gut, weil die Krimihandlung die Leser durch die Spannung am Buch hält. Dabei können wir unsere Alltagsbeobachtungen sozusagen gut unterschieben. Diejenigen, die eher am Plot interessiert sind, die halten aufgrund der Geschichte durch, und die anderen zieht die Handlung auch mit hinein. Das heißt, wir bekommen da unsere Alltagsgeschichten einfach gut untergebracht. Viel besser, als wenn wir einfach ein Sammelsurium aus Alltagsbeobachtungen schreiben würden.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

(Fotos: Peter von Felbert)

Kirsten Reimers

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Volker Klüpfel & Michael Kobr: Rauhnacht
Piper 2009
geb., 362 Seiten, 17,95 Euro
ISBN: 978-3-492-05204-7
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Und hier geht es zur Besprechung des Buches auf NDR Kultur:
Rauhnacht. Kluftingers neuer Fall