Archiv für das Jahr: 2008

Keine Hoffnung für Dreizehnjährige

Nach dem Tod der Mutter zieht die Familie der dreizehnjährigen Anita von Leeds in ein ärmliches Viertel im Südosten Londons. Was ein neuer Anfang werden sollte, führt zum endgültigen Zerbrechen der Familie: Der Vater ist vollkommen aus der Bahn geworfen und hockt nur noch hilflos trinkend vor dem Fernseher. Die beiden Zwillingsschwestern, wenig älter als Anita, stürzen sich leicht bekleidet ins Londoner Nachtleben. Der große Bruder verfügt plötzlich über Dinge, für die er eigentlich gar kein Geld hat. Und dazwischen, nein, eher daneben: Anita, isoliert, zurückgezogen, schweigsam, nach dem Tod der Mutter desorientiert und verwirrt. Und sie ist schreckliche dreizehn Jahre alt – das Alter, das wirklich das entsetzlichste, das aufwühlendste und verstörendste ist. Anita gehört zu den Kindern, die stets außerhalb stehen, in der Familie wie in der Schule. Ihre pakistanisch-britische Abstammung macht es ihr dabei nicht einfacher.

Dennoch gelingt es ihr, mit zwei weiteren Außenseitern eine Art Freundschaft zu schließen: mit dem dicken, schwarzen Denis und mit Kyle. „Denis war das Kind mit dem Förderunterricht, wie es in jeder Klasse eins gibt. Die Brille, die er aufhatte, war ein Kassengestell mit Gläsern, dick wie Autoscheinwerfer“. Kyle ist das Kind, das als verhaltensauffällig gilt: „Er war dünn wie ein Strich in der Landschaft und eins dieser Kinder, die aussehen, als würden sie nach Pisse riechen. Die Art von Kind, die keiner wahrnimmt.“ Dennoch ist Anita wie in einen Bann gezogen von Kyle, denn er schert sich nicht um das, was andere von ihm denken, ist unberechenbar, manchmal wie ein anderer Mensch, wild, aggressiv: „Seine Augen waren unglaublich. Ein blasses, fahles Grau, die Farbe von Laternenpfählen und Rinnsteinen, die Farbe des Regens – riesengroß dominierten sie sein spitzes, knochiges Gesicht.“

Das Faszinierendste an Kyle jedoch ist, dass ihn ein Geheimnis umgibt. Vor einem Jahr verschwand seine kleine Schwester Katie – mitten in der Nacht aus dem Kinderzimmer, ohne jede Spur, ohne jeden Hinweis. Dies bewegt Anita immer wieder: Was ist mit Katie geschehen? Ist sie entführt worden? Ist sie tot? Ist der Täter noch in der Nähe? Wird er wiederkommen?

Gemeinsam machen sich Kyle, Denis und Anita während des Sommers auf die Suche nach stillgelegten Minen und vergessenen Gruben unterhalb von London. Und je weiter der Sommer voranschreitet, je tiefer diese merkwürdige Freundschaft wird, desto bedrohlicher und gefährlicher wird es, denn es ist klar, dass es da noch ein Geheimnis gibt.

„Als der Sommer in jenem Jahr zu Ende ging, waren drei von uns tot.“ Mit diesen Worten, diesem ersten Satz schickt Camilla Way ihre Leser auf die staubigen glühenden Straßen Londons im heißen Sommer 1986. Geschildert wird das Geschehen aus der Perspektive Anitas, die sieben Jahre später die Ereignisse berichtet. Nicht das stylische, coole London ist es, das das junge Mädchen damals kennengelernt hat, sondern die bröckelnden Strukturen dahinter, die Schrottplätze und dreckigen Tunnel, die stinkende Themse, die glühendheißen Straßen zwischen heruntergekommenen Häusern.

Way beschwört alte Kindheitserinnerungen herauf – endlos öde Sommerferien, erfüllt von stickiger Hitze und Langeweile. Die fürchterliche Welt der Dreizehnjährigen, in der die Bedrohung durch brutale Mitschüler beklemmende Realität ist, in der es keinen Ausweg gibt, eine Welt, die von Scham und Sprachlosigkeit geprägt ist, in der Erwachsene keinen Halt mehr bieten – und es im Fall von Anita, Kyle und Dennis auch nicht können, denn die Kinder erwartet in ihren Familien nur Desinteresse und Überforderung.

Was zu einem zähen sozialpädagogischen Roman über das Aufwachsen in zerrütteten Familien hätte werden können, ist zum Glück ganz anders gelungen: Denn ohne jeden Betroffenheitsschmalz schildert Camilla Way durch die Augen ihrer Protagonistin, wie die Suche nach Kontakt, wie der Versuch, aus der Isolation auszubrechen, in eine Katastrophe führen kann. Und dies in letztlich unerwarteter Weise, sehr mitnehmend und sehr verstörend.

Kirsten Reimers

 

Camilla Way: Schwarzer Sommer
Aus dem Englischen von Gabriele Weber-Jarić
Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008, 208 Seiten, 8,95 Euro
ISBN: 978-3-499-24750-7

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Freche Ermittlerin im Klischeegefängnis

Eigentlich soll Lila in Bielefeld aus dem Zug steigen. Ihr Vater hat alles arrangiert: Jura-Studium, obwohl die Abinote dafür nicht reicht, ein kleines Apartment, eine sichere Karriere nach dem Staatsexamen, ganz egal wie der Abschluss ausfallen wird, denn Papa hat als Oberstaatsanwalt so seine Beziehungen. Doch Lila Ziegler muckt auf. Statt wie vorgegeben in Bielefeld verlässt sie erst in Bochum den ICE. Allein im Regen, bald ohne jeden Cent, sieht die Freiheit zunächst etwas trübe aus, doch die selbstbewusste Gewohnheitslügnerin ermogelt sich ziemlich frech einen Schlafplatz beim bärbeißigen Privatdetektiv Ben Danner und ergattert auch fix einen Job in der Kneipe im gleichen Haus beim gutmütigen Wirt Molle.

Da Lila sehr neugierig ist, findet sie sich bald als Hilfsermittlerin für Danner wieder. Der ist zur Zeit dem Tod einer jungen Schülerin auf der Spur. Die oberen Polizeiränge möchten das als Selbstmord zu den Akten legen, doch Kriminalkommissar Staschek, dessen Tochter mit dem toten Mädchen eng befreundet war, zweifelt an dieser einfachen Lösung. Darum hat er seinen Freund und Exkollegen Danner mit den Ermittlungen beauftragt. Lila, die mit ihren zwanzig Jahren ausreichend jung wirkt, wird als neue Schülerin eingeschleust und kann auch bald erste neue Erkenntnisse beitragen, die die schlichte Selbstmordthese tatsächlich zweifelhaft erscheinen lassen.

Lucie Klassens Debüt ist ein sehr frischer, mitunter sehr witziger und recht charmanter Krimi. Besonders angenehm und überzeugend ist das Figurenensemble – warmherzig gezeichnet, etwas schräg mit Ecken und Kanten. Und ganz großes Plus ist die Unverkrampftheit, mit der Klassen schreibt und ihr Personal agieren lässt. Sechzehnjährige wirken tatsächlich wie Teenager, ohne dass deren Gespräch und Verhalten in irgendeiner Form gekünstelt scheinen. Die miefige Atmosphäre eines Gymnasiums mit überalterter und resignierter Lehrerschaft ist auch prima eingefangen. Ebenso problemlos gelingt der Brückenschlag zwischen der jungen Lila und ihrer neuen Wahlfamilie, der Männerrunde Anfang vierzig aus Danner, Molle und Staschek. Und obwohl die Geschichte in Bochum spielt, ist der Regionalbezug nicht überreizt. Das ist entspannend, denn Ruhrpottkrimis gibt es schließlich schon genug.

Könnte also ein rundum toller, unbekümmerter und intelligenter Krimi sein. Doch leider gibt es ein paar Dinge, die das verhindern. Teil eines erfolgreichen deutschen Krimis muss wohl das eigenwillige, unkonventionelle Ermittlerteam mit Serienpotenzial sein. Okay, das ist hier sehr angenehm gelungen. Aber leider sind ein paar Klischees zu viel hineingemischt, die einfach stören. Warum muss es zum Beispiel eine Liebesgeschichte zwischen Lila und Danner geben? Ist es wirklich glaubhaft, dass eine selbstbewusste junge Frau, die sich gerade aus der familiären Umklammerung befreit hat, ein kuscheliges Heim bei einem Vaterersatz sucht? Eine männliche Mutter, die kocht, umsorgt und Kleidung kauft, bekommt sie gleich noch obendrauf.

Außerdem verbirgt Lila eine dunkle Seite ihrer Vergangenheit: vom Vater regelmäßig verprügelt, hat sie sich zur Rebellin entwickelt und einige recht wilde Sachen gemacht – aber diese Einschübe, Erinnerungen und Erklärungen wirken aufgesetzt und unecht. Und außerdem: Rebelliert ein Teenager nur gegen die Eltern, wenn er extreme Gewalt erfährt? Dazu kommen einige Überkonstruiertheiten, die die Lesefreude zusätzlich trüben, besonders wenn es um die Exfreundin von Danner geht, die dem damaligen Kriminalbeamten das Herz brach, weil sie mit einer Intrige auf seine Kosten Karriere machte. Natürlich ist Danner seitdem beziehungsgeschädigt, ruppig und hat nur noch häufig wechselnde, oberflächliche Affären. Damit entspricht er dem typischen Bild des einzelgängerischen Privatermittlers. Und Lila scheint zu der Frau zu werden, die sein Misstrauen heilt und ihm wieder Zuversicht in die heterosexuelle Zweierbeziehung gibt.

Gut, trotz dieser Nervigkeiten lässt sich das Buch schön runterlesen, es bringt auch Spaß und hinterlässt keine bleibenden Schäden. Das kann man nicht von jedem Krimi sagen.

Kirsten Reimers

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Lucie Klassen: Der 13. Brief
Grafit Verlag 2008, 345 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-89425-349-3
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Die hautdünne Schicht der Zivilisation

Der renommierte Schönheitschirurg Richard Lafargue hält die junge Ève in seinem Haus gefangen – ein goldener Käfig mit viel angenehmem Luxus, doch ein Käfig. In seiner Begleitung darf sie von Zeit zu Zeit das Anwesen verlassen, an Abendgesellschaften teilnehmen und muss mit ihm mehrfach pro Monat ein junges Mädchen in einer Nervenheilanstalt besuchen. Danach zwingt Richard sie dazu, sich zu prostituieren, während er sie dabei beobachtet und ihre Erniedrigung, ihren Schmerz genießt.

Ein Bankräuber versteckt sich in verschiedenen Wohnungen in und um Paris, nachdem er bei einem Überfall einen Polizisten erschossen hat.

Ein junger Mann wird seit mehreren Jahren in einem dunklen Keller festgehalten. Sein Entführer – der ihn anfangs folterte – wird immer freundlicher und entgegenkommender.

Dies sind die drei Handlungsstränge, aus denen „Die Haut, in der ich wohne“ geflochten ist. Sie werden zusammengeführt, als Alex, der Bankräuber, beschließt, sich mit Hilfe des Schönheitschirurgen eine neue Identität zuzulegen. Um Richard zur Einwilligung und zum Stillschweigen zu zwingen, entführt Alex Ève. Dies gibt den Dingen eine katastrophale Wendung.

Der Plot ist wirklich atemberaubend – und es steckt eine Menge darin, das beim Lesen bewegt: Wie stabil ist Identität? Wie verändert Folter einen Menschen? Wie eng hängen Geschlecht und Selbst zusammen? Was macht Rache mit der Persönlichkeit? Wie nah sind sich Hass und Liebe?

Die Idee hinter dem Thriller ist beängstigend. Die Figuren sind getrieben von einer Grausamkeit, einer Unmenschlichkeit, die bestialisch ist, ohne dass sich dies in billiger Effekthascherei und blutigen Szenen niederschlägt. Und als Leser fühlt man sich beim eigenen Voyeurismus gepackt und ertappt, bei der Lust an Gewalt und am Abgrund, den die Zivilisation nur knapp verdeckt. Jonquet verwebt seine Stränge kunstvoll zu einem Netz, in dem sich Figuren wie Leser nachhaltig verfangen. Im französischen Original lautet der Titel darum sehr passend „Mygale“ – Vogelspinne.

Pedro Almodóvar will den Stoff verfilmen – das wird bestimmt gut. Der Plot lädt ein, etwas damit zu machen. Und ein Film wäre ein prima Sache. Denn – bei aller Begeisterung für die Konstruktion und für die Idee – der Text an sich ist enttäuschend.

Jonquet verzichtet weitgehend auf Dialoge. Wo Menschen aufeinandertreffen, werden die Gespräche zumeist paraphrasiert. Als Stilmittel passt das gut. So wird die Isolation der Figuren betont. Auch die Fokussierung auf das Geschehen zwischen den Hauptfiguren wird auf diese Weise vorangetrieben. Auf Nebenstränge verzichtet Jonquet, weitere Personen werden nur eingeführt, wenn es wirklich gar nicht anders geht. Alles dreht sich um das fatale zentrale Beziehungsgeflecht und erinnert ein wenig an eine Versuchsanordnung. Auf diese Weise kommt der Autor mit rund 140 Seiten aus. Sehr konzentriert.

Das könnte alles wirklich packend, verstörend, aufwühlend sein. Ist es aber nicht. Vielleicht funktioniert es im französischen Original. Vielleicht ist dort die Sprache dem Geschehen angemessen. Doch in der deutschen Übersetzung läuft es auseinander, und kein Lektorat hat es aufgefangen. Was vielleicht im Französischen schnörkellos und auf den Punkt ist, wird in der deutschen Version durch eine banalisierende Sprache mit mäßigem Stil flach gewalzt. Lieblos ist das Monströse, das Unfassbare durch ein stilistisches Klein-Klein belanglos gemacht worden. Schade.

So wirkt das Buch wie eine Skizze, wie eine Einladung, aus dieser Vorlage, die so viel bietet, etwas Neues zu schaffen, etwas, das in Form und Stil dem Inhalt entspricht. Vielleicht einen Film. Und vielleicht ist Almodóvar der richtige Regisseur dafür.

Kirsten Reimers

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Thierry Jonquet: Die Haut, in der ich wohne
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
Hoffmann und Campe 2008, 144 Seiten, 16,95 Euro
ISBN: 978-3-455-03692-3

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Messias in Alaska

Es hätte auch ganz anders kommen können. 1946: Der Zweite Weltkrieg endet, als die Amerikaner eine Atombombe über Berlin abwerfen, nachdem die Nazis die Sowjetunion erobert haben. 1948: Der Staat Israel kollabiert. Die USA stellen den Juden den Distrikt Sitka in Alaska für einen begrenzten Zeitraum zur Besiedlung zur Verfügung. Heute: Die Verträge laufen aus, der Distrikt fällt in wenigen Wochen wieder zurück an die USA. Die 3,2 Millionen Juden, die hier inzwischen leben, müssen sich ein neues Zuhause suchen.

Das ist die Ausgangssituation für Michael Chabons Kriminalroman „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“. In dieser Atmosphäre der Auflösung und Unsicherheit wird die Leiche eines erschossenen Junkies gefunden, der unter dem falschen Namen Emanuel Lasker – nach dem deutschen Schachgroßmeister – in dem heruntergekommenen Hotel Zamenhof wohnte. Detective Meyer Landsman, der ebenfalls dort haust, nimmt sich des Falles an. Landsman ist nicht weniger heruntergekommen als seine Absteige: Seit seine Ehe gescheitert ist, trinkt er zu viel, grübelt zu viel und schläft zu wenig. Und er hat Angst vor dem Dunkel. Nur seine Arbeit hält ihn noch zusammen.

„Er hat eine Zerrung im Rücken, ein Stechen im Kopf und einen scharf pochenden Schmerz in seiner Würde. Der bis vor kurzem von seinem Hirn ausgefüllte Raum zischt wie Nebel in seinen Ohren, summt wie eine Neonröhre. Landsman hat das Gefühl, seine Seele habe Tinnitus.“

Meyer Landsman ist ein Philip Marlowe, ein Sam Spade, er ist alle PI der Hard-boiled-Romane zusammen, nur halt mit Polizeimarke. Er ist der „höchst ausgezeichnete Schammes in Distrikt Sitka“, dem jüdischen Bezirk im kalten Alaska, in dem Jiddisch Amts- und Umgangssprache ist, und der im unterschwelligen Dauerklinsch mit den Tlingit, den indianischen Ureinwohnern, liegt.

Und weil die „Reversion“ vor der Tür steht, die Wiedereingliederung Sitkas in den Behördenbetrieb der USA, will niemand neue Fässer öffnen oder lose Enden hinterlassen – schon gar nicht Bina Gelbfish, die beauftragt wurde, die Polizeibehörde von Sitka abzuwickeln. Sie ist die neue Vorgesetzte von Landsman und außerdem seine Exfrau. Ein toter Junkie, hingerichtet in einer Absteige, dazu noch völlig zugedröhnt, als er den Tod fand – das ist kein Fall, der weit oben auf der Prioritätenliste steht, das ist eine Akte, die einfach zugeklappt wird.

Doch Landsman verbeißt sich in diesen Mord – nicht zuletzt, weil hinter dem Toten eine immer ungewöhnlichere Vergangenheit aufscheint. Ein ehemaliges Schachwunderkind, Sohn des mächtigen Rabbi Heskel Shpilman, der seine Gemeinde führt wie ein Mafiaboss, und vielleicht gar – früher schon; heute auch noch? – der ersehnte Messias seiner Generation. Und je tiefer Landsman mit seinem Partner Berko Shemets – dem riesige Tlingit mit Jarmulke – gräbt, umso unglaublicher wird, was sie entdecken, bis hin zu einer Verschwörung, die verstörende Ausmaße annimmt (unter anderem durch eine Milchkuh).

Mit großer Freude am Detail entwirft Michael Chabon in seinem Roman in Hard-boiled-Tradition eine eigene Welt mit ihren eigenen Begriffen – Mobiltelefone heißen hier zum Beispiel „Shoyfer (nach dem Schofar), Polizisten werden „Nos“ genannt, Waffen „Scholem“ -, eine Welt, die schillert, die stinkt, die pulsiert und in der es regnet und schneit, dass man beim Lesen eine warme Decke braucht. In einer üppig-barocken Sprache schafft Chabon einen Gegenentwurf zur Realität, der in seiner Lebendigkeit gefangen nimmt. Wie Sacha Verna es im „Büchermarkt“ im Deutschlandfunk so schön beschrieb: „Chabon ist ein literarischer Maximalist. Kein Satz kommt bei ihm ohne Sprachbild aus, keine Nebenfigur ohne Gesicht, keine Abstellkammer ohne Tapete.“

Kostprobe?

„Rabbi Heskel Shpilman ist ein deformierter Berg, ein riesiges, auseinandergelaufenes Dessert, ein Comichaus mit geschlossenen Fenstern, in dem der Wasserhahn aufgedreht wurde. Ein kleines Kind hat ihn zusammengeklebt, nein, eine ganze Kinderbande, blinde Waisenkinder, die noch nie einen Menschen gesehen haben. Sie haben den Teig für seine Arme und Beine an den Teigklumpen des Rumpfes gepappt und dann den Kopf obendrauf gedrückt. Ein Millionär könnte seinen Rolls-Royce mit dem edlen schwarzen Samt- und Seidenstoff von Rebbes Gehrock und Hose auskleiden. Es würde das Hirnschmalz der achtzehn größten Weisen der Geschichte fordern, um die Argumente für und wider die Einordnung seines gewaltigen Hinterns als Wesen aus der Tiefe, als menschengeschaffenes Gebilde oder als einen unvermeidlichen Akt Gottes zu disputieren. Ob er aufsteht oder sich hinsetzt, es macht keinen Unterschied für das, was man vor sich hat.“

Und das Wundbare ist: Trotz aller Details, die mit wahrer Hingabe ausgestaltet sind, trotz aller Nebenwege, aller abstrus-surrealistischer Gedankenschlenker findet Chabon immer wieder zurück zum Fall. Das Leben und der Tod des vermeintlichen/vermutlichen Messias Mendel Shpilman bilden Dreh- und Angelpunkt des Romans, den Anker, verknüpfen alle Stränge miteinander. Das ist kunstvoll, das ist trocken-witzig, das ist absonderlich, das ist schmerzlich – und so richtig gut.

Übrigens haben sich die Coen-Brüder die Filmrechte gesichert.

Kirsten Reimers

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Michael Chabon: Die Vereinigung jiddischer Polizisten
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer
Kiepenheuer & Witsch 2008, 422 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-462-03972-6
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Perspektivenwechsel, Serienmord und Swing-Jugend

Drei Neuanfänge

Erfahrung im Schreiben haben sie alle bereits gesammelt: Simone Buchholz hat Sachbücher und Ratgeber rund um Liebe, Beziehung und Sex verfasst; Friedrich Dönhoff hat mehrere Sachbücher mit historischem Hintergrund veröffentlicht; und Carlo Fruttero hat nach mehr als zwanzig Romanen längst Kultstatus als Autor erlangt. Und doch legen sie alle einen Debütroman vor – jeder auf seine Weise.

Carlo Fruttero, Frauen, die alles wissen

Weil er „von all den Commissari und Carabinieri“ genug hatte, wollte er etwas Neues schaffen, so wird Carlo Fruttero im Klappentext seines aktuellen Buches zitiert. Herausgekommen ist ein kaleidoskopartiger Kriminalroman, erzählt aus den Perspektiven verschiedener Frauen.

Der Ausgangspunkt: Die junge Rumänin Milena – ehemals eine Hure, inzwischen Bankiersgattin in den gehobenen Turiner Gesellschaftskreisen – wird aufreizend bekleidet in einem Graben am Stadtrand von Turin gefunden. Ein Racheakt des ehemaligen Zuhälters? Die Verzweiflungstat eines abgewiesenen Liebhabers? Aus den inneren Monologen, den Aussagen und Selbstgesprächen von acht Frauen, die etwas zur Tat zu sagen haben, schält sich nach und nach die Wahrheit heraus, die eine vertrackte Intrige, verzweifelte Einsamkeit und tiefe Rachegefühle offenbart.

„Frauen, die alles wissen“ ist Frutteros erster Krimi ohne sein Alter Ego Franco Lucentini. Der nahm sich im Jahr 2002 das Leben. Über zwanzig wunderbare Romane haben die beiden zusammen verfasst. Nun möchte Fruttero also unerforschte Solo-Wege gehen.

Das Ergebnis: Ein schöner Roman, der aber seinem Innovationsanspruch nicht gerecht wird. Einen Kriminalfall und dessen Aufklärung aus der Sicht verschiedener Personen zu schildern, ist nicht gerade neu. Auch das Setting, das sich zunächst bietet, ist altbekannt. Und auf den ersten Blick wirkt die Geschichte langweilig banal, außerdem sind die Zusammenhänge ziemlich schnell zu durchschauen. Wer einen spannenden Krimi erwartet, der wird also enttäuscht.

Aber schließlich ist es ein Roman von Fruttero, da sind die Maßstäbe andere. Es mag nichts wirklich überraschend sein, aber es ist wirklich gut. In leichtfüßiger Sprache werden Lügen enttarnt, Heuchler demaskiert, Täuschungsmanöver ausgebremst und die aufgewühlte Seelenlandschaft hinter der kühlen Fassade offengelegt. Das geht besonders schön durch die wechselnden Erzählperspektiven und jeweils eigene Stimme, über die jede berichtende Frau verfügt. Und was im ersten Moment so durchschaubar schien, offenbart beim zweiten Blick ein weiteres Kellergeschoss.

Gut, auch das ist letztlich nicht neu. Aber es ist schön, es ist charmant und elegant – es ist halt ein Roman von Carlo Fruttero.

Simone Buchholz: Revolverherz

Der „Kiezkrimi“ (so die Zusatzkategorisierung des Verlags) spielt – wie kann es anders sein – in St. Pauli und bietet die entsprechende Atmosphäre. Ein Serienmörder meuchelt und skalpiert junge Tänzerinnen aus dem Rotlichtmilieu. In die Ermittlungen mischt sich verkatert, aber tatkräftig die Hauptfigur des Buches ein: Staatsanwältin Chastity Riley, fast vierzig, trinkfreudig, Single, aktiver Fan des FC St. Pauli. Großes Plus des Buches ist das Figurenensemble – klischeelastig, aber herzlich gezeichnet -, allen voran die Staatsanwältin, endlich mal ein adäquates Identifikationsangebot für weltoffene Frauen Ende dreißig. Die Charaktere haben Ecken und Kanten, sind nett schrullig, die Dialoge sind schnodderig-bunt und witzig. Die Handlung bietet nichts wirklich Neues, ist aber über weite Strecken recht spannend, wenn auch mit Zufällen überladen. Nur gegen Ende wird es dann auf einmal arg hastig, und alles, aber auch wirklich alles muss küchenpsychologisch-lebensgeschichtlich ausgedeutet werden. Aber vielleicht gibt es einen Nachfolgeband, der diese Scharten auswetzt. Die Figuren wären es wert, und die Autorin kann unterhaltsam schreiben.

Friedrich Dönhoff: Savoy Blues

Dort Herz und Schnauze in St. Pauli – hier moderner Swing in Eimsbüttel. Der Umschlagtext von Friedrich Dönhoffs „Savoy Blues verspricht einen „Krimi, der trügerisch leicht daherkommt“, um uns dann in die Untiefen der Vergangenheit zu locken. Ein Rentner wird tot aufgefunden – alle Indizien sprechen dafür, dass seinem Pfleger ein fataler Fehler unterlaufen ist. Sebastian Fink, noch recht jung und gerade erst zum Hauptkommissar befördert, vermutet: Da steckt mehr dahinter.

Um es kurz zu sagen: Das Buch hält nicht, was der Umschlagtext verspricht. Blasse Figuren ohne eine charakterliche oder gar moralische Falte hölzern sich durch ein langatmiges Rachedrama. Das mag sorgfältig recherchiert sein und wenig thematisierte Opferkreise der Nazizeit aus der Vergessenheit holen – doch es bleibt leider nur leise raschelndes Papier.

Kirsten Reimers

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Carlo Fruttero: Frauen, die alles wissen
Aus dem Italienischen von Luis Ruby
Piper 2008, 246 Seiten, Euro 16,90
ISBN: 978-3-492-05139-2

 

Simone Buchholz: Revolverherz
DroemerKnaur 2008, 270 Seiten, Euro 14,95
ISBN: 978-3-426-19813-1

 

Friedrich Dönhoff: Savoy Blues
Diogenes 2008, 312 Seiten, Euro 9,90
ISBN: 978-3-257-23747-4
auch erhältlich als eBook (hier klicken)

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